Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden

Dieser Beitrag erschien im November 1918 in der Zeitschrift „Ost und West“, die sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ verstand und im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellte…

Autor war der unter dem Pseudonym Bar Ami (Sohn meines Volkes) schreibende Benjamin Wolf Segel. Segel wurde 1866 in Rohatyn geboren und wuchs in Galizien auf. Er sammelte ostjüdische Folklore, die er, wie auch im vorliegenden Beitrag, in deutschen, polnischen, hebräischen und jiddischen Publikationen veröffentlichte. Immer wieder widmete er sich auch der sog. Judenfrage und der antisemitischen Verfolgung von Juden. Mit „Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet. Eine Erledigung“ (1924) versuchte er erstmals, das antisemitische Werk, das zum Leitfaden alles Verschwörungstheorien werden sollte, zu entkräften. Segel starb 1931.

Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden

Von Bar Ami
Ost und West Heft 11 (November) 1918

Will man Welt- und Lebensanschauung eines Volkes ergründen, so genügt es nicht, seine hervorragenden Denker und Dichter zu befragen, man muß die Gedanken der großen Massen belauschen, ihre Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, wie sie eine Generation der andern im Laufe der Jahrhunderte in den Sagen und Dichtungen überliefert hat, in denen die innere und äußere Erfahrung der im Kampfe ums Dasein sich zu immer höheren Kulturstufen emporringenden Menschen aufgespeichert ist.

Lehrt uns der Volksglaube und die Volksdichtung, wie die Dichtung überhaupt, übrigens so wie auch die Philosophie, nicht wie die Welt ist, so lehrt sie uns doch, wie die menschlichen Wesen wünschen, daß sie sein soll, damit sie in ihr leben, leiden und gedeihen möchten. Das tiefe Wort Herbert Spensers ,,Society is prior to man“ (die Gesellschaft ist früher da, als das Individuum), welches die ganzen früheren Vorstellungen von der Entstehung der Gesellschaft aus dem freiwilligen Zusammenschluß der Individuen umgestülpt hat — ist nicht nur zeitlich wahr, sondern auch sachlich: das höchstentwickelte Individuum ist nur die Sublimierung der Gesellschaft; mag es der Masse um Jahrhunderte vorauseilen, mag es im heftigsten Streite mit ihr liegen, es gleicht doch immer nur dem Baum, der tief in dem mütterlichen Nährboden verwurzelt ist, mag er mit der Krone hoch in die Wolken hineinragen; in den edelsten Flüchten, die er trägt, kreisen die Säfte, die er aus der Tiefe saugt. In den tiefsten und feinsten Gedankengängen der vornehmsten Denker und Dichter wird man stets einen Nachhall des unentwickelten, primitiven Denkens des Volkes herausspüren, das ihnen seinen edelsten Extrakt abgegeben hat. Und wenn die Systeme der Denker uns einen Schimmer der objektiven Wahrheit — insofern diese uns überhaupt zugänglich ist — enthüllen, so spiegeln die Glaubensvorstellungen und poetischen Gebilde der Volksmassen vielleicht einen noch breitern Teil der Objektiven Wahrheit, nur von einer andern Seite. Lehrt nicht eine ganze Richtung der Philosophie, daß die Welt nichts anderes sei, als die Schöpfung des Willens und der Vorstellung des Menschen?

