Rosa Luxemburg – eine demokratische Sozialistin? Kritische Betrachtungen anlässlich ihres hundertsten Todestages

Heute vor hundert Jahren wurde Rosa Luxemburg brutal ermordet. Sie gilt nicht nur der politischen Linken als eine historische Lichtgestalt. Doch war sie auch eine demokratische Sozialistin? Der Blick auf ihre Einstellungen und Handlungen erweckten daran Zweifel…

Von Armin Pfahl-Traughber

Am 15. Januar 1919, also genau vor hundert Jahren, wurde Rosa Luxemburg brutal ermordet. Freikorpssoldaten waren dafür direkt verantwortlich, eine Inkaufnahme durch führende Sozialdemokraten gilt als sicher. Damit starb eine Frau, die in der Geschichte als Lichtgestalt gilt. Dass es sich bei Rosa Luxemburg um eine beeindruckende Persönlichkeit handelte, lässt sich wohl kaum leugnen: Denn als akademisch gebildete Frau, die aus einer jüdischen Familie stammte und dem linken Flügel der SPD angehörte, musste man im Kaiserreich mehr als nur durchschnittlich willensstark sein. Früh warnte sie vor der Avantgarde-Theorie von Lenin, würde diese doch nicht zur „Diktatur des Proletariats“, sondern zur „Diktatur über das Proletariat“ führen. Auch engagierte sich Rosa Luxemburg früh und konsequent gegen Krieg und Militarismus. Ihr berühmtes „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ wurde zu einem geflügelten Wort. Sie galt fortan als Märtyrerin eines demokratischen Sozialismus. Doch auch gegenüber diesem Heiligenbild ist Kritik angebracht.

Dabei geht es um fünf Aspekte, wobei mit erkenntnistheoretischen Aspekten begonnen werden soll: Dogmatik statt Empirie. Die seinerzeitige Entwicklung des Kapitalismus hatte sich nicht so vollzogen, wie von Marx in seinen ökonomischen Schriften prognostiziert worden war. Es kam weder zu einer Verelendung des Proletariats noch zum Zusammenbruch der Wirtschaftsordnung. Daraufhin nahm bekanntlich Eduard Bernstein verschiedene Korrekturen im Sozialismusverständnis vor, womit ein friedlicher, parlamentarischer und reformerischer Weg zur Veränderung beschritten werden sollte. Dagegen wandte sich Rosa Luxemburg im bekannten „Revisionismusstreit“ in der deutschen Sozialdemokratie. Auch wenn sie sich um eine Begründung für eine gegenteilige Entwicklung des Kapitalismus bemühte, blieb sie doch mehr am marxistischen Dogmatismus und weniger der sozioökonomischen Realität verhaftet. Insofern stand denn auch Eduard Bernstein für einen undogmatischen, Rosa Luxemburg für einen dogmatischen Marxismus.

Beim zweiten Aspekt geht es um das Demokratieverständnis: Instrument statt Selbstzweck. Damit ist folgender Gesichtspunkt gemeint: Akzeptiert man den Mehrheitswillen grundsätzlich, also auch dann, wenn sich eine Mehrheit gegen die eigenen Positionen stellt. Oder beruft man sich nur auf Mehrheiten, wenn sie im eigenen Sinne orientiert sind. Rosa Luxemburg betonte immer, man könnte nur mit einer Mehrheit des Proletariats eine Revolution erfolgreich umsetzen. Doch gerade am Ende des Ersten Weltkriegs zeigte sich, dass die deutschen Arbeiter mehrheitlich für eine parlamentarische Demokratie und nicht für eine sozialistische Diktatur votierten. Deutlich zeigte sich hier an ihrem eigenen Agieren, dass sie diese Orientierung nicht akzeptieren wollte. Eine „Diktatur des Proletariats“ war vom Proletariat gar nicht gewollt. Ihm fehlte ein „Bewusstsein seiner Klasseninteressen“, die eben Rosa Luxemburg zu erkennen glaubte. Demokratie war für sie Instrument wie Selbstzweck zugleich, dominant war aber die machtstrategische Nutzung in der Praxis.

