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Mirjam Pressler s“l

Am Mittwoch ist die Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler im Alter von 79 Jahren nach längerer schwerer Krankheit verstorben. Von „Bitterschokolade“, „Novemberkatzen“, „Malka Mai“ und „Nathan und seine Kinder“ bis zu ihren Übersetzungen von Batya Gur, Zeruya Shalev und Amos Oz, Mirjam Pressler und ihre Werke bleiben uns im Herzen…

Mirjam Pressler zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Autorinnen der Kinder- und Jugendliteratur, vielfach besprochen und prämiert. Sie hat über 60 Bücher geschrieben und zahlreiche Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Niederländischen, Flämischen, Hebräischen, Englischen und Afrikaans ins Deutsche übersetzt. Zentral in Presslers Werk ist die Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Weltliteratur. Nicht nur durch ihre Übersetzungen tritt sie als »Botschafterin« einer internationalen Jugendliteratur auf den Plan. Ihr Engagement zur Völkerverständigung zeigt sich auch in ihren Romanen, wie etwa im 2009 erschienen »Nathan und seine Kinder«. Die Neuerzählung von G. E. Lessings Schlüsseltext der europäischen Aufklärung ist provozierend zeitgemäß, aber nicht ohne Hoffnung für ein friedliches Nebeneinander von Islam, Christen- und Judentum.

Mirjam Pressler wurde am 18. Juni 1940 in Darmstadt geboren. Sie wuchs in einer Pflegefamilie und im Kinderheim auf. In Frankfurt am Main und in München studierte sie Malerei und Sprachen. Danach arbeitete sie in einem Kibbuz in Israel. Zurück in Deutschland arbeitete sie unter anderem als Taxifahrerin und führte einen Jeansladen. Sie hat drei Töchter, die sie nach der Scheidung von ihrem Mann alleine großgezogen hat. Seit 1980 arbeitete sie als freischaffende Autorin und Übersetzerin und lebte in Landshut bei München.

Mirjam Pressler hat mehr als 30 eigene Kinder- und Jugendbücher verfasst. Ihr 1980 bei Beltz & Gelberg erschienenes Debüt »Bitterschokolade« war ein unverlangt eingesandtes Manuskript, das gleich mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis für kinder- und jugendliterarische Erstlingswerke ausgezeichnet wurde. In rascher Folge erschienen eine Reihe vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendromane, darunter Meilensteine wie »Novemberkatzen« und »Malka Mai« (Deutscher Bücherpreis) sowie die Romane »Golem stiller Bruder«, »Shylocks Tochter«, »Nathan und seine Kinder« und 2013 »Wer morgens lacht«.

Bereits in ihrem Erstlingswerk Bitterschokolade (1980) ist der Grundton ihres Schreibstils vorhanden. Diese realistische Geschichte rund um ein Mädchen, das unter Bulimie leidet, wurde 1980 mit dem Oldenburger Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Pressler möchte die Probleme von Jugendlichen beschreiben, ohne zu verharmlosen. „Bei Kindern bin ich noch bereit, Konzessionen zu machen, also zu überlegen, was kann man einem Kind zumuten, was kann es aushalten und verstehen“, erklärt sie im Interview. „Bei Jugendlichen mache ich das nicht mehr. Was Jugendliche lesen wollen, können sie auch aushalten. […] Literatur bedeutet ja nicht ausschließlich Erheiterung.“

Mirjam Presslers eigene Vergangenheit ist sicher weit entfernt von einer „normalen“ Kindheit, in der alles stimmte. Warum also sollte sie ihren Lesern eine normale Welt präsentieren?

