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Die vergessenen sieben Gräber von Broome

Ein Besuch des drittgrößten jüdischen Friedhofs in Westaustralien…

Von Jim G. Tobias

„Bis zur Zeit des westaustralischen Goldrausches leben nur eine Handvoll Juden in dem riesigen australischen Bundesstaat“, schreibt die Historikerin Suzanne D. Rutland in ihrem Standardwerk „Edge of the Diaspora – Two Centuries of Jewish Settlement in Australia“. Zwischen 1890 und 1911 nahm die jüdische Bevölkerung jedoch rapide von etwa 80 auf rund 1.800 zu. Bei diesen Zuwanderern handelte es sich überwiegend um russische Juden und nur wenige kamen aus dem damaligen englischen Mutterland. Die erste jüdische Gemeinde Westaustraliens entstand 1887 in der Hafenstadt Fremantle; 1892 schlossen sich die Juden in Perth zusammen und konnten fünf Jahre später ihre erste Synagoge einweihen. Weitere jüdische Gemeinschaften gründeten sich in den Goldgräber- und Minenstädten Coolgardie und Kalgoorlie, die jedoch nur für wenige Jahre existierten; lediglich „The Jewish Community of Perth“ hat Bestand – bis heute.

Auch wenn sich einige jüdische Siedler im Norden des Landes niederließen, wie etwa in der Kleinstadt Broome, reichte dies kaum, um eine Gemeinde mit Synagoge und Friedhof zu gründen. Obwohl der britisch-jüdische Schriftsteller Israel Zangwill 1905 die „Jewish Territorial Organization“ gegründet hatte und in der Kimberley Region Tausende von Juden sesshaft machen wollte – freilich blieb dies ohne Erfolg. Nur in Broome, der heimlichen Hauptstadt des wilden und menschenleeren Landstrichs, existierte in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts so etwas wie eine jüdische Gemeinschaft. Das letzte Zeugnis aus dieser längst vergessenen Epoche sind Gräber auf dem städtischen Friedhof. Nach Fremantle und Perth handelt es sich damit um das drittgrößte jüdische Gräberfeld in Westaustralien.

2013 installierte die „Jewish Historical and Genealogical Society of Western Australia“ diese Infotafel. Foto: Jim G. Tobias

In den letzten Jahren hat sich Broome zu einer kleinen quirligen und multikulturellen Insel am „Ende der Welt“ entwickelt. Das Tor zu den Kimberley lockt Touristen und Abenteurer aus aller Welt. Dass die Stadt jedoch auch eine jüdische Geschichte vorzuweisen hat, war einfach in Vergessenheit geraten. Erst Recherchen der „Jewish Historical and Genealogical Society of Western Australia“ im Jahr 2013 brachten dieses unbekannte Kapitel ans Licht.

Nachdem europäische Kolonisten im 19. Jahrhundert reiche Perlenfelder vor der Küste Westaustraliens entdeckt hatten, entwickelte sich Broome schon bald zur Hauptstadt der Perlenindustrie. Zum wirtschaftlichen Aufschwung trugen auch einige jüdische Einwanderer bei, wie etwa Mark Liebglid, Louis John Goldie (Goldstein) und Mark Rubin. Letzterer ist als Mark Rubenstein 1867 im damals noch russischen Litauen geboren. Als junger Mann emigrierte er 1886 nach Australien, arbeitete in einer Opal-Mine und machte sich bald als Schmuckhändler selbstständig. Um 1900 ging er nach Broome und stieg schnell zum führenden Perlenhändler in der Stadt auf. Da Rubin für seine Gastfreundschaft bekannt war, entwickelte sich sein Haus auch zum Mittelpunkt der jüdischen Gemeinschaft in Westaustralien. Reisende Kaufleute und Einwohner der Stadt trafen sich hier nicht nur an den jüdischen Feiertagen. „Das Haus war offen für gemeinsame Veranstaltungen, wie etwa Pessach oder andere jüdische Feste“, bestätigte Warren Austin von der „Jewish Historical and Genealogical Society“ in einem Interview mit dem australischen Radiosender ABC.

Louis John Goldie war Teilhaber einer Fabrik für Taucheranzüge und handelte ebenfalls mit Perlen. Er brachte die erste Dekompressionskammer nach Broome, ein für verunglückte Taucher lebensnotwendiges Gerät. Goldie starb 1950 in Perth als wohlhabender und angesehener Bürger. Auch Mark Liebglid handelte mit Perlen, hatte aber weniger Glück; er wurde 1905 ermordet. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof in Broome. Insgesamt sieben jüdische Bestattungen sind auf dem etwas abseits gelegenen Bereich des städtischen Friedhofs durchgeführt worden – die letzte 1925.

Der jüdische Friedhof von Broome (WA): rechts das Grab von Daniel Hatfield, Foto: Jim G. Tobias

Bis 2013 wusste kaum jemand von der Existenz des jüdischen Gräberfeldes in Broome. Erst auf Initiative von Warren Austin und seinen Mitstreitern wurde der Bereich gekennzeichnet und mit einer Informationstafel versehen. Zur Einweihung des Friedhofs versammelten sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden aus Westaustralien und die 95-jährige Nichte des ebenfalls dort ruhenden Perlenhändlers Daniel Hatfield. Warren Austin ist zuversichtlich, dass der kleine Friedhof nun nicht mehr in Vergessenheit gerät. „Hoffentlich liegen in Zukunft viele kleine Steinchen auf den Gräbern, ein Zeichen für: ‚Wir waren da‘.“

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