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80 Jahre Pogromnacht – Martin Mayer

„Bei der sogenannten Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ich Gott sei Dank nicht mehr in Deutschland. Da war ich schon auf Kuba. Aber meine Frau war noch in Nürnberg“…

80 Jahre Pogromnacht – Zeitzeugenberichte aus Nürnberg

Martin Mayer wurde am 18. März 1910 geboren und wuchs in der Nürnberger Altstadt auf, wo seine Eltern in der Adlerstraße ein kleines Haus besaßen. Nach dem Besuch des Realgymnasiums trat er 1926 eine Stelle in der Exportabteilung der Spielzeugfirma Bing an. Der sportbegeisterte Martin spielte Tennis sowie Handball beim jüdischen Verein Bar Kochba und war Mitglied des 1. FC Nürnberg – bis er 1933 als Jude aus dem Club ausgeschlossen wurde. Auch die Metzgerei der Eltern bekam den zunehmenden Druck der Nationalsozialisten zu spüren. Bereits Anfang der 1930er Jahre begann Martin Mayer die Möglichkeit der Auswanderung zu erwägen. Doch erst im September 1938 emigrierte er nach Havanna. Seine Frau Herta, die er kurz zuvor in Nürnberg geheiratet hatte, kam bald nach; auch der Mutter gelang die Ausreise nach Mittelamerika. Martin Mayer zog es nach einigen Jahren schließlich nach Miami Beach, in den US-Bundesstaat Florida. Hier verstarb er wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag, im März 2002.

Das Team von Bar Kochba Nürnberg im September 1928 (Martin Mayer 1. Reihe, Mitte). Repro: www.nurinst.org

»Ich bin seit 1929 Mitglied beim 1. Fußballclub Nürnberg in der Tennisabteilung gewesen und habe viele Tennis-Turniere bestritten. 1933 hat man uns, die jüdischen Mitglieder, dann rausgeworfen. Ich war auch lange im jüdischen Verein Bar Kochba in der Handballmannschaft. Unser Verein hatte einen Vertrag mit einem Turnverein, der hat uns einen Abend in der Woche seine Halle zur Verfügung gestellt. Und das Stadion hatten wir auch angemietet, um Handball zu spielen. Das war alles noch vor 1933. Danach konnten wir als jüdischer Verein nicht mehr gegen die deutschen Klubs antreten. Deshalb haben wir beispielsweise versucht, gegen einen jüdischen Sportklub in München zu spielen. Aber eine Reise nach München war nicht so einfach, man musste einen Bus organisieren oder mit dem Zug fahren. Und wir hatten natürlich kaum zahlende Zuschauer bei unseren Spielen. Vorher, wenn wir gegen die Spielvereinigung Fürth oder den 1. FC Nürnberg gespielt haben, da war das anders, da waren Zuschauer da. Aber von den Zuschauern her hat es da keine Hetze gegen uns gegeben.

Meine Eltern hatten ein kleines Haus mit einer koscheren Metzgerei, das war in der Adlerstraße 10. Wir hatten also fast nur jüdische Kundschaft. Zum 1. April 1933 hat sich die SA vor den jüdischen Geschäften postiert und der Bevölkerung nicht erlaubt, dort einzukaufen. Das war fast das Ende der jüdischen Betriebe. In unserer Metzgerei ist der Umsatz auch immer geringer geworden, weil viele jüdische Familien ausgewandert sind.

Als Hitler an die Macht kam, konnte ich mir nicht vorstellen, was noch alles passieren würde. Obwohl ich sein Buch Mein Kampf gelesen hatte. Ich vermutete schon, dass er die jüdische Bevölkerung nicht in Ruhe lassen würde, und dass er Krieg führen würde. Das war offensichtlich. Aber leider war die Auswanderung für uns nicht einfach. In die USA konnte man nur, wenn man eine Bürgschaft von einem Verwandten hatte und es gab eine Quote, also nur eine bestimmte Anzahl von Leuten erhielt eine Einreisegenehmigung und die war auf Jahre hinaus ausgeschöpft.

An die Hauptsynagoge in Nürnberg am Hans-Sachs-Platz kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war ein sehr schöner Bau. In dieser Synagoge hatte ich 1923 Bar Mizwa, mein Bruder auch. Es war schrecklich mit anzusehen, wie sie demoliert wurde, wie die Steinblöcke abgetragen und das ganze Gebäude zerstört wurde.