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Ueber keine der Ewigkeitsfragen haben die Menschen in unserer Zeit so ernsthaft und schmerzlich nachgegrübelt, als über das Problem der Seele und des Jenseits, — in unserer Zeit, da es wohl keinen Menschen auf der europäischen Erde gibt, der nicht näher oder ferner von dem grausen, sinnlosen Sterben berührt wurde, welches vier und ein halbes Jahr über die Kulturwelt dahinraste. Hört mit dem leiblichen Tod alles auf im Weltall, oder gibt es eine Fortdauer über das Grab — vielleicht das schauerliche Massengrab — hinaus? Ist das, was wir Seele nennen, nur die Summe der Lebenstätigkeiten, oder bildet es eine unabhängig von diesen bestehende Substanz, deren Herrin und Meisterin sie ist? Gibt es im Jenseits ein Wiedersehen für die Seelen, die sich hier auf Erden geliebt – und nacheinander gesehnt haben? Ist das Jenseits eine höhere, vollkommenere Welt, die aber mit der hienieden sichtbaren derart im Zusammenhang steht, daß die erstere die Vollendung der letzteren bildet, deren Idealisierung und letztes Ziel, daß in ihr alle Widersprüche des irdischen Lebens ausgeglichen, alle Ungerechtigkeit gesühnt, jeglicher Kummer getröstet, alles unverdiente Leiden belohnt, alle Gewalttat bestraft, das Böse gedemütigt und vertilgt wird und das Gute triumphiert? Alle diese schwersten und „letzten“ Fragen, die den Menschen seit jeher keine Ruhe gelassen, tauchen in unseren Tagen aus den Tiefen der Seele von zahllosen ernsten und sinnenden Menschen auf und heischen eine Antwort.

Es ist nun äußerst lehrreich, zu erforschen, welche Antwort das jüdische Volk im Verlaufe der Zeiten auf alle diese Fragen sich gab.

Daß die Menschenseele eine übersinnliche, rein geistige, göttliche Substanz ist, die den Körper belebt und ihn überlebt, gehört zu den allerältesten Bestandteilen der volkstümlichen jüdischen Weltanschauung, ein Grundsatz, an dem wohl, abgesehen von der zu aller Zeit und unter allen Völkern vorhandenen esprits forts, niemand ernstlich gezweifelt hat. Sie fand ihren klassischen Ausdruck in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „Gott hauchte dem Menschen den Lebensgeist ein“, nachdem er ihn aus der groben Materie geformt hatte. Das jenseitige Dasein, die Fortexistenz der Einzelseele nach dem Tode des Leibes spielt bekanntlich in der Bibel als ethisches Motiv in der Form der Lohnverheißung für das Gute und der Strafandrohung für das Böse nur eine ganz untergeordnete Rolle. Seitdem nun die protestantische Theologie sich zu modernisieren anfing und seitdem das metaphysische Interesse allenthalben erwacht ist, ist es Mode geworden, auf diesen „Mangel“ des Alten Testamentes mit Nachdruck hinzuweisen und zu betonen, daß dies abermals ein Beweis für die Inferiorität und grobmaterialistische Gesinnung des Judentums sei: es wird öfters sogar bestritten, daß das antike Judentum den sublimen Seelenbegriff gekannt habe. Vollends zu jener idealen Höhe, die den ganzen Zweck des Daseins, des Lebens der Individuen wie der Völker in die Sphäre des Uebersinnlichen verlegt, habe erst das Christentum die Menschheit emporgeführt. Auch die wenigen im Alten Testament vorkommenden Andeutungen und Hinweise auf ein Jenseits des Seelenlebens seien nicht jüdisches Eigengut, sondern Entlehnung aus der „arischen“ Gedankenwelt. Es existiert hierüber eine ganze Literatur.

Eine eingehende Untersuchung würde die vollkommene Haltlosigkeit dieser Ansicht zeigen. Sie würde auch den Beweis erbringen, daß die moderne Bibelkritik durch diese Behauptung mit sich selber in einen krassen Widerspruch gerät. So viel ist sicher, daß die Juden aufs äußerste erstaunt sein müßten, wenn man ihnen einreden wollte, daß sie an die Unsterblichkeit der Seele und an Lohn und Strafe im Jenseits je gezweifelt hätten. So weit unsere Erinnerung und Tradition zurückreicht — und sie reicht bekanntlich eine ziemlich weite Strecke zurück, weiter als die aller anderen europäischen Völker — hat diese Vorstellung stets einen integrierenden Teil unserer Welt- und Lebensanschauung gebildet. Daß sie namentlich bei den biblischen Schriftstellern so sehr in den Hintergrund tritt, hat seine sehr guten historischen und ethischen Gründe. Doch das bildet ein Kapitel für sich. Einstweilen wollen wir zusehen, welche Gestalt diese Grundvorstellung in der Phantasie des jüdischen Volkes, besonders in der neueren Zeit angenommen hat.

