Judenbilder in der deutschen Beschneidungskontroverse

In Deutschland entspann sich 2012 eine vehement geführte Kontroverse um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen von männlichen Säuglingen und Jungen. Obwohl diese Kontroverse eine enorme Wirkung auf Jüdinnen/Juden hatte, blieb sie von der deutschsprachigen Antisemitismusforschung weitestgehend unbeachtet…

Die Studie von Dana Ionescu nimmt die Argumentationen der BeschneidungsgegnerInnen in den Blick und rekonstruiert die enthaltenen Judenbilder sowie deren Verhältnis zu antisemitischen Motiven. Die empirische Analyse basiert auf einem umfassenden Textkorpus, der sich aus medizinischen, psychoanalytischen und rechtswissenschaftlichen Publikationen sowie Artikeln aus Tageszeitungen, Online-Kommentaren und narrativen themenzentrierten Interviews mit BeschneidungsgegnerInnen zusammensetzt. Indem das Verhältnis von Antisemitismus und der Ablehnung von kulturell-religiösen Vorhautbeschneidungen präzise herausgearbeitet wird, lassen sich Facetten der Kontroverse als Ausprägungen eines gegenwärtigen Antisemitismus verstehen.

Dana Ionescu, Judenbilder in der deutschen Beschneidungskontroverse, Nomos Verlag 2018, 476 S., Bestellen?

Leseprobe

Einleitung

„Wollt ihr uns Juden noch?“ lautete der Titel eines Gastbeitrages von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, in der Süddeutschen Zeitung vom 25. September 2012. Knobloch selbst hatte sich in den Jahren nach der Shoah dafür entschieden, jüdisches Leben in Deutschland aktiv mitzugestalten. Doch nun hegte sie, ausgelöst durch die Kontroverse um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen, Zweifel. Sie fragte, ob sich diejenigen, die die Vorhautbeschneidung ablehnen, beziehungsweise die „unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie […] die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen“.[i] In ihrem Beitrag offenbarte Knobloch, dass die jüdische Religionsgemeinschaft in Deutschland gegenwärtig und alltäglich nicht nur zahlreiche Anschuldigungen, Ressentiments und gewalttätige Übergriffe erträgt, sondern sich auch in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber FreundInnen und Familien dafür rechtfertigen müsse, im Post-Shoah Deutschland zu leben. Diese „Last“ habe sie „immer gerne getragen“, doch nun gerieten die „Grundfesten ins Wanken“ und sie spüre erstmals Resignation in sich. Ihr ging es nicht allein so. Zahlreiche Jüdinnen und Juden teilten die Wahrnehmung, dass BeschneidungsgegnerInnen in der Kontroverse den „Kern der jüdischen Identität“ zur Disposition stellten.[ii] So betonte auch der Rabbiner Pinchas Goldschmidt in dem medial vielfach aufgegriffenen Satz auf der Konferenz der Europäischen Rabbiner, das Beschneidungsverbot sei der vielleicht schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoah.[iii]

Der Gastbeitrag Knoblochs in der SZ zeigt neben vielen anderen öffentlichen Stellungnahmen von Jüdinnen und Juden sowie jüdischen Organisationen, dass das Urteil des Kölner Landgerichts eine bedrohliche Wirkung nicht nur auf viele jüdische Deutsche entfaltete, sondern auch international breit wahrgenommen und kritisiert wurde.[iv] In der Online-Umfrage der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA), die zwischen September und Oktober 2012 in acht EU-Mitgliedsstaaten – darunter Deutschland – durchgeführt wurde, verdeutlicht die Mehrheit der insgesamt 5.847 befragten Jüdinnen und Juden, dass die Vorhautbeschneidung für ihr religiöses Selbstverständnis bedeutsam sei.[v] Je religiöser sich die Befragten einordnen, desto stärker stellt ein Verbot der Praxis ein Problem für sie dar.

