Eine Erinnerung an den radikalen Aktivisten und Menschenfreund Kurt Holl

„Und wir haben auch keine Alternative. Wir wehren uns. Du an Deinem Ort – ich an meinem, aber gesamtgesellschaftlich ist nichts da“[i]

Von Uri Degania

                        „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“
                     Kurt Holl, bei einem Spaziergang zwei Wochen vor seinem Dahingehen.

„Kurt war authentisch. Wenn er mit den Roma gefeiert hat, dann war er voll da, hat mitgelacht, hat Witze gemacht. Nicht so wie viele, die es „gut meinen“ und sich dann an den Rand stellen.“
Hannes Loh (2018)[ii]

Es sind genau zwei Jahre vergangen. Und doch ist es mir immer noch nahe. Als Kurt ging habe ich eine kleine Erinnerung an ihn verfasst. Es war eine Mischung zwischen einigen persönlichen Erinnerungen aus den letzten 35 Jahren in Köln, einer raschen Recherche und einigen wenigen, kurzen Rückmeldungen von Freunden Kurts. Natürlich „musste“ der erinnernde Beitrag auch sehr rasch fertigwerden, noch vor Kurts Beisetzung. Innerhalb von 48 Stunden stand er auf dem Blatt. Der Nachruf erschien bei haGalil.com wie auch, kurz danach, auf Publikative.org.[iii]

Hannes Loh, den ich zwar als Name und Sänger kannte, jedoch nicht persönlich, schrieb mir im Dezember 2017 – ich war im Ausland, auf einer Insel – von der, nun realisierten, Buchidee. Ob ich mir die Texte, die er nacheinander in Kurts Computer gefunden und rekonstruiert habe, anschauen wolle. Klar wollte ich. Nach meiner Rückkehr las ich das Manuskript sogleich und war ziemlich beeindruckt. Trotz ihres teilweise noch unfertigen Charakters entsprachen die erinnernden Beiträge deutlich Kurts Grundhaltung.

Ich lasse meinen Nachruf so, wie er war. Nahezu kein Wort wird geändert. Nur die Zeitform habe ich gewechselt. Und einige Aspekte hinzu gefügt.

Er war immer da, mischte sich immer ein. In Köln. Eine hagere Gestalt, scharfgeschnittene Gesichtszüge, stets präsent. Ein Lebemann. Und ein Wortführer. Einigen soll er als die „rechte Kölner Hand“ von Rudi Dutschke gegolten haben. Auch im Alter wirkt Kurt noch sehr viel jünger. Kurt Holl ist wortstark. Er geht keiner Auseinandersetzung aus dem Wege, weder mit „hohen“ Politikern noch mit Polizeivertretern. In den letzten Monaten, als man ihm sein Alter und seine schwere Krankheit anmerken konnte, bin ich ihm noch ein paarmal begegnet, privat und bei öffentlichen Veranstaltungen. Kurt ist weiterhin wach, kritisch aufmerksam, gutgelaunt, hat Ideen – und sucht weitere konkrete Möglichkeiten, Romakindern und deren Eltern konkret zu helfen. Er versteht dies als existentielle politisch-menschliche Verpflichtung. Und er appelliert an unser warmes Herz, an unser Verantwortungsgefühl für diese gesellschaftlich Ausgestoßenen. Ihrem Schicksal möchte er eine Stimme gegeben. Viele, Freunde, Kollegen, politische Gegner, bezeichneten ihn in diesen Jahren, hinter seinem Rücken, in häufig herabsetzender Zielsetzung, auch als „Zigeunerbaron“. Auch mir gegenüber hat man dies verschiedentlich geäußert.

Am 10. Dezember 2015, am Tag der Menschenrechte, ist Kurt Holl in Köln gestorben, er wurde 77 Jahre alt. Kurt stirbt im Krankenhaus nach einer schweren Lungenentzündung. In den Jahren zuvor schien er eine schwere Krebskrankheit überwunden zu haben. Er hatte wieder Kraft geschöpft. Sein radikaler Kampfgeist schien ungebrochen. Auf sich selbst hat er nie sonderlich Rücksicht genommen. Immer hatte er Pläne, auch am Ende.

In den letzten Tagen saßen seine beiden Söhne Hannes und Benjamin, sein Bruder und viele Freunde an seinem Bett. Er wäre gerne noch einmal mit einer Freundin zu einem Abend zu der kleinen jüdisch-liberalen Gemeinde Kölns gegangen. Kurt, der Atheist. Der ehemalige Student der Kirchlichen Hochschule der Theologie in Wuppertal. Man möchte es nicht glauben: Kurt, der vaterlos Aufgewachsene, hat einmal Theologie studiert…

Zu dem Besuch ist es nicht mehr gekommen. Nun ist er gegangen, dieser radikale und dennoch selbstironische Aktivist und privat doch so freundliche und unendlich hilfsbereite und großzügige Mensch.

Sein wohl letzter öffentlicher Auftritt ist im März 2015: Der „Aktionskünstler“ und Betreiber der „Stolpersteine“, Günter Demnig, vielfach geehrt und doch in konservativen jüdischen Kreisen nicht ganz unumstritten, verlegt noch einmal eine Erinnerungsspur an die Verfolgung der Sinti und Roma quer durch Köln, auch am Waidmarkt – dem ehemaligen Standort des Kölner Polizeipräsidiums – mit welchem Kurt durchaus nicht nur freundschaftliche Erinnerungen verbindet. Hier wird im Straßenpflaster der Stadt Köln an den Deportationszug der Kölner Sinti und Roma 1938 erinnert. Für viele von ihnen endete er in den deutschen Vernichtungsstätten. Kurt hält die Ansprache.[iv]

Ein Weggenosse: Dieter Asselhoven

Wenn überhaupt jemand in Köln die sehr linke Bewegung, die undogmatisch-linksradikale – und dennoch gestaltende – Kölner Bewegung verkörpert so ist es Kurt – gemeinsam mit Dieter Asselhoven, seinem langjährigen, knapp zwei Jahren zuvor verstorbenen Mitstreiter.

Im April 2014 ist Dieter gegangen[v]. Bei der privaten Trauerfeier für Dieter treffe ich Kurt. Er ist der einzige aus der politischen Generation der über 60-Jährigen, der zu dieser  Feier eingeladen worden ist.

