Der stille Handel

Alfred Roßner – Lebensretter im Schatten der SS…

Der Textilkaufmann Alfred Roßner ist während des Zweiten Weltkriegs Treuhänder einer Textilfabrik der SS im besetzten Polen. Die Zeit ist auf Seiten der einheimischen Zivilbevölkerung von Angst, Verzweiflung, Hunger und Verfolgung geprägt, auf Seiten der Besatzer von Gewinnsucht, Korruption und Gewissenlosigkeit, von Rassenwahn und Herrenmenschenvorstellungen.

Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Landsleute hilft Roßner polnischen und jüdischen Menschen, kann zahlreiche Juden vor dem Tod bewahren. Er gehört damit zu den wenigen, die inmitten dieser verrohten Gesellschaft ihren moralischen Kompass nicht verlieren. Sein Beispiel zeigt auf, welche Handlungsspielräume es gab.

Weder in seinem Jugendort Falkenstein noch über das Vogtland hinaus ist Alfred Roßner, 1995 von Yad Vashem als »Gerechter unter den Völkern« geehrt, bekannt. Mit dieser Romanbiografie soll er ins Gedächtnis der Menschen zurückgeholt und vor dem Vergessen bewahrt werden. Es ist zu-gleich ein Buch, das von Mut, widerständigem Verhalten und Zivilcourage in Zeiten von Krieg und Unterdrückung erzählt.

Hannah Miska, geb. 1955 in Magdeburg. Studium der Psychologie und Promotion, anschließend bei Siemens, SNI und Gen Re in Deutschland und in Asien. Von 2003 bis 2010 in Australien. Auslandskorrespondentin Australien/Neuseeland für die »Jüdische Allgemeine«; Consultant beim Jewish Holocaust Centre Melbourne. Seit 2010 freie Auto-rin. Im Mitteldeutschen Verlag erschien 2014 ihr Sachbuch »So weit wie möglich weg von hier. Von Europa nach Melbourne – Holocaust-Überlebende erzählen«.

Hannah Miska, Der stille Handel. Alfred Roßner – Lebensretter im Schatten der SS, Romanbiografie, 272 S., Mitteldeutscher Verlag 2018, 16,00 €, Bestellen?

LESEPROBE

Nachdem er in Breslau umgestiegen war, hatte er das Abteil für sich. Er war froh, seinen Mitreisenden, einen strammen und erzählfreudigen SA-Mann, los zu sein, und genoss die Stille, die nur durch das rhythmische Geräusch des Schienenstranges unterbrochen wurde.

Alfred Roßner lehnte sich zurück. Draußen zog eine verschneite, flache Landschaft vorbei, und es fing an zu dämmern. In drei Stunden würde er in Kattowitz sein, dort musste er in den Regionalzug umsteigen. Gegen einundzwanzig Uhr würde er dann in Bendzin ankommen, und sein Freund Adi würde ihn vom Bahnhof abholen, so war es ausgemacht.

Roßner griff in seine Aktentasche und holte den Brief heraus, den Adi ihm letzte Woche geschrieben hatte. Eigentlich kannte er ihn ja fast auswendig, aber irgendetwas zwang ihn, den Brief zum wiederholten Mal zu lesen – so, als ob er vielleicht zwischen den Zeilen etwas übersehen hätte.

Bendzin, Januar 1940
Alte Hauptstraße 45

Lieber Fred,
verzeih, dass ich mich seit unserem unfreiwilligen und überhasteten Abschied von Berlin noch nicht wieder bei Dir gemeldet habe – es ist den Umständen geschuldet. Aber ich weiß, Du hast Verständnis und ein großes Herz.