Dies erklärt sich auch mit durch das Bild vom Proletariat, wird doch als dritter Aspekt eine Idealisierung statt einem Realismus deutlich. Rosa Luxemburg ging gegenüber Lenin davon aus, dass die Arbeiter sehr wohl über ein revolutionäres Bewusstsein verfügen würden, welches dann spontan in einer entsprechenden politischen Situation in einem Umsturz münden würde. Luxemburg ging auch davon aus, dass die Arbeiter im Falle eines Krieges nicht als Soldaten aufeinander schießen, sondern gegen den Kapitalismus mittels einer internationalen Revolution vorgehen würden. Bekanntlich kam es ganz anders. Auch diese Fehleinschätzung steht dafür, dass Luxemburg das für sie objektive und nicht das reale Proletariat wahrnahm. Entsprechend der marxistischen Auffassung hätten die realen Arbeiter solche politischen Positionen haben müssen. Doch dem war in der gesellschaftlichen Realität keineswegs so. Luxemburg neigte zu einer romantischen Idealisierung des Proletariats, womit sich nicht nur, aber auch ihr politisches Scheitern erklärt.

Auch das Freiheitsverständnis von Rosa Luxemburg ist anders orientiert als vielfach gemeint, lässt sich hier doch als vierter Aspekt eine Begrenzung statt einem Grundwert bei ihr ausmachen. Dem steht der erwähnte „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“-Satz entgegen. Doch darf dabei nicht der Kontext für diese Worte ignoriert werden. Sie finden sich in den Kommentaren zur Russischen Revolution. Rosa Luxemburg lobte in diesem erst nach ihrem Tod veröffentlichten Text sowohl Lenin wie Trotzki für ihre Politik, die bereits früh zur Diktatur nur einer Partei führte. Die Bolschewiki verboten dabei auch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, also andere sozialistische Parteien. Genau dagegen stellte sich Rosa Luxemburg mit diesem Zitat. Ihr ging es nicht um Freiheit für  konservative oder liberale Parteien. In Deutschland hätte sie diese noch nicht einmal der damaligen Mehrheitssozialdemokratie zuerkannt. Insofern beschränkte sich ihr Freiheitsverständnis eben auch nur auf andere Sozialisten.

Und schließlich soll es noch als letzten und sechsten Gesichtspunkt um den Mehrheitswillen gehen. Auch hier steht die Akzeptanz mehr für ein Instrument, nicht für ein Prinzip. Zwar berief sie sich immer wieder auf die Mehrheit des Proletariats. Probleme entstanden dann aber in der Praxis, wenn diese Mehrheit eben einen anderen Willen hatte. Als sich etwa der Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte mit klarer Mehrheit für die Einberufung einer Nationalversammlung entschied, akzeptierte Luxemburg dieses Votum nicht. Diese Haltung macht erneut deutlich, dass ihre Ausrichtung der Politik an den Massen nicht an deren empirisch auszumachenden Auffassungen, sondern an den ihnen dogmatisch unterstellten Positionen orientiert war. In der Gesamtschau bedeutet dies, dass Rosa Luxemburg keine demokratische Sozialistin war – zumindest nicht im heutigen Sinne dieses Verständnisses. Von Anfang an war sie auch eine Feindin der Weimarer Republik. Daran legte sie auch die Axt, zerstört wurde sie aber aus dem politischen Kontext ihrer Mörder.

Eine ausführlichere Darstellung und Kommentierung mit Zitatnachweisen findet sich in: Armin Pfahl-Traughber, War Rosa Luxemburg eine demokratische Kommunistin bzw. Sozialistin? Eine kritische Prüfung ihrer demokratietheoretischen Verortung, in: perspektiven ds. Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik, 3. Jg., Nr. 1/2016, S. 180-189.

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