Kurt und Dieter Asselhoven hatten wirklich außerordentlichen Mut, beide haben wirklich viel „bewegt“. Auch Dieter ist in Kurts „1968er-Buch vertreten, im Kapitel „Rückblicke“ (S. 295).

Frühe Politisierung, die RAF, linke Antisemiten – und ein kleines Bedenken

Über Kurts Familiengeschichte weiß ich nur wenig. In seiner von seinen Söhnen posthum abgeschlossenen Autobiografie „Ein unbequemer Kölner bis zum Schluss“ hat er viele Erinnerungen niedergeschrieben.

Ich kannte ihn 30 Jahre. Aber wir standen uns nicht sonderlich nahe. Sein Mut, seine Entschlossenheit – die teilweise an Fanatismus grenzte – hat mir gefallen. Über „Israel“ haben wir nie gesprochen. Vielleicht ist dies auch gut so. Menschen wie ich entwickeln da eine gewisse Skepsis, insbesondere wenn es um den Austausch mit gewissen „Linken“ geht. Der ewige Antisemitismus, die verleugnete und verklärte mörderische Geschichte ist bei ihnen häufig anzutreffen. Aber nun sagt mir eine Freundin von Kurt, dass meine intuitive Skepsis unbegründet war. Kurt war in Israel und habe eine klar israelfreundliche Position gehabt.

Dennoch: Eine gewisse Skepsis bleibt in mir. Ich habe etwas Zweifel, ob Kurt sich auf ein gemeinsames Verständnis des Antisemitismus vieler 1968er – für die ein Dieter Kunzelmann mit seinem judenhassenden Diktum vom „Judenknacks“, den man „überwinden müsse“ steht[vi] – eingelassen hätte. Kurt identifizierte sich vorbehaltlos mit dem „Geist von 1968“. Hinter jeglicher Form von „Distanzierung“ sah er wohl ein Renegatentum. Es sei darauf hingewiesen, dass einige später „prominent“ gewordene „68er“ Kurt sogar gerichtliche Schritte androhte, wenn er ihren Namen und ihre damaligen Aktionen und Schriften in seinem Buch „1968 am Rhein“ auch nur erwähnen würde. Viele, so schreibt Kurt in seiner 1998 verfassten Einleitung zu seinem 68er-Buch, „haben ihre Vergangenheit entsorgt und wollen häufig nicht einmal mehr über sie reden. Erfolgreiche WDR Journalisten drohen mir mit Konsequenzen: der eine (Mitbegründer des „Republikanischen Clubs“), wenn er auch nur erwähnt wird; der andere will nicht, dass seine deftigen antiklerikalen Sprüche aus der 68er-Zeit zitiert werden.“ (Holl & Glunz 2008, S. 11)[vii]

„Man spürt selbst am Radio, wie sich die Diskutanten bei den Themen „RAF“ und „Maoisten“ bekreuzigen.“

Diese Grundhaltung galt für Kurt auch für die aus der 68er-Atmosphäre erwachsene RAF und deren Umfeld. In besagtem Vorwort zu seinem Buch „1968 am Rhein“ – das voluminöse Werk erschien 1998, zehn Jahre später folgte eine Neuauflage beim Kölner Emons-Verlag – schreibt der ehemalige Theologiestudent Kurt mit ironischem Unterton: „Man spürt selbst am Radio, wie sich die Diskutanten bei den Themen „RAF“ und „Maoisten“ bekreuzigten: Die einen versuchen immer noch alles Böll und Marcuse in die Schuhe zu schieben; die anderen wollen ihr 1968 lossprechen von solchen „wahnwitzigen Verirrungen“ – und fügt dann noch interpretierend hinzu: „denn 1968, das war für sie vor 1970 zu Ende. Weiter machten offenbar nur die Unbekehrbaren.“ (S. 16) Dann erzählt Kurt sehr ironisch die Geschichte des bekannt gewordenen „Junglehrers und Ex-68ers aus Hannover-Langenhagen“, der 1972 Ulrike Meinhof – vermeintlich war sie ihm persönlich völlig unbekannt, was Kurt nun gar nicht glauben mag – bei ihrer Flucht seine Wohnung überließ, dann Panik bekam und die Polizei noch in der gleichen Nacht – „noch bevor der Hahn krähte“ (Kurt) – informierte. Meinhof wurde in seiner Wohnung festgenommen, was der RAF-Chronist Stefan Aust verschiedentlich beschrieben hat. Dieser junge Lehrer berief sich nach Aust auf sein Gewissen als „linker Lehrer und Gewerkschafter“ (ebd.). Ja, mit solchen jungen Linken GEW-Kollegen sollte Kurt immer wieder zusammen stoßen, was von mir gleich noch an anderer Stelle nacherzählt wird. Vermutlich verachtete der lebenslange Revolutionär Kurt diese Ex-68er mehr als alle Konservativen. Sie hatten die gleiche Geschichte wie er, wenn auch nur für wenige Monate oder Jahre – und erklommen danach die sozialdemokratische (oder später: die grüne) Karriereleiter (vgl. Holl & Glunz 2008, S. 15; s. auch das Interview von Blaschke & Hensel (1988) mit dem seinerzeit knapp 50-jährigen Kurt Holl, in dem Kurt auf die Legitimität nicht nur von Protesten, sondern auch von konkreten Widerstandsmaßnahmen insistiert, indem er fragt: „Wie verhindern wir, daß in unserem Namen und mit den Machtmitteln dieses Staates Menschenrechte und Menschenleben überall auf dieser Welt mit den Füßen getreten und vernichtet werden?“ (ebd., S. 230).