Trotz dieser enormen Wirkung auf Jüdinnen und Juden hat die Kontroverse in der deutschsprachigen Antisemitismusforschung bisher nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Exemplarisch wird dies anhand des 2016 erschienenen Sammelbandes Schiefheilungen. Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus deutlich. Dort werden einleitend antisemitische Ereignisse aufgeführt, die sich zwischen 2012 und 2014 in Deutschland ereignet haben. Schlagwortartig erwähnen die HerausgeberInnen antiisraelische Demonstrationen und damit verbundene gewalttätige Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden, Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen und Anschläge auf Synagogen.[vi] Sie zählen das „Israel-Gedicht“ des Schriftstellers Günter Grass auf, in dem dieser den israelischen Staat zur Gefahr für „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“[vii] erklärte und damit das antisemitische Ressentiment der bedrohenden Gefahr durch Juden formulierte. Sie gehen auf die anti-israelischen Spiegel-Kolumnen des Journalisten Jakob Augstein ein, in denen er die israelische Politik dämonisierte und delegitimierte.

Die Kontroverse um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen taucht in ihrer Übersicht jedoch überhaupt nicht auf. Die vorliegende Untersuchung setzt genau hier an. Es geht darum, die Sensibilität für antisemitische Facetten der deutschen Beschneidungskontroverse von 2012 zu entwickeln und diese Facetten als Ausprägungen eines gegenwärtigen Antisemitismus zu verstehen. Die Kontroverse soll in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erfahren. Dies forderte bereits der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seiner Stellungnahme auf der Strategiekonferenz des Netzwerks zur Bekämpfung- und Erforschung des Antisemitismus (NEBA) am 2. Juli 2015 in Berlin. Selbstkritisch und harsch betonte er, dass keine substanziellen Stellungnahmen und Expertisen während der Kontroverse formuliert und veröffentlicht wurden. Die Antisemitismusforschung habe es während der Kontroverse 2012 versäumt, Äußerungen gegen kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen in einen historischen Kontext zu setzen und auf Momente des traditionellen Antijudaismus beziehungsweise alte antisemitische Chiffren hinzuweisen.[viii]

Denn während der Beschneidungskontroverse äußerten sich verschiedene AkteurInnen antisemitisch und bedienten sich dabei unterschiedlicher Textformen. […] In einer über vierzigseitigen Abhandlung mit dem Titel Die jüdische Beschneidung schreibt W. Geisler, Facharzt für Allgemeinmedizin, Juden neigten aufgrund der Vorhautbeschneidung zu bestimmten Krankheiten und verbreiteten diese: Die Beschneidung verursache „Krebs, Hirnschäden, Blutgerinnungsstörungen und seltene Erkrankungen“[ix] und führe zur Verbreitung des HI-Virus, da „HIV an jüdische Personen“[x] gebunden sei. Darüber hinausgehend sei die jüdische Beschneidung für die unmittelbaren tödlichen Spätfolgen der Erb- beziehungsweise genetischen Krankheiten „Bluter-Krankheit, Morbus Canavan, Bloom-Syndrom, Mucolipidose IV, Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, Fragiles X-Syndrom“ sowie Morbus Fabry[xi] verantwortlich. In dieser Sichtweise scheint die Vorhautbeschneidung von jüdischen Säuglingen eine „Bedrohung für die Ganzheit und Gesundheit“[xii] der deutschen Gesellschaft, sogar der ganzen Welt zu sein (er nennt u.a. Deutschland, die USA, Finnland, Israel, Großbritannien, Australien, Litauen). Dass es Geisler ausschließlich um die Beschneidung jüdischer Säuglinge geht, verdeutlicht er, indem er die Beschneidung muslimischer Jungen mit der medizinischen Vorhautentfernung in Verbindung bringt, die unbedenklich sei.[xiii] Um also über die „Wahrheit“ der jüdischen Beschneidung aufzuklären, schickte Geisler seine Texte an diverse Tageszeitungen, den Zentralrat der Juden, den Zentralrat der Muslime sowie die Bundesärztekammer, da „alle Medien“[xiv], Politik und Religion schwiegen. In einem weiteren exemplarischen Online-Kommentar heißt es, das „jüdische Blutritual“ gelte als Opfer an Gott, um „im Gegenzug durch den ‚Blutbund‘ mit diesem ‚Gott‘ die Macht und Kontrolle über diesen Planeten ausüben zu dürfen“.[xv]

