Erinnerungen an meinen Vater Berek Brym

Im Oktober 2018 erschien im „Oettinger Land“ im Landkreis Altötting in Südostoberbayern ein längerer Artikel von Christian Haringer zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Altötting ab dem Jahr 1945. In dem Band ist ein Bild vom Textilgeschäft Brym in Altötting abgedruckt. Das bringt mich dazu folgende Zeilen über meinen Vater zu Papier zu bringen…

Von Max Brym

Mein Vater wurde 1914 als Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Maximilian Brym im polnischen Lodz geboren. Er hatte noch zwei Brüder und drei Schwestern. Bis weit in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt Lodz als wichtiges Textilzentrum. Die Familie meines Vaters gehörte zum jüdischen Kleinbürgertum in Lodz. Es gab in Lodz eine sehr starke Arbeiterbewegung. Besonders stark war der „Jüdische Arbeiterbund“. Nur Onkel Henrik nahm damals an bestimmten Aktivitäten des „Arbeiterbundes“ teil. Mein Vater wuchs in bescheidenem Wohlstand auf. Er erlernte den Beruf eines Textilkaufmanns. Das Leben änderte sich 1939 durch die deutschen Besatzer radikal. Die Familie wurde in das Ghetto in Lodz gepfercht. Der Großvater verstarb vor der nazistischen Besatzung. Meine mir unbekannte Großmutter nannte dies ein großes Glück. Bis 1943 schufteten meine Verwandten im Ghetto. Ich schreibe hier nichts zu den Misshandlungen, der Ausbeutung und den Brutalitäten im Ghetto von Lodz. Dazu gibt es umfangreiche Literatur und mein Vater erzählte mir fast nichts über diese Zeit. Dies verband ihn mit vielen Überlebenden der Shoah. Sie konnten über diese Periode nicht einmal mit den eigenen Kindern reden. Dennoch weckte mich im Schnitt zweimal die Woche mitten in der Nacht der „böse Traum“ meines Vaters. Den damit verbundenen durchdringenden Schrei hab ich noch heute in den Ohren. Im Jahr 1943 wurde mein Vater mit seinen Geschwistern nach Auschwitz deportiert. An der Rampe fand die Selektion statt. Meine Großmutter und die Geschwister meines Vaters wurden als „nicht arbeitsfähig“ in die Gaskammer geschickt. Mein Vater war bei den Arbeitsfähigen. Die Familie wusste, was passieren würde. Meine Großmutter packte meinen Vater an der Schulter, sah ihm in die Augen und nahm ihm das Versprechen ab, die Hölle zu überleben. Das war der „böse Traum“. Die Geschichte erzählte mir mein Vater unter Tränen viele Jahre später in Holon bei Tel Aviv in Israel.

Neubeginn

In der Nähe von Altötting wurden 1945 viele jüdische Häftlinge von der US Armee befreit. Die abgemergelten Skelette sollten von der SS in die sogenannte Alpenfestung getrieben werden. Nach der Befreiung wurden die Häftlinge zur Genesung in verschiedene Klöster und ins Hotel Post gebracht. In einem Kapuziner – Kloster identifizierte ein ehemaliger jüdischer Häftling aus der Slowakei, den ehemaligen Nazi-Kollaborateur Tiso. Welch eine Ironie der Geschichte. Der Verbrecher Tiso wurde mit Billigung des katholischen Kardinals Faulhaber von Anfang Mai bis Mitte Juni 1945 in dem Kloster versteckt. Ab Anfang 1946 bestand in Altötting eine Displaced Persons Community im ehemaligen Gasthof Lechner in der Neuöttinger Str. 5. Knapp 300 Juden und Jüdinnen lebten zeitweise dort. Es gab einen eigenen Fußballverein unter dem Namen „Jidiszer Sport Farejn Altötting“. Daneben existierte bis 1950 eine eigene jüdische Berufsschule in Altötting. Die Gemeinde wurde wohl 1951 aufgelöst.

Die DP Camps und Gemeinschaften hatten sich die Rückführung von Flüchtlingen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in ihr Heimatland zum Ziel gesetzt. Die Masse der Juden lehnte aber eine Rückkehr in die verschwundenen jüdischen Welten in Osteuropa ab. Viele wanderten nach Palästina/Israel aus. Relativ viele Juden blieben aber für eine kürzere oder längere Zeit in Altötting. Darunter befand sich mein Vater. Er begann relativ schnell wieder mit Textilien zu handeln. Er fing mit einem geliehenen Pferdewagen an. Einige Zeit leitete er eine kleine Näherei im Zentrum Altöttings. Einige Jahre nach der Heirat mit meiner Mutter übernahm er ein größeres Textilgeschäft im Hotel Post. Er war ein begnadeter Händler und Textilverkäufer.