Ulrike Meinhof, Horst Mahler und der „linke Antisemitismus“

Es war, daran sei erinnert, jene professionelle, scharfzüngige Konkret-Journalistin Ulrike Meinhof[viii], die in einigen ihrer Äußerungen die antisemitische Diktion und Praxis der RAF und weiterer „antiimperialistischer“ Terrorgruppen sprachlich vorwegnahm. Wenig später schlossen sich einige dieser radikalen Linken ausgerechnet Israels Todfeinden – der PLO und der PFLP – an, ließen sich von diesen militärisch ausbilden. 1976 führten sie in Entebbe gemeinsam Selektionen zwischen den entführten Passagieren durch. Berühmt geworden ist Meinhofs antisemitisches Verdikt, die israelische Regierung habe ihre Sportler „verheizt wie die Nazis die Juden“.[ix]

Warum erinnere ich Ende 2017 – wo erstmals eine in ihren Grundzügen völkische, Partei in den Bundestag eingezogen ist, die immer wieder durch antisemitische Ausfälle Aufmerksamkeit erregte – hieran? In Kurts 68er-Band findet sich ein ganzseitiges Foto (S. 280) vom 22.1.1969: Wir sehen einen großformatig aufgenommen Redner mit dunkler Brille in der Aula der Uni Köln, er spricht laut Kurt Holls Buch „vor ca. 1.800 StudentInnen zur Eröffnung der Justizkampagne des SDS“. Vor seinem Rednerpult hängt ein großformatiges Plakat mit reißerischen Lettern: „Teach-In: Zerschlagt die politische Justiz.“ Bei dem Redner handelt es sich um den seinerzeit 33-jährigen Horst Mahler – heute IN Haft sitzender bekennender Antisemit und Shoahleugner. Als weiterer Redner ist auf dem Plakat u.a. Martin Walser angekündigt, der sich seinerzeit noch dem DKP-Spektrum zugerechnet wurde.

Schulzeit – und der Algerienkrieg

1938 im schwäbischen Nördlingen geboren erlebt Kurt Holl noch das Ende der Nazizeit. Er wächst mit seinen zwei Brüdern weitgehend vaterlos auf, sein Vater stirbt 1942 als SS-Kavallerie-Angehöriger. Kurt besucht ein Internat im Schwarzwald. 1953 kommt er dann nach Köln, zum innerstädtischen Gymnasium an der Kreuzgasse. In Köln ist er geblieben, mit Ausnahme seines Studiums.

Es ist die Zeit des Algerienkrieges, 1954 bis 1962. Kurt liest den Philosophen und radikalen Aktivisten Jean Paul Sartre. Sartres auf Engagement drängende Philosophie des Existentialismus wird zu Kurts Lebensdevise, auf ihn hat er sich immer wieder berufen. Und Kurt liest Eugen Kogon, den Zeitzeugen und frühen Chronisten der Shoah. Kurt politisiert sich. Sein Französischlehrer lässt einen Aufsatz über das seinerzeit Aufsehen erregende Buch des französisch-algerischen Journalisten Henri Alleg, der sich als Kommunist verstand, über Folterungen in Algerien schreiben; seinerzeit war Algerien noch eine französische Kolonie. Das Buch erscheint 1958; binnen zwei Wochen werden über 60.000 Exemplare verkauft. Eigentlich hatte Allegs Text in der auflagenstarken kommunistischen französischen Tageszeitung L´Humanité erscheinen sollen, fällt dort jedoch der Pressezensur zum Opfer.

Hierin schreibt dieser: „So wie vor 15 Jahren bei der deutschen Besatzung in Frankreich deutsche Soldaten französische Widerständler gefoltert haben, so foltern wir jetzt freiheitsliebende Algerier.“ Kurt ist erschüttert. Die deutsche Geschichte, die auch die Geschichte seines SS-Vaters ist, scheint ihm zum Greifen nahe. Noch in der Schulzeit gründet Kurt eine „Aktionsgemeinschaft Algerien“. Kurt erfährt mehr zufällig, dass Vertreter der algerischen Befreiungsfront (FLN) Unterschlupf in der Bonner Botschaft Tunesiens gefunden haben – und fährt, selbstredend unangemeldet, dorthin. Man gewährt dem noch als Minderjährigen Einlass. Dort tauscht er sich mit einem hohen Funktionär der FLN aus, der ihm zwei Koffer mit französischsprachigen Flugblättern und Aufklärungsschriften übergibt. Bei einer Klassenfahrt schmuggelt Kurt Material der algerischen FNL über die streng kontrollierte Grenze nach Paris, was durchaus nicht ungefährlich war.[x]

In dieser Phase nimmt Kurt auch Kontakte zu dem Kölner SPD-Politikern Hans-Jürgen Wischnewski und zu Johannes Rau auf. Politische und persönliche Beziehungen herzustellen, auch mit Menschen, die seinen Standpunkt nicht teilen, dies ist ihm immer leicht gefallen. 1959 sollte er der SPD beitreten, die er 1969 wieder verließ, als sieben Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen APO-Aktivitäten liefen.

18-jährig, 1956, erlebt Kurt als Schüler den Ungarn-Aufstand, und er empört sich über das Schweigen, das Wegsehen gegen das Unrecht. In Frankfurt  demonstrieren Studenten mit dem Transparent „Woran sollen wir noch glauben?“ hiergegen. Sein Deutschlehrer lässt hierzu einen Aufsatz schreiben. Der Kern seines politischen Bewusstseins, gepaart mit einem radikalen gesellschaftlichen Veränderungswunsch, ist geweckt – und bleibt in ihm lebendig, zeitlebens.

Das Schweigen und das Aufbegehren

Es war wohl das kollektive deutsche Schweigen, die von Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 beschriebene „Unfähigkeit zu Trauern“, die Verweigerung einer „Bewältigung“ der NS-Zeit, die Kurt aufwühlte, empörte. Es war die mangelnde Bereitschaft insbesondere der im Nationalsozialismus aufgewachsenen, seelisch geprägten Elterngeneration, über die eigene Geschichte wirklich zu sprechen, die den vaterlos aufgewachsenen Kurt erschüttert. Er erlebt dieses Schweigen als aggressiv, als seine Seele vernichtend. Dagegen kämpft er an. Ein Leben lang. Immer wieder und bis zum Ende. Unerbittlich, konsequent und doch fröhlich. Viele verstehen ihn nicht mehr. Vielen erscheint er als Fanatiker, als ideologischer Sektierer. Kurt ist sich dessen sehr bewusst, wie er auch in seinen nun vorliegenden autobiografischen Erinnerungen hervorhebt. Und dennoch bleibt Kurt im privaten Kreis ein warmherziger Freund und Lebemann.

