Plötzlich Tochter

„Ich warte schon den ganzen Tag auf deinen Anruf“ ist der erste Satz, den der Vater unserer Autorin zu seiner Tochter sagt. Es folgt ein erstes herzliches Treffen in Jerusalem 2008 (Bild oben). 30 Jahre zuvor waren sich Lisa Welzhofers Eltern Barbara und Hagai zum ersten Mal im Kibbuz Ginosar am See Genezareth begegnet. Vor zehn Jahren ist sie nach Israel geflogen, um ihren unbekannten Vater zu suchen. Im Gepäck: das Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter aus dem Jahr 1977. Es wurde die Reise ihres Lebens…

Von Lisa Welzhofer
Erschienen bei: Stuttgarter Zeitung v. 17.10.2018

Der Mann hinter der Rezeption guckt mich interessiert und ein wenig prüfend an. Als Alleinreisende bin ich im Hotel des Kibbuz eine Exotin. Normalerweise übernachten hier Pilgergruppen, die auf den Spuren Jesu rund um den See Genezareth unterwegs sind – und die bei meiner Ankunft in den Sitzgruppen der Hotellobby gemeinsam zur Gitarre singen. „Sind Sie auch da, um die Orte der ­Bibel zu sehen?“, fragt der Rezeptionist. „Nein“, sage ich, und dann nichts mehr, denn ich will ihm nicht erklären, dass ich nicht nach einem Heiland suche, sondern nach meinem unbekannten Vater – und ein bisschen auch nach mir selbst.

Auf diese Reise zu gehen war ein Silvestervorsatz, so, als könnte ich die Abwesenheit meines Vaters beenden wie andere eine schlechte Angewohnheit. Vielleicht wollte ich auch einfach nur diesen Ort sehen, an dem sich meine Eltern vor 30 Jahren kennengelernt hatten. Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall – und das merkte ich vielleicht zum ersten Mal an der Rezeption des Kibbuzhotels – hatte ich an die Konsequenzen einer solchen Reise nicht gedacht.

Die Bilder in meinem Kopf hatten nur bis in jenes von Bougainvillea bewachsene Kibbuz gereicht, das ich aus dem Internet kannte. Dort war mein Vater aufgewachsen, dort hatte meine Mutter wie so viele junge Leute aus Europa und Amerika als Freiwillige gearbeitet, dort hatten sie sich für eine kurze Zeit geliebt. Und von dort war meine Mutter 1978 allein und schwanger nach Deutschland zurückgekehrt. Meinen Vater sollte sie nie wiedersehen. Mehr wusste ich nicht. Mehr konnte mir niemand mehr erzählen. Meine Mutter war drei Jahre zuvor an Krebs gestorben.

Barbara als Freiwillige im Kibbuz, 1977

Ist es merkwürdig, dass sie und ich nie über ihre Zeit im Kibbuz gesprochen haben? Es war eines jener Geheimnisse, wie es sie wahrscheinlich in vielen Familien gibt. Fragen, die auf der Hand liegen, aber die sich keiner zu stellen traut, weil schon Kinder ein Sensorium dafür haben, wo in der Familie die dunklen Ecken liegen, die niemand ausleuchten will. In den 80er Jahren war ich in meiner Grundschulklasse auf dem katholisch-schwäbischen Land das einzige Kind mit einer alleinerziehenden Mutter. Trotzdem fehlte mir mein Vater nie bewusst, er war eher wie ein Wort, das einem auf der Zunge liegt, aber partout nicht einfallen will. Als Teenager habe ich mit cooler Attitüde meinen Exotenstatus kultiviert – und mir trotzdem heimlich die Mutter-Vater-zwei-Kinder-Konstellation aus den Familien meiner Freundinnen gewünscht. Was es aber tatsächlich bedeutet hat, ohne Vater aufzuwachsen, das sollte ich erst viel später verstehen, auf dieser Reise in die Vergangenheit meiner Eltern.

