„Dos Szach-Szpil is a rejn jidisz Szpil“

36 jüdische Spieler aus 16 DP-Camps trafen sich 1946 zur Schach-Olympiade…

Von Jim G. Tobias

Das Spiel mit den 32 Figuren auf 64 Feldern fasziniert die Menschen seit mehr als einem Jahrtausend. Erst kürzlich fand in London der Finalkampf zwischen dem amtierenden und neuen Schachweltmeister Magnus Carlsen und seinem Herausforderer Fabiano Caruana statt. Lange Zeit hatten jüdische Spieler den Titel getragen. Der erste Schachweltmeister, von 1886 bis 1894, war Wilhelm Steinitz. Ihm folgte Emanuel Lasker, der bis 1921 unangefochten die WM-Krone verteidigte. Weitere jüdische Schachweltmeister waren Michail Botwinnik und Garri Kasparow (geb.: Weinstein). Der letzte jüdische Spieler in einem Weltfinale war der aus Belarus emigrierte Boris Gelfand. Er verlor 2012 nur knapp gegen den Inder Viswanathan Anand. Vizeweltmeister Gelfand spielt seit 2000 für Israel und lebt heute in Rischon LeZion.

Auch in den Displaced Persons (DP) Camps war das „Königliche Spiel“ weit verbreitet. Im Herbst 1946 fand in Landsberg am Lech die erste Schach-Olympiade nach der Shoa statt. Möglicherweise aufgrund der langen jüdischen Dominanz, Lasker trug den Titel über 27 Jahre, kam die Landsberger Lager Cajtung 1946 zu dem Schluss „Dos Szach-Szpil is a rejn jidisz Szpil“, und somit „sejnen di jidiszn Szachistn di beste Szpiler in der Welt.“ Auch der russische Literat und Schachspieler Andreas Ascharin war unverkennbar dieser Meinung. „Wo sich ein Schachclub auftut, da sind die Söhne Israel gewiss nicht die Letzten, welche um Einlass bitten. Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern, rastlos bestrebt sich hervorzutun und der Erfolg fehlt ihnen selten“, ist in seinen 1894 veröffentlichten Schachhumoresken zu lesen.

Da sich Schach als vergnüglicher und intellektueller Zeitvertreib bei den Überlebenden der Shoa einer großen Beliebtheit erfreute, sprossen die Schachklubs förmlich wie die Pilze nach einem Sommerregen aus dem Boden. Alle jiddischen DP-Zeitungen hatten eine spezielle Rubrik, „Szach-Winkl“ genannt, in der Partien zum Nachspielen oder Analysieren abgedruckt waren. Regelmäßig wurden Turniere und Simultanwettbewerbe veranstaltet.

Vom 1. bis zum 15. September 1946 fand auf Einladung des „Jidiszer Turn un Sport Farajn Ichud“ im DP-Camp Landsberg die erste „Jidisze Szach Olimpiade“ nach der Shoa statt. Die besten 36 Spieler aus 16 Lagern nahmen an diesem sportlichen Großereignis teil. In seiner Eröffnungsansprache erinnerte der Ehrenvorsitzende des Landsberger Schachklubs, H. Markowski, daran, dass sich schon unmittelbar nach der Befreiung „Szachisten“ zusammengeschlossen hatten. Ein Beweis dafür, dass der „jüdische Geist trotz Konzentrationslager und Ghettos überlebt hat“. Der Abend endete mit einem gutbesuchten Konzert des „Reprezentanc Orkester fun der Szeerit Hapleitah“ unter der Leitung von Dirigent Michael Hofmekler, einem Überlebenden des „Kovner-Ghetto-Orchesters“.

Bei reger Anteilnahme der Lagerbewohner, „baj a ful gepaktn Zal“, wie die Landsberger Lager Cajtung schrieb, wurden sechs Gruppen mit sechs Spielern ausgelost. Jeweils die besten Drei kamen eine Runde weiter, sodass schließlich neun Spieler das Finale erreichten. Zudem wurde dem Landsberger Schachmeister I. Borzykowski die Ehre erteilt, an der Schlussrunde teilzunehmen. Dieser Durchgang dauerte fünf Tage lang. Die beiden punktbesten Spieler qualifizierten sich für das mit großer Spannung erwartete Finale, bei dem sich der Vertreter aus dem DP-Hospital St. Ottilien, Ch. Aleksandrow, souverän gegen den „sehr nervösen“ Landsberger Meister durchsetzen konnte.

„Landsberg Ichud 1946 Szach Olimpiade, 1. Preis gegebn fun UNRRA Direktor Mr. Korn“, war auf dem Siegerpokal in jiddischer Sprache eingraviert. Repro: Jehoshua Pierce / www.luxjudaica.com

Am letzten Wettkampftag überreichte Lagerdirektor Walther Korn den von ihm selbst gespendeten Pokal dem Sieger der Schach-Olympiade, Ch. Aleksandrow. Auf der silbernen Trophäe waren die Fahne mit dem Davidstern und das amerikanische Sternenbanner eingraviert. Der Verlierer I. Borzykowski erhielt als Trostpreis ein handgemachtes Schachspiel. Das konnte er gleich einsetzen. Denn nach dem feierlichen Bankett veranstalteten die zehn Finalspieler noch ein Blitz-Turnier und bewiesen damit erneut, dass das strategische Brettspiel als Spiel der Vernunft im Judentum eine jahrhundertlange kulturelle Tradition hat. Doch es bereitet auch Vergnügen: „Denn Schach ist wie Liebe, allein macht es weniger Spaß“, meinte beispielsweise der jüdische Schriftsteller Stefan Zweig, der mit seiner „Schachnovelle“ dem „Königlichen Spiel“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Bild oben: Simultan-Schach im DP-Camp Landsberg, Repro: Jehoshua Pierce / www.luxjudaica.com

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