Ich schreibe Dir heute aus wichtigem Grund und will ohne weitere Umschweife zum Thema kommen. Wir sind nach unserer Aussiedlung aus Deutschland wieder in unsere alte Heimat gegangen – nach Bendzin. Du wirst den Ort nicht kennen, er liegt im oberschlesischen Industriegebiet ganz in der Nähe von Kattowitz. Es war alles nicht einfach, aber Du kennst mich, ich bin nicht kleinzukriegen, ich habe wieder eine kleine Textilfabrik aufgebaut. Wir fertigen Damen-, Herren- und Kinderkonfektion, das gleiche Sortiment wie in Berlin. Schon nach wenigen Monaten haben wir schwarze Zahlen geschrieben: Die Firma prosperiert, die Auftragslage ist sicher – auch dank unseres alten deutschen Kundenstamms, den Du ja kennst.

Aber es soll dem Menschen ja nicht zu gut gehen. Seit September haben wir, wie Du weißt, neue Herren im Lande und, kaum hat uns unsere Wahlheimat entlassen, holt sie uns wieder heim: Bendzin gehört nun zum Regierungsbezirk Kattowitz und damit zum Deutschen Reich.

Der Rest ist Dir aus Deutschland bekannt: Juden dürfen keine Geschäfte oder Gewerbebetriebe mehr betreiben, das gilt jetzt auch für Oberschlesien, und so ist die Arisierung bei uns in vollem Gange. Gerade wird unser Betrieb geprüft, um zu entscheiden, ob er liquidiert oder an einen deutschen Treuhänder übergeben werden soll. Das Ergebnis kenne ich: Unsere Firma steht auf soliden Füßen und wirft Gewinn ab – man wird also in Kürze einen Treuhänder suchen.

Natürlich habe ich sofort an Dich gedacht. Nachdem Du die Buchhaltung in unserer Fabrik in Berlin geführt hast, wärst Du doch bestens für die gesamte Leitung einer Fabrik qualifiziert. Wenn Du interessiert bist, müsstest Du Dich (mit allen Deinen Papieren) bei der Haupttreuhandstelle Ost in Kattowitz vorstellen, die die Arisierung der jüdischen Betriebe organisiert. Ich weiß, dass die HTO dringend nach geeigneten Kandidaten für die Übernahme jüdischer Betriebe sucht.

Du müsstest Dich schnell entscheiden, Fred. Ich denke, es wäre eine glänzende Chance für Deine berufliche Karriere. Aber mal abgesehen davon: Niemand wäre froher als ich, Dich hier zu haben. Bendzin ist keine üble Stadt, Du wirst sehen, und wenn wir zusammenhalten, könnten wir eine Menge erreichen.

Rosel, dem Jungen und mir geht es gut. Einzelheiten, wenn Du erst hier bist.

In alter Verbundenheit
Dein Adi Ferleger

P. S.: Ich schreibe an Deine alte Falkensteiner Adresse und hoffe, dass Dich der Brief dort erreicht. Falls Du Dich entscheidest zu kommen, telegrafiere mir bitte Deine Ankunftszeit in Bendzin, ich besorge Dir dann ein Hotel und hole Dich vom Bahnhof ab.
P. P. S.: Noch etwas. Du kannst Dir den Weg zur Bank sparen, Geld umzutauschen ist nicht nötig. Seit 1. Oktober ist der Złoty außer Kurs; die Reichsmark ist jetzt gültiges Zahlungsmittel.

Roßner faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen, steckte ihn zurück in den Umschlag und dann in die Aktentasche. Der Brief, fein säuberlich adressiert an Alfred Roßner, Falkenstein, Moltkestraße 21, war letzten Donnerstag angekommen. Mutter hatte ihn aus dem Briefkasten gefischt, und – vor seiner Nase damit herumwedelnd – freudestrahlend gerufen: Endlich Post von deinem Freund!

