Im offenen Jeep durch arabische Dörfer

Vor siebzig Jahren erlebte ein zwanzigjähriger jüdischer Flüchtling aus Baden bei Wien als bewaffneter Kämpfer des Palmach die Wochen und Monate mit, in denen der Staat Israel erkämpft wurde. Seine Überzeugung: Der Krieg hätte nicht kommen müssen…

Von Karl Pfeifer
Erschienen in: Jüdisches Echo, Vol. 67

Als Neunzigjähriger erinnere ich mich ohne Nostalgie an die Geschehnisse vor siebzig Jahren und — was viel schwieriger ist – ohne heutige Gefühle in die Vergangenheit zu projizieren.

Schon einen Tag nach dem Teilungsbeschluss der UNO-Generalversammlung begann am 30. November 1947 mit der Ermordung von jüdischen Zivilisten der Unabhängigkeitskrieg als arabisch-jüdischer Bürgerkrieg. Dieser endete am 15. Mai 1948 mit der Unabhängigkeitserklärung und der Aggression der arabischen Armeen gegen den neuen Staat.

Unbestritten ist, mit 6000 Opfern war es der blutigste Krieg Israels. Es hätte nicht so kommen müssen. Die jüdischen Vertreter David Horowitz und Abba Eban hatten am 16. September 1947 in London den Sekretär der Arabischen Liga, Azzam Pascha, getroffen, um einen letzten verzweifelten Versuch zu unternehmen, doch noch einen Kompromiss zu erzielen. Azzam lehnte eine friedliche Lösung ab: „Nationalismus ist die große Kraft, die uns bewegt. Wir brauchen keine wirtschaftliche Entwicklung. Für uns gibt es nur einen Test, den Test der Stärke.“

Bereits am 28. Dezember 1947 sah Sir Alan Cunningham, britischer Hochkommissar für Palästina, die Haltung der Araber als Rezept für eine Katastrophe an: „Ich kann nicht die Schlussfolgerung vermeiden, dass die Arabische Liga keine klare Idee hat über die Auswirkung ihrer gegenwärtigen Aktion und diese nur vornimmt, um, angesichts früherer Äußerungen, das Gesicht zu wahren.“ Er fragte den Kolonialminister: „Hat die Liga wirklich die Interessen der palästinensischen Araber am Herzen?“

Mit meiner Jugendgruppe aus dem Kibbuz Schaar Haamakim trat ich am 15. März 1946 dem Palmach bei, der 1941 gegründeten Einsatzgruppe der Hagana (dem Vorläufer der israelischen .Armee — Anm.). Im Sommer 1947 kam ich vom ersten Regiment des Palmach zum zweiten Regiment in den Negev: um legal eine Waffe tragen zu können, wurde ich sofort britischer Hilfspolizist.

Ende November 1947 verbrachte ich meinen Urlaub bei meinem damals noch ledigen Bruder Erwin in Jerusalem. Als ich am Morgen des 30. November die Nachrichten hörte, unterbrach ich den gerade begonnenen Urlaub und kehrte zu meinen Kameraden in das religiöse Dorf Tkuma nicht weit von Gaza zurück. Wir waren zehn Palmachniks mit der Aufgabe, die Wasserleitung zu den jüdischen Siedlungen zu bewachen. Unsere Routinepatrouillen am Tag und in der Nacht gingen weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Am 13. Dezember war ich zur Tagespatrouille eingeteilt, doch ich wachte mit schrecklichem Kopfweh auf und fragte beim Frühstück, ob jemand, der für die Nacht eingeteilt war, mit mir tauschen würde. Arie Schwarzmann, ein 16-Jähriger, der vorgab 18 Jahre alt zu sein und erst ein paar Tage bei uns war, tauschte mit mir. Die Patrouille wurde in einen Hinterhalt gelockt und von Beduinen ermordet.

