Die Tuch-Redlichs – Geschichte einer jüdischen Fabrikantenfamilie

Wenn im Brünn der vorvergangenen Jahrhundertwende die Rede auf die Tuch-Redlichs kam, wusste jeder, wer gemeint war. Die bekannte, in der Tuchfabrikation tätige Familie war in der mährischen Hauptstadt allseits geschätzt, und wurde mit dieser Bezeichnung von einem anderen Familienzweig, der sich dem Zuckergewerbe verschrieben hatte, den Zucker-Redlichs, unterschieden. Die Tuch-Redlichs hatten im 19. Jahrhundert maßgeblichen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt; doch der Lauf der Geschichte, der barbarische Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts hat die Erinnerung an diese bedeutende jüdische Familie sowohl im lokalen als auch privaten Umfeld zerstört…

Von Monika Halbinger

Eine Nachfahrin, die in Klosterneuburg bei Wien lebende Susanne Schober-Bendixen, hat nun die Geschichte der Tuch-Redlichs, der ihre Großmutter Marie Redlich entstammte, für die Nachwelt aufgeschrieben. Im vorliegenden Fall erwies sich die in Brünn lebende Cousine der Großmutter mit dem wunderbaren Namen „Irma Österreicher“ als Glücksfall. Diese überlässt der Autorin 1978 beim ersten Treffen ein kunstvoll verziertes Jugendstilalbum, das mit seinen Familienfotos zum Ausgangspunkt der Reise in die Familiengeschichte wird. Und im Gegensatz zu anderen Verwandten ist Tante Irma bereit über die Vergangenheit zu sprechen. Über die Zeit der Verfolgung, ihre Inhaftierung in Theresienstadt, aber auch die Diskriminierung, die sie in der Nachkriegstschechoslowakei erlebte. Da die meisten jüdischen Familien in Mähren sich dem deutschsprachigen Kulturkreis zuschrieben, wurden Überlebende später – eine Ironie der Geschichte –  in erster Linie als Deutsche wahrgenommen, nicht als jüdische Opfer des  deutschen Nationalsozialismus. Eine Woche nach dem Kennenlernen stirbt Irma Österreicher tragischerweise an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches. Schober-Bendixen beginnt erst rund 40 Jahre später mit den Nachforschungen zur Familiengeschichte. Dies ist nicht nur familiären und beruflichen Verpflichtungen geschuldet, sondern auch der Tatsache, daran erinnert die Autorin, dass Wien während des Kalten Krieges trotz der geographischen Nähe unendlich weit von Brünn entfernt war. Der Eiserne Vorhang trennte Familien, Freunde und Bekannte. In seinem Vorwort verweist Gregor Gaugusch auf die engen Bezüge, die zwischen Brünn und Wien gegeben waren, und bemerkt ganz richtig, dass die 1940er Jahre die „totale Provinzialisierung“ dieser einst multikulturellen Städte mit sich brachten. Wien hat sich erst in den letzten Jahrzehnten wieder zur Metropole entwickelt und auch Brünn hat in den vergangenen Jahren bedingt durch internationalen Zuzug und Studierende aus allen Ländern an urbanem Flair gewonnen. Aber, so konstatiert Gaugusch, „so eng, wie die Verbindung war, wird sie wohl nie wieder werden“(S. 9).

Das Besondere an Schober-Bendixens Ausführungen ist, dass sie selbst die eigene Suche thematisiert und die Leser daran teilhaben lässt, was das das Buch auch so fesselnd macht. Jeder, der sich selbst mit der Erforschung seiner Familiengeschichte befasst hat, weiß um die Schwierigkeiten, das Vergangene zu  ergründen, gerade wenn keine geeigneten Zeitzeugen mehr am Leben sind; und wird schließlich auch mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sich manche Gegebenheiten nicht mehr restlos klären lassen werden. Die Autorin berichtet von ihren Nachforschungen beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen, von Recherchen auf den Brünner Friedhöfen und der Suche nach Hinweisen wie Parten oder Anzeigen in den damaligen Zeitungen.  

