Die Ausländerfrage in Deutschland

Erstaunlich aktuell, im übertragenen Sinne, liest sich ein Beitrag in der jüdischen Zeitung „Ost und West“ aus dem Jahr 1902…

Der Autor Fabius Schach (1868–1930) wurde 1868 in Litauen geboren. Er studierte in Riga und Berlin, wo er Max Bodenheimer traf, der ihn als Hebräisch-Lehrer nach Köln brachte. Zusammen mit Bodenheimer und David Wolffsohn gründete Schach eine erste nationaljüdische Vereinigung aus der die Zionistische Organisation Deutschland hervorgehen sollte. Schach nahm am ersten Zionistenkongress in Basel teil, auch seine Schwester Miriam Schach war eine der ersten Aktivistinnen in der Zionistischen Bewegung. Fabius Schach publizierte in und redigierte verschiedene jüdische Zeitungen. Der vorliegende Beitrag erschien 1902 in der Zeitschrift „Ost und West“, die sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ verstand und im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellte.

Die Ausländerfrage in Deutschland

Von Fabius Schach in Karlsruhe.
Ost und West, Heft 5 (Mai 1902)

I.

Dass die antisemitische Bewegung der letzten 20 Jahre viel soziales Elend und moralische Not in Deutschland geschaffen hat, wer mag es leugnen? Und doch will es mir scheinen, dass das Schlimmste oder doch wenigstens das Beschämendste, was diese Strömung uns gebracht hat, der jüdische Antisemitismus ist. Es ist dies ein dummes und hässliches Wort, aber noch lange nicht so dumm und hässlich, wie der Begriff, den es deckt. Es ist leider nur zu wahr, es giebt viele Juden in Deutschland, die die jüdischen Dinge mit antisemitischen Augen ansehen, die alles, was jüdisch ist, thatsächlich als inferior betrachten. Ich spreche nicht von den Fahnenflüchtigen, die eines wohlklingenden Titels oder einer gesellschaftlichen Stellung wegen alle Pietät vergessen und der jüdischen Gemeinschaft den Rücken kehren. Von diesen wissen wir wenigstens, dass sie nicht mehr zu uns gehören. Sie bilden ein abgestorbenes Glied, das vom Gesamtkörper abgetrennt werden musste. Aber auch viele, die noch zu uns zählen, haben längst verlernt, ihr Judentum mit Würde zu vertreten. Und das ist sicherlich eine Erscheinung, die aus den modernen Vorurteilen gegen Juden und Judentum resultiert.

Man braucht nur den Durchschnitt des englischen Juden mit dem des deutschen zu vergleichen, um dieses Phänomen zu begreifen. Der englische Jude schämt sich nie, in offener Gesellschaft von seinein Judentum zu sprechen, ändert nie seinen Namen und begeht sehr selten den schmachvollen Schritt der Taufe. Bei uns dagegen fühlt man sich häufig selbst im jüdischen Salon gedrückt, wenn man jüdische Dinge berührt, und wird ganz nervös, wenn ein Christ dabei ist. Man möchte in gewissen Kreisen noch immer, so gut es geht, sein Judentum verstecken. Ich würde keinem raten, der jüdischen Hausfrau das Kompliment zu machen, dass sie wie eine Judith oder eine Sulamith aussehe. Man wird viel köstlicher belohnt, wenn man von Brunhilde spricht und das Walkürenhafte preist.