Bald darauf wurden wir, die fünf Überlebenden, nach Nir Am transferiert. Hier war auch der Stab des zweiten Regiments und später der Stab der Negev Division. Wir hatten am Nachbarhügel, wo sich die Pumpen des Wasserwerks Mekorot befanden, ein eigenes Lager, das noch nicht ganz fertig war. Vorläufig schliefen wir auf dem Boden, doch der Speisesaal und die Küche waren schon fertig. Wir wurden von ein paar eilig in der Stadt rekrutierten Mädchen bekocht. Es gab auch einige Mädchen, die im Stab arbeiteten, und insgesamt herrschte eine Atmosphäre jugendlicher Unbekümmertheit.

Karl Pfeifer (I. vorne) bei seinem Einsatz als Palmach-Soldat: Um legal Waffen tragen zu können, wurde er britischer Hilfspolizist

Zunächst begleitete ich in der Uniform der jüdischen Siedlungspolizei Autokarawanen in den und vom Norden, nach und von Rechovot oder Tel Aviv. Wir fuhren in einem offenen Jeep auch durch arabische Dörfer. Oft genug wurde auf uns geschossen, doch in dieser Phase des Konflikts war ich phlegmatisch und sah diese nicht ungefährlichen Fahrten als ein Abenteuer an. Während eines Aufenthaltes in Rechovot traf ich einen aus Wien stammenden Kommunisten, der mir erklärte, ich könnte an der Universität auch ohne Matura studieren, wenn ich mich zur Rückkehr nach Österreich melden würde. Ich lehnte ab, mein Leben wurde von Zionisten gerettet und ich wollte nicht wie eine Ratte vom vermeintlich sinkenden Schiff flüchten. Außerdem wollte ich meine Kameraden nicht im Stich lassen.

Manchmal feuerten wir in der Nacht mit kleinen Zwei-Inch-Mörsern auf ein Dorf in der Nähe von Gaza. Wir wussten, dass dort auch fremde Söldner, Deutsche, Bosnier und Kroaten, ins Land gekommen waren, um gegen uns zu kämpfen. Dies motivierte uns zusätzlich, denn viele von uns verloren Eltern und Verwandte während der Schoah.

Ende Februar oder Anfang März mussten wir die ersten von der Hagana erzeugten „Panzerautos“ besteigen. Meistens saß ich im ersten „Panzer“. Im arabischen Nachbardorf Brer, wo ebenfalls ausländische Söldner stationiert waren, hielt uns oft eine unbemannte Barrikade auf. Obwohl fast kein Tag verging, ohne dass einer aus der Begleitmannschaft gefallen war, war es selbstverständlich, unter Beschuss die Barrikade zu entfernen. Einige meiner Kameraden verloren dabei ihr Leben. Unser Panzer fuhr auch vier oder fünf Mal auf eine Mine, aber wir kamen mit dem Schrecken davon. Wie durch ein Wunder wurde ich nur einmal von einem den Panzer durchdringenden Schuss verletzt. Ich hatte Glück, es war nur eine Fleischwunde und nach einigen Tagen im Feldspital fuhr ich in den Norden, um eine Woche Urlaub zu genießen.

Noch im Februar trafen sich der Muchtar (Dorfrichter) von Brer und der Sekretär von Nir Am, der die Hagana vertrat, beim britischen Bezirksoffizier. Dem Muchtar wurde klargemacht, wenn das Dorf alle fremden Söldner ausweist und den Frieden wahrt, so werden Leben und Eigentum der Bewohner von der Hagana geschützt, im gegenteiligen Fall aber gibt es keine Garantie. Doch die Einwohner gingen nicht ein auf das Angebot, und die faschistischen Söldner, die sie zur Hilfe gerufen harten, behinderten den Verkehr noch mehr.

Die täglichen Zwischenfälle, der Beschuss durch Heckenschützen, die sich lediglich ein paar Meter entfernt von der Straße hinter einem Kaktusgebüsch versteckten, die Sprengung von Minen unter unserem Panzer waren beängstigend.

Am 26. März versuchten wir wieder mit einer Karawane in den Norden zu fahren. Doch einen Kilometer südlich vom Dorf Barbara fuhr „mein“ Panzerwagen auf eine Mine und die Karawane musste umkehren. Danach konnten uns lediglich die beiden kleinen Flugzeuge, die damals noch bei Nir Am landeten, Post und Zeitungen sowie Medikamente und Verbandszeug bringen.