Treffend malt die Anschauungen des jüdischen Volkes über das Verhältnis des Einzelmenschen zum Diesseits und zum Jenseits folgende Sage: Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz zu schauen, seinen Segen zu empfangen und Abschied von ihm zu nehmen. Wie groß war ihre Verwunderung, als sie das Lager des Meisters umgaben und bemerkten, daß sein Antlitz von Tränen übergossen war. Er weinte: Ein Staunen erfaßte sie und eine Angst, da sie sich nicht erklären konnten, woher dieser Ausbruch der Trauer in solch feierlicher Stunde käme, da ihr Lehrer vor Gottes Angesicht erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifelt da. Schließlich faßte sich der jüngste unter ihnen, der ein Liebling des Rabbi war, ein Herz, trat an den Sterbenden heran und redete ihn folgendermaßen an: „Rabbi, weshalb weinst du ? Tut es dir leid, diese eitle, irdische Welt zu verlassen und diesen Körper von Staub, in dem du gefesselt bist? Hast du nicht selber bei Lebzeiten dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns geehrt, dieses flüchtige, irdische Dasein zu verachten? Oder hast du etwa an der Gnade Gottes verzweifelt, und es überkommt dich eine Angst bei dem Gedanken an das himmlische Gericht? Oder hast du noch etwas in diesem Leben zu vollbringen, was du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht dich eine solche Trauer, da Gott dich zu sich ruft? Antworte, belehre uns und kläre uns auf, denn wir sind durch dein Weinen in der Seele gerührt und verwirrt und wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortan leben sollen.

Der Meister wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete wie folgt:

„Ich weine nicht, als ob es mir leid täte, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur die Vorhalle der künftigen Welt sind, wo erst das wahre und echte Leben beginnt. Auch die Strafen, die mich für meine Sünden in der anderen Welt erwarten, fürchte ich nicht, denn so groß der Zorn Gottes wegen meiner Sünden auch sein mag, seine Gnade ist noch größer. Auch lasse ich hier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich zu vollbringen hatte, habe ich vollbracht, ich könnte in Ruhe von dannen gehen.

Aber weh tut es mir, Gottes Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, daß man in einem kurzen Augenblick durch eine einzige Tat, durch einen einzigen Gedanken, wenn man einem Hungernden einen Bissen Brot reicht, einem Unglücklichen Hilfe und Trost spendet, oder ein einziges Mal sich nach Gott sehnt — sich die ganze Seligkeit jener Welt verdienen kann. Ihr wißt ja, wie es gesagt wurde: Schöner ist ein einziger Augenblick in der Seligkeit jener Welt, als ein ganzes Leben im Diesseits; doch schöner ist ein einziges, der göttlichen Lehre und den guten Taten geweihtes Stündchen im Diesseits, als die ganze selige Ewigkeit im Jenseits.