Das war tatsächlich eine Überraschung gewesen. Er hatte nichts von Adi gehört, seitdem die Nazis ihn und seine gesamte Familie in der sogenannten Polenaktion im Oktober 1938 aus Deutschland ausgewiesen hatten – und das war jetzt immerhin mehr als ein Jahr her. Adi, der eigentlich Adolf-Arie hieß, aber von all seinen Freunden nur Adi genannt wurde, war ein Nachbarsjunge aus gutem Hause und fünf Jahre jünger als er – also kein Junge, mit dem er im Sandkasten gespielt hätte. Aber sie waren auf dieselbe Schule gegangen und hatten denselben Schulweg gehabt. Und manchmal war Adi hinter ihm hergetrottet bis er, Fred, sich umgedreht und gesagt hatte: „Na, nun komm schon her, wir können doch zusammen zur Schule gehen!“ Und dann war der kleine dunkelhaarige Adi mit kleinen Schritten neben dem blonden Fred hergelaufen, sichtlich stolz auf den älteren Freund. Eines Tages war Fred vom alten Icek-Mayer Ferleger, Adis Vater, gefragt worden, ob er seinem Sohn nicht ein bisschen Nachhilfe in Rechnen geben könne – Zahlen seien nicht so seine Sache. Roßner schmunzelte, während er daran zurückdachte: Das zusätzliche Taschengeld war mehr als willkommen gewesen.

Als Adi etwa vierzehn war, Mitte der zwanziger Jahre, war die Familie Ferleger dann nach Berlin gegangen, weil ihnen das Umfeld im sächsischen Vogtland zu antisemitisch geworden war. Bereits 1921 war in Plauen die erste Ortsgruppe der NSDAP außerhalb Bayerns gegründet worden, und es gab viele rechtsnationale Umtriebe. Der alte Ferleger hatte gehofft, dass es in Berlin freizügiger und toleranter zugehe und dort wieder eine Textilfabrik aufgemacht. Das Geschäft lief gut in der Hauptstadt und besser als in Falkenstein. Adi ging aufs Gymnasium, machte Abitur und begann, Jura zu studieren. In den Schulferien war er oft nach Falkenstein gekommen, um seine alten Schulfreunde zu sehen. Später, in den Semesterferien, kam er wegen Rosel.

Manchmal trafen sich die jungen Leute nachmittags im Café Carola oder abends in der Bayrischen Bierstube – im Sommer konnte man da herrlich im Biergarten sitzen – und dann gab es endlose und erhitzte politische Debatten über die Inflation, die Massenarbeitslosigkeit und die andauernde Regierungskrise. Natürlich wurde auch über die Braunhemden gesprochen, die man nun zunehmend auf den Straßen sah, und über die Krawalle und Schießereien, die sich Kommunisten und Anhänger der Nazis lieferten. Fred, Mitglied in der der Sozialdemokratie nahestehenden Freidenkerbewegung, warnte leise und klug vor den Nazis; sein zwei Jahre jüngerer Bruder Fritz zog es vor, die Nazis mit derben Witzen durch den Kakao zu ziehen. Zunehmend öfter gesellte sich auch Alex Goldstein zu den gemeinsamen Treffen – die Roßners, Ferlegers und Goldsteins wohnten alle in der Nachbarschaft – und brachte zuweilen seine schöne Schwester Lena mit. Lena, die bei der Geburt eigentlich den Namen Leah hatte bekommen sollen, worauf der treudeutsche Standesbeamte den Eltern gesagt hatte: „Leah gibt es nicht hier – bei uns gibt es nur Lena!“ Die Geschichte wurde oft erzählt und erzeugte immer wieder großes Gelächter.

Anfang der dreißiger Jahre starb, völlig unerwartet, der alte Ferleger und vermasselte seinem Sohn Adolf-Arie damit die juristische Laufbahn. Marie Ferleger, die Mutter, insistierte, dass der jüngste Sohn die Firma übernehmen müsse. Die vier älteren Brüder waren schon selbstständig und aus dem Haus; und Berta, Laura und Paula, die drei Schwestern, kamen für die Führung einer Textilfabrik selbstverständlich nicht infrage. Fred erinnerte sich, wie unglücklich Adi damals gewesen war. Er war gerade erst zwanzig und hatte so gar keinen Sinn fürs Geschäftliche. Und Zahlen mochte er noch genau so wenig wie damals als Schuljunge. Nun hatte er sich extra in den Zug nach Falkenstein gesetzt, um Fred zu fragen, ob er nach Berlin kommen würde – als seine rechte Hand in der Firma.