Es gibt sie nicht, diese heile Kinderwelt

„Als Autorin ›lebe‹ ich von meinen Erfahrungen, meiner Biographie. Was ich schreibe, muss stimmen, muss meiner Realität, meiner sozialen Wirklichkeit entsprechen. Meine biographischen Erfahrungen für diese Arbeit sind: 1940 wurde ich als uneheliches Kind in Deutschland geboren, wuchs bei Pflegeeltern im Oma- und Opa-Alter auf, die selbst zur sozialen Unterschicht gehörten. Ich bin geschieden und habe meine nun fast erwachsenen Töchter allein großgezogen. Die Liste der Berufe, die ich ausgeübt habe, ist lang. Meine ersten Bücher habe ich nachts geschrieben, neben Beruf, Familie, Haushalt. Geschlecht, Herkunft, soziales Umfeld, fast zwanzig Jahre als Mutter und Ernährerin, Judentum, das ist meine Realität. Meine eigene Kindheit und Jugend, Erlebnisse mit meinen Kindern, mit den Freunden und Freundinnen meiner Töchter, sind Erfahrungen, die zwangsläufig einfließen, wenn ich über Kinder und von Kindern schreibe. Die ›soziale Wirklichkeit‹ in meinen Büchern ist darum keine Zerstörung von ›heiler Kinderwelt‹, kein Versuch, irgendeine pädagogische Absicht zu erreichen. Ich schreibe über das, was ich kenne, die Realität von Kindern, so wie ich sie selbst bzw. vermittelt durch meine (und viele andere) Kinder erlebt habe.“

Die Lebensgeschichte der Anne Frank hat Mirjam Pressler, die selbst Jüdin ist, zeitlebens fasziniert. Ende der Achtziger übersetzte sie die kritische Gesamtausgabe der Tagebücher (S. Fischer). Sie erforschte die Biographie, suchte nach dem ganzen Leben des Mädchens, das mit 15 Jahren von den Nationalsozialisten umgebracht wurde. Aus dieser Beschäftigung heraus erschien 1992 ihr erstes Sachbuch »Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank«. Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist und bleibt zentraler Bestandteil ihres Werks.

Wie sehr Pressler nicht nur als Vermittlerin der Literatur arbeitet, sondern auch als Brückenbauerin verschiedener Kulturen, wird an ihrer Übersetzertätigkeit deutlich. Mirjam Pressler hat zahlreiche Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Niederländischen, Englischen und Hebräischen ins Deutsche übertragen, darunter die Romane von Uri Orlev sowie ausgewählte Bücher von Karlijn Stoffels und Axel Scheffler (u. a. »Die Schnecke und der Buckelwahl«).

Mirjam Pressler wurde für ihre Bücher und ihr Engagement vielfach ausgezeichnet. Hier seien nur die größten Preise genannt: Mirjam Pressler erhielt für ihre »Verdienste an der deutschen Sprache« die Carl-Zuckmayer-Medaille, für ihr literarisches Lebenswerk den Deutschen Bücherpreis sowie für ihr Gesamtwerk den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Ihr literarisches und übersetzerisches Werk wurde zudem mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Als Übersetzerin bekam Mirjam Pressler den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und zuletzt 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übertragung aus dem Hebräischen von Amos Oz‘ Roman »Judas« (Suhrkamp).

Bild oben: (c) Karen Seggelke/Beltz & Gelberg

Werke von Mirjam Pressler bei Beltz & Gelberg

Bitterschokolade, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1980
Kratzer im Lack, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1981
Nun red doch endlich, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1981
Novemberkatzen, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1982
Zeit am Stiel, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1982
Katharina und so weiter, Beltz & Gelberg, 1984
Nickel Vogelpfeifer, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1986,
„Ich sehne mich so.“ Die Lebensgeschichte der Anne Frank, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1992
Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen, Beltz & Gelberg, 1994
Geschichten von Jessi, Beltz & Gelberg, Weinheim, 1999
Neues von Jessi, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2000
Malka Mai, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2001
Für Isabel war es Liebe, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2002
Zeit der schlafenden Hunde, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2003
Guten Morgen, gute Nacht, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2005
Wundertütentage, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2005
Golems stiller Bruder, Beltz & Gelberg, Weinheim 2007
Shylocks Tochter, Beltz & Gelberg, Weinheim, 2008
Nathan und seine Kinder, Beltz & Gelberg, Weinheim 2009
Mirjam Pressler erzählt Geschichten, Beltz Gulliver, Weinheim 2010
Wenn das Glück kommt…, Novemberkatzen. (Sammelband), Beltz & Gelberg, Weinheim 2010