„Kleine orangegelb gestrichene Häuser, inmitten einer wunderbaren Landschaft gelegen. Palmen, Pinien, Eukalyptusbäume, Kakteen, blühende Stauden, Hunderte von Vögeln singen in den Bäumen. Unser Zimmer liegt 30 Meter vom See entfernt. Hier leben 30 bis 40 Volunteers. Inzwischen sind wir neun Deutsche.“ So beginnt die Erzählung meiner Mutter über ihre Zeit im Kibbuz Ginosar. Ich hatte ihr Reisetagebuch gefunden, als ich nach ihrem Tod unser Haus ausräumte. Es lag im Keller, verborgen in einer blauen Kunstledertasche. Ein kleines Büchlein mit rotem Leineneinband, auf dem in fast kindlicher Schrift „Barbara“ steht und aus dessen Seiten mir gepresste Bougainvillea-Blüten entgegenfielen. In Israel ist das Buch eine Art Reiseführer in die Vergangenheit, aber auch ein Talisman, eine Verbindung zu meiner Mutter in diesem fremden Land.

Heute gibt es keine Freiwilligen im Kibbuz mehr. Er ist wie die meisten Kibbuzim privatisiert. Das einst klassenlose Leben, die starke Gemeinschaft, in der keiner eigenes Geld verdiente, jeder für die Gemeinschaftskasse arbeitete und der Kibbuz seine Mitglieder dafür mit allem Lebensnotwendigen wie Kleidung, Wohnraum und Essen versorgte, ist vorbei. Der Kibbuz ist heute wie ein kleines Dorf mit viel Landwirtschaft, aber die Orte, die meine Mutter beschrieben hat, sind noch da: der Strand, die verwaisten Gemeinschaftsräume der Kibbuzniks, die orangegelb gestrichenen Häuser, der Bereich, wo die Holzbaracken der Freiwilligen standen. In der letzten verbliebenen schnitzt ein Künstler Skulpturen aus dem Treibholz des Sees.

Ich esse im Hotel-Speisesaal, in dem meine Mutter Tische auf- und abgedeckt und sicher über die Pilgergruppen gelästert hat. Ich gehe an den Bananenplantagen vorbei, in denen sie in der Hitze schuftete und wo Hagai, mein Vater, eine Art Vorarbeiter war. Und ich schwimme im See, in dem sie gebadet hat und auf dessen gegenüber liegender Seite man die immer wieder umkämpften Golanhöhen rötlichbraun schimmern sieht wie eine Ahnung. Ein bisschen ist es, als würde ich die Kulissen der Vergangenheit meiner Eltern besichtigen, als wäre ich eine Art Touristin ihres Lebens. Das ist ein komisches Gefühl.

Hagai als Soldat in den 1970er Jahren

Wäre das ein Drehbuch für einen Film, meine eigentliche Vatersuche wäre viel zu unspektakulär verlaufen. Auf einem der kleinen Fußwege durch den Kibbuz spreche ich auf Englisch einen alten Mann an und frage ihn nach der Familie meines Vaters. Er erinnert sich sofort. Meine Großeltern gehörten 1937 zu den Gründerfamilien des Kibbuz. Er erzählt, dass eine Schwester meines Vaters heute im Management des Hotels arbeitet. Ich finde die Schwester, meine Tante. Ich erzähle ihr von meiner Mutter, die ihren Bruder kannte. Sie sieht mich an und versteht. Auch in dieser Familie gab es ein Tabuthema: das Kind in Deutschland. Sie nimmt mich mit in ihr Haus. Sie zeigt mir Fotos ihrer Familie. Meiner Familie. Fremde Menschen, die aussehen wie ich. Es ist, als wolle sie mich auf diesen Mann vorbereiten und auf die Möglichkeit, dass er eine Enttäuschung wird: „Er wollte nie Kinder“, sagt sie.

„Ich warte schon den ganzen Tag auf deinen Anruf“, ist der erste Satz, den mein Vater zu mir sagt. Meine Tante hatte ihn angerufen, mir seine Nummer gegeben. Aber ich hatte mir ein wenig Zeit gelassen. Was sagt man nach 30 Jahren Schweigen zu dem Mann, der ein Vater hätte sein können – zumal auf Englisch? Ich kann mich an dieses erste Telefonat nicht mehr richtig erinnern, aber an seine Stimme schon: sanft, ein wenig nuschelnd und auch ein bisschen ängstlich. Wir vereinbaren, uns in Jerusalem zu sehen, wo er mit seiner Frau lebt.