Roßner lächelte. Die Entscheidung war ihm damals nicht schwergefallen. Er hatte eine dreijährige Ausbildung auf der Handelsschule gemacht und einen guten Abschluss als Kaufmann in der Tasche. Nur war er seitdem leider arbeitslos. Es gab keine Stellen. Mit der vogtländischen Stickerei- und Spitzenindustrie war es aus verschiedenen Gründen schon seit Jahren bergab gegangen, nun häuften sich die Konkurse, und es gab wegen der miserablen Auftragslage sogar etliche Selbstmorde unter den Plauener Fabrikanten. Die Arbeitslosenquote im Umland betrug bis zu fünfzig Prozent; nirgends in Deutschland war die Arbeitslosigkeit höher.

In seiner Not hatte Roßner gemeinsam mit seiner Mutter eine kleine Wäschefabrik im Hinterhaus aufgezogen – dort, wo sein so früh verstorbener Vater seine Rinder und Schweine geschlachtet und verkauft hatte. Das Geschäft hielt ihn, seine Mutter und seinen jüngeren Bruder Fritz nebst Frau halbwegs über Wasser, aber große Sprünge konnten sie davon nicht machen. Eine Anstellung und ein regelmäßiges Einkommen waren mehr als willkommen. Ohne zu zögern hatte er also zugesagt, und eine Woche später war er in Berlin gewesen. Es war der Beginn einer sehr guten Geschäftsbeziehung zu den Ferlegers und einer engen Freundschaft mit Adi. Adi hatte ihn so großzügig bezahlt, dass er sich sogar ein Auto leisten konnte. Damit war er zum Superstar geworden – bei seinen Freunden, in der Verwandtschaft und bei den Frauen sowieso.

Fred (rechts vorm Auto), Fritz (links außen), Karl Rölz (Zweiter von links) und ein Freund

Roßner stand auf, streckte sich und ging ein wenig im Abteil auf und ab. Das Knie machte ihm heute besonders zu schaffen – Ursache war vermutlich die Kälte. In wenigen Minuten würde der Zug in Kattowitz ankommen. Er holte seinen großen Koffer hervor, den er unter dem Sitz verstaut hatte, zog seinen Mantel an und setzte seinen Hut auf und ging langsam zur Zugtür. Als der Zug hielt und er die Tür öffnete, stand schon ein Gepäckträger da, der seinen Koffer zum Gleis 5 brachte, wo der Zug nach Bendzin in Kürze abfahren würde. Roßner sah sich um. Ein großer Bahnhof, aber nicht mehr viel los um diese Zeit. Ein paar Schutzpolizisten standen herum und hatten offensichtlich Langeweile. Auf Gleis 2 warteten einige Wehrmachtssoldaten auf einen Zug.

Es war kalt, und Roßner war froh, als sein Zug kam. Keine zwanzig Minuten später war er in Bendzin. Nur einige wenige Leute stiegen mit ihm aus, und er schaute sich vergeblich auf dem Bahnsteig um: Adi war nicht da. An der Treppe stand ein junger Mann, der auf jemanden zu warten schien. Langsam löste sich die Gestalt aus dem Dunkel, kam auf ihn zu und fragte: „Herr Roßner?“ Und nachdem Fred genickt hatte, fuhr er fort: „Ich bin ein Freund von Herrn Ferleger. Herr Ferleger kann leider nicht selbst kommen – er wird Ihnen das morgen erklären – und hat deshalb mich geschickt. Ich bringe Sie jetzt zum Hotel. Herr Ferleger würde sich freuen, wenn Sie morgen gegen zehn zu ihm zum Frühstück kommen. Er wohnt in der Kollataja-Straße – nein, Entschuldigung, die Deutschen haben die Straße umbenannt, sie heißt jetzt Alte Hauptstraße, also: in der Alten Hauptstraße Nr. 45. Die Straße ist eine der beiden Hauptstraßen und leicht zu finden, es sind nur fünf Minuten vom Hotel. Natürlich können Sie auch ein Taxi nehmen.“ Er nahm Roßners Koffer und lief damit voran – Roßner hatte Mühe, mit dem jungen Polen, der übrigens ausgezeichnet Deutsch sprach, Schritt zu halten. Das Hotel war nicht weit vom Bahnhof entfernt. Dort angekommen, verabschiedete sich der Pole höflich.