Tatsächlich lassen sich zahlreiche Blogbeiträge und Online-Kommentare finden, deren antisemitischer Gehalt leicht zu dechiffrieren ist; in den genannten Beispielen werden Juden als grausam, inhuman, verbrecherisch, die Bevölkerung durch Krankheit degenerierend und als absolutes Übel konzeptualisiert.[xvi] Das Problem besteht allerdings nicht nur in diesen ohnehin klar zu identifizierenden antisemitischen Texten. Vielmehr sind die in ihrer Uneindeutigkeit schwer einzuordnenden und vagen Äußerungen eine analytische Herausforderung, da sie nicht bedingungslos als antisemitisch charakterisiert werden können. Insbesondere in der Kontroverse um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen von Säuglingen und Jungen zeigt sich der Kern dieser Schwierigkeit: diverse beschneidungsablehnende und antisemitische (und rassistische) Äußerungen vermischten sich mit beschneidungsablehnenden nicht-antisemitischen (und nicht-rassistischen) Artikulationen. Antisemitismus bei gebildeten AkteurInnen auszumachen ist insofern schwierig, als dass diese sich oft einer elaborierten und indirekten Ausdrucksweise bedienen. Diese erlaubt es ihnen, sich auf „Missverständnisse“ zurückzuziehen, um einen anschließenden Antisemitismusvorwurf zurückweisen zu können.[xvii]

Während der Kontroverse sind also Äußerungen, die einen antisemitischen (und rassistischen) Unterton haben, sehr eng mit solchen verwoben, die lediglich eine (sachliche) Kritik an Vorhautbeschneidungen zur Sprache bringen. Sie beziehen sich unter anderem auf die Durchführung der kulturell-religiösen Vorhautbeschneidung, auf das Beschnitten-Sein von Juden und Muslimen, auf religiöse Beschneider oder auf jüdische und muslimische Eltern, die ihre Söhne im Säuglings- und Jungenalter beschneiden lassen. Die Verwobenheit zeigt sich beispielsweise in unterschiedlichen Formulierungen, die sich häufig nur durch kleine Nuancen unterscheiden. […] In der vorliegenden Arbeit geht es also darum, Argumentationen gegen die kulturell-religiöse Vorhautbeschneidung aufzufächern. Die Ausführungen ähneln sich oft, müssen aber sorgfältig voneinander unterschieden werden, um Nuancen herausarbeiten zu können. Es geht darum, an welcher Stelle sich Äußerungen überschneiden und auf inneren Gemeinsamkeiten aufbauen und wo sie sich unterscheiden und voneinander abgrenzen lassen. Die Übergänge zwischen den beschneidungskritischen und beschneidungsablehnenden Argumentationen, die antisemitisch und rassistisch und nicht-antisemitisch und nicht- rassistisch ausfallen, sind mitunter fließend und unscharf. Daher ist wesentlich, deren Unterton, impliziten Sinngehalt oder deren Andeutungen herauszuarbeiten und zu unterscheiden. Nur so kann in den Blick genommen werden, inwiefern BeschneidungsgegnerInnen Juden (und Muslime) mit ihrer Praxis als Bedrohung und allgemeines Problem für die deutsche Gesellschaft ansehen und eine jüdische (und muslimische) religiöse Existenz, die sich auch durch die Vorhautbeschneidung ausdrückt, zu reformieren, zu unterbinden und zukünftig zu verhindern suchen. Im Fokus der Arbeit stehen nicht-jüdische und/oder christlich-säkular geprägte Judenbilder und Bilder des Judentums (im Sinne von Vorstellungen, Beschreibungen und Metaphern), wie sie in der Kontroverse vorkommen. Denn nicht-jüdische Haltungen haben direkte Konsequenzen darauf, wie Jüdinnen und Juden in Deutschland leben können.

Dana Ionescu (2018): Judenbilder in der deutschen Beschneidungskontroverse, Baden-Baden: Nomos-Verlag, ISBN 978-3-8487-5094-8, https://www.nomos-shop.de/Ionescu-Judenbilder-deutschen-Beschneidungskontroverse/productview.aspx?product=39249, Umfang ca. 470 Seiten.

[i] Knobloch, Charlotte (2012): Wollt ihr uns Juden noch?, in: Süddeutsche.de v. 25.09.2012, https://www.sueddeutsche.de/politik/beschneidungen-in-deutschland-wollt-ihr-uns-juden-noch-1.1459038, abgerufen am 05.02.2019.

[ii] Knobloch 2012.

[iii] Goldschmidt zit. n. Evans, Stephen (2012): German circumcision ban: Is it a parent‘s right to choose?, in: Bbc.com v. 13.07.2012, http://www.bbc.com/news/magazine-18793842, abgerufen am 05.02.2019.