Und doch sind wir deutsche Juden viel gebildeter als die englischen und spielen auf allen Gebieten des Lebens und des Wissens eine grössere Rolle als jene. Aber die englischen Juden hatten eine lange Periode wirkliche Toleranz und ihr Bürgertum entwickelte sich gemeinsam mit ihrem jüdischen Bewusstsein. Uns dagegen kam die antisemitische Reaktion zu früh, bevor unsere Weltanschauung noch abgeklärt war. Kaum einige Generationen nach dem Auszug aus dem Ghetto überraschte uns der künstlich herauf beschworene mächtige Judenhass, und wir bedurften so sehr der Liebe, um die Wunden, die das Ghetto geschlagen hatte, zu heilen und an der neuen Freiheit zu gesunden. Wir hatten den Prozess der Verschmelzung des Deutschtums mit dem jüdischen Bewusstsein noch nicht gänzlich abgeschlossen, wir waren noch in der Gärung, — da kam der Antisemitismus und schüchterte uns ein und hemmte unser Kulturwerk. Wir hatten den glühenden Wunsch, Deutsche zu sein, und viele von uns glaubten wirklich, dass man es nur sein kann, wenn man sein Judentum aufgiebt. Erst später kam die Erkenntnis, die leider auch heute noch nicht Gemeingut aller deutschen Juden ist, dass wir als Deutsche nur dann moralisch existieren können, wenn wir uns offen und mutig als Juden bekennen. Ich wünschte, dass diese Erkenntnis in Deutschland noch viel populärer wäre.

Man begreift also psychologisch diese Erscheinung, wie der Arzt die Krankheit, der Weise die Thorheit, der Seelenkenner die Verirrung, — traurig aber und beschämend bleibt sie doch. Und sie ist auch sehr gefährlich, denn nichts trägt so sehr dazu bei, uns verächtlich zu machen, als der Hinweis darauf, dass Mitglieder unserer Gesamtheit selbst die jüdische Ehre mit Füssen treten. Lächerlich und verächtlich zu scheinen, — das ist der grösste Fluch. Hassen dürfen sie uns und verfolgen, aber als mutige Kämpfer sollen sie uns finden und nicht als verächtliche Feiglinge.

Am meisten zeigt sich diese Erscheinung bei der Beurteilung der ausländischen Juden, namentlich der des Ostens. Es giebt thatsächlich Juden, die jede Berührung mit den Glaubensgenossen des Ostens fürchten und für die der „polnische Jude“ den Inbegriff des höchsten Abscheus bildet. Ja, in Süddeutschland fangt die „Polackei“ schon in Berlin an, und viele süddeutsche Glaubensgenossen betrachten jeden Juden, der aus Norddeutschland kommt, als minderwertig. Nun, für diese ist die Abneigung nicht gerade angenehm, aber nicht gefährlich. Für die armen Ausgestossenen des Ostens aber ist diese unbegründete Aversion gefährlich in wirtschaftlicher und geistiger Beziehung. Denn sie bedürfen unserer Förderung, um sich eine soziale menschliche Existenz zu schaffen, und sie bedürfen unserer Liebe, um sich der deutschen Kultur anzupassen. Man nimmt ja immer gern die Kultur einer befreundeten, aber nicht einer verfeindeten Bevölkerung an.

Wenn wir darüber Betrachtungen anstellen, ob uns der darbende christliche Weber in Schlesien oder der hungernde jüdische Ackerbauer in Südrussland näher steht, so sind das leere Reflexionen. Das instinktive Gefühl ist stärker als die kalte Vernunft und es kommt bei jeder Katastrophe jäh zum Ausbruch. Wir sind einmal mit den Leuten jenseits der Grenze eines Blutes und wir haben eine lange Leidensgeschichte mit ihnen zusammen, das verbindet am meisten. Wir brauchen uns dieser Gefühle ebensowenig zu schämen, wie das deutsche Volk sich seiner warmen Sympathien für die tapferen Buren schämt. Aber selbst wenn wir bei jeder Hilfsaktion wägen und rechnen wollten, dann diktieren uns hier auch Vernunft und Ethik Pflichten gegen die Juden fremder Länder. Der kategorische Imperativ würde hier lauten: solange diese Menschen nur ihres Judentums wegen leiden, solange sich sonst niemand ihrer annimmt, haben wir als Juden und als Menschen die Pflicht, für sie einzutreten und ihnen unsere Hilfe angedeihen zu lassen.