Kurz vor dem Treffen mit meinem Vater fühle ich mich plötzlich sehr verlassen. Jerusalem macht mir Angst. Alle Spannungen des Landes scheinen sich an diesem Ort zu konzentrieren: Juden gegen Muslime. Säkulare gegen Religiöse. Arm gegen Reich. Das Tagebuch meiner Mutter kann mir nicht mehr helfen, ich muss meine eigene Geschichte weiterschreiben. Und dann steht mein Vater vor mir, an einen Baum vor meinem Hotel gelehnt, und ich blicke in seine Augen, die wie meine sind: blaugrau, halbmondförmig, melancholisch, an den Seiten sanft nach unten hängend.

Mein Vater versucht, mir zu erklären, warum er sich 30 Jahre nicht gemeldet hat: Er war jung, er wollte noch keine Familie, kurz darauf sei er auf Weltreise gegangen. „Those were wild days“ („Es waren wilde Tage“), sagt er. Die Erklärung, warum ich ohne Vater aufgewachsen bin, ist ebenso banal wie brutal: Mein Vater hatte sich nicht in meine Mutter verliebt. Vielleicht haben die äußeren Umstände, die Angst vor dem Urteil des Kollektivs, der Wunsch, aus dem Kibbuz auszubrechen, vielleicht sogar die deutsch-jüdische Vergangenheit eine Rolle gespielt. Aber im Kern ging es doch darum, dass die Gefühle einfach nicht stark genug waren. So einfach ist das – und so schwierig.

Dennoch habe ich tief in mir nach diesem ersten Treffen ein gutes Gefühl. Der Mensch, der mein Vater ist, ist nett. Er ist ein intelligenter, freundlicher Mann. Es erleichtert mich, dass er mir sympathisch ist.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Seither habe ich gelernt, dass die eigentliche Suche nach dem Vater erst dann beginnt, wenn man ihn gefunden hat. Im Film fallen sich die Protagonisten nach erfolgreicher Suche in die Arme. Happy End. Aber im echten Leben läuft das nicht so. Erst als mein Vater vor mir stand, habe ich gemerkt, was mir in den Jahren davor gefehlt hatte. Es war, als hätte die Lücke ein Gesicht bekommen, als hätte sich ein anderes, mögliches Leben aufgetan. Ein Leben mit beiden Eltern, ein Leben zwischen zwei Kulturen, Religionen und Ländern. „Was wäre gewesen, wenn . . .?“ – diese Frage hat alles auf den Prüfstand gestellt, was ich bisher geglaubt hatte zu sein.

Ich habe gelernt, dass das, was ich bin, das Ergebnis meines Aufwachsens ist. Seit ich meinen Vater kenne, fühle ich mich auf einmal sehr deutsch. Ich sage Sätze wie: „Wir lernen ganz viel in der Schule über das Dritte Reich und den Holocaust!“ Ich will, dass mein Vater die Deutschen mag. Ich prangere die Energieverschwendung in Israel an – und lobe uns deutsche Mülltrenner. Gleichzeitig wäre ich schon gern ein bisschen israelisch. Ich spüre eine neue Legitimation, über den Nahostkonflikt zu diskutieren. Ich gucke israelische Filme und gehe zur Lesung des jüdischen Bestsellerautors David Grossman. Aber es fühlt sich an wie Verkleidenspielen. Und wenn ich am Denkmal im Kibbuz stehe, wo unter anderem an die Familie meines Großvaters erinnert wird, die im Holocaust ermordet wurde, dann fühle ich mich wie die Enkelin der Täter – und nicht wie die der Opfer.

Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, ob der Kontakt zu meinem Vater mir guttut, ob wir weiter regelmäßig skypen und uns in Israel und Deutschland treffen sollten. Und tatsächlich konnte ich diese Frage erst dann eindeutig mit Ja beantworten, als vor fünf Jahren mein erstes Kind geboren wurde. Weil es jetzt nicht mehr nur meine Geschichte ist, sondern auch seine. Und weil es ein Recht darauf hat, seinen Großvater zu kennen. Und sicherlich auch, weil mein Vater gesagt hat, dass er es diesmal besser machen will.

Die Autorin hat über ihre Familiengeschichte auch ein Buch geschrieben: Lisa Welzhofer: Kibbuzkind – eine deutsch-israelische Familiengeschichte. Edition Chrismon 2018, 166 Seiten, 14 Euro, Bestellen?

Kommentar verfassen