Hätte, hätte Fahrradkette… Nichtjüdisch in zweiter Generation

Gemeinsam steht eine Gruppe Jungen und Mädchen während einer Machane, einem Ferienfreizeitcamp, vor dem Süßigkeitenautomat einer Jugendherberge. Ihr Betreuer erklärt, dass sie die Gummibärchen daraus nicht essen sollen. Wegen der Gelatine. Gelatine ist vom Schwein und jüdische Kinder dürfen kein Schwein essen – so verlangen es die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze. Ein Mädchen löst sich aus der Gruppe: „Ich darf das, ich bin keine Jüdin!“…

Von Ruth Zeifert

Am nächsten Morgen steht der Betreuer mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor dem Speisesaal und spricht die Mutter des Kindes an, wie es sich denn so verhalte? Und es verhält sich so: Das Mädchen ist tatsächlich halachisch keine Jüdin. Sie ist Tochter einer Mutter mit einem jüdischen Vater. Der Großvater des Mädchens ist also Jude, ihre Mutter „Vaterjüdin“. Und jetzt wird es kompliziert. Die Statuten des Veranstalters besagen, dass „Vaterjuden“ trotz aller Halacha gegebenenfalls mitfahren dürfen, aber deren Kinder… die seien doch gleich gar nicht jüdisch, wundert sich der Betreuer. Diese Personengruppe war ihm bislang noch nicht als potentielle Juden unter gekommen.

Nach der Begegnung wäre die Mutter, gefühlt als „Mogelpackung“ entlarvt, gerne abgereist. Der mitgereiste Rabbiner aber erklärt dem Betreuer, dass dieses Mädchen durchaus auf dem Weg zum Judentum sei, regelmäßig den jüdischen Unterricht und auch den Schacharit besucht. Mit Abschluss ihrer Bat Mitzwa, und einem Besuch beim Beth Din, dürfe sie sich in wenigen Jahren Jüdin nennen – wenn sie sich für diesen Weg entscheide. Dies tolerierte der Betreuer als im Rahmen der Statuten seiner Institution akzeptabel. Völlig einig waren sich Rabbiner und Betreuer natürlich dennoch: auf einer jüdischen Freizeit sagt man nicht, dass man keine Jüdin ist, denn das geht wider die Moral der jüdischen Gruppe!

Damit wäre der Bericht über diese Reise eigentlich fertig.

Aber mitnichten!

Hätte es in den 1950er Jahren in Deutschland etwa liberale Rabiner*innen gegeben, wäre die Großmutter des Mädchens zu dieser Zeit übergetreten und die Mutter und das Mädchen wären bereits als Jüdinnen geboren worden.

Hätte, wäre, wenn…

Die Großmutter hatte sich als junge Frau in einen jungen Israeli verliebt und war genauso Teil seiner Kultur, wie er ihrer geworden. Sie liebt das Land, lernte Hebräisch, jüdische Bräuche und kümmerte sich um die Schwiegermutter, als diese im Tel Aviver Altenwohnheim Unterstützung brauchte. Nicht, weil sie es musste, sondern, weil es ein Teil von ihr, ein Teil ihrer Familie war. Ohne Übertreibung hätte man sie als eine moderne Rut bezeichnen können. Die Rut der Tora hatte mit dem Judentum ihres Mannes gelebt und letztendlich der Überlieferung nach gesagt: „»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und Dein Gott ist mein Gott“ und wurde so sogar zu einer der Urahninnen König Davids.

Auch die Großmutter überlegte zu konvertieren. In den 1960er Jahren bedeutete Konversion nun einen orthodoxen Übertritt und das war mehr, als der Großmutter praktikabel war. Beide Großeltern waren zu dieser Zeit voll berufstätig, die nichtjüdische Schwiegermutter führte den Haushalt. Der Rabbiner verlangte nach der gängigen Lehre und Praxis bspw., dass der Haushalt streng koscher sein müsse, was er regelmäßig überprüfen käme und dass das Ehepaar den Weg in die 15 km entfernte Synagoge zweimal die Woche zu Fuß zurückzulegen habe. Völlig legitim natürlich, aber für das Paar schwierig umzusetzen.