Schober-Bendixen setzt das Schicksal ihrer Familie in den zeithistorischen Kontext von Familiantengesetzgebung und der Emanzipation der Juden im Habsburgerreich. Der Sohn des in Nordmähren gebürtigen Stammvaters Hermann (Herschel) Redlich, Emanuel, sah sich aufgrund der diskriminierenden Bestimmungen, wonach nur der älteste Sohn eine Familie gründen durfte, gezwungen, nach Wien zu gehen. Mit der 1848 erfolgten Aufhebung des Niederlassungsverbotes für Juden in Brünn und der Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde im Jahre 1850 ging auch der gesellschaftliche Aufstieg der Familie Redlich einher, den die Autorin gekonnt in die allgemeine Geschichte der Brünner Tuchfabrikanten einbettet. Brünn wurde nicht umsonst das „Mährische Manchester“ genannt und hatte sich zum kulturellen und industriellen Zentrum Mährens entwickelt. Im 19. Jahrhundert entstand eine Art „Tuchadel“, zu dem neben den Stiassnys, den Löw-Beers, den Tugendhats usw. auch die Redlichs gehörten und der sich nahezu nur aus jüdischen Familien rekrutierte. 1857 gründete Emanuels Sohn Friedrich die „Friedrich Redlich Feintuch- und Schafwollwaren Fabrik Brünn“.  Gleichzeitig schritt das Bemühen um die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung voran. 1859 wurde das Familiantengesetz endlich offiziell aufgehoben und das Staatsgrundgesetz von 1867 gewährte schließlich allen Untertanen „volle Glaubens- und Gewissensfreiheit“.

Das jüdische Bürgertum Brünns fungierte als Wegbereiter der Industrialisierung und zeichnete sich durch große Loyalität zum Habsburgerreich aus. Auch die Mitglieder der Familie Redlich waren österreichische Patrioten mit tiefer Verehrung für Kaiser Franz Joseph. Auch wenn immer wieder – so auch im vorliegenden Buch – von „deutschen Juden“ die Rede ist, muss betont werden, dass die Juden Brünns sich vermutlich als Österreicher bzw. Mährer verstanden, das Attribut „deutsch“ hier vor allem auf die Sprache bezogen ist, die wiederum auch eher österreichisches Deutsch war.  Schober-Bendixen betont das jüdische Ideal der Zedeka (Gerechtigkeit, Wohltätigkeit), das in den jüdischen, akkulturierten Tuchmacherfamilien weiterhin eine wichtige Rolle spielte: Man legte Wert auf soziale Arbeitsbedingungen und sah sich einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden verpflichtet. Die Fabrik der Redlichs  war in diesem Punkt ein vorbildlicher Betrieb, wobei die Brünner Textilbetriebe hier ohnehin eine Vorreiterrolle einnahmen. Die Redlichs statteten beispielsweise bereits 1869 ihre Fabrik mit einer Betriebsfeuerwehr aus.  

Das ausgehende 19. Jahrhundert war in Brünn vor allem durch den Nationalitätenkonflikt zwischen der deutsch- und tschechischsprachigen Bevölkerung geprägt und sollte durch den Mährischen Ausgleich von 1905, der beiden Seiten Privilegien und Selbstbestimmung einräumte, entschärft werden. Dieser Ausgleich galt als vorbildhaft in der Monarchie, spaltete aber die jüdische Bevölkerung. Während die jüdische Unterschicht eher zur tschechischen Nationalbewegung tendierte, blieb die jüdische Oberschicht dem Kaiserhaus treu ergeben. Zwar überstand die Tuchfabrik die wirtschaftlich schwierigen Zeiten des 1. Weltkriegs recht gut, aber Untergang der Monarchie war für viele Juden schwierig, bedeutete er doch den „Verlust ihres Vaterlandes“, dies hatte schon Joseph Roth so konstatiert, und dies war auch bei der Familie Redlich der Fall.  

Ein wichtiger Akteur in dieser Zeit ist Friedrich (Fritz) Redlich, der letzte Inhaber der „Friedrich Redlich Feintuch- und Schafwollwaren Fabrik Brünn“ und Bruder der Großmutter der Autorin. Dieser war ein angesehener Mann in Brünn, dekorierter Leutnant im Ersten Weltkrieg, der im Betrieb für moderne Arbeitsbedingungen sorgte. Selbst getauft wollte er die am Horizont aufsteigende Gefahr nicht wahrnehmen. Wie so viele andere auch hatte er seine jüdische Herkunft fast schon vergessen. Seine Fabrik wurde arisiert, er selbst in Auschwitz ermordet. 