Heute will es mir so scheinen, dass der vaterlos aufgewachsene Schüler eines Jungen-Internats im Schwarzwald – zuvor wuchs Kurt mit zwei seiner Brüder auf dem Bauernhof seiner Großeltern auf; 1953 kam er 15-jährig nach Köln und besuchte dann das Gymnasium Kreuzgasse – vor allem auch gegen das innerfamiliäre „Schweigen“ ankämpfte: Sein Vater, den er nie kennenlernte, entzieht sich 1942 als SS-Angehöriger durch Tod einer Auseinandersetzung mit seinem Sohn, was Kurt ihm wohl sehr übel genommen hat.

Ein Student der Theologie im beschaulichen Wuppertal

Mit einem Einser-Abitur erhält Kurt ein Hochbegabtenstipendium. Er studiert im eher provinziell-idyllischen Wuppertal anfangs Theologie, dann Französisch, Geschichte und Philosophie auf Lehramt, wird gleich im ersten Semester Asta-Vorsitzender. Nun möchte er Lehrer werden. Und doch entwickelt er rasch ein tiefes Unbehagen gegenüber der sozialen Rolle, mit der eine solche verbeamtete Tätigkeit verbunden war: Kurt ist sogar verlobt, zumindest acht Jahre lang; seine Heirat wird erwartet, das Leben als junger Lehrer und Familienvater in einem kleinen Eigenheim scheint vorgegeben zu sein. Kurt fühlt ein tiefes, ihn anfangs verunsicherndes Unwohlsein gegen dieses reglementierte Leben, diese vorgegebenen individuellen und familiären Rahmenbedingungen. Das Unwohlsein verdichtet sich nach seinem Examen – auch seine Verlobte hat selbstredend ein Examen – zu einem Alptraum.

Er möchte kein – wie er es verschiedentlich formulierte – „Abziehbildchen der eigenen Eltern“ mehr sein. Aber es war erst die Brachialität, mit der der Staat, die Polizei auf deren anfänglich zaghaften Proteste gegen eine nur formale Demokratie reagierte, es war die Konfrontation mit den Polizeiknüppeln, mit den eingesetzten Polizeipferden, dann die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in West-Berlin durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras (der, wie erst vor wenigen Jahren aufgedeckt wurde, als SPD-Mitglied seit 1955 für die Stasi gearbeitet hatte), die binnen weniger Monate in einer Revolte mündete: Benno Ohnesorg wurde mit Kurras´ Dienstwaffe durch einen gezielten Schuss in den Hinterkopf getötet. Den Boden für diese kollektive Hatz hatten die „Blätter“ des „Springer Konzerns“ gelegt. Nicht nur Kurt fühlt sich hierdurch an die Nazizeit erinnert. Dies wird auch in dem Interview von Blaschke und Olaf Hensel mit Kurt (in: Blaschke/Hensel/Liebermann & Lindweiler 1988, S. 219-233) sehr deutlich.

Befreiender Ekel vor der alten Welt unserer Väter und Mütter

Im Vorwort zur 2. Ausgabe seines 68er-Buches erinnert sich Kurt seiner jugendlichen Gefühle – und der vieler seiner Freunde – in dieser Weise: „1968 war notwendig, weil uns ein ungeheurer, aber befreiender Ekel vor der alten Welt unserer Väter und Mütter befallen hatte: vor dem jämmerlichen Eifer, mit dem sie ihrem Führer bis in den Tod gehorchten und für ihn mordeten; vor der Geilheit, mit der sich „einfache Deutsche“ überall das Eigentum der deportierten Juden unter den Nagel rissen, vor der Feigheit, mit der sie das Verschwinden ihrer Nachbarn ignorierten, vor dem Selbstmitleid, mit dem sie ihre „Leiden im Krieg“ bejammerten (…) 1968 entstand deshalb letztlich der Lust am Verrat: am Elternhaus, an den Lehrern, an Gott und an seinen verlogenen Priestern.“ (ebd., S. IX)

1968: Aktionen, Proteste, Tumulte

Es folgen Studiensemester in Heidelberg, Nancy und Köln. Linker politischer Aktivist ist Kurt zeitlebens geblieben. Dem Protest gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und gegen Axel Springer schließt er sich „selbstverständlich“ an. Während der militanten Boykott-Aktionen gegen Springer, Ostern 1968, es kommt zum Barrikadenbau, die kurz danach brennen, muss er seine Schwiegermutter anrufen und zum 60. Geburtstag gratulieren. Kurt findet ein Telefonhäuschen: „Wo bist Du“, fragt diese. Kurt hält den Hörer heraus, man hört das brennende Holz und Schüsse. „Hier ist mein Platz“ ruft Kurt in den Hörer. Auf jeden Fall ein sehr lebhafter Geburtstagsgruß (in Blaschke & Hensel 1988, S. 222).

Bei der Besetzung des Rektorats der Kölner Uni im November 1968 (vgl. Holl & Glunz 2008, S. 55-57) ist Kurt nicht dabei, taucht aber irgendwann auf und hat sogleich – im Gegensatz zu der übergroßen Mehrzahl der damaligen Aktivisten – Forderungen, ein politisches Programm und eine Presseerklärung dabei, wie sich der Aktivist uns SSK-Mitbegründer Rainer Kippe erinnert (Blaschke & Hensel 1988, S. 226). Man könnte auch ironisch sagen: Kurt war der politische Generalsekretär der Bewegung. An ihm führte kein Weg vorbei.

Als im Januar 1969 wegen der einige Monate zurückliegenden Anti-Springer-Demonstrationen auch Kurt angeklagt wird – er sitzt mit Che-Mütze im Gerichtssaal (ebd., S. 284f.) – empört sich die Kölner Prominenz von Böll bis Wellershoff gegen die Anklage. Sie rufen die Kölner Öffentlichkeit zum Widerstand gegen obrigkeitsstaatliche Willkür auf. Der KStA berichtet am 24.1.1969 von einer Sensation: Der Richter Plessow habe in der Verhandlung mitgeteilt, „er fühle sich durch einen massiven Beeinflussungsversuch der Staatsanwaltschaft nicht mehr objektiv“ (ebd., S. 284). Der Richter erklärt sich für befangen, steht auf und schließt die Verhandlung. Auf einem Foto sehen wir den bärtigen Kurt in der erregten Diskussion, Face to Face, mit dem nachdenklich wirkenden Richter Plessow.