Der Antisemitismus existierte aber nicht nur in Nürnberg, sondern in ganz Deutschland. Es gab ihn auch in anderen Ländern. Ich weiß aber, dass eine Zeitlang, im Großen und Ganzen, Christen und Juden in Frieden nebeneinander gelebt haben. Mit der Reichsgründung 1871 hat man der jüdischen Bevölkerung in Deutschland alle Rechte gegeben. Die standen jedoch oft nur auf dem Papier. Dennoch: Juden haben überall gelebt, in Städten oder in kleinen Orten in Preußen, in Bayern, überall. Wir fühlten uns als Deutsche, Deutsche jüdischer Religion. So wie Katholiken oder Protestanten, es hat keinen Unterschied gemacht. Ich habe mich als Nürnberger gefühlt. Ich bin zum Club, zum 1. FC Nürnberg gegangen, der war doch zwei- oder dreimal Deutscher Meister, viele Nürnberger Juden waren dort. Freunde, die mehr Geld als ich hatten, haben mir oft ein Ticket für die Spiele besorgt, denn meine Eltern konnten sich das nicht leisten. Wir waren fünf Kinder, drei Buben und zwei Mädchen, und die Metzgerei hat nicht soviel abgeworfen. Aber wir hatten alles; immer gutes Essen und Kleidung.

Ich kann mich sehr gut an meine Kinderzeit erinnern, nicht an alle Details, aber im Großen und Ganzen. Zum Beispiel waren wir auf dem Christkindlesmarkt, aber sicher nicht bei der Eröffnung. Der war früher auf der Insel Schütt, nicht weit weg von der Synagoge, in der Nähe der Findelgasse. Man konnte dort alles Mögliche kaufen, vor allem Spielwaren. Wir haben ja in der Adlerstraße gewohnt, das war eine recht ruhige Straße, mit wenigen Geschäften, hauptsächlich Banken. Wir haben auf der Straße Fußball gespielt. Nur ab und zu mussten wir aufhören, wenn ein Pferdegespann Bier in das Gasthaus »Baumwolle« geliefert hat. Die Polizei hat das nicht gerne gesehen, wenn wir da mitten auf der Straße Fußball gespielt haben, aber so lange wir konnten, haben wir das gemacht.

Ich hatte gute christliche Freunde, mit denen ich in die Schule gegangen bin und mit denen war ich immer zusammen. Auch die christlichen Feiertage wie Weihnachten verbrachte ich bei ihnen und wir spielten mit deren Spielsachen. Aber irgendwann hat das dann aufgehört. Erklärt haben sie es nicht. Manche haben gesagt, sie würden gerne noch mit mir zusammen sein, aber man mache ihnen Schwierigkeiten.

Zu christlichen Mädchen hatte ich eher den Kontakt vermieden. Es gab Tanzklubs, wo jüdische Jungen und Mädchen hingingen, da hat man Tanzen gelernt; die Tanzschule Krebs war sehr bekannt. Oder die Mädchen haben die jungen Männer aus dem Tanzclub zu sich nach Hause eingeladen. Es wurde Musik gespielt und man hat getanzt, aber das war alles sehr harmlos.

Vor 1933 hatte ich auch sehr gute christliche Freunde im Tennisklub. Da hat man genauso mit einem christlichen Mädchen oder Jungen Tennis gespielt ohne irgendwelche Schwierigkeiten. Aber nachdem wir den Tennisklub nicht mehr besuchen konnten, ist der Kontakt verloren gegangen. In meinem Freundeskreis gab es schon welche, die mit einem christlichen Mädchen befreundet waren, aber das war ja dann von heute auf morgen strafbar. Da kamen die Gesetze, die hat man sogar die »Nürnberger Gesetze« genannt, danach war es strafbar. Danach durften wir auch kein Hausmädchen mehr beschäftigen. Wenn ein jüdischer Mann im Haus war, durfte man keine nicht-jüdischen, weiblichen Angestellten mehr haben, die dort geschlafen haben. Wir hatten eine christliche Köchin, weil meine Mutter ja im Laden geholfen hat. Nachdem wir fünf Kinder waren, hatten wir auch lange ein Kindermädchen. Meine Eltern hatten keine Zeit, um mit uns zu spielen oder mit uns spazieren zu gehen. Wir sind alle Tage in den Rosenau-Park zu einem Spielplatz gegangen. Nachdem wir Kinder dann größer waren, brauchten wir kein Kindermädchen mehr und auf die Köchin konnten wir dann auch verzichten. Meine Mutter hat die Küchenarbeit selbst übernommen, da es im Laden nicht mehr so viel zu tun gab.