Das Hotel war nicht groß. Roßner stand in einem schmalen, dunklen Flur, der zu einer Treppe nach oben führte. Links war eine Art Rezeption, an der Wand dahinter hingen Schlüssel. Offenbar gab es acht Zimmer. Roßner schaute sich um – es war niemand da – und entdeckte einen Klingelknopf auf dem Tresen. Im gleichen Moment, als er ihn drücken wollte, erschien ein junger Mann, der etwas auf Polnisch sagte. Als Roßner seinen Namen nannte, sagte der Mann: „Pan Roßner, tak, numer cztery, prosze“, und reichte ihm einen Schlüssel über den Tresen.

Roßner ging sofort auf sein Zimmer. Es war klein, aber ordentlich und sauber. Er stellte seinen Koffer ab, legte sich – angezogen wie er war – aufs Bett und kreuzte die Beine übereinander. Wieso hatte ihn Adi eigentlich nicht abgeholt? Der Freund von Adi hätte ihm doch wirklich den Grund nennen können. Er ärgerte sich jetzt, dass er nicht gefragt hatte. Hoffentlich war nichts Schlimmes passiert. Andererseits, versuchte er sich zu beruhigen, sollte er ja morgen zum Frühstück kommen. Roßner studierte die weiße Decke, die einen hübschen Stuckrand ringsum hatte. In der linken Ecke erspähte er eine kleine Spinne. „Schön“, dachte er, „die wird mir Glück bringen.“ Er hatte seine Entscheidung, nach Polen zu fahren, letzte Woche fast in Sekundenschnelle getroffen: Mit dem Freund wieder zusammenarbeiten, endlich wieder Geld verdienen, die Mutter und den Bruder unterstützen – ein Angebot, das so verlockend war, dass man es wirklich nicht ablehnen konnte. Gut – Bendzin lag in Polen, und Polen war jetzt von den Deutschen besetzt. Die Polen würden über diesen Zustand nicht gerade erfreut sein, aber wenn anständige Geschäftsleute wie er nach Polen gingen, könnte man das Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen doch ganz erträglich gestalten. So war wohl auch Adis vorletzter Satz im Brief gemeint: Und wenn wir zusammenhalten, könnten wir eine Menge erreichen.

Noch am Abend des gleichen Tages, an dem er den Brief erhalten hatte, hatte Fred seiner Mutter, seinem Bruder Fritz und dessen Frau beim gemeinsamen Abendessen eröffnet, dass es eventuell eine lukrative Arbeitsmöglichkeit in Polen für ihn gäbe. Mutter war still gewesen, er wusste, dass sie sich immer Sorgen um ihn machte. Ausgerechnet um ihn, den Ältesten, und Mutter fand tatsächlich immer Gründe für ihre Sorge: weil Alfred so schmächtig war (Junge, du musst mehr essen!), weil er nun mal diese Erbgeschichte hatte (Alfred, hast du deine Tabletten genommen?) und weil er – während seine jüngeren Brüder Fritz und Franz schon längst verheiratet waren und Kinder hatten – mit seinen dreiunddreißig Jahren immer noch keine Frau hatte (Du hast so viele Freundinnen – ist dir denn keine gut genug?). Während Mutter also still gewesen war, hatte Fritz grinsend und ohne von seinem Teller aufzuschauen gefragt: „Heißt die Arbeitsmöglichkeit vielleicht Lena und befindet sich in Litzmannstadt?“ Das hatte Fritz einen Hieb mit dem Ellenbogen von seiner Frau Erna und einen scharfen Blick von seinem Bruder Fred eingetragen. „Na schön, Bruderherz“, hatte Fritz eingelenkt, „dann erzähl doch mal – was ist es denn für eine Arbeit? Gibt’s ordentlich Geld? Und wo genau ist die Firma?“ Und dann hatte Fred erzählt, dass Adi ihm aus Bendzin geschrieben hat. „Das ist in Oberschlesien, anscheinend werden dort Treuhänder für jüdische Fabriken gesucht. Ich weiß auch keine Einzelheiten, jetzt lasst mich erstmal hinfahren, dann schaue ich mir das Ganze aus der Nähe an. Morgen fahre ich jedenfalls nach Plauen und erkundige mich nach der besten Zugverbindung.“