Doch, ich spreche hier gar nicht von den Juden in Russland, Galizien und Rumänien, sondern von den Flüchtlingen dieser Länder, die schon bei uns sind. Da dürfte es wohl für jeden deutschen Juden klar sein, dass es Pflicht ist, diesen verfolgten und gedrückten Leuten hier eine Existenz zu schaffen, um sie ihre früheren Leiden vergessen zu lassen. Aber nein, da kommt die — Ausländerfrage und verwirrt die Köpfe. Ausländerfrage ist ein Wort, das der Antisemitismus geprägt hat und das leider auch bei uns Juden populär geworden ist. Was ist es mit dieser Frage? Es giebt in Deutschland kaum 10 000 ausländische Juden, und ihre Zahl verringert sich immer mehr — dafür sorgt schon die Polizei. Diese Leute kommen zu uns, um Brot zu suchen, nicht um uns eine fremde Kultur aufzudrängen. Sie sind froh, wenn sie oder wenigstens ihre Kinder etwas von der deutschen Kultur geniessen. Der Oeffentlichkeit und den Behörden fallen sie nie zur Last und auch uns Juden belästigen sie nicht über unsere Kräfte. Gewiss giebt es unter diesen bunt zusammengewürfelten Elementen auch verfehlte Existenzen, aber auch gar viele tüchtige und fleissige Handwerker. Es ist richtig, dass manchen unter ihnen der Hang zum Schnorren anhaftet, aber auch wir sind daran nicht ohne Schuld. Wir haben ihnen stets geholfen, wohl, um — sie los zu werden. Wir haben nicht daran gedacht, soziale Hilfe an. Stelle des traditionellen Almosengebens zu setzen. Wir züchteten so ein Schnorrergeschlecht. Jetzt gilt es, wieder gut zu machen und aus diesen Leuten durch Arbeit und Erziehung nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft auszubilden. Das ist eine würdige und schöne Aufgabe.

Und dann in kultureller Beziehung! Ich spreche es mit vollem Bewusstsein aus: diese jüdischen Proletarier des Ostens sind meistens mehr deutsch als die Buren und die Holländer. Sie verstehen unsere Sprache, und auch wir verstehen sie, denn sie sprechen ja deutsch, ein schlechtes, verdorbenes, aber doch deutsch. Ja, sie waren Jahrhunderte hindurch die Hüter der deutschen Kultur in den slavischen Ländern, sie haben das Deutsch als teuere Tradition von Generation auf Generation bewahrt. Wenn diese Sprache etwas verwahrlost wurde, so ist das ihre Schuld wahrlich nicht. Das Wort von der Gefahr dieser Leute kommt einem wie ein Hohn vor. Wenn sie gefährlich sind, was soll man dann von den Italienern im Süden und von den Polen im Osten des Reiches sagen? Diese Leute treiben keine Politik, trinken und raufen nicht, sie führen meistens ein streng sittliches und friedliches Leben und thun niemand etwas zu Leid. Aber — die Antisemiten reden von einer brennenden Ausländerfrage, und mancher deutsche Jude spricht ihnen dies gedankenlos nach. Psychologisch ist diese Abneigung gegen die Aermsten der Armen als Furcht zu verstellen. Viele deutsche Juden fluchten, ihre Lage in Deutschland könnte durch diese Elemente schlechter werden. Das ist ein Irrtum. Deutschland, das seine Söhne nach allen Weltteilen schickt, muss gastfreundlich gegen die Ausländer sein. So wird jeder gerechte Deutsche denken. Den Antisemiten aber werden wir es nie recht machen. Das Schiefe fängt schon an, wenn wir ihr von Hass diktiertes Urteil zur Norm unserer Handlungen machen.

Manche Juden wollen einfach nicht durch diese Elemente an ihr Judentum erinnert werden. Einer hat eben das hohe Glück erlangt, dass ein verschuldeter Leutnant ihm in Anbetracht der klingenden Umstände das Judentum verzieh. Ja, er ist sogar so vorurteilsfrei, die Tochter mit der halben Million mitheiraten zu wollen. Und nun kommt so ein polnischer Jude, und — die ganze Illusion schwindet. Der andere ist ausnahmsweise Mitglied eines vornehmen Klubs geworden. Sein adliger Nachbar vergisst nie, wenn er von Juden spricht, galant hinzuzufügen: „Sie, Herr Kommerzienrat, machen natürlich eine Ausnahme, Sie sind ja gar kein Jude!“ Und nun erscheint so einer im Kaftan, und die Poesie ist dahin.