An den Julius Streicher kann ich mich noch erinnern, der war ein schrecklicher Hetzer. Er hat viel, viel Unheil angestiftet. Ich persönlich hatte zwar großes Glück, ich bin nie belästigt worden. Aber leider sind viele meiner Bekannten und Freunde Opfer geworden; auch die Familie meiner Frau hat sehr viel gelitten. Wenn Julius Streicher jemanden angezeigt hat, dann kam die Polizei und hat die Leute verhaftet und in ein Lager gebracht. Ich erinnere mich noch an die Zeitung von Streicher, den Stürmer. Nicht, dass ich ihn je gekauft hätte! Aber die Zeitung war in solchen Glaskästen ausgehängt, das begann bereits in den 1920er Jahren. Da waren schreckliche Karikaturen von Juden drin, so was vergisst man nicht, zum Beispiel das Gesicht mit einer großen krummen Nase. Sicherlich gab es Juden, die ein bisschen so ausgesehen haben, aber doch nicht jeder. Große Nasen gibt es doch überall.

1936 war ich zur Olympiade in Berlin. Zu dieser Zeit wurden Juden schon verfolgt und in Lager gesperrt. Auch in Nürnberg gab es Verhaftungswellen, obwohl das damals noch Einzelfälle waren. Dachau existierte schon und viele sind dort ums Leben gekommen.

Zu den Sportveranstaltungen konnten wir gehen, das war nicht verboten, aber es war nicht mehr dasselbe, man fühlte sich schon nicht mehr als Teil dieser Gemeinschaft.

In Nürnberg gab es viele jüdische Firmen, in der Karolinenstraße oder in der Kaiserstraße. Alle möglichen Geschäfte: Juweliere oder Kleidergeschäfte. Als ich weg ging, bestanden sie zum größten Teil noch. Die Firma Bing, bei der ich eine Zeit lang gearbeitet habe, existierte zu dieser Zeit schon lange nicht mehr. Sie ging schon Anfang der 1930 Jahre pleite. Jedoch wurden verschiedene Abteilungen verkauft und von anderen kleineren Firmen übernommen. Und ich war bei einer dieser Firmen beschäftigt, die Haushalts- und Küchengeräte exportiert hatten. Sie war in jüdischem Besitz und bei meinem Ausscheiden am 30. August 1938 hat das Unternehmen noch existiert, aber nicht mehr sehr lange.

An meinem Arbeitsplatz hatte ich auch Kollegen, die waren keine überzeugten Nazis. Einer kam sogar in der SA-Uniform in die Arbeit und ich habe oft mit ihm gesprochen. Und er hat immer zu mir gesagt: »Wenn alle jüdischen Bürger wären wie Sie, dann wäre es anders.« Aber das war nur so dahergeredet. Ich meine, ich war auch nicht anders als die meisten.

An die Reichsparteitage kann ich mich noch gut erinnern. Da hat sich die jüdische Bevölkerung nicht aus dem Haus gewagt. In Nürnberg waren Umzüge in den Hauptstraßen. Da waren fast nur noch SA- und SS-Soldaten oder -Sturmtruppen zu sehen, die dann zum Reichsparteitagsgelände gingen, wo die SA sich versammelt und Hitler seine Reden gehalten hat. Dort war ich niemals. In der Stadt waren überall Fahnen, große Fahnen: schwarz-weiß-rot und Hakenkreuzfahnen, in den Hauptstraßen, in der Königstraße, der Kaiserstraße und am Bahnhof natürlich auch. Die jüdischen Bewohner mussten oder durften keine Fahnen raushängen. Aber auf jeden Fall war es immer ein großes Ereignis, der Parteitag. Verlassen musste man Nürnberg nicht. Die jüdischen Familien haben es nur vermieden, auf die Straße zu gehen, denn man wusste nie, ob man nicht angepöbelt werden würde. Niemand wollte sich dem aussetzen. Ja, man hat Angst gehabt. Ich meine, nicht jeder hat jüdisch ausgesehen. An einem regulären Geschäftstag konnte man den jüdischen Bürger eher erkennen. Er hat sich wie ein Kaufmann gekleidet mit Kragen und Krawatte, Mantel oder Jackett.

