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Zionistische Netzwerke und Räume

Frank Schlöffels „raum- und verflechtungssensible Biographie“ gewährt einen detailreichen Einblick in die Tätigkeit eines der prominentesten Protagonisten der zionistischen Bewegung in Berlin, Heinrich Loewe…

Von Anne-Christin Saß

1869 in Wanzleben, in der Nähe von Magdeburg geboren, wuchs Loewe in einem bürgerlichen Haushalt auf. Wie viele andere seiner Altersgenossen ging Loewe 1889 zum Studium in die Großstadt Berlin, die in den folgenden vier Jahrzehnten das Zentrum seiner mannigfaltigen nationaljüdischen Aktivitäten bilden sollte. Das „erste Laboratorium des nationaljüdischen Experiments“ (S. 18) war der Russisch-jüdisch wissenschaftliche Verein, in dem Loewe als einziger Deutscher Mitglied war. Bereits 1895 brach Loewe mit Willy Bambus zu einer ersten Palästinaexkursion auf, nahm 1897 als Delegierter am ersten Zionistenkongress in Basel teil, wurde führendes Mitglied der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und arbeitete bis 1908 als Chefredakteur der Jüdischen Rundschau. Im Januar 1914 wurde er zum Direktor der Hauptsammelstelle für die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Berlin berufen. In den 1920er Jahren arbeitete er darüber hinaus auf verschiedenen Ebenen an der Umgestaltung der jüdischen Bildungs- und Kulturlandschaft Berlins, sei es als Abgeordneter der Jüdischen Volkspartei in der Berliner Jüdischen Gemeinde, sei es als Initiator und Unterstützer zahlreicher Kultur- und Bildungsprojekte wie dem 1919 gegründeten Jüdischen Schulverein, der Freien Jüdischen Volkshochschule oder der 1924 gegründeten Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches. 1933 emigrierten Loewe und seine Familien nach Tel Aviv, wo Loewe bis 1948 als Leiter der Stadtbibliothek Shaar Zion tätig war.

In dieser kursorischen Skizze deuten sich bereits die vielfältigen Aktionsräume und Netzwerke Heinrich Loewes an. Ziel der Studie ist es, „performative, räumliche , dingliche und narrative Elemente der Lebenswelt Heinrich Loewes zu analysieren, um dadurch Erkenntnisse über die Mechanik und kulturelle Praxis des zionistischen Kollektivs zu gewinnen sowie diese in Beziehung zur Biographie eines Einzelnen zu setzen.“ (S. 31). In sechs Hauptkapiteln verfolgt Frank Schlöffel dieses Ziel mit stupender Energie, indem er minutiös und detailreich Loewes Verbindungen und Netzwerke rekonstruiert. Dabei entsteht ein äußerst lebendiges Bild der zionistischen Kulturarbeit Heinrich Loewes, die den großstädtischen Raum Berlins ebenso prägte, wie diese von ihm geformt wurde. Schlöffel geht damit weit über Barbara Schäfers Pionierstudie „Berliner Zionistenkreise“ (2003) hinaus, in dem er die Verflechtungen und Überschneidungen zwischen den einzelnen Aktionskreisen am Beispiel der Person Loewes nachzeichnet. Insbesondere die in den 1920er Jahren von Loewe betriebene jüdische Kooperationsarbeit, die unter anderem in der Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek sowie der Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches einen Ausdruck fand, ermöglichten innerhalb der jüdischen community gemeinsame Aktionsräume und Begegnungen zwischen den verschiedenen politischen Strömungen, die in der historischen Forschung lange getrennt untersucht wurden  (S. 402f.).

Während Schloeffel die Genese von Loewes Kulturphilosophie des Zionismus zwischen wissenschaftlicher Analyse und identitärer Politik sowie ihrer Gebundenheit an zeitgenössische völkerpsychologische und rassische Theorien anschaulich vor der Folie seiner Netzwerke und Kommunikationsräume beschreibt, bleibt die Wirkung seiner Konstruktion der zionistischen Kulturnation jedoch verhältnismäßig blass. Dies ist umso bedauerlicher, da die vom Autor mit großer Sorgfalt zusammengetragene Bibliografie Loewes und die beeindruckende Kenntnis des umfangreichen Quellenmaterials eine solche Analyse zweifelslos erlaubt hätte.

Dessen ungeachtet liegt die Stärke des Buches in der ausführlichen und präzisen Darstellung der zionistischen Netzwerke und Kommunikationsräume in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, mit der die Lebensleistung Heinrich Loewes eine angemessene Würdigung erfährt.     

Frank Schlöffel: Heinrich Loewe. Zionistische Netzwerke und Räume, Neofelis Verlag Berlin 2018, 486 S., Euro 29,00, Bestellen?