Ja, diese Opfer, die man seinem Judentum bringen muss, schrecklich! Ach, wenn unsere Vorfahren, die Leben und Gut für ihre Gesamtheit opferten, heute vom Grabe aufständen, wie kleinlich kämen wir ihnen mit all unseren Leiden und Opfern vor!

Gewiss, auch diese Mussjuden mit ihrer kleinlichen Angst und ihrer sklavischen Thorheit begreift man psychologisch. Aber stolz sind wir auf diese Jammergestalten nicht. Nur in der Not zeigt sich der wahre Charakter, und wer wirklich eine Würde hat, der bekunde sie in seinem Schmerze. Wer einen wegen seiner Geburt hasst und verachtet, ist und bleibt ein trauriges Subjekt.

II.

Wie bei den niedrigen Organismen, so ist es bei den niedrigen Gedanken: sie vermehren sich, wenn sie sich spalten. Von der allgemeinen Ausländerfrage hat sich in den letzten zwei Jahren ein besonderer Zweig entwickelt: die Frage der Ausländer an den deutschen Hochschulen. Diese Frage ist im Grunde wiederum eine Judenfrage in verschämter Gestalt. Zunächst ist die Zahl der jüdischen Ausländer die weit grösste unter allen andern Ausländern. Unter 100 Ausländern an den deutschen polytechnischen Hochschulen sind ungefähr 75 russische Unterthanen und von diesen 75 sind mindestens 60 Juden. Es kommt aber noch ein Moment von grosser Bedeutung hinzu: Während die andern Ausländer nach Deutschland kommen, um sich hier in ihren Studien zu vervollkommnen, weil die von ihnen gewählten Fächer in ihrem Vaterlande noch nicht auf der Höhe stehen, pilgern die jüdischen Studenten Russlands über die Grenze, weil man ihnen in ihrer Heimat ihres Glaubens wegen die Pforten der Wissenschaft geschlossen hat. Für die erste Kategorie ist das Studieren an den deutschen Hochschulen ein Luxus, für die zweite eine bitterernste Lebensfrage. Die ersten werden daher behandelt wie Gäste, die man zum Vergnügen einladet, die letzten wie Hungernde, die man aus Mitleid an seinem Tische duldet. Das mag wiederum begreiflich sein, aber vornehm ist es nicht. Diese jüdischen jungen Leute suchen, von ihrem Wissensdrang getrieben, in Deutschland ihre letzte Zuflucht. Sie wollen aus den Quellen deutscher Forschung schöpfen, um sich nachher in ihrer Heimat eine Existenz zu gründen. Man sollte ihnen daher den kurzen Aufenthalt in Deutschland möglichst angenehm machen. Sie können nachher die besten Träger der deutschen Kultur in ihrem Vaterlande werden, denn sie haben Deutschland das Höchste zu verdanken, ihre Bildung. Es ist daher klug und vornehm, wenn man ihnen Liebe erweist und keine Bitterkeit in ihnen hervorruft.

Welche Gefahr droht uns denn? Die deutschen Hochschulen haben vorläufig noch Platz genug übrig. Diese Studierenden aus dem Osten werden die Söhne Deutschlands nicht slavisieren, denn sie sind nichts weniger als slavisch. Sie stehen ihrer ganzen Anlage nach dem deutschen Wesen näher als dem slavischen. Ist ihr Benehmen etwa unsittlich oder anstössig? Niemand wird diese Frage bejahen dürfen. Man findet sie nie auf dem Fechtboden, sehr selten in den Kneipen, wohl aber sind sie die ersten in den Laboratorien und Zeichensälen. Das ist auch begreiflich, denn wer ins fremde Land geht, um unter schwierigen Verhältnissen zu studieren, der bringt eine Begeisterung für die Wissenschaft und einen hohen Idealismus mit. Thatsächlich findet man diese Studenten in allen Vorträgen und Versammlungen, und sie verschlingen alles mit einem Heisshunger, der den an Kultur übersättigten Westeuropäern fremd geworden ist. Und wie leben diese jungen Leute! Der Durchschnitt hat nicht mehr als 60—70Mark monatlich zu verzehren, ich kenne aber viele, die mit 40 Mark monatlich leben und dabei einen eisernen Fleiss und eine erstaunliche Arbeitskraft entfalten. Wenn sie in ihren Manieren vielleicht nicht kavaliermässig sind und in ihrer Kleidung nicht dem Geschmack des Tages entsprechen, so soll man doch bedenken, dass man es mit Ausländern, ja meistens mit armen und gequälten Ausländern zu thun hat.