Das war jetzt fünf Tage her. Auf dem Bahnhof hatte Roßner erfahren, dass es von Plauen aus über Chemnitz und Dresden eine direkte Verbindung nach Breslau gab; von dort ging es weiter nach Kattowitz und Bendzin. Allerdings brauchte er, hatte ihm der Schalterbeamte gesagt, für die Reise nach Bendzin einen Passierschein – und das könne dauern. Roßner war also sofort zum Falkensteiner Rathaus gegangen, diesem wunderschönen Prachtbau, und hatte sich an Willy gewandt. Willy, mit dem er in eine Klasse gegangen war, arbeitete in der Abteilung Passwesen. „Was willst du denn in Polen?“, hatte der ihn gefragt, aber ihm ohne weiteres Federlesen einen Passierschein zur Einreise in den Oststreifen ausgestellt. Danach war Roßner zurück nach Plauen gefahren, hatte dem staunenden Schalterbeamten den Pass gezeigt und sich die Fahrkarte gekauft.

Die nächsten Tage war er damit beschäftigt gewesen, noch ein paar anständige Sachen zu kaufen und sich von Freunden zu verabschieden, vor allem aber, seinen Bruder Fritz in die Geheimnisse der Buchführung einzuweihen. Der hatte nämlich, nachdem Alfred seinen Gewerbebetrieb abgemeldet hatte, als er nach Berlin ging, eine kleine Wäschefabrik unter seinem eigenen Namen angemeldet. Im Hinterhofgebäude standen Nähmaschine an Nähmaschine, Bügelmaschinen und Packtische, und das Geschäft lief nicht schlecht: Aus Seide, Charmeuse und anderen edlen Stoffen stellte Fritz Unterwäsche her, schöne seidige Hemdchen und Höschen und Unterröcke für Damen. Dafür gab es zwar keinen Massenabsatz, aber eben doch einen kleinen Markt für die oberen Zehntausend. Fritz beschäftigte immerhin vier Stepperinnen, einen Plätter, zwei Lehrjungen sowie einige Zwischenmeister, die Aufträge an Heimarbeiterinnen vergaben.

Auch Fred stand auf der Gehaltsliste – denn er hatte auch in seiner Berliner Zeit immer die Buchhaltung gemacht. Nun musste er Fritz also einen Schnellkurs in Sachen Finanz- und Betriebsbuchführung geben und ihm notdürftig ein paar betriebswirtschaftliche Grundsätze erklären. So könnte er wenigstens die Bücher in Ordnung halten, bis er, Fred, wieder zurück war, oder bis Fritz eine kaufmännische Hilfe gefunden hätte. Fritz hatte ihm stundenlang tapfer zugehört und auch einige Fragen gestellt, bis ihm der Kopf vor lauter Aktiva und Passiva, Soll und Haben, Gewinn und Verlust schwirrte, und er zornig mit der Faust auf den Tisch gehauen und ausgerufen hatte: „Das kapier ich doch nie.“ Fred war klar geworden, dass er Fritz nicht in drei Tagen beibringen konnte, was er in drei Jahren auf der Handelsschule gelernt hatte, und hatte versprochen – für den Fall, dass er in Polen bliebe – jemanden zu finden, der die Abrechnung für Fritz machen könnte.

Roßner wurde müde. Er holte seinen Schlafanzug aus dem Koffer, zog sich aus, legte sich ins Bett und löschte das Licht.

© Mitteldeutscher Verlag

Hannah Miska, Der stille Handel. Alfred Roßner – Lebensretter im Schatten der SS, Romanbiografie, 272 S., Mitteldeutscher Verlag 2018, 16,00 €, Bestellen?

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