In dieser kleinen, den schlichtesten Volkskreisen entstammenden Erzählung spiegelt sich vorzüglich die Anschauung und das gefühlsmäßige Verhältnis des Juden zu der Frage nach Unsterblichkeit, Seele, Jenseits, Lohn und Strafe. Der Glaube an die Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tode ist dem unverwüstlichen, unausrottbaren Lebenswillen und der Lebenslust entsprungen. Natürlich muß dieses andere Leben ein veredelteres, höheres sein, als das diesseitige. Aber für den Juden macht den wertvollsten Inhalt des Lebens die Aktivität aus die intellektuelle wie die reale Tat: das Erkennen und Formen der Welt, oder wie die Mischnah es nennt: Thora und Aboda, Lernen und Arbeiten. Nun ist aber für ihn das Leben im Jenseits nur ein rezeptives, kein aktives. Von einem Formen und Bilden der Welt, von einem „Mitarbeiten am Werke der Schöpfung Gottes“ kann dort gar nicht die Rede sein. Aboda gibt es im Himmel überhaupt nicht. Der Psalmist drückt das in seinem Stil sehr schön aus, „nicht die Verstorbenen preisen Gott, nicht die, die ins Grab gestiegen sind.“ Ja, sein Wunsch ist: „nicht sterben will ich, sondern leben, und die Taten Gottes betrachtend preisen.“ Die höhere Erkenntnis, welche der Seele des Menschen aufgeht, nachdem sie vom irdischen Kerker befreit ist, besteht in einem wonnevollen Schauen der Herrlichkeit Gottes, der ihr alle verborgenen Geheimnisse des Weltalls und der Thora offenbart, alle Rätsel löst, die ihr hienieden, so lange sie in der niederen Materie schmachtete, unerklärlich waren. Es ist also ein passives Genießen, ohne Mühe und Kummer. Aber nach jüdischer Empfindung ist gerade das Ringen mit dem Unbekannten, das angestrengte Sichabmühen um die Thora, der Kampf um die Erkenntnis des Wahren, was den höchsten Wert besitzt; das Regen und Entfalten der Kraft ist des Menschen höchste Seligkeit.

Darum weint der alte Rabbi auf dem Totenbett und empfindet es schmerzlich, daß er von dieser schönen Welt Gottes scheiden muß. Bezeichnend ist das schöne, unter den Juden so populäre Wort der Mischnah; welches dem Sterbenden in den Mund gelegt wird, und das so klar die Empfindung zum Ausdruck bringt, daß dieses irdische Jammertal mit seinen Kümmernissen, Wirrnissen und Kämpfen der eigentliche Schauplatz der menschlichen Tätigkeit ist, wo er seine Kräfte entfalten und zur Vollreife bringen kann, während das Jenseits die Stätte ungetrübter, ewiger Heiterkeit in der Nähe Gottes ist.

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Eine andere jüdische Volkssage malt recht anschaulich das Bild, welches die jüdische Volksphantasie sich von den Wonnen des Jenseits macht:

Es fuhr einmal ein armer Mann durch einen tiefen Wald. Er hatte einen alten, zerbrochenen Wagen und ein mageres kleines Pferdchen, und wie er sich so dahinschleppte, kam der Freitag und es wurde Abend. Da mußte er Rast machen und den Sabbat feiern. Er gab seinem Pferdchen Futter, betete und holte aus dem Sack ein trockenes Stück Schwarzbrot hervor und hielt damit das erste Sabbatmahl. Das gleiche tat er am Sabbatmorgen zum zweiten, und am Abende des Sabbattages zum, dritten Sabbatmahl. Und wie er so einsam bei seinem Pferdchen im wilden Walde dastand, gedachte er der alten Zeiten, als er reich war und den Sabbat auf ganz andere Weise feierte, als hier auf dem Wagen mit einer Krume Schwarzbrot. Da saß er in seinem schönen Hause mit Frau und Kindern in einem hellerleuchteten Zimmer und hatte zahlreiche Gäste bei Tische und sie sangen die schönen Sabbatlieder, wie Gott es gebietet, und man trug die besten Speisen auf und trank Wein und war fröhlich von Herzen. Und wie er so nachdachte, wurde ihm immer trauriger zumute, und er fing an zu weinen : „Nun habe ich mich mein ganzes Leben redlich gemüht und gerackert, und am Ende ist es so weit mit mir gekommen. Warum straft mich Gott so hart? Freilich, meines Anteils an der zukünftigen Welt bin ich sicher, und nachdem ich meine Sünden abgebüßt habe, werden mir alle Herrlichkeiten des Paradieses zuteil werden. Aber, wenn Gott mir für einen Teil jener Herrlichkeiten, die mich im Himmel erwarten, ein klein wenig irdisches Glück geben wollte, damit ich es nicht nötig hätte, mich so bitter zu plagen, wäre das nur gerecht von ihm.“ Mittlerweile wurde es Nacht. In den alten guten Zeiten pflegte er zu dieser Stunde am Ausgang des Sabbats das Geleitemahl, das Festmahl des Königs David, abzuhalten. Was war da für eine Freude und Lustigkeit im Hause! Man sang die Lieder vom Propheten Eiiah und sagte Thora und erzählte schöne Geschichten, bis der Morgen graute. Und jetzt saß er da im finstern Walde und hungerte, denn das Schwarzbrot war schon zu Ende.