1973 stürmt Kurt mit Freunden bei einer politischen Aktion das Bonner Rathaus. 1985 folgen Baumbesetzungen an den Kölner Ringen, um die altehrwürdigen Platanen zu retten. Kurzzeitig ist Platania in aller Munde. Vergeblich. BAP widmet der Bewegung sogar einen eigenen Song: Jröön enn Platania.[xi]

Die 1970er Jahre: „Berufsverbote“…

1974: Dies war, in Folge der sogenannten 68er-Bewegung, die Zeit der sogenannten „Berufsverbote“ unter Bundeskanzler Willy Brandt. Brandt hat diese „Berufsverbote“ für unliebsame Linke später als den größten politischen Fehler seines Lebens bezeichnet. Der 36-jährigen Kurt Holl beginnt sein Referendariat im traditionsreichen Hansagymnasium, unweit des Ebertplatzes gelegen; dort war auch Henryk M. Broder ab Ende der 1950er Jahre Schüler gewesen. Die Schulleitung – übrigens ein ausgewiesener Sozialdemokrat und Landesvorstandsmitglied der Lehrergewerkschaft GEW – führt unmittelbar nach Kurts Arbeitsbeginn als Referendar einen entschlossenen Kampf gegen den Radikaldemokraten: Ob  der Schulleiter – dieser trug, wie Kurt in seinen autobiografischen Erinnerungen in diesem Buch detailliert beschreibt, bezeichnenderweise auch noch den Namen Gemein – nun zuerst das NRW-Kultusministerium eingeschaltet hat oder ob die Wege umgekehrt liefen, dies ist nicht mehr rekonstruierbar, aber auch letztlich belanglos: Der Schulleiter stellt den juristisch nicht vorbestraften Kurt wegen dessen radikaldemokratischer Grundhaltung immer wieder zur Rede – und informiert auch das Schulministerium hierüber. Es waren, daran sei erinnert, die 70er Jahre, in denen sich die Ausläufe der APO-Zeit, das Entstehen kommunistischer Sektenparteien mit dem entstehenden „blindwütigen“ RAF-Terrorismus überschnitten. Kurt wird eine Nähe zu einer K-Gruppen nachgesagt, eine Übernahme in den Schuldienst soll ihm wegen „mangelnder charakterlicher Eignung“ verweigert werden. Knapp 40 Jahre später erinnert Kurt sich an die Atmosphäre in seiner damaligen Schule: „Gespräche hörten plötzlich auf, Kollegen verschwanden in den Fensternischen, wenn ich den Flur entlang kam, oder auf die Toilette. Im Lehrerzimmer setzten sich viele Kollegen nicht mehr zu mir, sondern schienen plötzlich zu festen Gesprächsrunden verschweißt. Ich fühlte mich ziemlich schrecklich.“[xii] Ob er eine Erklärung habe, fragt ihn der Interviewer des Kölner Hansa-Gymnasiums: „„Wissen Sie, es war die Zeit der RAF-Morde“, hebt er hervor. „Viele Lehrer fürchteten, als Sympathisanten zu gelten.“ Einige hätten sich anfangs mit ihm solidarisiert und wollten einen Brief ans Kultusministerium schreiben, nach dem Motto: „Der Kollege Holl ist zwar politisch engagiert, aber trägt seine Ansichten nicht in den Unterricht. Wir treten für ihn ein.“ Doch zum zweiten Treffen sei keiner erschienen, da am Vortag der Berliner CDU-Abgeordnete Peter Lorenz von Linksextremen entführt worden war.“ (ebd.) In seiner Autobiografie finden sich in den Kapiteln „Untertan? Nein Danke! Von Lehrern, die umfallen“ sowie „Die Erkenntnisse des Dr. Spitzl“ weitere Details.

Die Polizei in der Schule…

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines 2. Staatsexamens erhält der engagierte Lehrer jedoch keine Blumen: Vielmehr wartet die Polizei auf ihn, als er erneut die Schule betritt; von seiner politisch bedingten Disziplinarisierung weiß er nichts. Sogar der Express berichtet hierüber, mit offenkundigem Erstaunen: Oberstudiendirektor Paul Szukala habe Kurt Holl nach drei Stunden Anwesenheit des Hauses verwiesen. Und der Direktor ruft auch noch die Polizei. Die erscheint, verlässt die Schule jedoch kurz darauf wieder, da gegen Kurt Holl nichts Belastendes vorliegt. Viele Schüler und Eltern hatten sich hingegen für ihren geschätzten Lehrer eingesetzt.

Kurt erhält nun auch schriftlich als Lehrer ein Berufsverbot: Ihm wird eine Nähe zu K-Gruppen unterstellt, eine Übernahme in den Schuldienst wird wegen „mangelnder charakterlicher Eignung“ verweigert.

Dr. Gemein und Dr. Spitzl: „Der Studienreferendar erfüllt nicht die normierte Voraussetzung: Die besondere charakterliche Eignung“

In seinem 68er-Buch hat Kurt Holl in dem Kapitel „Bietet keine Gewähr“ (Holl & Glunz 2008, S. 292f.) aus seiner Sicht einige Briefe der damaligen Jahre veröffentlicht, in denen sein Schulleiter, das Innenministerium aber auch Kölner GEW-Kollegen michts unversucht ließen, um das Berufsverbot gegen Kurt „durchzusetzen“: Der SPD-Schulleiter Dr. Gemein war in Personalunion auch NRW-Landesvorsitzender der GEW. Kurt schreibt: „Der Vorstand der Kölner „GEW“ (ein Bündnis aus linker SPD und DKP) aber auch der Landesvorsitzende der „GEW“, Dr. Gemein, überbieten sich mit Denunziationen.“ (ebd.) Kurt wird, gemeinsam mit anderen Kollegen, aus der GEW ausgeschlossen und verliert hierdurch auch den GEW-Rechtsschutz – auf den er zwingend angewiesen ist.