Das letzte Wort sprach dann der Großvater. Dieser war im entstehenden Israel groß geworden. Zwar besuchte er als Grundschüler eine orthodoxe Yeshiva, wurde später aber als Kibbuznik und Soldat zu einem säkularen Mann weltlichen Geistes. Und er entschied, dass er hier in Deutschland als waschechter Jude aus dem Staate Israel nun nicht plötzlich orthodox leben wolle. „Lass es doch, Schatzi!“

Das bedeutete nicht, dass man das Judentum ablegte. Das Paar ging auch weiterhin immer mal in die Synagoge; nicht die Einheitsgemeinde, aber in die sogenannte „Chapel“ der Amerikaner, sie fuhren auch weiterhin nach Israel und hatten immer noch ihre jüdischen Verwandte und Freunde. Auch wurden die jüdischen Feste gefeiert, wenn es sich ergab. All dies war schließlich Teil der Familie. Damit wurde es auch selbstverständlicher und natürlicher Teil der Erziehung der eigenen Kinder und Enkelkinder.

Eine Familie, die in den liberalen Gemeinden Deutschlands heute wohl durchaus willkommen gewesen wäre. Aber einer muss irgendwann konvertieren, sonst hilft alle jüdische Identifikation und Praxis nicht!

Neues liberales Judentum

Für viele Generationen gab es im Nachkriegsdeutschland lediglich die Möglichkeit, orthodox zu konvertieren. Ein liberales Judentum etablierte sich erst mit steigenden Mitgliederzahlen seit den 1990er Jahren wieder. Oft wird unterstellt, das liberale Judentum sei eine Art ‚Judentum-light‘. Die liberalen Gemeinden aber leben ebenfalls streng nach der Halacha. Dieses Judentum modernisiert sich lediglich in Teilen mit der Gesellschaft. Die Leserschaft möge mir die Vereinfachung nachsehen: Es geht etwa um Fragen der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Anpassungen in der Liturgie. Aber auch darum, die nichtjüdischen Partner*innen und Kindern aus interreligiösen Beziehungen offener einzuladen.

Amerikas nicht-orthodoxe Juden beispielsweise reagierten bereits Anfang der 1970Jahre vielfach auf die wachsende Zahl von Mischehen integrierend. Über Kurse wurde die Annäherung an das Judentum erleichtert und auch der Übertritt für Partner*innen, die zu zur Konversion bereit waren, eher einfach gestaltet. Ob das amerikanische Judentum ein Vorbild sein kann, soll hier nicht bewertet werden. Der Problematik, dass durch Mischehen die Anzahl der Juden weiter sinken würde aber, konnte so entgegen gewirkt werden. Ebenso wurde eine jüdische Erziehung für Kinder aus gemischten Beziehung möglich.

In Deutschland stehen heute nun ebenfalls viele liberale und Reformgemeinden – oder auch die konservativen Masorti – Mischehen offener gegenüber. Nichtjüdische Partner dürfen geregelt ohne jüdischen Status am Gemeindeleben teilhaben. Ihnen steht teilweise eine niedrigschwellige Konversion offen. Der Weg des Gijur wird dennoch streng befolgt. Die Erleichterungen liegen etwa darin, nicht drei Mal im Konversionsbestreben Ablehnungen zu erfahren oder der fehlenden Auflage, den Weg in weit entfernte Synagogen zu Fuß zurück zu legen.

Vaterjuden

In meiner Studie Nicht ganz Koscher – Vaterjuden in Deutschland (2017) wird deutlich, dass Vaterjuden, die sich ‚irgendwie jüdisch‘ fühlen, tatsächlich alle mindestens zu einem Zeitpunkt ihres Lebens überlegt hatten, zu konvertieren. ‚Legalisieren‘ oder ‚Statusklärung‘ nannten einige den Prozess. Der Wunsch einer Konversion lag etwa in der kulturellen, familiären und/oder geschichtlichen Zugehörigkeit zum Judentum begründet. Ziel der Konversion wäre gewesen, diese Zugehörigkeit im formellen Status ‚Jude‘ zu bestätigen. Nahezu alle TeilnehmerInnen meiner Studie mussten, wie ihre nichtjüdischen Mütter, hierfür noch Einheitsgemeinden orthodoxer Ausrichtung ansprechen. Die meisten Konversionsvorhaben scheiterten, als realisiert wurde, dass den Status zu erwerben strenge Religiosität bedeuten würde. Man blieb lieber, was man war: ‚irgendwie‘ jüdisch, aber ohne Status. Schließlich hatten der eigene Vater und das Umfeld in der Regel auch ein eher unreligiöses Judentum vorgelebt.