Und wie er sich an das alles erinnerte, erhob er die Augen und bemerkte von der Ferne ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach und gelangte in ein kleines Häuschen, wo er eine alte Frau traf. Die alte Frau bot dem Ausgehungerten eine Portion Fische an, die vom Sabbatmahl übrig geblieben war, Natürlich wollte er zuerst die Semiroth für den Sabbatausgang singen. Er fing an, in der Stube auf und ab zu gehen und zu singen, und wurde nicht so bald fertig. Da kam auf ihn ein Mann zu und sprach: „Komm mit mir, ich lade dich zum Geleitemahl.“ Er faßte ihn bei der Hand und führte ihn durch eine unterirdische Höhle einen weiten, weiten Weg, bis sie in einen Raum gelangten, der voll war von Licht, daß es aussah, wie bei hellem Tage. Darinnen saßen viele Menschen, junge und alte. Es waren lauter schöne Menschen, und sie sahen sehr edel aus. Alle hatten weiße Gewänder an, und als die beiden hereinkamen, gab man auch ihnen weiße Gewänder zum anziehen. Dann setzten sie sich an den Tisch, einer stimmte einen Gesang an, und alle sangen mit, und das war der schönste Gesang, den er je gehört Dann sagte ein Alter Thora, und er deutete ihnen vieles Unerklärliche und Verborgene, daß unser Mann erstaunt und entzückt war. Dann erhob ein schöner Alter mit leuchtenden Augen wie zwei Sonnen, und einem langen weißen Bart eine Fiedel und fing an zu spielen, was war so wunderbar schön, daß einem dabei die Seele ausgehen konnte. Und dabei tanzten die anderen alle, und tanzten gar lange, aber man sah es ihnen an, daß keine Müdigkeit über sie kam, so lange sie auch tanzen mochten. Unser armer Mann konnte sich nicht sattsehen und satthören an all dem Schönen, welches hier war. Er vergaß ganz, woher er kam und was mit ihm geschehen war und meinte, hier würde er ewig bleiben in den weißen Gewändern und würde den Gesang hören und das Spiel der Fiedel und die wunderbaren Offenbarungen der Geheimnisse der Thora. Da kam auf ihn der Mann zu, der ihn hierher gebracht hatte, faßte ihn bei der Hand und geleitete ihn hinaus durch unterirdische Gänge, weit, weit weg, bis sie in einen Raum gelangten, der angefüllt war mit Gold und Edelsteinen, daß es in den Augen nur so flimmerte. Da sprach der Führer zu unserem Manne: Wisse, ich bin Eiiah, der Prophet. Ich habe deine Klage gehört, und deine Bitte, daß Gott dir den Lohn, der dich im Jenseits erwartet, auf Erden in irdischen Gütern bezahle. Ich habe dich nun ins Paradies gebracht und du hast da eine ganze Nacht verweilt. Du hast den Geschmack des Paradieses bei Lebzeiten gekostet. Das waren die Heiligen und Reinen, die hier in Ewigkeit ein seliges Leben führen. Das war König David, der die Fiedel spielte, denn es war ja das Festmahl des Königs David. Wenn deine Zeit auf Erden abgelaufen ist, wirst auch du unter ihnen weilen. Aber so lange du lebst, mußt du Armut tragen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, daß du entweder diese oder jene Welt erbst. Doch wenn du auf jene Welt verzichtest, kannst du dir hier so viel Gold und Edelsteine nehmen, als es dir beliebt. Nun wähle.“ Der arme Mann sann eine Weile nach. Aber bald wandte er sich ab, denn er fürchtete, daß der Jezer ha Ra ihn bereden könnte, auf das selige Leben im Jenseits in Gemeinschaft der Heiligen und Reinen zu verzichten. Als der Morgen graute, stand er wieder im dichten Walde, neben seinem Wagen und seinem magern Pferdchen.

