Die Rosenbaumsche Laubhütte in Zell/Main

Am Donnerstag, den 04.10.2018, fand in Zell /Main ein hierzulande recht seltenes Ereignis statt: die feierliche Eröffnung des Informationspunktes „Die Rosenbaumsche Laubhütte“…

Von Judith Bar-Or

Dazu hatten sich mehrere Persönlichkeiten – wie der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, der Regierungspräsident von Unterfranken, Dr. Paul Beinhofer, die Bürgermeisterin von Zell, Frau Anita Feierbach, Mitglied des Landtages Manfred Ländner, Mitglied des Landtages Volkmar Halbleib, die stellv. Landrätin des Landkreises Würzburg Karen Heusner, die Verantwortliche für das Ausstellungskonzept in Zell, Frau Annette Taigel sowie mehrere Nachkommen des Begründers der Jüdischen Gemeinde Zell, Reb Mendel Rosenbaum s.A. – Lea Caplan, Meira Caplan und Uri Kelermann – alle aus Israel – eingefunden.

Die Rosenbaumsche Laubhütte ist in der Tat ein einmaliges Zeugnis der jüdischen Geschichte in Bayern. Denn die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Zell geht bis in das 19. Jahrhundert zurück: damals hatten die Juden das Gelände und die Gebäude des Klosters Unterzell gekauft und hier am 19.07.1818 eine eigene Gemeinde gegründet, deren geistliches und weltliches „Oberhaupt“ von 1818 bis 1860 Reb Mendel Rosenbaum war. Er war es, der mit Hilfe seines Freundes, des Würzburger Oberrabbiners Bing , den später weltberühmten „Würzburger Raw“, Seligmann Bär Bamberger nach Würzburg brachte. Die Zeller Jüdische Gemeinde besaß eine Synagoge bzw. einen Betsaal, eine Mikwe im Keller des gleichen Hauses, in dem sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Schulzimmer befand und die berühmte Laubhütte, eine einmalige Konstruktion. Die Gemeinde war im „Judenhof“ – einem kleinen Getto – untergebracht.

Im Judenhof lebte Reb Mendel Rosenbaum im Anwesen Judenhof 1 zusammen mit seiner Familie. Er war nicht nur im Handel tätig, sondern er betrieb auch eine Nagelschmiede und studierte, zusammen mit seinen Söhnen Jonas und Elias, eifrig Thora und Talmud – hierzu gründete er in Zell eine Talmudschule. Die Jüdische Gemeinde Zell genoss in den orthodoxen jüdischen Gemeinden Bayerns höchstes Ansehen. Die Nachfahren von Reb Mendel Rosenbaum verkauften 1909 das Gemeindeanwesen an die Familie des Eisendrehers Georg Julius Herrmann.

Die neuen Besitzer ließen die Laubhütte – einmalig durch ihre Dachkonstruktion – weitgehend unberührt und nutzten das Bauwerk als Schuppen. Was aber war denn so einmalig an dem Gebäude? Über einen Seilzug konnte man die beiden Dachhälften öffnen und hatte so – entsprechend den Vorschriften für die Sukka – freie Sicht auf den Sternenhimmel. Andere jüdische Familien hatten auch Laubhütten, die sie aber (aus Angst vor Judenfeindlichkeit) auf dem Dachboden verbargen; Reb Mendel Rosenbaum jedoch zeigte seine Hütte ganz stolz in der Öffentlichkeit – und machte sie dadurch einmalig.

Um ca. 1908 löste sich die Jüdische Gemeinde in Zell auf. Sie geriet in den späteren Jahren immer mehr in Vergessenheit. Erhalten geblieben sind jedoch Gebäude und Namen: der „Judenhof“ mit den Zeichen der Mesusot an den beiden Toren des einstigen Gettos – dem vorderen und dem hinteren „Wiesentor“. Erhalten geblieben war auch die Original-Bausubstanz der Sukka mit Spuren der Mesusa an der Eingangstür, ebenso wie das Haus, in dem sich Betsaal, Schulsaal und Mikwe befunden hatten. Ebenso erhalten geblieben ist auch ein Grundstück in Zell, gelegen in halber Höhe der sog. „Neuen Straße“ mit dem Namen „Judenfriedhof“ (im Kataster); hier war früher der heute nicht mehr vorhandene jüdische Friedhof.

Lange Zeit war den meisten Einwohnern der Marktgemeinde jegliches Wissen um die frühere Existenz einer Jüdischen Kultusgemeinde abhanden gekommen. Das fing an sich zu ändern, als 1986 der damalige Konrektor Israel Schwierz im Zuge der Recherchen für seine Dokumentation „Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern“ in Zell nachforschte und hier – Dank der Hilfe des sehr aktiven Heimatforschers Eduard Kohl – alle noch vorhandenen jüdischen Namen und Bauwerke dokumentierte. Großes Interesse jedoch fanden die Ergebnisse seiner Recherchen und seine Dokumentation damals noch nicht.

Erst 2007 kam Bewegung in die Angelegenheit: die Gemeinde Zell konnte zunächst die Sukka erwerben und ließ sie dann liebevoll renovieren. Frau Annette Taigel erkannte die Einmaligkeit der Rosenbaumschen Sukka und machte sich sehr zielstrebig daran, der Öffentlichkeit deren Bedeutung zu vermitteln. Dazu wurden innerhalb und um das Gebäude herum mehrere Schautafeln erstellt und im Gebäude selbst ein Modell der Sukka aufgestellt, an dem man den Öffnungsmechanismus des Daches nachstellen kann. Es ist geplant, nun regelmäßig Führungen durch die Laubhütte, die immer noch das Originallaub an der Decke trägt, zu veranstalten.

Wie zu erfahren war, hatte die Wiederherstellung der Laubhütte 345 000 EUR gekostet, wovon durch Zuschüsse aus dem Bayerischen Städtebauförderungsprogramm 125 000 EUR, aus dem Leader-Förderprogramm 25 000 EUR und von der Bayerischen Landesstiftung 20 000 EUR abgedeckt werden konnten. Architekt Dr. Matthias Wieser wies auf die besonderen Anforderungen bei der Sanierung der Laubhütte hin und dankte allen beteiligten Firmen für ihre „sensible Herangehensweise“ an die Arbeit.

Fotos: (c) Frank Stößel