Dankenswerterweise berichtet die Autorin auch vom bezeichnenden Nachkriegsschicksal der Fabrik. Nach 1945 wurde diese, so war im Mährischen Landesarchiv zu erfahren, von der Nationalverwaltung  der Tschechoslowakischen Republik weitergeführt unter dem Namen „Bedřich Redlich“, da man wohl glaubte vom einstigen Renommee weiter profitieren zu können. Nachdem ein erster Restitutionsantrag der Ehefrau Fritz Redlichs, die die Shoah überlebt hatte, abgewiesen wurde, wollten die restlichen Familienmitglieder die Sache auf sich beruhen lassen. Erst als bekannt wurde, dass der ehemalige „Ariseur“ einen Restitutionsantrag stellen wollte, entschloss sich auch die Großmutter der Autorin, einen solchen in die Wege zu leiten. Zwar war auch diesem kein Erfolg beschieden, aber die Familie betrachtete es schon als Genugtuung, dass der ehemalige „Ariseur“ der Fabrik ebenfalls leer ausging. Schober-Bendixens Großmutter war eine der wenigen Überlebenden der großen Familie, da die Ehe mit einem Nichtjuden ihr einen gewissen Schutz bot. Sie war es vermutlich auch, die das Jugendstilalbum verwahrt hatte, als die anderen Familienmitglieder deportiert und größtenteils ermordet wurden. Für dieses Überleben zahlte sie – das schildert ihre Enkelin eindringlich – einen hohen Preis: Maria Redlich blieb bis an ihr Lebensende gebrochen durch Schuldgefühle und den unsagbaren Schmerz des Verlustes. Die Autorin spricht hier eine Thematik an, die tatsächlich häufig verdrängt wird: die Traumatisierung der Überlebenden.

Darüber hinaus macht sie sich auch Gedanken über den Einfluss der Vorfahren auf das eigene Leben.  Wie andernorts auch, wurde im Zuhause von Schober-Bendixen über das Schicksal der eigenen Familie nicht gesprochen: „Darüber schwieg man sich aus bei uns zu Hause in Wien. Das waren >Geschichten aus Brünn<, die wir tunlichst nicht zu hinterfragen hatten.“ (S.12), was zur Folge hatte, dass ein gewisses Gefühl der Entfremdung von der eigenen Familiengeschichte entstand: „Wir waren abgeschnitten von unseren Wurzeln. Wir wussten nicht, woher wir kamen.“ (S. 13)

Gerade die schließlich doch noch erfolgte intensive Auseinandersetzung mit dem Schicksal der eigenen Angehörigen zeigte, dass es bestimmte Kontinuitäten gab. So stellt Schober-Bendixen fest, dass – obwohl daheim die jüdische Religion keine Rolle spielte – die Schabbatfeiern bei Verwandten in Israel ihr sehr vertraut sind, und sie fragt sich, „ob man solche Erinnerungen vielleicht von seinen Vorfahren mitbringt“ (S. 71). Die Zwillingsschwester der Autorin ist zudem eine bekannte Tapisseriekünstlerin in Wien, setzt somit gewissermaßen die Familientradition fort.

Genau diese Verknüpfung unterschiedlicher Ebenen, zum einen die Thematisierung der Recherche an sich, die Erzählung der Familiengeschichte selbst, als auch das Reflektieren über die Auswirkungen jüdischer Familienschicksale für die Biographie der Nachfahren, macht dieses lebendig geschriebene Buch mit seinen zahlreichen Abbildungen zu einer empfehlenswerten Lektüre. Schober-Bendixen zeigt sehr konkret, wie das Konzept von familiärer Identität und Geschichte sich persönlich angeeignet  und der Vergessenheit entrissen werden kann. Denn die Tradierung eines Geschichts- und Familienbewußtseins ist auch in säkularisierter Form ein zutiefst jüdisches Anliegen. Ebenso das Ansinnen der Autorin, ihren Vorfahren ihre Namen wiederzugeben, denn „jeder Mensch hat einen Namen“, so heißt es im gleichnamigen Gedicht von Zelda Schneersohn Mishkovsky, das jedes Jahr am Jom haSchoah in Israel und in der Diaspora rezitiert wird. Den Angehörigen der Familie Redlich wurden ihr Name und somit auch ihre Würde wiedergegeben.

Susanne Schober-Bendixen:  Die Tuch-Redlichs. Geschichte einer jüdischen Fabrikantenfamilie, Wien 2018, Amalthea Verlag, 208 S., Euro 25,00, Bestellen?