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War die vorangehende Sage eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde im Diesseits der Lehre und den guten Taten gewidmet, köstlicher ist, als die ganze Seligkeit des Jenseits, so ist die letztere Sage hier wiederum eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde der ewigen Seligkeit im Jenseits mehr wert ist, als ein ganzes diesseitiges Leben mit allen seinen irdischen Genüssen und Ehren. Man kann die in der einen wie in der anderen sich spiegelnde Lebensanschauung nicht Askese nennen, auch nicht Mystik, denn was sich in ihnen spiegelt, ist nur eine Wertung der höchsten Lebensgüter: Erkenntnis und schöpferische Arbeit.

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Eine andere Sage von merkwürdiger Phantastik gibt eine kräftige Vorstellung von dem jüdischen Volksglauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen im Jenseits sich danach sehnen, für eine kurze Weile ins irdische Leben zurückzukehren, um dessen flüchtige Wonnen zu genießen. Sie lautet folgendermaßen: 

In alter Zeit war ein reicher Mann, der war sehr wohltätig, von allem was er verdiente gab er die Hälfte im Verborgenen an die Armen. Da er selber die Armen und deren Bedürfnisse nicht alle kennen konnte, gab er das meiste Geld an den Rabbiner seiner Stadt, einen sehr frommen und heiligen Mann, und dieser verteilte die Summen unter die Dürftigen, ohne daß diese wußten, woher sie kamen. Nach Jahr und Tag verlor er sein ganzes Vermögen und wurde so arm, daß er selber vom Rabbiner Unterstützung annehmen mußte. Eines Tages sagte der Rabbiner zu ihm: „Weißt du was, du solltest doch versuchen, von neuem ein Geschäft anzufangen. Vielleicht gibt Gott dir abermals Glück und dein Stern geht wieder auf. Hier hast du einen Goldgulden, versuche es, mit Juwelen zu handeln.“ Der Mann tat, wie ihm befohlen war, und, siehe da, der Segen des Rabbiners hatte eine gute Wirkung, der Juwelenhändler wurde bald wieder ein reicher Mann. Einmal war er genötigt, in Geschäften eine weite Reise zu unternehmen, nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Rabbi, um Abschied von ihm zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Rabbi sprach: „Gehe in Frieden, hier hast du einen versiegelten Brief, du darfst ihn nur öffnen, wenn du dich in höchster Lebensgefahr befindest.“ Der Mann verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise an. Frau und Kinder begleiteten ihn ans Ufer des Meeres, hier nähte ihm die Frau den Brief in das Rockfutter ein, darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welches in das Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Einmal erhob sich ein Sturmwind, das Schiff zerschellte, und unser Mann klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein Ufer trug. Er trat ans Land und fing an, sich umzusehen, wo er sich befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche Obst- und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles war schöner und farbenreicher, als sonst in der Welt. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nirgends zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuser trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wiederkommen. Am Herd standen Gerichte, überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu sehen. Dasselbe fand er auch im zweiten und im dritten Hause. Er dachte bei sich: Was mag das nur sein? Sind alle Einwohner dieses Landes irgendwohin verreist und haben ihre Wohnung unverschlossen gelassen?“ Seinen Hunger stillte er mit den Früchten der Bäume, die nur Gottes Werk sind, wagte aber nicht, die Gerichte und Speisen zu berühren, denn er fürchtete, ob er sich nicht in der Hauptstadt der Dämonen befand, und wer etwas von diesen genießt, der kann nimmer mehr ihrer Macht entrinnen. Mittlerweile sah er sich immer aufmerksamer in den Häusern um, und fand, daß alles wie zum Sabbat vorbereitet war. In den Leuchtern staken Kerzen, auf den Tischen lagen Sabbatbrote. Wein schimmerte in den Flaschen, Fische schmorten in den Pfannen am Herd.

