„Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache!“

Ein Stück Deutschland – 49 deutsch-argentinische Exilgeschichten…

Von Corinna Below

Juan Fraenkel

Als er lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland reist und am Stuttgarter Flughafen ankommt, fragt ihn ein Zollbeamter: „Na, wo kommen Sie denn mit diesen Überseekoffern her?“ Da überkommt ihn plötzlich ein Gefühl der Panik. „Ich habe den SS-Mann wieder vor mir gesehen.“

Juan Fränkel ist Jude und in der Nazizeit mit seiner Familie nach Argentinien geflohen. In „Ein Stück Deutschland“ geht es um Erinnerungen wie diese.

Ilse Smilg

Dass sich in ihrem Leben einiges veränderte, merkte die kleine Ilse das erste Mal, als fremde Leute in die schöne große Wohnung in Berlin-Charlottenburg kamen und das Hausmädchen zu ihr sagte: „Die kommen, um sich die Wohnung anzusehen.“ Ilse Smilg erzählt, wie sie schon damals ganz außer sich war. „Wer will in unsere schöne Wohnung?“, hat sie gefragt und hat die Antwort nicht verstanden. Sie konnte nicht verstehen, denn ihre Eltern haben nicht mit ihr über die Umstände und ihre Fluchtpläne gesprochen. So konnte die Veränderung das Kind nicht belasten, mögen sie geglaubt haben. Auch Ilse Smilg musste als Kind ihre Heimat Berlin verlassen. Sie lebt seitdem in Buenos Aires, Argentinien.

„Ein Stück Deutschland“ erzählt die Geschichten von 49 Jüdinnen und Juden, die in der Nazizeit geflohen sind. Zwölf der 49 sind noch am Leben. Zwölf Menschen, die Geschichten wie diese zu erzählen haben. Die Geschichten handeln vom aufkommenden Antisemitismus in Nazideutschland. Es sind Geschichten von Verunsicherung, Ausgrenzung und Spott, von Gewalt und Verstörung. Und es sind Geschichten von der Erkenntnis, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als zu fliehen.

Die Chicas del lunes

Auf dem Weg zum Hogar Adolfo Hirsch fährt man über die Panamericana, die sich ihren Weg hinaus in die dünner besiedelten Gegenden frisst. Vereinzelt sind Gauchos zu sehen, die ihre Pferde auf dem spärlichen Grünstreifen am Rande der lauten Straße grasen lassen.

In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier, inmitten eines großzügigen blühenden Parkgeländes. Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren, und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit.

1933 gründen Juden die Asociación Filantropica Israelita – in düsterer Vorahnung

Gegründet wurde das Altenheim durch den Jüdischen Hilfsverein im Oktober des Jahres 1940 für die älteren Emigranten aus Europa. Die Juden, die schon Anfang des Jahrhunderts nach Argentinien eingewandert waren, hatten sich im Jüdischen Hilfsverein, der Asociación Filantropica Israelita, in einer düsteren Vorahnung im Jahre 1933 zusammengetan, nur wenige Monate nachdem Hitler an die Macht gekommen war.

Schon am Pier warteten damals die Mitglieder des Hilfsvereins auf die Einwanderer, um sie zu begrüßen. Die Neuankömmlinge gehörten meist zu den wenigen Glücklichen, deren Verwandte eine Llamada, den Ruf, die Einwanderungserlaubnis, geschickt hatten. Die Mitglieder des Hilfsvereins sorgten aber auch für diejenigen, die keine Familie in Argentinien hatten. Sie organisierten eine Bleibe und Arbeit.

Viele der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens fühlen sich bis heute der AFI verbunden und sind Mitglieder des Vereins. Einige leisten ehrenamtliche Arbeit als volontarias. Diese werden im Heim nur die chicas genannt. Chicas del lunes, chicas del jueves, je nachdem, an welchem Tag sie sich auf den Weg nach San Miguel machen, um die Bewohnerinnen und Bewohner im Hogar Adolfo Hirsch zu besuchen.

(Bild oben: Die chicas des lunes vorm Haupteingang des Hogar Adolfo Hirsch)

2004 bin ich mit einem Freund, dem Fotografen Tim Hoppe, nach Argentinien geflogen, um sie zu porträtieren. Eine Woche hatten wir Zeit.

Fotograf Tim Hoppe fotografiert Hanna Grünwald in ihrem Garten in Buenos Aires

49 Menschen haben wir getroffen. Auf ihrem Zimmer, im Park des Heimes oder in einer Wohnung in der Stadt. Es galt, in kurzer Zeit jeden Einzelnen kennenzulernen und zu erfahren, wie das war, damals in Nazideutschland, bevor sie ein neues Leben beginnen mussten.

Ich wollte wissen, wie es ist, wenn man nicht freiwillig geht, wenn man gezwungen wird, die eigenen Wurzeln zu kappen, wie es ist, Familienangehörige in Gefahr zurücklassen zu müssen. Ich wollte aber auch wissen, wie es ist, anzukommen. In einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, dessen Gebräuche fremd sind. Und zuletzt wollte ich wissen, wie sie über Deutschland denken und wo heute ihre Heimat ist.