Vaterjüdinnen der Studie übrigens, die selbst Mütter wurden, bereuten alle die Konversion nicht vollzogen zu haben. Nicht ununterbrochen, aber wenn die Frage darauf kam. Jene, die ältere Kinder hatten, berichteten zudem, dass auch ihre Kinder oft bedauerten, dass die vaterjüdische Mutter nicht konvertiert war.

In den letzten etwa 20 Jahren fanden nun große Veränderungen statt. In vielen Gemeinden sind Vaterjuden und deren engste Angehörige mittlerweile willkommen. Zudem gibt es ein jüdisches Leben neben den Gemeinden, an dem Vaterjuden oft teilnehmen können und teilnehmen. Der Status bleibt Nichtjude, aber das Selbstvertrauen von Vaterjuden als Teil des Deutschen Judentums ist gestärkt.

Status klären

Manche jener, die unter den Bedingungen der konservativen Einheitsgemeinden groß wurden, möchten nun für ihre Kinder, was ihnen selbst nicht vergönnt war: den Status klären und trotzdem säkular leben. Die Teilhabe am religiösen Leben stellt unter heutigen Bedingungen oft für beide Seiten kein Problem mehr dar. „Großvaterjuden“ könnte man nun diese zweite Generation den Regeln der Deduktion nach nennen. Sie haben Anbindung an jüdische Schulen, kulturelle Angebote und Gemeinden. Nicht alle, aber durchaus einige. Die Kinder der Leipziger ARD Redakteurin Anaïs Roth bspw. gehen in den jüdischen Religionsunterricht. Roth sagt: „Die Shabbatkerzen brennen nun erstmals seit Jahren wieder in unserem Haushalt. Wenn ich es nicht schaffe, übernimmt meine Tochter diese Aufgabe bereits freiwillig und ernsthaft.“ Eine Bat Mitzwa wird in der orthodoxen Gemeinde allerdings nicht möglich sein. Lea Wohl von Haselberg, die unter Anderem Mitherausgeberin der Zeitschrift Jalta – Positionen zur Jüdischen Gegenwart ist, hat ihre Tochter in einer jüdischen Grundschule. Auch sie zelebrieren Zuhause nun eine gewissen religiöse Praxis. Darüber hinaus war die Erstklässlerin bereits eine große Hilfe beim Lesen der Straßenschilder, als die Familie Verwandte in Israel besuchte. Meine Kinder durften dieses Rosh HaShana den Tora Schrank am Familienschacharit öffnen und haben aufgrund unserer regelmäßigen Besuche bereits mit unter 10 Jahren ein breiteres Repertoire an Gebeten und Liedern im Ohr, als ich mit Mitte 40. Die Bestsellerautorin Mirna Funk (Winternähe 2015) erzählte, dass sie den Status ihres Kindes in einem Baby Gijur hat klären lassen. Der Kindsvater allerdings ist auch Jude. Und doch wissen wahrscheinlich die wenigsten von der Existenz dieser Möglichkeit.

Deutlich wird, dass heute der Weg zum Judentum für nichtjüdischen Ehepartner und Vaterjuden wesentlich offener steht, als vor 70, oder auch noch vor 30 Jahren. Heutige Ehepartner und Vaterjuden können ihren Status klären und ein Judentum leben, das in der säkularen, nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft praktikabel ist. Zumindest jene, die eine der wenigen liberalen Gemeinden im Umfeld haben. Jene, die aufgrund der früheren Gegebenheiten nicht konvertierten, müssen sich in jedem Fall beeilen und die ‚Großvaterjuden‘ im Erlangen des jüdischen Status unterstützen. Sonst wird die Verbindung mit dem letzen halachischen Juden in der eigenen Familie möglicherweise zu dünn. Für die Orthodoxie ist sie das ohnehin bereits. Ein liberaler Übertritt wird nicht als allgemein gültiger Beleg des jüdischen Status anerkannt. Sich aufgrund seiner Herkunft und der Erziehung als jüdisch zu verstehen, sich aber erst als ‚auf dem Weg zum Judentum‘ zu bezeichnen und nach vollzogenem liberalen Gijur (gewissermassen) ein nur halb anerkannter Konvertit zu sein, wird von vielen ein Leben lang viel Selbstvertrauen, viel jüdisches Selbstvertrauen, erfordern.

Bild oben: Yarmulke and Menorah from the Harry S. Truman collection Skullcap: Jewish yarmulke or kippah with Hebrew lettering. Polyester, metallic thread. Length 17.0, Width 16.1, T 1.0 cm. Harry S Truman National Historic Site, HSTR 20077a Menorah: Jewish me

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