Die Zeit der Zurückhaltung ging zu Ende. Wurde unser Verkehr gestört, begannen wir den arabischen Verkehr zu stören. Wir bereiteten uns auf eine zu erwartende arabische Invasion vor.

Ende April landeten Dakota-Flugzeuge mit Waffen und Munition aus der Tschechoslowakei in der Nähe des Kibbuz Ruchama, der nur wenige Kilometer von Nir Am entfernt war. Ohne diese Ausrüstung hätten wir sicher den Krieg verloren. Die meisten von uns waren linke Sozialisten und wir jubelten bereits im Sommer 1947, als die Sowjetunion eine scharfe prozionistische Wende vornahm. Plötzlich waren wir — die früher bekämpften und verachteten Zionisten — geschätzte Bündnispartner.

Anfang Mai hat unser Regiment nach einem kurzen und heftigen Kampf das Dorf Brer eingenommen. Die wenigen Einwohner, die nicht nach Gaza geflüchtet waren, mussten das Dorf in Richtung Gaza verlassen. Sie hatten den Vorschlag, den Frieden zu wahren, ausgeschlagen und durften nicht in unserem Hinterland bleiben.

Am 14. Mai hatte unser Regiment 800 Soldaten, am 22. August, an meinem Geburtstag, als ich aus der ägyptischen Umzingelung ausgeflogen wurde, waren wir noch 122, die am Leben und unverletzt waren. Im alten amerikanischen Dakota-Flugzeug gab es Holzbänke, und als wir über die ägyptischen Stellungen flogen und von ihren Flugabwehrkanonen beschossen wurden, war ich so phlegmatisch wie am Kriegsanfang. Denn bald landeten wir in Tel Litvinsky, wo wir Uniform, Militärausweis und Soldbuch sowie den Sold von Februar an, als Zahal retroaktiv gegründet wurde, erhielten.

Die Wende

Nach einem kurzen Urlaub musste ich mich im ehemaligen britischen Militärlager Beerot Jizchak melden und erfuhr, dass ich zum neunten Regiment des Palmach überstellt wurde. Ich hatte noch in Nir Am eine Ausbildung an einem Drei-Inch-Granatwerfer genossen, bei den Übungen trug ich meistens das schwere Rohr, das sollte auch später meine Aufgabe sein. Im Lager traf ich einen anderen Soldaten, der früher im zweiten Regiment diente, Jaakov Lavie, der mein lebenslanger Freund wurde und leider vor ein paar Jahren in Jerusalem starb. Mit dem gleichaltrigen Jaakov, der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Litauen kam und ein sehr schönes Hebräisch sprach, diskutierte ich über Gott und die Welt. Jaakov hatte an den schweren Kämpfen um Yad Mordechai teilgenommen und unsere Abteilung war für ihn wie für mich eine Erholung.

Am 12. Oktober wurden auf allen unseren Fahrzeugen drei weiße Pfeile angebracht, die den Durchbruch an drei Stellen der ägyptischen Armee symbolisierten. Vor Beginn des Jom Kippur wurden wir versammelt und der Feldrabbiner erklärte uns, da wir in sollten wir essen und nicht fasten. Und tatsächlich ist in der Nacht unser Regiment durch die ägyptischen Linien unbehelligt in den Negev gelangt und unsere Abteilung kam in den Kibbuz Gvulot. Nur eine Woche später fuhr meine Abteilung zu einem Hügel, von dessen Spitze man Beersheba gut sehen konnte. Wir mussten aber hinter der Spitze des Hügels unsere Granatwerfer und die schweren Munitionskisten abladen, und endlich kurz vor vier Uhr in der Früh begannen wir, die ägyptischen Stellungen mit Granaten zu beschießen. Bald danach eroberten unsere Truppen die Stadt. Wir durften am Vormittag in die eroberte Stadt.

Im Hof der Polizeifestung sahen wir 200 ägyptische Soldaten stehen. Die meisten von ihnen zitterten vor Angst. Jaakov und ich — wir waren Nichtraucher – verteilten unsere Zigarettenration an diese Kriegsgefangenen. Wir hatten einfach Mitleid mit ihnen. Die meisten waren arme Fellachen, die sich nicht freikaufen konnten vom Militärdienst. Wir waren sicher auch von der vom ehemaligen Partisanenführer Abba Kovner redigierten antiimperialistischen Frontzeitung beeinflusst.