Endlich kam der Freitag. Wie unser Mann ziellos umherirrte, vernahm er eine Stimme, die ausrief: „Ins Bad! Ins Bad!“ Er folgte der Stimme und fand den Gemeindediener, der, wie üblich, durch die Straßen zog und laut ausrief, die Leute sollten vor Anbruch des Sabbat ein Bad nehmen. Unser Mann war sehr erfreut, endlich einen lebenden Menschen zu finden, aber der Gemeindediener sprach kein Wort zu ihm, zeigte ihm nur stumm den Weg zum Badehaus. Hier war es voll von Leuten. Nachher eilten sie alle in die Synagoge zum Gottesdienst. Einer der Anwesenden lud, wie üblich, den fremden Gast auf den Sabbat in sein Haus. Man feierte den Sabbat gar fröhlich und munter, bei erlesenen Speisen und Getränken, man sang alle Sabbatliedcr und jubelte, wie es unser Mann sein Leben lang nicht gesehen hatte. Er war sehr neugierig zu erfahren, wer und was die Leute sein mochten, mußte aber seine Neugierde bezähmen, bis der Sabbat vorüber wäre, denn an diesem Tage darf man nicht von werktäglichen Dingen reden. Als am Abend der Hausherr den Scheidesegen gesprochen hatte, und unser Mann im Begriffe stand, ihn auszufragen, waren alle auf einmal verschwunden. Der Mann irrte wieder eine ganze Woche einsam umher und wußte nicht, was aus ihm werden sollte. Endlich erinnerte er sich an den Brief des Rabbiners, den ihm seine Frau in das Rockfutter eingenäht hatte. Jetzt war die Zeit, ihn zu öffnen. Darinnen stand zu lesen, er solle seinem Wirt, wählend er den Scheidesegen spricht, die Hand in den Gürtel stecken und zu ihm sprechen: „Ich beschwöre dich im Namen Gottes, daß du mir sagest, wer ihr seid, und mir den Weg nach meiner Heimat zeigest.“ Als der nächste Sabbat kam, tat der Mann, wie ihm geheißen war, und darauf erzählte ihm der Hausherr folgendes:

„Wir sind keine lebenden Menschen wie du, wir sind längst verstorben. Vor langen, sehr langen Zeiten wohnten wir in einer fernen Stadt. Da gab auf einmal der König ein Gesetz heraus, wir sollten uns alle taufen lassen, sonst würden wir gemartert, und dann hingerichtet werden. Wir erbaten uns drei Tage Bedenkzeit, aber nur, um vor dem Tode Buße für unsere Sünden tun zu können. Der dritte Tag war Sabbat. Wir feierten den Sabbat, wie Gott es gebietet, mit Lobgesängen und Liedern, hielten alle drei Sabbatmahle ab, aßen und tranken und priesen Gott und freuten uns, als sollte nichts geschehen, denn wir wollten die Heiligkeit dieses Tages nicht durch Trauer entweihen, sondern ihn ein letztes Mal auf Erden so feiern, wie wir es all unser Leben getan. Als der Abend kam, beschlossen wir alle zu sterben, wir zogen das Los, wer zuerst in den Tod gehen sollte, ihm folgten dann die andern. Denn wir hatten gefürchtet, wenn wir lebend in die Hände des Peinigers fielen, könnten wir abtrünnig werden. Im Himmel aber entstand darob ein großer Aufruhr. Sollten solche Menschen derart vor der Zeit sterben, und was sollte ihr Lohn sein? Wir gingen darauf ins Paradies zum ewigen Leben ein. Aber zum Lohn dafür, daß wir den letzten Sabbat im Leben, ohne des bevorstehenden Todes zu achten, so gefeiert hatten, dürfen wir auf jeden Sabbat wieder irdische Gestalt annehmen, dann steigen wir auf diese Insel nieder, wo wir den Sabbat in Freuden und Jubel begehen, gleich wie wir es am letzten Tage unseres irdischen Lebens getan.