Besonders freute er sich, wenn Wallfahrerzüge nach Altötting kamen. Er baute sich an diesen Tagen vor seinem Geschäft auf und fragte die katholischen Wallfahrerfrauen, ob „sie auch zur Mutter Gottes gebetet hätten“. Die Frauen bejahten, woraufhin mein Vater mit leicht jüdischen Akzent meinte: „Das hilft dir gar nichts. Du kannst nicht beten und mich neben dran verhungern lassen. Komm kauf mir was ab.“ Gekonnt zerrte er die Frauen in sein Geschäft und überhäufte sie mit Komplimenten. Meist verkaufte er ihnen die letzten Ladenhüter, dazu wandte er einen Spezialgriff im Rücken der Kleider an. Grinsend sagte er: „Du siehst aus wie eine Göttin und ich schenk dir das Kleid fast. Du hast mich ruiniert.“ Meine Mutter hasste dieses Theater, packte mich an der Hand und ging mit mir nach Hause. Am Abend kritisierte sie dann den Vater. Sie sagte: „Du siehst aus wie der typische, kleine, polnische Jude und bestätigst sämtliche antisemitischen Vorurteile“. Der Herr Papa meinte dann stets: „Der Antisemit braucht mich nicht, um Antisemit zu sein. Schau dir doch die katholischen Devotionalienhandlung am Kapellplatz an. Die verkaufen angeblich geweihte Kerzen zu Wahnsinnspreisen.“ Meine stets auf Ausgleich bedachte Mutter lachte und schwieg. Neben dem Textilgeschäft Brym gab es noch das jüdische Textilgeschäft Bramson und das deutsche Textilgeschäft Kellerer. Alle drei waren Konkurrenten und mochten sich nicht. Nur der kleine jüdische Textilhändler Gelschinski war mit meinem Vater befreundet. Gegerle kam oft zu uns nach Hause und machte stets Scherze mit mir. Ab einer gewissen Stufe stellte sich Gegerle auf einen Stuhl und begann zu singen. Mir gefiel es, aber meine Eltern lachten, wenn Gegerle aus dem Haus war. Nach der Meinung meiner Eltern hielt sich sein sängerisches Talent in engen Grenzen. Dennoch hatte mein Vater einige selbstproduzierte Platten von Gelschinski im Plattenschrank.

Ein anderer Dauergast in unserem Haus war Herr Melschewski, der den kleinen Max fast immer ignorierte. Stets versuchte er, im Mittelpunkt zu stehen und prahlte mit seinen geschäftlichen Erfolgen in Niederbayern. Auch mein Vater mochte ihn nicht, aber solange Melschewski da war, wurde er äußerst zuvorkommend behandelt. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater nach meiner Mutter rief und sie bat für ihn die Zigarre anzuspitzen. Mir imponierte nur der immer sichtbar getragene Pistolengurt von Melschewski, sein Jackett war wie in einem echten Gangsterfilm meist ausgebeult. Auf meine Frage warum er immer seinen Pistolenhalfter zeigen muss, antwortete mein Vater: „Weil er sich für wichtig hält“. Meine Phantasie schlug aber andere Purzelbäume. Heimlich guckte ich „Jerry Cottan“- Filme und mein erster Held war Zorro.

Konflikte zwischen Mama und Papa

Die Ehe meiner Eltern war nicht glücklich. Mein Vater war oft nervös und leicht aggressiv. Meine Mutter hingegen schluckte fast immer bestimmte Grobheiten hinunter. Meinen Vater trieb es immer wieder aus dem Haus. Er sagte fast jeden Abend: „Ich geh mal schnell 10 Minuten um den Stachus“, womit der Kapellplatz in Altötting gemeint war. Aus den 10 Minuten wurden Stunden. Mein Vater wollte einfach mit jemandem reden. Das Reden war ein Monolog über Gott und die Welt. Immer wieder bekam er nachts einen Altöttinger Bürger zu fassen, auf den er stundenlang einredete. Oft flogen gegen 3 Uhr nachts Fenster auf und es wurde „Bitte etwas leiser, Herr Brym!“ gerufen. Erst viele Jahre später begriff ich, dass mein Vater Unterhaltung brauchte, um sich von seiner KZ-Zeit und seinen grausamen Erinnerungen abzulenken. Hin und wieder versuchten Männer, meinem Vater auf der Straße zu entkommen. Aber er fand immer ein „Opfer“. Außerdem galt mein Vater als Prozesshansel. Er ließ sich nichts gefallen, aber übertrieb es dabei. Meist ging er ohne besonderen Grund zum Anwalt. Die Anwälte freuten sich und ab den siebziger Jahren wurde in Altötting erzählt: „Die Zahl der Anwälte und der Prozesse hat deutlich abgenommen. Es gibt auch nichts Neues mehr.“ Im Oktober 1970 zog mein Vater nach Israel.

