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Herbsttage in Tel Aviv – Zwischen Kunst und High-Tech

Viele reisen im frühen, sich anbahnenden Winter in Richtung Süden auf der Suche nach Wärme und Sonne in der Erwartung, sich dem Würgegriff der hereinbrechenden Kälte zu entziehen. Mich lockt es in diesen Herbsttagen nach Israel, jedoch nicht unbedingt auf der Suche nach einem Restsommer. Was mich dorthin zieht ist eher die Kunst, die Kultur, was in Israel keine Mangelware ist…

Von Anna Zanco-Prestel
Zuerst erschienen in: tabula rasa, Zeitung für Gesellschaft & Kultur

Israelische Kunst beschäftigt mich schon seit Jahren, seit sich mir die Chance bot, an der Entstehung des von Prof. Emmanuel Heller in München gegründeten „Zentrums für Zeitgenössische Israelische Kunst“ im Herzen von Schwabing ein wenig mitzuwirken. Kunst sollte als „Botschafterin“ dienen, um eine bessere Kenntnis des Landes zu vermitteln, wo er u.a. Forscher am „Weizmann Institut für Biologie“ gewesen war.  Nun besuche ich ihn und seine Frau, die Malerin Rachel Heller in ihrem eleganten Apartment in Neve Tsedek mit einer herrlichen Terrasse voller Blumen und Pflanzen.

Man tritt ein und hat den Eindruck, sich mitten in einer Galerie zu befinden. An den Wänden hängen mehrere großformatige Gemälde, die die vielen Phasen des annähernd siebzigjährigen Parcours der Künstlerin beleuchten. Bilder, die magisch anziehen und die Seele baumeln lassen! Neve Tsedek ist das alte Viertel von Tel Aviv, das – wie durch ein Wunder – das Flair der frühen Zeit Israels beibehalten hat. Zu den vielen Lokalen und Geschäften sind in den letzten Jahren Restaurants, Boulangeries und edle Boutiques hinzugekommen, die einen französischen Touch in die schon reizvolle Umgebung hineingebracht haben, was mit der zunehmenden Zuwanderung französischer Juden zu erklären ist.  Galerien, kleine Museen wie das „Gutman-Museum für Moderne Kunst“, Eisdielen und Chocolateries verführen die zahlreichen Touristen in ein „Quartier“, wo der Bau von Hochhäusern unterbunden ist.

Über Neve Tsedek erhebt sich der Shalom-Tower an der zentralen Herzl-Straße, der unser Orientierungspunkt ist. Er war mit seinen 35 Stockwerken lange Zeit das höchste Bauwerk im Nahen Osten. Umgeben ist er nun von anderen Giganten, die mit ihren Gestalten kühn bis in den Himmel hinauf ragen. Ich richte meinen Blick nach oben, fasziniert und manchmal verängstigt, wenn ein Flugzeug die glänzende Glasfassade – wie es mir scheint – beinah streift. Tel Aviv heißt auf Hebräisch „Hügel des Frühlings“: auf Sand erbaut ist sie jetzt eine Metropole voller Kontraste, wo der Verkehr fast täglich kollabiert und wenige Meter weiter entfernt die Menschen am Strand Tamburello spielen und noch Mitte November bedenkenlos im Meer baden. Hektik und Erholung, rasende Autos und dazwischen rennende Fährräder und Skates. Bestückt sind die kleinen Fahrzeuge neulich mit kleinen Motoren chinesischer Herstellung, die der jeweilige Besitzer mit sich trägt, wenn die Fahrt zur Arbeit zu Ende geht oder wenn er sich in einem der unzähligen Cafés eine Ruhepause gönnt. Restaurants, teure vor allem die italienischen, französischen oder japanischen, und weniger teure. 

Von besonderer Attraktivität die Lokale in den umfunktionierten Buchhandlungen, wo vorwiegend ein junges Publikum weilt, das isst, am Laptop arbeitet oder ganz einfach in den Büchern stöbert, die in den Regalen warten. Dort wird meistens ein israelisch-nahöstliches Essen mit Humus und Tahina zu erschwinglichen Preisen serviert. Die Bücher – manche sogar wertvolle Bücher– sind für ein Paar Schekel zu erwerben.  Das „Volk des Buches“ verzichtet allem Anschein nach nicht auf das gedruckte Wort und unterliegt immer noch dem Charme wertvoller Editionen… Kleine, alt eingesessene Bookstores haben weiterhin eine Daseinsberechtigung selbst in Zeiten, wo anderswo Amazon und andere Online-Anbieter die Oberhand gewinnen und die Buchhandlungen zur Schließung zwingen. 

