Forverts in di Tsukunft

Die linksliberale jüdische Zeitung „Forward/Forverts“ stellt auf online um…

Von Jim G. Tobias

Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich Zehntausende osteuropäische Juden auf den Weg in die USA gemacht, um das Elend des Ghettos hinter sich zu lassen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sollten ihre Träume von Freiheit und Glück Wirklichkeit werden. Doch schon bald mussten die Immigranten erfahren, dass die „Goldene Medina“ nicht das erhoffte Paradies war. Eingepfercht in die Mietskasernen und schlecht bezahlte Arbeit in den „Sweatshops“, so sah der Alltag für die Neuankömmlinge aus. Und so glaubten viele daran, dass eine Befreiung aus dieser Situation nur durch die Überwindung des kapitalistischen Systems herbeigeführt werden könnte.

Die sozialistische Zeitung „Forverts“ war das Organ dieser Menschen. Seit weit über hundert Jahren begleitet die Stimme der Gewerkschaftler und Linken das jüdische Leben in Amerika. Gegründet wurde diese Zeitung 1897 von dem Journalisten und Schriftsteller Abraham Cahan. Da die Mehrheit der jüdischen Einwanderer nur schlecht oder gar kein Englisch sprach, lag es auf der Hand, dass der „Forverts“ in Jiddisch gedruckt wurde. Neben politischen Einschätzungen und der Pflege der jiddischen Literatur – Nobelpreisträger Isaac B. Singer und Scholem Asch veröffentlichten regelmäßig im Blatt – gab der „Forverts“ praktische Anleitungen, um sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Die bekannteste Artikelserie war „A Bintel Brief“, eine Rubrik, die Leserfragen beantwortete. Von Kindererziehung, Moralvorstellungen bis hin zu Familienstreitigkeiten wurde hier alles abgehandelt.

Der Gründer des jiddischen Forverts, Abraham Cahan (1937), Foto: Library of Congress Prints and Photographs Division (Public Domain)

In den 1920er Jahren lag die Zahl der verkauften Exemplare bei ca. 280.000 täglich. Nach der Shoa war bis 1998 Mordechai Strigler Redakteur und Herausgeber des jiddischen „Forverts“. Über 40 Jahre lang verfasste der renommierte jiddische Schriftsteller und Journalist unter etwa zwanzig Pseudonymen unzählige Artikel und Reportagen. Doch diese Zeiten gehören längst der Vergangenheit an. Nur noch wenige sind der jiddischen Sprache mächtig. Die Auflage der Zeitung und damit die Erlöse gingen kontinuierlich zurück.

Anfang der 1990er Jahre überzeugte Seth Lipsky, ein ehemaliger Redakteur des „Wall Street Journals“ die Macher des „Forverts“ davon, dass langfristig nur eine englischsprachige Ausgabe das Erbe der jüdischen Kultur in New York erhalten kann: zunächst als Tageszeitung, dann als Wochenmagazin. Die jiddischsprachige Ausgabe wurde auf monatlich umgestellt. Und der „Forward“ ging auch mit der Zeit. Ab 2008 hat mit Jane Eisner erstmals in der über 100-Jährigen Geschichte des Blattes eine Frau den Posten des Chefredakteurs der größten jüdisch-amerikanischen Zeitung inne.

Nun erfolgt erneut ein großer Umbruch, die Redaktion stellt auf Online um: Ziel ist es, „immer bessere digitale Produkte zu liefern und unsere Leserschaft dort, wo sie leben, zu erreichen“, begründet die Herausgeberin Rachel Fishman Feddersen diesen Schritt. Deshalb „wird der Forward in diesem Frühjahr seine letzten Papierausgaben auf Englisch und Jiddisch drucken“. Schon heute erreicht die digitale Plattform des „Forward/Forverts“ jeden Monat rund zwei Millionen Leser. Ein Drittel der User ist unter 35 Jahren alt.

Die Zeitung hat viele Wandlungen durchgemacht – und erfolgreich gemeistert. Während die Leser das Blatt einst für paar Cent am Kiosk kaufen konnten, klickt sich die Community heutzutage ins Netz ein. „Dort ist und wird der Fortschritt sein“! Davon ist Rachel Fishman Feddersen fest überzeugt. Wobei dieser Aufbruch mit einem Wermutstropfen verbunden ist: Jane Eisner und weitere neun ihrer Kollegen verlieren ihren Job.

https://forward.com/
http://yiddish.forward.com/

Bild oben: Titelblatt des Forverts, Foto: jgt-archiv