Ich habe am 4. September 1938, am Vorabend eines Reichsparteitages, meine Frau Herta Bucki geheiratet. Kein ideales Datum für eine jüdische Hochzeit, aber wir wollten nicht mehr länger warten, denn ich wollte eine Woche später Deutschland verlassen. Es waren nicht sehr viele Gäste da, nur einige gute Freunde. Die wollten eigentlich während des Parteitags weg aus Nürnberg, sind aber dann doch zu unserer Feier gekommen: zum Gottesdienst und später zum Dinner im Haus meiner Schwiegereltern. Aber es war nicht sehr freudig und keine große Feier. Denn meine Schwiegereltern wussten, dass wir bald weggehen und dass sie uns nicht mehr sehen würden, denn beide waren bereits um die 70 Jahre alt. (Albert Bucki und seine Frau Gertrud wurden am 10. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt, wo sie beide verstarben) Geheiratet haben wir in der Turnhalle der jüdischen Schule in der Oberen Kanalstraße. Da war nur ein Pult für den Rabbiner und eine Chuppa, ein kleiner Baldachin, unter der man die Hochzeitszermonie abhält. Wir haben nach jüdischem Ritus geheiratet. Es war ein Herbsttag im September, wolkig, aber kein Regen.

Nach unserer Hochzeit fuhr ich mit meiner Frau zum amerikanischen Konsulat nach München, um mir ein Transitvisum zu besorgen. Ich wollte mit einem amerikanischen Schiff in die USA fahren und hatte mir deshalb noch ein Anschluss-Billet für eine Schiffsreise New York – Havanna gekauft. Aufgrund dieses Tickets gab mir der Konsul das Transitvisum für die USA. Ich bin von Köln nach Brüssel und von dort weiter nach Amsterdam gefahren, dort hatte ich im August auf einer Ferienreise vorsorglich schon einen gepackten Koffer deponiert. Zu dieser Zeit war bereits alles schon limitiert, was man mitnehmen durfte, wenn man Deutschland verlassen wollte. Und so konnte ich am 11. September mit dem Schiff President Roosevelt von Le Havre aus nach New York fahren und dann weiter nach Havanna.

Ganz wenige, die von Deutschland oder Österreich dort ankamen, durften auf Kuba arbeiten. Aber ich hatte Glück. Mein Onkel gab mir einen Job in seiner Firma, der hat immer jemanden gebraucht.

Bei der sogenannten Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ich Gott sei Dank nicht mehr in Deutschland. Da war ich schon auf Kuba. Aber meine Frau war noch in Nürnberg. In der »Kristallnacht« war sie zu Besuch in Berlin bei ihrer Schwester und sie ist nach Nürnberg zurückgekommen und hat gesehen, dass das Geschäft ihrer Eltern beschädigt, die Fenster eingeschlagen worden waren. Sie hatten ein sogenanntes Abzahlungsgeschäft am Hefnersplatz, wo man Kleider und Möbel auf Raten kaufen konnte. Den Namen habe ich vergessen. Meine Frau war schrecklich deprimiert, als sie gesehen hat, was mit dem Geschäft passiert war und als ich davon erfahren habe, hab ich natürlich sofort alles in Bewegung gesetzt, dass sie so schnell wie möglich Nürnberg verlassen und nach Havanna kommen konnte.

Meiner Frau habe ich dann ein Visum für Kuba besorgt und sie kam im Februar 1939 nach Havanna. Meine Mutter ist auf demselben Schiff wie meine Frau gefahren, zunächst nach Mexiko zu meinem Bruder. Sie hat immer gehofft, dass sie irgendwo mit den Kindern leben könnte. Sie hatte Brüder in Kuba und in Mexiko und mein älterer Bruder ist bereits 1927 zu einem Onkel nach Mexiko ausgewandert, um dort im Geschäft des Onkels zu arbeiten.

Meine Eltern hatten nie darüber gesprochen, Deutschland verlassen zu wollen. Mein Vater hatte Diabetes und ist leider dann 1935 gestorben. Mein Vater wusste, dass ich mit dem Gedanken spielte, ins Ausland zu gehen. Ich habe schon mit 16 Jahren Spanisch gelernt, da viele meiner Verwandten in Südamerika lebten. 1934 bin ich zum ersten Mal nach Spanien gefahren, um dort zu arbeiten und mich eventuell anzusiedeln. Aber das ist schief gegangen, weil der Bürgerkrieg in Spanien mit Franco dazwischenkam. Er hat zwar die jüdische Bevölkerung in Ruhe gelassen, aber er war trotzdem ein Freund von Hitler. Ich wäre vielleicht auch ohne Hitler ins Ausland gegangen, denn ich sah für mich dort eine bessere Zukunft. In Deutschland wollte ein jüdisches Mädchen aus gutem Hause einen Anwalt heiraten oder einen Doktor, aber keinen Kaufmann. Das war halt so üblich.