Dann gibt er ein Schreiben des Innenministeriums NRW vom 1.7.1974, wieder, verfasst von einem (auch dieser Name ist keine Satire) Dr. Spitzl, in welchem dieser bzgl. der Einstellung Kurt Holls für den Lehrerberuf feststellt: „Es liegen folgende Erkenntnisse vor: HOLL hat in den Jahren 1968/69 der Gruppe Köln des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) angehört. Über HOLL ist bekannt, dass er 1968/69 zu den treibenden linksradikalen Kräften an der Universität Köln gehörte und aktiv an verschiedenen gewaltsamen Aktionen beteiligt war.“ Es folgen Aktenzeichen von sieben Strafverfahren wegen politischer Aktionen – die jedoch alle zuvor ergebnislos eingestellt worden waren.

Neun Monate später, am 2.4.1975, folgt ein weiteres, diesmal vom Schulminister des Landes NRW verfasstes, an das „Schulkollegium beim Regierungspräsidenten in Düsseldorf“ gerichtetes Schreiben, in dem angeraten wird, wegen Holls „verfassungsfeindlicher Bestrebungen“ von dessen Einstellung als Studienrat z. A. „abzusehen“. Selbst ein niedrigschwelliger BAT-Vertrag wird abgelehnt. Der Studienreferendar Holl erfülle nicht die „normierte Voraussetzung („besondere charakterliche Eignung“) für die Lehrerlaufbahn.“ (ebd.)

19 Monate später, am 20.7.1976, folgt ein weiteres Schreiben an das Schulkollegium beim RP, diesmal vom Schulleiter (in Personalunion: Gewerkschaftsvorsitzenden) Dr. Gisbert Gemein verfasst. Dr. Gemein stellt – „aus meiner Kenntnis der „linken“ Szene“ (ebd.) – , eine Liste von „linken“ Publikationen zusammen, in denen gegen Kurt Holls Berufsverbot Stellung bezogen worden ist; und er fügt Fotos von diesen Protestkundgebungen bei, auf denen „Holl auf dem Podium zu erkennen“ sowie auf denen „Holl deutlich zu erkennen“ sei. Gemein fügt als politische Essenz hinzu: „Über den Fall Holl ist zwar mehrfach mehr oder weniger ausführlich in der „bürgerlichen“ Presse (Stern, Spiegel, Kölner Express, ferner WDR) berichtet worden; von der kommunistischen Presse haben sich meines Wissens nur KPD-gesteuerte Publikationen (…) dieses Falles angenommen.“ Seine „systematische Durchsicht“ aller anderen seinerzeitigen kommunistischen Medien – er führt zahlreiche auf – zeige, „dass der Fall Holl hier nirgends erwähnt wird. Dieser Sachverhalt kann als sicheres Indiz dafür gelten, dass Holl Mitglied bzw. Sympathisant der KPD ist.“ (ebd.)

Vor diesem beschriebenen Hintergrund  verwundert nicht, dass der von Willy Brandt 1972 beschlossene (und Jahre später politisch bereute) Radikalenerlass auch auf Kurt Holl (sowie, auf Köln bezogen, gemäß Kurt Holls Angaben bis 1977 auf weitere 48 weitere Menschen) angewendet worden ist.

Nachzutragen bleibt: Als Dr. Gemein 26 Jahre später, im Jahr 2002, in den Ruhestand geht bringt der KStA eine Hommage, die ein sehr anderes, gewissermaßen „sozialdemokratisch-widerständiges“ Bild von dessen Tätigkeit entwirft: Der 1939 geborene promovierte Historiker wird als ein „unangenehmer Widerborst“ portraitiert, der für „das verzerrte Leistungsbild der verkrusteten Adenauer-Demokratie“ nicht viel übrig gehabt habe. Aus der „konservativen Bildungsecke“ sei ihm wegen seines Mutes mehrfach signalisiert worden, „dass er beamtenrechtlich gesehen „von heute auf morgen“ seinen Hut nehmen könne.“ Desweiteren wird der langjährige Schulleiter, Sozialdemokrat und Gewerkschafter als ein „Aushängeschild für die Integration insbesondere türkischer Kinder“ gepriesen.[xiii] Ich hätte gerne miterlebt, wie Kurt bei der Lektüre dieser Hommage reagiert hat…[xiv]

Nach zahlreichen Gerichtsprozessen wird Kurt Holl fünf Jahre später, 1981 – Kurt ist inzwischen knapp 43 – doch noch Gymnasiallehrer, wird aber nie verbeamtet und erhält auch nur eine Teilzeitzeitstelle. Hierdurch erleidet er sehr massive finanzielle Einbußen und später auch eine entsprechend reduzierte Rente. Die Kölner Referentin für Rechtsfragen der Lehrergewerkschaft GEW, Christine Oberhäuser, teilt ihm im April 1994 – da ist Kurt 56 – mit, dass ihm durch das Berufsverbot allein für die den Zeitraum von 1976 bis 1994 ein Verlust von 432.000 DM entstanden sei. Im Alter von 65 Jahren dürfte ihm eine Rente von 1515 DM ausgezahlt werden, lautete die Berechnung (Holl & Glunz 2008, S. 293).

Wie Kurt diese Jahre seelisch durchgehalten hat ist mir nicht nachvollziehbar.

Die Liebe der Kölner Justiz zu Kurt Holl…

Die Beziehung zwischen Kurt Holl und der deutschen Justiz, der Kölner Polizei, sollte äußerst problematisch bleiben. Immer wieder versuchen sie, ihn wegen seines anhaltenden politischen Engagements juristisch anzuklagen. Immer wieder. Und fast immer verlaufen diese Prozesse im Sande. Sie wollen ihn zermürben. Sie wollen ihn verurteilen. Für mich steckt das geistig-mentalitätsmäßige Erbe der Nationalsozialisten hinter dieser unerbittlichen Kraft. Diesen fürchterlichen Wunsch, einen Menschen zu vernichten. Die Kölner Grünen – zu deren Gründungsmitgliedern er gehörte und die er nach dem „Jugoslawienkrieg“ Ende der 1990er Jahre verließ[xv] – ernennen ihn in den 1980er Jahren zum Mitglied des Polizeibeirates. Die Kölner Polizei dürfte nicht glücklich über diese Ernennung gewesen sein. Nun sitzt der Mann, den sie in Köln immer wieder drangsaliert hatten – und Kurt war hieran durchaus nicht unbeteiligt! – ausgerechnet in dem parlamentarischen Gremium, das ihre Arbeit demokratisch kontrollieren soll. In seiner Autobiografie hat er hierzu Ausführlicheres geschrieben, so im Kapitel „Spießbürgers Peepshow. Was mir als Mitglied im Kölner Polizeibeirat auffiel.“

