Ich bitte Sie, wir sind doch Europäer!

Lisa Miková – eine Tschechin, die nicht nur Auschwitz überlebt hat…

Holocaust-Überlebende, Auschwitz-Überlebende – solche Verkürzungen auf wenige Jahre der Fremdbestimmung und Verfolgung sind vollkommen ungeeignet, ein erfülltes Leben in den Blick zu fassen. Sie nehmen überdies ungewollt die Perspektive der Verfolger ein. Viel mehr als eine Holocaust-Überlebende ist Lisa Miková eine Zeitzeugin des Jahrhunderts, eine Tschechin, eine Europäerin – und vor allem eine überaus faszinierende Persönlichkeit. Dieses Buch ist ein bescheidener Versuch, dieser ungewöhnlichen Frau ein Denkmal zu setzen.

Der in Tschechien lebende Autor Werner Imhof ist kein Elfenbeinturmhistoriker. Er schöpft aus einem Erfahrungsschatz von 700 Zeitzeugengesprächen, hat zwei Autobiografien Überlebender ins Deutsche übersetzt, gibt sein Wissen bei Führungen in Theresienstadt weiter und arbeitet an einem Dokumentarfilm über KZ-Gedenkstätte. Imhof ist Tschechien-Korrespondent verschiedener Medien. Sein gegenwartsbezogener Horizont bereichert das Buch, stellt Zusammenhänge und aktuelle Bezüge her.

Werner Imhof, Ich bitte Sie, wir sind doch Europäer! Lisa Miková – eine Tschechin, die nicht nur Auschwitz überlebt hat, tredition 2018, 112 S., Euro 13,99, Bestellen?

LESEPROBE

S. 12-14

Es verrät sehr viel über Lisa Mikovás Persönlichkeit, ihre Prägung als Kind der 1. Tschechoslowakischen Republik nach der Staatsgründung im Jahr 1918, ihr Selbstverständnis, worüber sie sich ärgert: In Tschechien ist es weit verbreitet, Gäste aufzufordern, die Schuhe beim Betreten einer Wohnung auszuziehen. Das empfinde ich immer als etwas entwürdigend. Wenn man jemanden zu Hause besucht, versucht man sich anständig zu kleiden – und läuft dann in Strümpfen (hoffentlich ohne Löcher und ohne allzu große Geruchsbelästigung!) herum. Im besseren Fall bietet der Gastgeber irgendwelche Hausschuhe an, die naturgemäß nicht die passende Größe haben und selbstverständlich zu der Kleidung, die man gewählt hat, im Unterschied zu den Straßenschuhen, die man getragen hat, nicht recht passen wollen. Als ich Lisa zum ersten Mal in ihrer Wohnung im historischen Zentrum Prags besuchte, fragte ich an der Tür: „Soll ich die Schuhe ausziehen?“ Entrüstet erwiderte Lisa: „Ich bitte Sie! Wir sind doch Europäer!“ Sie ist eine wunderbare Gastgeberin und eine ausgezeichnete Köchin.

Auch begegnet man hierzulande häufig der Gewohnheit, bei Namen zuerst den Nachnamen zu nennen. Das ist die Sprache von Bürokraten. Wahrscheinlich trägt diese Sitte dazu bei, dass ich immer wieder als „Herr Werner“ angesprochen werde. Das ärgert mich stets ein wenig und nicht selten kommt mir dabei der – wahrscheinlich übertreibende – Gedanke, es mit einem sehr provinziellen oder zumindest mit einem Menschen zu tun zu haben, der nicht viel nachdenkt über das, was er sagt. Wer nur ein ganz klein wenig über den tschechischen Tellerrand hinausgeschaut hat, wird wahrgenommen haben, dass auf der ganzen Welt vermutlich kein einziger Mensch mit Vornamen „Imhof“ heißt. „Das verdanken wir den Kommunisten“, sagt Lisa dazu. „Es ist praktisch für Ämter, nicht für Menschen.“

Geradezu wütend berichtete sie mir einmal über eine Gedenkveranstaltung zum Holocaust in einer Prager Synagoge. Man habe dort an diesem Tag die israelische Flagge aufgehängt. „Warum die israelische? Und wenn schon – warum dann nicht wenigstens auch die tschechische?“ fragte sie empört. Sie hat sich selbst stets als Tschechin verstanden, die zufällig jüdischen Glaubens ist. Zionismus ist ihre Sache nicht.