Aber wir erziehen uns eine Konkurrenz. Dieses Argument mussten wir vor kurzem sogar aus nationalliberalem Munde im badischen Landtage hören. Man scheint gar nicht zu begreifen, wie unwürdig dieser kleinliche Gesichtspunkt ist. Die Wissenschaft ist nicht dazu da, um einer Klasse geschäftlich zu dienen. Sie ist ihrem Wesen nach international und Gemeingut der ganzen Kulturmenschheit. Giebt es denn heute überhaupt noch Geheimnisse in der Wissenschaft? Was die Elektrizität, die Chemie und die Maschinenbaukunde in den letzten Jahren Neues gefördert haben, ist in wissenschaftlichen Werken und Zeitschriften niedergelegt und für jeden Fachmann geniessbar. Und welches Recht hätte auch Deutschland, das eine Exportpolitik grossen Stils anstrebt, zu verlangen, dass das Ausland von ihm nur kaufen aber nie was lernen soll?

Deutschland hat stets seinen Stolz darein gesetzt, allen Wissensdurstigen eine Zufluchtstätte zu sein. Das ist nicht seine Schwäche, sondern sein Ruhm. England bietet den Opfern der Politik eine Heimat, wir thun Grösseres, wir bilden eine Freistatt der Wissenschaft, einen Weltmarkt der Bildung. Wer darin einen Fehler sieht, dem fehlt der Stolz der Wissenschaft. Freuen wir uns darüber, dass unsere Bauten und Kunstdenkmäler im Auslande Bewunderer und Nachahmer finden, dann müssen wir dem Auslande auch einen Einblick in unsere Technik gestatten. Die Nachahmer werden in der Technik ebensowenig wie in der Kunst und Wissenschaft so schnell das Original erreichen. Wir haben in den früheren Dezennien so viel von fremden Ländern gelernt. Warum sollen sie nicht jetzt von uns lernen?

Wenn ein konservativer Abgeordneter in der badischen zweiten Kammer pathetisch ausruft „Die deutschen Hochschulen den Deutschen!“ so ist das ebenso weise und gerecht wie der antisemitische Schlachtruf „Deutschland den Deutschen!“ Man kann aber die Thore der Hochschulen ebensowenig wie die Grenzen des Reiches schliessen. Wir leben ja nicht in China, sondern in Deutschland und zwar nicht im Mittelalter, sondern am Anfang des XX. Jahrhunderts. Es scheint dieser chauvinistischen Politik das Verständnis zu fehlen für ein nobile officium eines grossen Kulturstaates, den Wissbegierigen fremder Länder seine Thore zu öffnen.

