Eine Jüdin aus Polen

Vor genau hundert Jahren wurde Rosa Luxemburg in Berlin von Freikorpssoldaten grausam ermordet. Doch die Täter handelten nicht allein aus politischen Gründen. Antisemitische und frauenfeindliche Motive zählten ebenso dazu…

Von Ralf Balke

Für deutsche Rechtskonservative und Nationalisten war sie das sprichwörtlich rote Tuch. Die Rede ist von Rosa Luxemburg, die gemeinsam mit Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 in Berlin von Freikorpssoldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division grausam ermordet wurde. Denn wenige Tage zuvor war der Januaraufstand, die von Anhängern der USPD, einer Abspaltung der Sozialdemokratie, sowie dem Spartakusbund und anderen linken Kräften initiierte Revolte gegen die Regierung, blutig niedergeschlagen worden. Ihr Ziel, die Errichtung einer Räterepublik nach sowjetischem Vorbild, war damit endgültig gescheitert. Möglich war dies vor allem, weil der Mehrheitssozialdemokrat Gustav Noske, eigentlich Volksbeauftragter für Heer und Marine, nicht nur Regierungstruppen eingesetzt hatte, sondern ebenfalls nationalistische Freikorpsverbände wie die radikale Garde-Kavallerie-Schütze-Division. Deren Kämpfer hatten Luxemburg und Liebknecht in der Wohnung der mit ihnen befreundeten Familie Markussohn in Berlin Wilmersdorf entdeckt und verhaftet. Im Hotel Eden, damals das Hauptquartier der Freikorpssoldaten, wurden sie daraufhin verhört und gefoltert. Bereits durch einen Gewehrkolbenschlag bewusstlos, ermordete Hermann Souchon, ein Leutnant zur See, Luxemburg durch einen gezielten Schuss in die Schläfe. Anschließend warf man ihre Leiche in den Landwehrkanal, wo sie erst am 31. Mai 1919 entdeckt wurde. In der Presse war tags darauf zu lesen, dass sie von einer aufgebrachten Menge gelyncht worden sei. Dieses Gerücht hatte der Offizier Waldemar Pabst, der die Ermordung der beiden Politiker mit dem Segen Noskes befohlen hatte, in die Welt gesetzt. Liebknecht erlitt ein ähnliches Schicksal und offiziell „auf der Flucht erschossen“.

Die Beisetzung von Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919, (c) Bundesarchiv, Bild 146-1976-067-25A / CC-BY-SA 3.0

Der Mord war alles andere als spontan, sondern geschah mit Ansage. Bereits Anfang Dezember hatte die Antibolschewistische Liga auf einem Flugblatt ihre Hinrichtung gefordert. „Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben.“ Vor allem Rosa Luxemburg verkörperte so ziemlich alles, was Rechtskonservativen und Nationalisten damals verabscheuten: Sie war eine radikale Linke, Intellektuelle, stammte aus Polen und war zu allem Überfluss auch noch Jüdin. Auf welche Weise der Haß gegen sie sich immer wieder Bahn brach, zeigt exemplarisch ein Artikel der Zeitung „Konservative Korrespondenz“ aus dem Jahr 1905: „Die galizische Jüdin Rosa Luxemburg ist jetzt Tonangeberin im Vorwärts, dem sozialdemokratischen Zentralorgan.“ Und weiter hiess es: „Weshalb lässt man die Aufruhr predigende galizische Jüdin im Lande? Man spediere diese Person doch dahin, woher sie gekommen ist, nach dem >in Freiheit< schwelgenden Russland!“ Auch die Freikorpssoldaten, die sie umbrachten, ließen 1919 ihrer Misogynie freien Lauf und brüllten: „Röschen, da kommt die alte Hure!“ Ihre Mörder handelten ganz bewusst ebenfalls aus judenfeindlichen Motiven. „Der Antisemitismus wurde das entscheidende ideologische Bindeglied der verschiedenen, sich oftmals bekämpfenden nationalistischen Gruppierungen“, bringt es der Historiker Bernhard Sauer auf den Punkt. „Schlagt alle Juden tot, Haut alle Juden tot, Schlagt alle tot“, lautete denn auch der Text des sogenannten Freikorps-Roßbach-Liedes, einem der bekanntesten Lieder in diesem Milieu. Wie tief der Antisemitismus bei ihnen allen verwurzelt war, beweisen weitere Morde wie der von Walter Rathenau drei Jahre später.