Ihre Verärgerung mischte sich mit ihrem unvergleichlichen trockenen Humor, als sie mir einmal von einer Reise mit ihrem Mann in die Schweiz erzählte. „František besuchte, wenn wir auf Reisen waren und ein wenig Zeit hatten, gern Friedhöfe und Denkmäler. Einmal, ich glaube, es war in der Nähe von St. Gallen, rief er mich plötzlich aufgeregt zu sich: »Schau Dir das einmal an, Lisa!« Wir standen vor einem Gedenkstein mit der Aufschrift: »Für die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen Schweizerinnen und Schweizer«. Ums Leben gekommen? Durch einen Verkehrsunfall? Einen Herzinfarkt?“ Die Haltung der Schweiz zur Zeit des Holocausts wird sicher nicht dazu beigetragen haben, František Mika und seine Frau als Auschwitz-Überlebende gegenüber diesem Land milder zu stimmen. Für jüdische Verfolgte blieben die Grenzen unerbittlich geschlossen. Zahngold, das man in Auschwitz und anderswo den Vergasten herausgebrochen hatte, nahmen die Schweizer Banken indes gern.

An dieser Stelle soll keinesfalls der Eindruck erweckt werden, Lisa Miková sei eine grämliche, von Ärger zerfressene Person. Das ist sie mitnichten. Im Gegenteil kann ich mir meistens zumindest ein Schmunzeln kaum verkneifen, wenn sie ausgesprochen nüchtern, ohne auszuschmücken oder zu übertreiben, aber schneidend und brillant formuliert schildert, was ihr gegen den Strich geht. Wenn ihr Urteil absolut vernichtend ist, entrutscht ihr ein trockenes „Na, ich danke schön!“ Das ist die Höchststrafe – wen sie trifft, der sollte ihr wohl besser nie wieder unter die Augen treten.

S. 38-41

Meine Familie blieb vorläufig von den Transporten verschont, weil der Treuhänder meinen Vater noch brauchte. Aber Ende des Jahres 1941 glaubte er, nun alles zu wissen und alles beschlagnahmt zu haben, und er stellte meinen Vater zur Verfügung. So kamen wir bereits im Januar 1942 in den ersten Transport, der nach Theresienstadt ging. In den Transport zu gehen bedeutete, zu Hause alles stehen und liegen zu lassen wie es war, und man durfte nur fünfzig Kilo mitnehmen. Inbegriffen in diesen fünfzig Kilo waren eine Bettdecke und ein Kissen und sonst eben, was jeder tragen konnte. Man packte alles in Rucksäcke, weniger in Koffer. Man zog sich so viel Kleidung an, wie man nur irgendwie anziehen konnte. Vielleicht nahm jeder ein Buch mit, das er besonders gerne hatte, vielleicht einen Bleistift, ein Heft – und sonst musste man alles zurücklassen.“

50 Kilo – das war natürlich eine rein theoretische Zahl. Ein großer Sack Zement wiegt fünfzig Kilo, und ein kräftiger, erwachsener Mann kann ihn vielleicht einige Meter weit transportieren. Ein solches Gewicht auf eine lange Reise mitzunehmen schafften auch kräftige Männer nicht – von Frauen und Kindern ganz zu schweigen.

„Ein altes Messegelände in Prag wurde dazu bestimmt, die Leute dort zu sammeln. Jeder bekam eine Nummer zugewiesen und wir hörten auf, Menschen mit Namen zu sein. Für die Nazis waren wir nicht einmal mehr Menschen, wir waren nur noch Nummern. Ich hatte die Nummer V 131, meine Eltern 130 und 132.“

In wie grausamer Weise dieser Befund der Wahrheit entsprach, verdeutlicht eine Begebenheit, von der mir Josef Salomonovič im Jahr 2012 berichtete. Um sie begreiflich zu machen, muss ich in groben Zügen das Schicksal der Familie Salomonovič schildern. Ich habe auch mit den Brüdern Salomonovič, Michal und Josef, viele Zeitzeugengespräche erlebt. Die Familie stammt aus dem nordmährischen Ostrava. Sie befand sich unter den 5.000 Tschechen, die zwischen dem 16. Oktober und 3. November 1941 ins Ghetto „Litzmannstadt“ – Łódź deportiert wurden.

Weitere Stationen in der Holocaust-Odyssee der Familie waren Auschwitz, Stutthof und Dresden, wo sie als Häftlinge die Bombardierung im Februar 1945 miterlebten. Diese Bombardierung rettete dem kleinen Josef das Leben. Bislang war es seiner Mutter stets gelungen, ihn vor den NS-Schergen zu verstecken. Am 12. Februar 1945 wurde er entdeckt und sollte am nächsten Tag ermordet werden.