Anfang Dezember, wir langweilten uns in Beersheba, kam ein Offizier in unser Quartier und fragte, wer möchte lernen, wie man mit zwei von den Ägyptern hinterlassenen Kanonen umgeht. Ich schaute Jaakov an und wir beide meldeten uns. Wir erhielten ein paar Stunden Unterricht. Doch als wir baten, doch einen Schuss abgeben zu dürfen, erhielten wir die Antwort, die Munition sei knapp, aber wir könnten bald auf den Feind schießen. Tatsächlich bewegten wir uns in zwei Gruppen auf der Straße Richtung Westen. Unsere Gruppe war gerade hinten, als wir Kanonenschüsse hörten. Als wir dann vorwärtsfuhren, sahen wir einen ägyptischen Panzer, der einen Volltreffer abbekommen hatte. Wir waren entsetzt, als wir im Panzer die verbrannten Leichen von ägyptischen Soldaten sahen, deren Beine an das Fahrzeug gefesselt waren, und schätzten uns glücklich, dass so etwas in unserer Armee unvorstellbar war.

Bald lernten wir Chaim Barlev, unseren neuen Regimentskommandanten kennen, der später als Minister Karriere machen sollte. Am 23. Dezember begann das ganze Regiment einen Vormarsch in den Süden und überschritt die Grenze nach Ägypten. Doch unser Lastwagen mit zwei schweren Granatwerfern und dazugehöriger Munition versank im Sand und wurde in einem Wadi vom Regiment stehen gelassen. Das Foto wurde hier aufgenommen. Erst am nächsten Tag wurden wir abgeschleppt. Wir schlossen uns dem Regiment an. Während die ägyptische Artillerie auf uns feuerte, fuhren wir in Richtung des Stützpunktes Abu Agela und sahen, wie ganz vorne Barlev auf einen Jeep stand und den Verkehrspolizisten spielte, ein Teil der Fahrzeuge wurde nach links, der andere nach rechts geschickt. Wir mussten unsere Granatwerfer gar nicht ausladen, denn in der Zwischenzeit wurde Abu Agela eingenommen.

Dann ging es an die Front gegenüber Rafah. Wir lagen auf einem Sandhügel. Wer sich zu tief eingrub, wurde, wenn eine Kanonenkugel in der nächsten Umgebung einschlug, eingegraben und es kam zur Erstickung eines Soldaten. Ich erinnere mich an einen religiösen Südafrikaner, der während eines intensiven Beschusses unserer Stellungen aufstand, den Gebetsriemen und seinen Talit anzog und anfing; zu beten. Er wurde von den Sanitätern sofort ins Hinterland gebracht. Als einmal das Wasser zum Trinken ausging, zum Waschen war sowieso keines da, meldeten wir beide uns, um freiwillig vom Auto, das hinter dem nächsten Hügel wartete, eine große Kanne Wasser zu holen. Jaakov erzählte lachend von einem Kameraden, der während eines Beschusses seine Notdurft verrichten musste und einen Splitter in seinen Allerwertesten bekam, was eine Woche Heimaturlaub bedeutete. Wir hatten nicht dieses Glück.

Nach ein paar Wochen im Einsatz, ohne die Möglichkeit, uns zu waschen, wurde unsere Einheit am 1. Januar 1949 abgelöst. In Beersheba duschte ich im kalten Wasser, fuhr in den Urlaub und freute mich ein paar Tage später, im Radio zu hören, dass es zu einer Feuerpause gekommen war. Unser Regiment wurde in ein Lager in der Nähe von Tel Aviv versetzt, wo wir uns erholten. Im Frühjahr folgten die Waffenstillstandsabkommen. Für mich war der Krieg zu Ende, mein Freund Jaakov musste noch an drei weiteren Kriegen teilnehmen.

Bild oben: Mitglieder des Palmach auf einer Patrouillenfahrt im offenen Jeep (Karl Pfeifer sitzt auf der Rückbank in der Mitte)

Kommentar verfassen