Das ist der ideale Standpunkt, den die moderne liberale Weltanschauung einnehmen muss. Ich gebe aber zu, dass man auch praktische Momente geltend machen kann, dass man z. B. da, wo die Plätze nicht ausreichen, in erster Reihe die Inländer berücksichtigt. Wenn man, wie z. B. am Polytechnikum in München, von den ausländischen Studierenden höhere Gebühren nimmt, so ist das zwar nicht sehr vornehm, es darf aber nicht vergessen werden, dass der Staat jährlich Millionen für die Hochschulen zuschiessen muss und dass er den Ausländern gegenüber im gesetzlichen Sinne dazu nicht verpflichtet ist. Auch dass man ln- und Ausländer getrennt immatrikuliert, ist unter Umständen begreiflich. Ungerecht dagegen scheint es mir, dass man, wie z. B. in Charlottenburg, von den russischen Studenten nicht allein ein Zeugnis der Reife verlangt, sondern auch noch den Nachweis, dass sie bereits in Russland auf eine Hochschule aufgenommen wurden. Dieser Beweis ist für die russischen Studenten, soweit sie Juden sind, gar nicht zu erbringen. Denn in der Heimat werden sie eben wegen ihrer Religion nur sehr selten aufgenommen, und diejenigen, welche so glücklich waren, aufgenommen zu werden, gehen natürlich nicht nach Deutschland. Aber auch diese Härte hat noch irgend einen Sinn, und selbst wenn man Ausländer grundsätzlich ausschliessen würde, so wäre das grausam aber — wenigstens ehrlich gehandelt. Ein schreiendes Unrecht dagegen ist es, wenn man die ausländischen Studenten aufnimmt und sie nachher als Studenten zweiter Klasse behandelt. Hat man einmal einen Studierenden immatrikuliert, dann ist er kein Gast mehr, sondern ein vollberechtigter civis academicus.

In Karlsruhe, der Residenz des liberalsten deutschen Staates, sind die jüdischen Ausländer an der technischen Hochschule seit einigen Monaten einfach rechtlos. Ohne Schein von Recht erhalten sie Verweise, und wagen sie zu protestieren, dann werden sie relegiert. Der gegenwärtige Rektor behandelt sie wie Tertianer und bei jeder Gelegenheit werden sie daran erinnert, dass sie nur Gäste sind. „Osteuropäischer Jude“ scheint für diesen Gelehrten den Inbegriff allen Abscheus zu bilden. Wie • dies mit der Freiheit der deutschen Hochschule vereinbar ist, das kann ich nicht ergründen.

Und diese Widersprüche! Derselbe Herr Rektor hielt auf dem Kaiserkommers eine Rede, in der er jede Einschränkung der Ausländer zurückwies unter der Begründung, dass es ein Ruhm der deutschen Hochschule sei, eine Pflanzstätte des Wissens für die ganze Welt zu sein. Welche Kluft zwischen Theorie und Praxis! Es scheint sich jetzt überall das System einzubürgern, den liberalen Schein aufrecht zu erhalten und an den Gesetzen nichts zu ändern, wohl aber durch administrative Massregeln das Gesetz illusorisch zu machen. Ein solches Verfahren aber entspricht nicht der Würde der deutschen Hochschulen.

Ich habe schon gesagt, dass wir Pflichten gegen die jüdischen Brüder des Ostens haben. Wir haben umsomehr heilige Pflichten gegen diejenigen jüdischen jungen Leute, die mit einem glühenden Idealismus, mit einem Wissensdrang, einer gewaltigen Energie und einer beispiellosen Anspruchslosigkeit zu uns kommen und nichts verlangen, als die Möglichkeit, ihre Berufsstudien zu vollenden, da ihnen ihr stiefmütterliches Vaterland diese Gelegenheit raubt. Sie verdienen unsere Sympathie und unsere Hilfe im höchsten Grade und — sie bedürfen ihrer dringend. Denn geht es so weiter, dann wird nach zwei Jahren kein russisch-jüdischer Student mehr auf eine deutsche Hochschule aufgenommen, und diese verfehlten Existenzen bilden dann ein fürchterliches geistiges Proletariat.

Es wäre eine würdige Aufgabe der jüdischen Organisationen grossen Stils, für diese Studenten einzutreten und ihnen den Weg zu den technischen Studien zu erleichtern. Es wäre dieses ein Werk, das uns als Juden und als Menschen zur Ehre gereichen würde. Und mit Energie ist auch hier etwas zu erlangen. Vor allem muss die Öffentlichkeit über diese Frage aufgeklärt werden. Es muss eine gesetzliche Regelung angestrebt, und dafür gesorgt werden, dass diese Anordnungen dann auch zur Wirklichkeit werden. Der jetzige Zustand ist unerträglich und vor allem unsicher.

Bild oben: Ultraorthodoxe Juden aus Galizien auf dem Karmeliterplatz in Wien, Leopoldsstadt, 1915, wikicommons

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