Auf einem 250 Kilometer langen Todesmarsch Richtung Westböhmen gelang der Mutter mit ihren beiden Söhnen schließlich die Flucht. Der Vater war jedoch zuvor im KZ Stutthof ermordet worden. Ein SS-Mann sagte den Häftlingen, man habe Medikamente und Vitamine von der Firma Bayer in Leverkusen erhalten. Wer sich schlecht fühle, solle sich melden. Vater Salomonovič tat dies in der Hoffnung, Vitamine für seine kleinen Jungen zu erhalten – Michal war bei Kriegsende zwölf, Josef sechs Jahre alt. Alle, die sich meldeten, wurden durch eine Phenolspritze ins Herz umgebracht.

Josef Salomonovič lebt heute in Wien. In den neunziger Jahren saß er abends mit Berufskollegen beim „Heurigen“ – man sprach ordentlich dem Wein zu. Mit steigendem Alkoholspiegel lockerten sich die Zungen, und die älteren Kollegen kamen auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Einer berichtete: „Stellt euch vor, ich wurde gegen Kriegsende sogar noch als Wachmann in einem KZ eingesetzt!“ Josef fragte, wo das denn war. „Das wirst Du nicht kennen, das war in Polen, ganz nahe an der Ostseeküste. Stutthof. Ich sage euch, es war kaum auszuhalten dort! Immer pfiff ein eisiger Wind, und wir haben auf unseren Wachtürmen gefroren wie die Schneider!“ – „Aber ihr hattet doch sicher warme Kleidung: Wintermäntel, Handschuhe, Pelzmützen, Stiefel… ?“ – „Klar, aber es war trotzdem vollkommen unerträglich!“ – „Und nach zwei Stunden wurdet ihr doch abgelöst und konntet euch am warmen Ofen mit einem heißen Tee aufwärmen?“ fragte Josef vorsichtig weiter. „Ja sicher. Aber es war trotzdem immer entsetzlich kalt dort und einfach unerträglich!“ – „Und die Menschen, die ihr bewacht habt – hatten die denn auch Wintermäntel, Handschuhe, Pelzmützen, Stiefel, warme Öfchen und heißen Tee?“ fragte Josef nach. „Menschen? Da waren keine Menschen.“ – „Wie? Wen habt ihr denn dann bewacht?“ – „Da waren keine Menschen. Da waren nur Juden.“

Lisa berichtet weiter vom Transport nach Theresienstadt. Sie kam dort an ihrem 20. Geburtstag, am 31. Januar 1942 an. „Und so fuhren wir mit der Straßenbahn im letzten Wagen auf der letzten Plattform – anderswohin durften Juden nicht – zum Messegelände. Wir kamen in einen riesigen Raum, es war dort eiskalt. Am Boden lagen einige schmutzige Matratzen und Strohsäcke. Dort brachten wir die nächsten zwei Tage zu. Wir mussten alles abgeben, was wir noch hatten an Wertsachen – vor allem mussten wir die Wohnungsschlüssel abgeben. Somit hatten wir kein Heim und nichts mehr. Schließlich wurden wir in einen Zug verladen und fuhren nach Theresienstadt, das ungefähr sechzig Kilometer von Prag entfernt ist, aber nicht an der Bahnstrecke lag. Also wurden wir vier Kilometer vor Theresienstadt ausgeladen und beluden uns mit unseren Rucksäcken und Koffern. Unter Bewachung von SS und tschechischer Gendarmerie, das war Feldpolizei, gingen wir die vier Kilometer zu Fuß.

Als wir die Stadt erreichten, kam der erste weitere Schock: Männer durften nicht zusammen mit Frauen in den Kasernen wohnen, es gab Frauenkasernen und Männerkasernen. Mein Vater wurde irgendwohin geschickt, wir wussten nicht wohin, und ich kam mit meiner Mutter in eine andere Kaserne, die sogenannte Hamburger Kaserne. Wir wurden in großen Mannschaftsräumen untergebracht, die standen leer, auf der Erde waren wieder nur Matratzen oder Strohsäcke, immer für dreißig Personen in einem Raum. Es war dort kein Tisch, kein Stuhl, kein Nagel an der Wand – nichts. Wir legten unsere Rucksäcke irgendwie zusammen und die Matratzen darauf und so konnten wir uns wenigstens setzen. In der Ecke stand ein kleiner Ofen mit einem Eimer Kohle, und geheizt werden konnte, wie man sich einigte – entweder früh, mittags oder abends. Mehr Kohlen bekam man nicht.

Werner Imhof, Ich bitte Sie, wir sind doch Europäer! Lisa Miková – eine Tschechin, die nicht nur Auschwitz überlebt hat, tredition 2018, 112 S., Euro 13,99, Bestellen?

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