Wir essen in einer dieser Gaststätten mit Amir Eshel, sensiblem Fotograf mit einer Vorliebe für das Portrait, der uns den Katalog seiner nächsten Schau überreicht. „Journeys“, wie man in Gold eingraviert auf dem schwarzen Leinen-Cover liest, ist eine Foto-Reportage aus Reisen in fernen Ländern.  Neben ihm „Curator“ Doron Pollak, „Projective“  vom „Artists Museum“ in Givatajim, ein „Museum ohne Mauern“. Wir kennen uns seit Jahren und treffen uns stets in Venedig anlässlich der Kunstbiennale, wo er alle zwei Jahre mit interessanten Gruppenschauen präsent ist. Mit ihm fahren wir nach Jerusalem und besuchen das Theater, wo in den großen Foyers mehrere kleine, hochwertige Ausstellungen zu sehen sind. Er zeigt uns die Villa des Staatspräsidenten in einer stillen Umgebung außerhalb der Touristenströme. Inmitten einer üppigen Vegetation sehen wir die Bauten der sogenannten „Deutschen Templer“, Mitglieder einer christlichen Sekte aus Baden-Württemberg, die sich dort ab Mitte des 19. Jhts ansiedelten und einen beachtlichen Schub zur Entwicklung vom damaligen Palästina leisteten. Sie waren die ersten Europäer, die sich dort niederließen und durch ihre eifrigen Aktivitäten im Agrar- und Baubereich die Missgunst der arabischen Einheimischen auf sich zogen. Unter den historischen Bauten der „German Colony“ besuchen wir ein altes Lazarett für Lepra-Kranke, das von Dr. Hansen geführt wurde. Daraus ist heute ein Kulturzentrum erwachsen, das Künstlern verschiedene Möglichkeit der Darbietung wie Videovorführungen oder Performances in suggestivem Ambiente bietet.  Schade, dass wir nicht länger bleiben können.  

Nach dem kurzen Intermezzo in Jerusalem geht es zurück nach Tel Aviv. Dort steht der Besuch mancher Galerien an, in Neve Tsedek oder am Rothschild Boulevard, wo man bei „Sommer Contemporary Art“ eine beeindruckende Reihe von Werken Moshe Kupfermans ansehen kann oder in Gordon bei der namhaften „Givon Art Gallery“, wo eine Schau mit Gemälden des jungen Jonathan Hirschfeld gerade eröffnet wurde. Es hat sich viel verändert in seinem Stil, seitdem er in München ausstellte und große Aufmerksamkeit erregte.  Er hat es mittlerweile weit gebracht, auch als Kritiker für die Tageszeitung „Haaretz“.  Alte Meister der israelischen Kunst von Rubin Reuwen bis Menashe Kadishmann treffen wir bei der „Engel Gallery“ in der Jehuda Street an. Und neben ihnen auch zeitgenössische Künstler wie Jack Jano, den wir mit Gavriel Engel, heutigem Besitzer der Galerie und Sohn des Gründers und Malers Shmuel Engel in Galiläa besuchen. Zwei Stunden mit der Bahn und wir sind schon an der Grenze mit Libanon. So schnell lässt sich Israel durchqueren!

Jacques Jano, der in jungen Jahren mit einem Flüchtlingsboot aus Marokko kam, lebt mit Frau Susan und seiner Großfamilie auf einem Hügel und blickt auf grüne Felder mit mediterraner Vegetation hinunter. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.  Olivenbäume und Bungaville, freilaufende Hühner und Kunstwerke im Studio und in der Werkstatt. Werke aus Metall, Stoff oder Glas, die immer wieder an seine Überfahrt im Mittelmeer anknüpfen oder an Jerusalem, wo er Künstler lange gelebt hat.  Das Riesenhaus wirkt mit seinen Ogive-Fenstern und einem überdachten Laubengang sehr orientalisch, wie er selbst. Ich kenne manche seiner Werke u.a. aus der großen Schau „Law of Superposition“ auf der Insel Giudecca während der letzten Kunstbiennale von Venedig. Ein faszinierender Künstler und ein wunderbarer Mensch!   

