Die Todesmärsche: „Konzentrationslager auf Wanderschaft“

Eine neue Publikation beleuchtet die finalen Massenmorde der Nationalsozialisten…

Als die Soldaten der Roten Armee von Osten vorrückten und die NS-Todesfabriken erreichten, fanden sie oft nur noch Leichenberge vor. Die wenigen überlebenden Häftlinge waren zuvor in Richtung Westen „evakuiert“ worden, wie die Todesmärsche euphemistisch im NS-Jargon bezeichnet wurden. Kein Häftling sollte, so lautete der Befehl von Heinrich Himmler, lebend von den alliierten Befreiern angetroffen werden. Zunächst trieb man die kaum transportfähigen, ausgemergelten und gequälten Menschen in Marschkolonnen auf die Straßen oder pferchte sie in Güterwaggons und verfrachtet sie in die auf dem Reichsgebiet liegenden Konzentrationslager wie etwa Flossenbürg, Dachau, Ravensbrück, Bergen-Belsen oder Sachsenhausen.

Einer dieser Unglücklichen war der Historiker Arno Lustiger, der 2005 in einer Rede anlässlich des „Holocaust-Gedenktages“ Zeugnis ablegte: „In den zehn Wochen zwischen Ende Januar und dem 8. Mai 1945 überlebte ich den Todesmarsch von Auschwitz, die Hölle des KZs von Groß-Rosen, das KZ Buchenwald, den Todesmarsch von Langenstein Mitte April, die Flucht, die Gefangennahme, die misslungene Erschießung durch Volkssturm-Männer und schließlich die Rettung durch die amerikanische Armee“, berichtete er den Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Mit dem Vormarsch der alliierten Truppen wurden auch bald die im Herzen Deutschlands liegenden Konzentrationslager geräumt. Unzählige Kolonnen von zerlumpten, von Hunger und Krankheit gezeichneten Menschen zogen über die Landstraßen, durch Städte und Dörfer, auf dem Weg in Richtung Alpen. Wer zu schwach war oder flüchten wollte, wurde erschossen. Tausende Leichen säumten die Flure und Wege. „Die Todesmärsche waren nichts anderes als eine Fortsetzung der Konzentrationslager“, schreibt der US-Historiker Daniel J. Goldhagen, „ein Werk Hitlers und all der Deutschen, die zur Ausrottung eines unschuldigen Volkes beitrugen.“ Zwischen Herbst 1944 und Mai 1945 wurden etwa eine Viertelmillion Häftlinge auf den Todesmärschen ermordet – erschossen, erschlagen, in Scheunen verbrannt; die Menschen verhungerten und starben an Entkräftung oder Seuchen.

„Die Spur dieser Massenverbrechen zog sich vor aller Augen mitten durch Deutschland,“ schreibt Martin C. Winter. Der Autor stellt in seiner Studie die Rolle der deutschen Bevölkerung, insbesondere im ländlichen Raum, in den Mittelpunkt. Die Einheimischen nahmen die Häftlingskolonnen vornehmlich als Bedrohung wahr. Hilfe für die Elendsgestalten gab es nur wenig, man sah sich in erster Linie als Opfer. So beklagte etwa ein bayerischer Pfarrer, dass „die Plünderungen durch die freigewordenen KZler noch schlimmer waren, als die durch die amerikanischen Soldaten“. Ein Amtskollege stieß ins gleiche Horn: „Durch die Ankunft der Amerikaner bekamen die KZler Schwung und trieben ihr Unwesen einen ganzen Monat.“ Auch fürchteten sich manche Deutsche vor Vergeltungsaktionen. Doch die Häftlinge waren nach ihrer Befreiung so erschöpft, dass sie „eher die Sicherung des eigenen Überlebens statt Rache im Sinn“ hatten.

Auf Anweisung der Militärverwaltung wurden die Deutschen verpflichtet, die auf den Wegen der Todesmärsche hinterlassenen Leichen auf Friedhöfen zu bestatten, beziehungsweise die Körper aus den Massengräbern zu exhumieren und umzubetten. Damit verbanden die Befreier auch „den Anspruch, die oberflächlich verwischten Spuren der Verbrechen sichtbar zu machen“. General Dwight D. Eisenhower verfügte sogar, die Deutschen sollen die „atrocity victims“ (Opfer von Gräueltaten) an „möglich exponierter Stelle in der nächstgelegenen Stadt begraben“. Daraus resultierte letztlich die Anlage von Ehrenfriedhöfen und speziellen Gräberfeldern auf den Gemeindefriedhöfen.

„Die Todesmärsche hinterließen Spuren“, schreibt Martin C. Winter, „sie waren eine schwere Hypothek für die Nachkriegsgesellschaft“, da Straßen, Wege, Waldstücke und Dörfer zu Tatorten geworden waren. Die juristische Aufarbeitung dieser lange Zeit verdrängten Massenmorde beklagt der Autor zu Recht als eine „Geschichte des Scheiterns“, denn die „Zahl der dafür zur Verantwortung gezogenen Täter, Beihelfer und Unterstützer war ausgesprochen überschaubar und stand in keinem Verhältnis zu den Dimensionen der begangenen Gräueltaten“.

Das „Comité International de Dachau“ hat Winters Publikation „Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche“ mit dem renommierten „Stanislav Zámečník-Preis“ ausgezeichnet. Zurecht! Dem Autor ist es gelungen, die komplexe Geschichte dieser finalen NS-Verbrechen vor unserer Haustür differenziert und kompetent darzustellen und damit den vielen namenlosen Opfern des Massenmordes ein Denkmal zu setzen. Eine wichtige, auf zahlreichen neu erschlossenen internationalen Quellen basierende Arbeit zur NS-Historie und dem gesellschaftlichen Umgang mit den Verbrechen. – (jgt)

Martin C. Winter, Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche, Berlin 2018, ISBN 978-3-86331-416-3, 531 Seiten, 29,90 €, Bestellen?

Bild oben: Neunburg vorm Wald (Oberpfalz): KZ-Häftlinge aus Flossenbürg, die auf einem Todesmarsch erschossen wurden. Foto: US National Archives and Records Administration (Publik Domain)

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