Vorher war der Papa ein ziemlicher Schwerenöter. In und bei Altötting habe ich zwei Halbbrüder von zwei unterschiedlichen Müttern. Einer davon ist, Bürgermeister der Papstgeburtsgemeinde Marktl am Inn. Komplimente, gutes Benehmen und Charme gehörten bei meinem Vater gegenüber dem weiblichen Geschlecht wie die Butter zum Brot. Die Altöttinger Frauenwelt war hin und hergerissen, da es in Altötting nicht üblich war, Handküsse und Blumen zu bekommen. Meine Mutter litt furchtbar unter diesen Zuständen und Affären. Im Herbst 1964 verließ die Mama meinen Vater. Monatelang lag sie im Krankenhaus. Ich war bei einer Familie in Niederbayern „geheim“ untergebracht. Wir zogen nach Waldkraiburg in eine Stadt im Landkreis Mühldorf, die es bis 1945 gar nicht gab. Im Wald bei Kraiburg am Inn ließen die Nazis bis 1945 Zwangsarbeiter in einer getarnten Munitionsfabrik arbeiten. Nach 1945 siedelten sich auf dem teilweise zerstörten und geheimen Bunkergelände Menschen aus dem Sudetenland an.

Zwischen Altötting und Waldkraiburg

Ich wurde in Waldkraiburg eingeschult. Die Grundschule an der Dieselstraße war speziell in den sechziger Jahren meist kein angenehmer Ort. Die Lehrer durften die Schüler und Schülerinnen noch prügeln. Der Hauptteil der sudetendeutschen „Pädagogengarde“ machte davon ausgiebig Gebrauch. Ihre Referendariatszeit machten diese Herren in den dreißiger Jahren. Wir Schüler wurden nicht nur geohrfeigt, sondern oft wild geschlagen. Der Turnunterricht bestand häufig aus militärischen Übungen verbunden mit dem Einstudieren diverser sudetendeutscher Volkstänze. Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen. Schnell faszinierte mich allerdings der Fussball. Einige Lehrer waren so reaktionär, dass sie uns gerne wieder vom Fussball weg in den sicheren Hafen des Turnvaters Jahn gebracht hätten. Ergo: Weg vom Ball hin zu Reck und Bock. Damit scheiterten sie nicht nur bei mir. Jeden Tag nach der Schule flog der Schulpack in die Ecke und es wurde bis zum Einbruch der Dämmerung gekickt. Damals hatte ich viel Zeit. Es gab schließlich noch kein G8. Außerdem arbeitete meine Mutter zuerst in der Glashütte als Sekretärin und später als Filialleiterin im Stoffgeschäft Holst. Sie kam erst nach 6 Uhr abends nach Hause. Neben dem Fußball gönnte ich mir oft Hefte über Ivenhoe, Ritter Sigurt und den speziellen Held meiner Kindheit Robin Hood. Natürlich kannte ich alle Winnetou-Filme. Die Dialoge, wenn im Fernsehen ein Winnetou-Teil wiederholt wird, kenne ich bis heute noch fast auswendig.

Im heutigen Stadtpark von Waldkraiburg gab es damals zwei herrlich große Bunkerruinen, die teilweise unter einem Berg begraben waren. Für uns Jungs stellte das eine wunderbar abenteuerliche Spielwiese dar. Meist spielten wir Cowboys gegen Indianer. Meine Mutter hatte immer etwas Angst, wenn ich dort spielte. Einige Male verletzten wir ein paar Rentner. Das lag daran, dass sich zwischen den beiden Ruinen ein Fußgängerweg befand und es dabei vorkam, dass ein Rentner einem selbstgebastelten Pfeil nicht ausweichen konnte. Wir machten uns schnell aus dem Staub, wenn sich ein Erwachsener fluchend einen Pfeil aus dem Oberschenkel zog. Aber ich hatte keine normale Kindheit. Ich war ein Scheidungskind der sechziger Jahre. Damals gab es noch die Schuldfrage. Jahrelang prozessierte mein Vater gegen meine Mutter und ich musste alle zwei Wochen übers Wochenende nach Altötting. Mein Vater versuchte unbedingt das unumschränkte Sorgerecht für mich zu bekommen. Immer wieder stellte er mir Fragen und Fangfragen mit dem Ziel am Montag zu seinem Rechtsanwalt zu laufen, um mich der Mutter wegzunehmen. In dieser Zeit hasste ich meinen Vater und Altötting. Ich rutschte sogar einmal mit einem Kreuz um die Gnadenkapelle und versuchte zu beten, obwohl ich nicht katholisch war. Das Resultat war, dass ich krank wurde. Schuld daran waren nicht mein Vater oder meine Mutter, sondern die damals existierenden Gesetze. Ich war der einzige Sohn und mein Vater hatte bis auf seinen Bruder Henryk die gesamte Familie verloren. Alle Erwartungen konzentrierte mein Vater auf mich. Sein Bruder konnte mit meiner Tante Genja keine Kinder bekommen. Später verzieh ich meinem Vater alles.

Erst als Erwachsener sah ich ihn in Holon wieder. Im Schlafzimmer hingen Bilder von mir. Mein Vater hatte wie viele Überlebende der Shoah einen Tick. Er war nervös und suchte stets nach Ablenkung. Der Eine zockte, der Nächste war nur auf dem Fußballplatz, mein Vater lenkte sich mit zahllosen Affären ab. Unter Tränen gestand er mir im hohen Alter, dass er nur meine Mutter geliebt hatte. Er half mir später wo er konnte. Leider verstarb er schon im Mai 2001 in Holon. Er bekam nicht mehr mit, dass ich noch zweimal Vater in München wurde. Mein Vater wäre gerne Opa geworden. 

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