Israel und die Geister von ’68

In seinem Essay über eine Phänomenologie der Geister von ’68 sucht Christoph Schmidt den Verschiebungen und Chiffrierungen der Schuld- und Geschichtsbürde von Auschwitz nachzugehen. Dabei befasst er sich weniger mit den politischen Ereignissen jenes ikonischen Jahres und seinen Folgen als vielmehr mit den subjektiven Mentalitäten der Akteure…

Hier stößt er auf Elemente messianischer Theologie und politischer Psychologie, die damals dem Geist der Zeit zu entsprechen schienen und deren Echo bis heute nachhallt. Die in diesem Milieu sichtbar gewordene rhetorische Überidentifikation mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus interpretiert der Autor kritisch als Dokument einer Befangenheit, in der Geschichtsverzweiflung und Schuldverweigerung miteinander verschmelzen.

Christoph Schmidt ist außerordentlicher Professor an der Schule für Philosophie und Religionen an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Christoph Schmidt, Israel und die Geister von ’68: Eine Phänomenologie (Toldot, Band 13), Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 201 S., Euro 25,00, Bestellen?

LESEPROBE

Vorwort
von Dan Diner

Das mit der Zahlenikone ’68 chiffrierte Ereignis einer weltweiten, zumindest im damaligen politischen Westen ubiquitären Jugendrevolte ist auch nach einem halben Jahrhundert ein kulturpolitisches Enigma, dessen Entschlüsselung andauert. Sieht man von den Selbstdeutungen der Protagonisten jener Bewegung ab, lassen sich zwei Erscheinungen differenzieren: einerseits das universelle Phänomen eines durch den Kalten Krieg in seiner Entfaltung blockierten ungestümen Lebensgefühls, eine Art Zeitkäfig, dessen Sprengung anstand; andererseits national spezifische Ausformungen der Revolte, die offenbar auf unerlöste, von den Protagonisten generationell nicht – jedenfalls nicht bewusst – erfahrene Vergangenheiten zurückwiesen. Dass in Deutschland die nationalsozialistische Vergangenheit mit den Nachgeborenen ihr ebenso verdecktes wie verstecktes Spiel trieb und so zu kontraphobischen Reaktionen Anlass gab, ist keine neue Erkenntnis.

Neu dürfte dagegen Christoph Schmidts Zugang sein, der sich dem Phänomen der Achtundsechziger mittels einer politisch-theologischen Tiefenansicht nähert. Dies gilt vor allem für jene Bereiche von Identifikation und Gegenidentifikation, von denen sich die Protagonisten in hohe psychische Erregungsstufen versetzt fühlten – jedenfalls reichten sie über das hinaus, was dem Gegenstand hätte angemessen sein können. Dass dazu die Haltung zum Staat Israel gehörte, war schon damals Gegenstand existenziell anmutender Kontroversen. Heute, aus einem Abstand von fünfzig Jahren und in nachgeborener Generationenfolge, dürfte jene theologisch-politische Ansicht einem Aspekt gerecht werden, der zuvor wohl als bloß polemisch zurückgewiesen worden wäre. Dass damit in erster Linie die christliche Dichotomie zwischen Altem und Neuem Bund evoziert wird und theologisierende Tiefenschichten kulturell aufgerufen werden, wenn die Bezeichnung »Israel« zum Klingen gebracht wird, liegt nahe. Dass Protagonisten des deutschen ’68 in ganz besonderer Weise religiös motiviert waren und sich auf einer recht breiten Schwelle zwischen theologischen und materialistischen Weltdeutungen bewegten, war schon den Zeitgenossen aufgefallen. Zumindest bedurfte es keiner besonderen Skandalisierung, um diesen Zusammenhang herzustellen.

Allein der Umstand, dass es sich dabei um mehr handeln könnte als um ein religiös motiviertes, menschenfreundliches politisches Handeln, macht das Besondere aus. Dies wäre sicherlich dann der Fall, wenn sich zeigte, dass mit der Haltung zu Israel eine theologisch aufgeladene Feindschaft den Juden gegenüber zur Geltung kommt – eine Haltung, die sich auf den ersten Blick wohl guter Argumente zu bedienen vermag, jedoch bei genauerer Sicht wieder Altes offenbart. Eine solche Offenbarung könnte in der Tat zur Erkenntnis über Vergangenes beitragen – und vielleicht auch zum Verständnis von Gegenwart.

© Vandenhoeck & Ruprecht

Christoph Schmidt, Israel und die Geister von ’68: Eine Phänomenologie (Toldot, Band 13), Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 201 S., Euro 25,00, Bestellen?

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