Eigentlich wollte ich nur Bildunterschriften zu den Fotos schreiben. Uns wurde aber schnell klar, dass Bildunterschriften den Menschen und ihren Geschichten nicht gerecht werden können. Stattdessen habe ich dann 49 Lebensgeschichten geschrieben. Sie erzählen von Vertreibung und Flucht, aber auch von Identität, Integration und Heimat, und sind damit hochaktuell.

Die Begegnung mit Hanna Grünwald und ihrem Stück Deutschland

Dem Stück Deutschland, von dem ich hier erzähle, bin ich zum ersten Mal im Jahre 1999 begegnet. Hanna Grünwald, eine deutsche Jüdin, war deutscher als alle Großmütter, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Im Schrank stapelte sich die Aussteuerwäsche, von ihrer Mutter von Hand bestickt.

Hanna Grünwald mit Hausmädchen Marta in ihrem Wohnzimmer in Buenos Aires

Fast alle Möbel waren aus Deutschland, und sie kochte so deutsch, wie ich es in Argentinien nicht erwartet hätte: Sauerbraten, gepökelte Zunge, Kochkäse. Kochkäse hatte ich bis dahin noch nie gegessen. Das Besteck, von dem wir aßen, war aus Deutschland und die Teller auch. Hanna Grünwald lebte zu diesem Zeitpunkt schon 61 Jahre in Buenos Aires und war dennoch Deutsche geblieben. Nicht nur in der Küche. Sie las deutsch, sie dachte deutsch und sie war über Deutschland immer bestens informiert, durch das „Argentinische Tageblatt“ und die Deutsche Welle. Diese Frau faszinierte mich sehr.

Wie konnte es sein, dass ein Mensch in der Fremde sich so wenig verändert, Rituale und Gewohnheiten beibehält, ausschließlich Freundinnen und Freunde hat, die ebenfalls deutsche Juden sind? Hanna Grünwald hat ihr kleines Stück Deutschland mitgenommen und konserviert, weil auch sie, von den Nazis verfolgt, gehen musste.

Hanna Grünwald war eine der vielen voluntarias im Hogar Adolfo Hirsch, bis zu ihrem 95. Geburtstag. Sie erzählte viel von ihrer Arbeit im Altenheim. Damit machte sie mich neugierig auf die Menschen, die sie einmal die Woche in San Miguel besuchte. Hanna Grünwald ist 2005 im Alter von 99 Jahren gestorben.

Das Buch

Die 49 Geschichten lagen lange auf der Festplatte meines Rechners. Dazu die Fotos von Tim Hoppe, die so schön sind, dass es eine Schande war, dass sie nie richtig veröffentlicht wurden. Seit zwei Jahren gibt es endlich das Buch. Es zu drucken war ein erster Schritt. Aber wer kauft ein Buch, hinter dem kein Verlag steht, der Geld in Werbung steckt, um den Verkauf zu managen? Nur wenige.

Stolperstein-Verlegung für Lore Brieger

Dann kam ein Anruf, Ende September 2018. Der Historiker Bernd-Dieter Röhrscheid hatte mich ausfindig gemacht. Ihm habe ein Bekannter von der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach von meinem Buch erzählt, sagt er. Dieser habe ihn darauf hingewiesen, dass ein Text über Lore Brieger (eine der 49) darin sei. Das habe ihn motiviert, erzählte er, sich darum zu kümmern, dass Lore Brieger und ihre gesamte Familie endlich Stolpersteine in Neersen bekommen. Das hat mich umgehauen und mich motiviert, meine Texte endlich online zu stellen.

Stoplerstein-Verlegung für Lore Brieger (geb. Salmons) und ihre Familie Salmons in Neersen-Willich

Neue Ideen

Seit die Texte online stehen und ich über Twitter, Facebook und Instagram auf mein Projekt aufmerksam mache, passiert viel, und es entstehen zusammen mit meinen NDR-Kolleg*innen Carsten Janz und Berit Ladewig lauter Ideen, wie wir die Seite erweitern können:

Wir möchten die Seite ins Spanische, Englische und Hebräische übersetzen lassen.

Wir möchten eine Audio-Version produzieren.

Wir möchten eine Dokumentation mit den zwölf Menschen in Argentinien drehen, die noch leben. Alle anderen Zeitzeug*innen aus meinem Projekt sind bereits gestorben. Die Zeit drängt also.

Die StartNext-Kampagne

Seit dem 25. Januar sammeln wir für unsere Vorhaben Geld über die Crowdfunding-Plattform StartNext. Und es lässt sich gut an. Wenn wir genügend Geld zusammenbekommen, möchten wir im September nach Buenos Aires fliegen und eine Dokumentation drehen. Dann werde ich die zwölf, die noch leben, wieder interviewen. Wie war das damals, und was hat das mit ihnen gemacht?
Diesmal werden sie vor der Filmkamera sprechen.

Der neueste Plan ist, mit den Fotos eine Wanderausstellung zu machen. Kombiniert mit einer Lesung aus „Ein Stück Deutschland“, möchte ich durch Deutschland touren, um die Erinnerung wachzuhalten. Gegen das Vergessen!

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