[iv] Vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland (2012): Zum Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen, in: https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/zum-urteil-des-koelner-landgerichts-zur-beschneidung-von-jungen/, abgerufen am 05.02.2019; vgl. Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland (2012): Zum Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen, in: Ark.de v. 27.06.2012, http://a-r-k.de/meldung/13/, abgerufen am 05.02.2019; vgl. Union progressiver Juden in Deutschland (2012): 35 Grundsätze, in: http://www.liberale-juden.de/uber-uns/35-grundsatze/, abgerufen am 05.02.2019; vgl. Evans, Stephen (2012): German circumcision ban: Is it a parent‘s right to choose?, in: Bbc.com v. 13.07.2012, http://www.bbc.com/news/magazine-18793842, abgerufen am 05.02.2019; vgl. Aderet, Ofer (2012): Jewish, Muslim Leaders Blast German Court’s Decision to Outlaw Circumcision, in: Haaretz.com v. 26.06.2012, https://www.haaretz.com/jewish/german-court-rules-circumcision-illegal-1.5187634, abgerufen am 05.02.2019; vgl. Beckhardt, Lorenz S. (2012): Beschnitten und traumatisiert, in: Fr.de v. 23.08.2012, https://www.fr.de/kultur/beschnitten-traumatisiert-11327905.html, abgerufen am 05.02.2019.

[v] FRA – European Union Agency for Fundamental Rights (2014): Diskriminierung und Hasskriminalität gegenüber Juden in den EU-Mitgliedstaaten: Erfahrungen und Wahrnehmungen im Zusammenhang mit Antisemitismus, Luxemburg, doi:10.2811/70364, abgerufen am 05.02.2019, hier S. 69.

[vi] Vgl. Busch, Charlotte/Gehrlein, Martin/Uhlig, Tom David (2016): Einleitung, in: Dies. (Hg.): Schiefheilungen. Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus, Wiesbaden, S. 1–9, hier S. 1.

[vii] Grass, Günter (2012): „Was gesagt werden muss“ – das Gedicht im Wortlaut, in: tagesschau.de v. 04.04.2012, http://www.tagesschau.de/inland/grassgedicht102.html, abgerufen

am 05.02.2019.

[viii] Küntzel, Matthias (2015): Antisemitismus Heute – Erfassen. Erforschen. Bekämpfen. Panel II – „Erforschen“, in: https://soundcloud.com/ajcberlin/antisemitismus-heute-erfassen-erforschen-bekampfen-35, Minute 37:12–38:18, abgerufen am 05.02.2019.

[ix] Geisler, Wolff (2015): Die jüdische Beschneidung, in: http://www.zwangsbeschneidung.de/archiv/dr-geisler-die-juedische-beschneidung.pdf, abgerufen am 05.02.2019, hier S. 2.

[x] Geisler 2015, S. 21.

[xi] Geisler, Wolff (2012): Der Zweck der jüdischen Beschneidung, in: http://www.luebeckkunterbunt.de/Judentum/Die_juedische_Beschneidung.pdf, abgerufen am 16.06.2017 (gekürzte Fassung), hier S. 8.

[xii] Gilman, Sander L. (1994): Freud, Identität und Geschlecht, Frankfurt am Main, hier S. 101; vgl. Schwarz-Friesel, Monika (2015): Gebildeter Antisemitismus, seine kulturelle Verankerung und historische Kontinuität: Semper idem cum mutatione, in: Dies. (Hg.): Gebildeter Antisemitismus: eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft, Baden-Baden, S. 13–34, hier S. 17f.

[xiii] Geisler, Wolff (2012): Der Zweck der jüdischen Beschneidung, in: http://www.luebeckkunterbunt.de/Judentum/Die_juedische_Beschneidung.pdf, abgerufen am 16.06.2017 (gekürzte Fassung), hier S. 2.

[xiv] Geisler 2012, S. 6 (siehe oben).

[xv] Ohne AutorIn (2012): Beschneidung ein magisch-religiöser Akt mit höchst bedenklichen gefährlichen Folgen, in: https://wissenschaft3000.wordpress.com/2012/07/15/beschneidung-ein-magisch-religioser-akt-mit-hochst-bedenklichen-gefahrlichen-folgen/amp/, 05.02.2019.

[xvi] Schwarz-Friesel, Monika/Reinharz, Jehuda (2013): Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, Berlin, hier S. 147, 153.

[xvii] Schwarz-Friesel 2015, S. 19ff. (siehe oben)

Bild oben: Brit Milah Instrumente, (c) DRosenbach

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