1968 – für Kurt blieb dies zeitlebens eine magisch-kreativ erinnerte Zeit, die er nie missen wollte, obgleich er seinerzeit bereits 30 Jahre alt war – ist Kurt in Köln mitten dabei. Dabei war Köln wahrlich nicht das Zentrum der 68er-„Bewegung“, wenn man von der durch heftige Gewalttätigkeiten begleiteten Besetzung der Kölner Straßenbahnschienen am zentral gelegenen Rudolfplatz absieht. Aber selbst das war auch nicht „1968“, sondern zwei Jahre zuvor: Zwischen dem 21. und dem 24.10.1966 blockieren 6000 überwiegend Jugendliche nach Fahrpreiserhöhungen die Schienen. „Nieder mit der SPD“ ist zu hören. Die heftigen, durch Polizeigewalt niedergeknüppelten Auseinandersetzungen dauerten bis in die Morgenstunden an. Anmelder der Demonstration war übrigens – seinerzeit war man erst mit 21 Jahren mündig und somit berechtigt, eine Kundgebung anzumelden, viele Studenten fielen deshalb als Demoanmelder aus – der CDU-Politiker und damalige RCDS-Asta-Vorsitzende Klaus Laepple.[xvi] Auch Kurt war selbstverständlich bei den Protesten dabei. Diese Kölner KVB-Proteste waren übrigens die ersten Schüler- und Studentenproteste der Bundesrepublik, wie sich auch der renommierte linksliberale Kölner Juraprofessor Ulrich Klug erinnerte. Sie wurden sogar im Ausland sehr deutlich wahrgenommen.[xvii] Ulrich Klug, als in der FDP organisierter „Linksliberaler“ ein enger Freund von Rudolf Baum und Peter Finkelgruen, gehörte 1967 auch zu den Begründern des Republikanischen Clubs. Später war der streitbare Radikaldemokrat Ulrich Klug auch beim 1978 gegründeten Kölner Liberalen Zentrum eine prägende Persönlichkeit.

In Kurts 68-Buch finden sich Fotos, in denen Kurt auch Klugs Beteiligung an universitären Diskussionen über die „Notstandsgesetze (Mai 1968), sein Engagement gegen die „Berufsverbote“ sowie seine Unterstützung der „Republikanischen Hilfe“ (für die wegen der KVB-Blockaden angeklagten Studenten) dokumentiert hat (Holl & Glunz 2008, S. 14, 142, 192f, 285 und 296).

… und die unzerstörbare Liebe zwischen Kurt Holl und Oberbürgermeister Theo Burauen (SPD)

Um dies nachzutragen: Die bereits seit zehn Jahren unter Theo Burauen regierende Kölner SPD sollte auch in den Jahrzehnten danach nichts unversucht lassen, um ihrem schlechten Ruf gerecht zu werden. Burauen führt im Oktober 1966 im Express zu den KVB-Protesten aus: „Köln lebt und besteht auch ohne die, die mit unserer Stadt unzufrieden sind: Wir können auf eine ganze Reihe von Ihnen ganz gern verzichten!“ (Holl & Glunz 2008, S. 45)

Kurt Holl blieb mit Burauen in einer tiefen, begründeten Ablehnung verbunden, wie seinem 1968-Buch (Holl & Glunz 2008, S. 22f., 44f., 48, 221, 226, 250) zu entnehmen ist: Der 1906 geborene Sozialdemokrat Burauen gehörte in Köln zu den Vorkämpfern einer auch nach der Nazizeit ungebrochenen, persönlich protegierten Verfolgung und Kriminalisierung von Homosexuellen. Diese dürfe man „in einer Stadt wie Köln auf keinen Fall dulden“. Es sei „dringend notwendig (…) in ganz entschiedener und meinetwegen auch brutaler Form“ gegen Homosexuelle vorzugehen, führte der mächtige Sozialdemokrat 1951 vor dem Kölner Stadtrat aus (Holl & Glunz 2008, S. 22) Eines der Opfer dieser menschenverachtenden, durch den Paragraphen 175 abgesicherten Hetze gegen Schwule und Lesben war der Kölner Regierungspräsident Franz Grobben (CDU). Das Mitglied einer katholischen Studentenverbindung wurde im Juni 1966 in einer Toilette am Neumarkt festgenommen – und musste zurücktreten.

Proteste auf dem Kölner Melaten-Friedhof: „Unter den zugewiesenen Pflichtarbeitern Unruhe und Unfrieden gestiftet…“

Kurt bezieht nach seinem Berufsverbot Sozialhilfe. Deshalb soll der 37-jährige Akademiker, dem man eine Arbeit in einer Schule verweigert, ab März 1976 auf einem Kölner Friedhof – auf Melaten – „gemeinnützige Arbeit“ leisten, für 78 Pfenning pro Stunde. Kurt Holl mit einem Laubfeger in der Hand auf dem Friedhof: Das Foto wird vielfach publiziert (u.a. in Holl & Glunz 2008, S. 293) und erlangt Kultstatus. Kurt, seelisch offenkundig unerschütterlich, gründet sogleich den „Verein der Pflichtarbeiter Kölns“ und protestiert fünf Monate lang mit auf dem Friedhof verteilten Flugblättern gegen die politisch motivierte Drangsalierung. Dies war weit außerhalb des Vorstellungsvermögens der Behörde. Sie spürt den Verlust ihrer Autorität und möchte Kurt nun unbedingt loswerden. Deshalb erteilt sie Kurt nun ein Friedhofsverbot – das formal bis heute nicht aufgehoben worden ist. Mal was Neues. Im Schreiben vom 4.8.1976 teilt ihm der städtische Beigeordnete Lehmann-Grube mit, dass Kurt „seit März dieses Jahres fast täglich dadurch aufgefallen“ sei, dass er auf dem Friedhof Melaten „unter den dort vom Sozialamt zugewiesenen Pflichtarbeitern Unruhe und Unfrieden“ gestiftet habe. Deshalb erteile er ihm „hiermit das künftige Betreten des genannten Friedhofs. Sollten sie diesem Verbot zuwiderhandeln, werde ich gegen Sie Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs stellen.“ (Holl & Glunz 2008, S. 293)

Immerhin erreicht Kurt auf diese Weise,  dass in Köln die Zwangsarbeit auf Friedhöfen ganz eingestellt wird. Es ist beruhigend, dass dieses Verbot bei Kurts Beisetzung keine Anwendung mehr gefunden hat.