Meine ältere Schwester ist nach Palästina gegangen. Sie hat 1936 geheiratet, aber ihr Mann fand keine Arbeit. Sie selbst hatte ein kleines Geschäft, wo sie Schokolade und sonstige Süßwaren verkaufte. Aber sie verdiente nicht genug, um zwei Menschen zu ernähren. Ihr Mann war in der sozialistischen Partei und musste dann über Nacht nach Palästina flüchten. Meine Schwester ist dann zwei Jahre später nachgekommen, obwohl sie wusste, dass das Leben dort sehr hart war.

Nach Palästina zu gehen, kam für mich zu dieser Zeit nicht in Frage. Ich hatte immer die Absicht, in ein Spanisch sprechendes Land zu gehen. Mir war auch ziemlich klar, dass ich Deutschland für immer verlassen würde. Der Reisepass, den man erhielt, wenn man einen Ausreiseantrag stellte, war limitiert. Mit diesem Pass konnte man nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Man hat sich damit abfinden müssen, dass man in eine neue Welt geht. Aber wir haben in unserem neuen Zuhause noch deutsch gesprochen, je nachdem wie es kam: mal Deutsch, mal Spanisch, mal Englisch. Denn die Muttersprache vergisst man nicht. Ich schreibe heute noch schneller einen Brief auf Deutsch als auf Spanisch oder Englisch. Nur manchmal vergesse ich ein Wort und muss im Lexikon nachsehen.

Ich war das erste Mal wieder 1954 in Nürnberg auf einer Geschäftsreise, da war die Stadt noch sehr zerstört. Es war für mich sehr deprimierend. Ich habe das jüdische Gemeindehaus besucht; ich glaube, das war in der Wielandstraße. Anschließend bin ich auf den Friedhof gegangen. Das Haus meiner Eltern war nicht mehr da, obwohl es ein kleines Haus war. Die nächsten beiden Häuser standen noch. Wütend war ich nicht unbedingt, traurig ja. Hitler hat ganze Familien ausgerottet, nur weil sie jüdisch waren. Jüdische Familien haben in Deutschland seit hunderten von Jahren gelebt. Meine Großmutter ist zum Beispiel 1850 in Schwabach geboren und lebte dann in Fürth.

Wir hatten uns vor Hitler alle als Teil der Gemeinschaft dieses Landes gefühlt und nichts anderes, das war unsere Heimat. Wenn man mich heute nach Nürnberg fragt, dann löst das ein Gefühl an meine Kindheit aus, dass ich dort schöne Tage gehabt habe. Aber leider ist alles zugrunde gegangen. Ein zwiespältiges Gefühl. Man erinnert sich lieber an die guten Zeiten und vergisst das Schlechte. Man hat natürlich nie geglaubt, dass es soweit kommen würde.

Wenn ich in Deutschland jemanden gesehen habe oder Kontakt zu einer Person hatte, die etwa in meinem Alter war, dachte ich oft, dieser Mann oder diese Frau war wahrscheinlich auch Mitglied der Partei und hat mitgeholfen, die jüdische Bevölkerung auszurotten. Den jungen Menschen, die natürlich nicht beteiligt waren, muss man erklären, wie es damals war. Jedenfalls kann ich nicht sagen, ich hasse jeden Deutschen. Ich weiß nicht, wie es heute in Deutschland ist, ich weiß nur, dass viele Juden aus Russland gekommen sind, um sich in Deutschland anzusiedeln. Ich habe keine Ahnung, wie die Menschen fühlen. Ich wäre auf keinen Fall nach Deutschland zurückgegangen, denn es wäre kein glückliches Leben gewesen. Ich glaube schon, dass Nürnberg eine besondere Verantwortung hat vor der Geschichte, denn Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage, war eine der schlimmsten in der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Das wird wahrscheinlich noch lange in der Geschichte existieren. Nein, man kann nicht einfach aufhören, darüber zu sprechen. Bei gewissen Sachen kann man nicht sagen, ab jetzt sprechen wir nicht mehr darüber. Es ist ein Teil der Geschichte. Was wird man im Nürnberger Dokumentations-Zentrum ausstellen? Die Namen der jüdischen Bevölkerung aus Nürnberg vielleicht, die geflohen sind oder deportiert wurden? Die Überlebenden, wie ich und viele der anderen, unsere Lebenszeit ist ja begrenzt, wir sind mittlerweile alle in den 80ern und werden bald nicht mehr sein. Ich sehe es schon als meine Pflicht an weiterzuerzählen, was ich erlebt habe.«

Das Interview wurde im März 1999 in Miami Beach geführt. Auszug aus dem von Jim G. Tobias herausgegebenen Lesebuch, »… und wir waren Deutsche!« Jüdische Emigranten erinnern sich, Nürnberg 2009