Jerusalem in Glas von Jano

Ein Tag später bringt uns Galerist Engel zu einem anderen Kunstschaffenden, der in Kooperation mit einem Energie-Experten einen Elektrobaum mit Solarplatten realisiert hat, dessen Blätter jener einer Akazie ähneln. Die Akazie ist eine „biblische Pflanze“ reich an Symbolik, die ihren Ursprung im Osiris-Kult im alten Ägypten vorfindet und ein Sinnbild für Beständigkeit, Vitalität und Wiedergeburt. Wir begegnen Yoav Ben Dov in seinem Garagen-Atelier und fahren mit ihm nach Ramat Gan, wo ein Prototyp dieses Solar-Kollektors auf dem Hauptplatz zwischen riesigen Hochhäusern aufgestellt wurde. Der Baum, der Strom erzeugt, um Licht, Schatten wie auch kleine Mengen Wasser zu generieren, ist ein Projekt für Entwicklungsländer oder für isolierte Gemeinden oder Villen, die beispielsweise keinen WiFi –Anschluss besitzen. Israel: Land der Kontraste. Agrar- und High-Tech-Land zugleich.

„It’s war“ – sagt uns ziemlich aufgeregt unser Gastgeber, während er sich mit ernster Miene die Abendschau ansieht. In Kürze wird der Ministerpräsident an die Nation sprechen. Ein Krieg kann kommen.  Wir haben nicht damit gerechnet, wissen jedoch wohl, dass ein Konflikt immer ausbrechen kann. In Israel ist die Kriegsgefahr immer latent und deshalb leben die Menschen intensiver und vor allem leben sie im Heute. Wir verfolgen die Nachrichten bis spät in die Nacht im Fernsehen.

Am letzten Tag fahren wir wieder mit Doron Pollak nach Herzliya, wo sich eines der „Silikon Valleys“ Israels befindet.  Wir stehen erneut inmitten von Hochhäusern, Sitz von riesigen internationalen Konzernen wie Microsoft oder Google, und entdecken – gleich daneben –  die Generalvertretungen vom Porsche und Mercedes.

Im Atelier von Bildhauer Oleg Gavrizon

Vis-à vis in ihrem Firmengelände erwartet uns eine Künstlerin, die aus verschiedenen Industriematerialien wie Kupferdrähten, Manufakten aus verschiedenen Metallen oder gewebten Stoffen hochpoetische Werke kreiert.  Doris Arkim ist Unternehmerin und auch Gründerin eines architektonisch innovativen und sehr ansprechenden fünfstöckigen Instituts, an dem Kunst unterrichtet wird. Wir besichtigen es und steigen von der obigen Terrasse hinunter bis zu den Künstlerateliers, wo uns der Bildhauer Oleg Gavrizon freundlich empfängt und seine sehr originelle Skulpturen zeigt.  An den Wänden im Treppengeländer hängen Werke anderer bekannter Künstler wie Liliane Klebisch.  Die Schule – erzählt uns Doron Pollak – ist bekannt und wird von Doris Arkim vollständig finanziell getragen.  

Wir verlassen Herzliya, ohne das Meer gesehen zu haben. Die Küste ist dort besonders schön – wie man uns sagt. Theodor Herzl, nach dem Herzliya genannt wird, winkt uns aus der Höhe eines Denkmals.  

Zehn Tage vergehen wie in einem Atemzug. Wir haben viel erlebt, viele interessante Menschen getroffen, Bekannte wiedergesehen. Kriegswinde waren zu spüren – für uns überraschend – in der Mitte unseres Aufenthaltes, als Hunderte von Raketen aus dem Gaza-Streifen den Süden Israels erreichten und darauf mit Luftangriffen reagiert wurde. Das Leben ging normal weiter in Tel Aviv. Nicht unbemerkt blieb die Beunruhigung in den Gesichtern der Freunde, die sich um unsere Unversehrtheit sorgten.

Bye Bye Tel Aviv, wir kommen bald wieder!