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Aus der überreichen Fülle der psychologisch und philosophisch äußerst lehrreichen jüdischen Volkssagen, die das Jenseitsproblem zum Gegenstand haben, möge noch folgende hergesetzt werden:

Einer Witwe starb ihr einziger Sohn, kurz bevor er Hochzeit machen sollte. Anstatt ihn unter die Chuppa zu führen, führte sie ihn auf den Friedhof hinaus und bettete ihn ins kalte Grab. Wochen und Monate lang war sie wie verwirrt, saß stumm da, und sprach kein Wort zu einem Menschen. Nachher weinte sie Tage und Nächte ununterbrochen. Aber auch als das Trauerjahr vorüber war, legte sie die schwarzen Gewänder nicht ab, weinte die Nächte hindurch, wandte sich von den Menschen ab, ging jeden Tag auf das Grab ihres Sohnes und verbrachte lange Stunden mit dem Betrachten des Grabhügels und des Denksteins darauf. Alle Trostworte und Zureden ihrer Verwandten und Freunde wies sie von sich. Sie sehnte sich nach dem Tode, um mit ihrem geliebten Kinde endlich vereint zu sein, oder wenigstens es im Traume zu sehen. Einmal erschien ihr der verstorbene Sohn im Traum. Sein Gesicht war schwarz vor Kummer und Harm, er war in einen Sack gehüllt und mit Asche bedeckt. Das Herz der Mutter krampfte sich hei diesem Anblick zusammen, und sie konnte kein Wort hervorbringen. Der Sohn sprach zu ihr: „Mutter, warum hörst du nicht auf, um mich zu trauern? Das läßt mir auf der andern Welt keine Ruhe und ich bin noch keinen Augenblick in die Pforten des Paradieses eingelassen werden, sondern muß obdachlos umherirren. Dein unablässiges Trauern und Weinen beleidigt Gott; alle anderen Seelen strahlen in dem Anblick Gottes, die Engel des Himmels bringen die guten Taten herauf, die ihre Hinterbliebenen zu ihrem Gedenken verrichten, von dir aber kommen nur ewige Klagen und Vorwürfe gegen den unabänderlichen Willen Gottes, der doch allein weise und gütig ist und am besten weiß, was den Sterblichen frommt. Wenn du mich wirklich lieb hast, mußt du endlich die Trauergewänder ablegen, und den Schmerz aus deinem Herzen verbannen. Anstatt um den Tod deines Sohnes unablässig zu weinen und zu klagen, mußt du auf Erden zu seinem Andenken das tun, was ihm zu vollbringen verwehrt war. Ich habe kein Kind zurückgelassen. Aber in derselben Nacht, als ich starb, wurde in dieser und dieser Gasse, in diesem und diesem Hause ein Kind geboren, und die Mutter, deren Mann einige Wochen zuvor aus dem Leben geschieden, starb kurz darauf. Suche das Kind auf, nimm es zu dir, hege und pflege es, als wäre es das Kind deines einzigen Sohnes, habe Freude daran, tröste dich über den Tod deines einzigen Kindes. Damit wirst du den Willen Gottes tun und meine Seele von den Qualen erlösen, die ich wegen deiner unablässigen Trauer erdulde.“

Am nächsten Morgen war das erste, was die Frau tat, das verlassene Waisenkind aufzusuchen. Sie nahm es zu sich und tat, wie ihr verstorbener Sohn ihr anbefohlen. Nach einiger Zeit erschien der Mutter abermals der Sohn im Traume. Er war in die strahlenden Gewänder der Zedakah (levusche zedakah di-nehirin) gekleidet, sein Antlitz leuchtete, seine Augen glänzten und er lächelte selig.

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