Dabei war das Verhältnis von Rosa Luxemburg zum Judentum ambivalent und alles andere als unproblematisch. Die 1871 in Zamocz im zaristischen Russland geborene Tochter des wohlhabenden Holzhänders Eliasz Luxemburg und seiner Frau Line, geborene Löwenstein, hatte nie von sich als Jüdin gesprochen. Gewiss, ihr Vater stand der Haskala, also der jüdischen Aufklärung nahe, und ihr Großvater war sogar ein Rabbiner. Auch beherrschte sie neben Deutsch, Polnisch und Russisch das Jiddische. Aber das Judentum und seine Kultur im östlichen Europa betrachtete sie in allererster Linie im Kontext sozialer Marginalisierung und historischer Rückständigkeit. Vielmehr bezeichnete sich Luxemburg wie zahlreiche andere Juden in den revolutionären Bewegungen ihrer Epoche als Internationalistin. Sowohl der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund, der eine Art nationale kulturelle Autonomie für Juden im östlichen Europa forderte, als auch der Zionismus waren für sie deshalb erklärte Gegner. Mit Yoysef Shloyme Mil, Redakteur der Zeitschrift „Der Yidisher Arbeter“ pflegte sie sogar eine besondere Feindschaft und attestierte ihm unter anderem „jüdische Arglist“. „Hier zeigt sich wieder einmal, zu welch radikaler Unversöhnlichkeit Rosa Luxemburg bereit und in der Lage war“, schreibt Ernst Piper in seiner Biographie über die Revolutionärin. „Das ist eine jener Textstellen, die man zitieren könnte, wenn man Luxemburg Antisemitismus unterstellen wollte.“ Davon gibt es gleich mehrere. So polterte sie in einem Brief an die sozialistische Frauenrechtlerin Clara Zetkin munter gegen die verhaßten Bundisten: „Die Juden vom Bund haben sich als die schäbigsten Schacherpolitiker entpuppt, die nach vielen Winkelzügen und radikalen Phrasen doch immer dem Plechanowschen Opportunismus die Stange hielten.“ Für Luxemburg war es eine Selbstverständlichkeit, sich solidarisch mit jüdischen Sozialisten zu zeigen. Doch damit war sofort Schluss, so bald diese anfingen, das Jüdische zu betonen oder gar nationale Rechte für Juden einzufordern.

Ungeachtet dessen nahm Luxemburg Antisemitismus oder „Judennot“, wie es damals ebenfalls hieß, durchaus zur Kenntnis. Aber genau wie Karl Kautsky oder auch Wladimir Lenin war sie der Überzeugung, dass die Judenfrage ebenso wie viele andere soziale Ungerechtigkeiten in einer emanzipierten Gesellschaft einfach verschwinden würde. Die Tatsache, dass große Teile der nichtjüdischen Gesellschaft, selbst wenn sie sich als fortschrittlich empfanden, bei der Gleichstellung von Juden nicht unbedingt mitmachen wollten und eine sozialistische Gesinnung auch mit antisemitischen Ressentiments einhergehen konnte, wurde von ihr genauso ausgeblendet wie die Frage, ob alle Juden überhaupt dazu bereit wären, ihre Kultur und Identität einfach so über Bord zu werfen und ins alle gleich machende sozialistische Paradies überzusiedeln.

Gerade wenn es um die damals so zahlreichen Pogrome im zaristischen Russland oder Rumänien ging, zeigte sie mitunter eine irritierende Haltung. „Was willst du mit den speziellen Judenschmerzen?“, fragte sie 1917 ihre Freundin Mathilde Wurm. „Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die Negerin in Afrika, mit deren Körper die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe.“ Luxemburg betonte, dass sie „keinen Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto besaß (…) Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken, Vögel und Menschentränen gibt.“ Das erscheint auf den ersten Blick sehr kaltherzig und banal. Aber die gewalttätigen antisemitischen Ausschreitungen, wie sie damals überall an der Tagesordnung waren, ließen sie nie kalt. Ihre Freundin Luise Kautsky, Ehefrau des einflussreichen SPD-Theoretikers Karl Kautsky, wusste dazu zu berichten. „Vor allem aber waren es die entsetzlichen Judenpogrome, die auf Rosa erschütternd und aufreizend wirkten, sie zum Hass und unauslöschliche Eindrücke in ihrem jugendlich-empfänglichen Gemüte hinterließen.“ Publizistisch bezog sie dann doch Stellung, wenn es für Juden – wie beispielsweise im nationalistisch gestimmten Polen– wieder einmal eng werden sollte. So lautete die Überschrift eines Artikel von ihr im „Czerwony Sztandar“ im Februar 2011: „Der Antisemitismus Arm in Arm mit dem Banditentum“. Und wenn die eigenen Genossen, die mit ihrem politischen Kurs nicht einverstanden waren, und sie wie 1903 Wolfgang Heine vom rechten SPD-Flügel aufgrund ihrer jüdischen Herkunft attackierten, konnte sie durchaus die Zähne zeigen. Dann schrieb sie im „Vorwärts“ gegen die „antisemitischen und ausländer-fresserischen Ausfälle“, die in ihrem Ton „moralisch auf das Niveau der preussischen Polizei“ gesunken seien.

All das zeigt, dass sie sich ihrer jüdischen Herkunft sehr wohl bewusst sein konnte. Gleiches lässt sich zu anderen Facetten ihrer Persönlichkeit sagen, die ebenfalls eine gewisse Ambivalenz aufweisen. So verehrte sie die polnische Kultur, hatte aber ein Problem mit dem polnischen Nationalbestreben. Sie war eine leidenschaftlich liebende Frau, wie ihr Biograph Piper schreibt, doch fremdelte sie mit dem Feminismus. So nahm sie nur ein einziges Mal an einer der zahlreichen Frauenkonferenzen der SPD teil, und das, ohne das Wort zu ergreifen. Sehr wohl positionierte sich Luxemburg als eine Verfechterin des Frauenwahlrechts, aber nur weil dies „den proletarischen Klassenkampf ungeheuer vorwärtstreiben und verschärfen“ würde. Auch diese Haltung sei typisch für sie, schreibt Piper. „Rosa Luxemburgs Ziel war die Befreiung der Menschheit durch den Sozialismus, nicht Rechte für einzelne Gruppen. Dafür kämpfte sie, rücksichtslos gegen andere wie gegen sich selbst, und das war, so scheint es, schon in früher Jugend in ihr angelegt.“ Und deshalb war sie offensichtlich nicht nur bei den politisch Rechten verhasst.

Bild oben: Rosa Luxemburg, 1915, Quelle: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-14077-006

Kommentar verfassen