Köln-Merkenich: Kölner Verein für deutsch-türkische Zusammenarbeit

1976 erfährt Kurt, dass eine im linksrheinischen nördlichen Rheinufer gelegene, aus der Not geborene „Türken-Siedlung“ in Köln-Merkenich – vor dessen Toren befinden sich die riesigen Ford-Werke mit zahlreichen migrantischen, vor allem aus der Türkei stammenden Arbeitern  – ersatzlos aufgelöst werden soll. Kurt gründet daraufhin den „Kölner Verein für deutsch-türkische Zusammenarbeit“ und erreicht, dass jede betroffene Familie eine eigene geräumige Wohnung erhält (vgl. Peters 2011). Kurt, der radikale Aktivist, paart seinen radikalen Veränderungswunsch stets mit pragmatischen Lösungsversuchen. Hierbei erweist sich – um eine Politdiktion aufzugreifen – der „politische Fundi“ Kurt in der sozialen Praxis durchaus auch als ein „Realo“.

Ein Roma, Überlebender der deutschen Shoah

In dieser Zeit, während seiner Tätigkeit als „Zwangsarbeiter“ auf dem Friedhof, lernt der inzwischen etwa 40-jährige Kurt einen betagten Zigeuner, einen Roma kennen, Überlebender der deutschen Shoah. Kurt erfährt erfährt im persönlichen Gespräch mehr über deren grausames Schicksal, über deren auch nach der Nazizeit anhaltende Diskriminierung. Die Grundlagen für sein späteres radikales Engagement für Sinti und Roma werden in dieser Begegnung gelegt.

Später engagiert er sich als Lehrer an seiner Köln-Ostheimer Schule politisch: Sinti-Familie kampieren im Sommer 1986 auf einem Schulhof des „Arbeiterstadtteils“ Köln-Ostheim; Schulleitung und einige Kollegen versuchen, diese durch die Polizei vertreiben zu lassen. Kurt Holl und viele Schüler hingegen solidarisieren sich mit ihnen, organisieren ein Willkommensfest. Daraufhin verteilen Kollegen Flugblätter gegen Kurt, Eltern fordern seine Entlassung. Kurt, unerschrocken und unbeirrbar wie immer, wählt den direktesten Weg und wendet sich an die Landesregierung. Er bleibt noch für einige Jahre an dieser Schule. In seiner Autobiografie (2018) erinnert er sich in dem Kapitel „Wie ich unter die „Zigeuner“ fiel. Die Sinti Familie Weiss schlägt ihr Lager neben meiner Schule auf“ an diese ihn prägende Auseinandersetzung.

Seine Tätigkeit als Lehrer findet einen sehr symbolischen Abschluss: Ab den 1990er Jahren arbeitet Kurt in der Kölner Justizvollzugsanstalt Ossendorf – die früher einen Namen als RAF-Gefängnis hatte – als Gefängnislehrer. Er arbeitet nun spät abends und hat so ausreichend Zeit, sich weiterhin politisch für Sinti und Roma zu engagieren.

Strafanzeigen – bis zum Tode

Kurt Holl wird wegen seiner zahlreichen Interventionen und öffentlichkeitswirksamen Proteste, seiner – um eine seiner Lieblingsformulierungen zu verwenden: Lust am Verrat, der von ihm protegierten Kultur der Regelverletzung, vielfach angezeigt, jedoch niemals strafrechtlich verurteilt.

Noch im Juni 2015, wenige Monate vor seinem Tod, strengt die Kölner Staatsanwaltschaft erneut ein Strafverfahren gegen den 76-jährigen, bereits sehr kranken Kurt Holl an: Kurt hatte, gemeinsam mit Freunden, mehrere eindeutig rassistische Hetzplakate – mit Aufschriften wie „Bürgermut stoppt Asylantenflut“ – der seinerzeit noch in Fraktionsstärke im Kölner Stadtrat vertretenen rechtsradikalen Partei „Pro Köln“ abgehängt und der Polizei ordnungsgemäß und unbeschädigt ausgehändigt.[xviii]

Angeklagt werden nun nicht Kölns Rechtsradikale – sondern Kurt Holl. Die Anzeige gegen den 76-jährigen Ehrenvorsitzenden von Rom e.V. lautet auf „Sachbeschädigung“. Beschädigt wurden Kabelbinder, die einen Wert von zwei Euro haben…

Anders als die anderen Angeklagten will Kurt die Einstellung des Verfahrens gegen Geldbuße nicht hinnehmen. In seiner mündlich vorgetragenen Stellungnahme vor Gericht weist er darauf hin, dass der Spruch „Bürgermut stoppt Asylantenflut“ nicht unter die freie Meinungsäußerung falle sondern offen ausländerfeindlich sei. Diese von ihm abgehängten Plakate hätten einen volksverhetzenden Charakter und forderten zu Gewalttaten gegen Flüchtlinge auf. Mit Recht macht er geltend, dass es Pflicht jeden Bürgers sei, einzuschreiten. Obwohl schon schwer krank nimmt Kurt es auf sich, offensiv für die richtige Sache zu streiten. Und die Justiz war sich nicht zu schade erneut gegen den schwer Kranken vorzugehen! Es ist eine Unerbittlichkeit, die diese Justiz bei NS-Prozessen nahezu nie gezeigt hat, wie u.a. der Prozess Peter Finkelgruens gegen den NS-Täter Anton Malloth verdeutlicht hat.

Das Kölner EL-DE Haus

Das unweit des zentral gelegenen Kölner Appelhofplatzes gelegene EL-DE Haus war in der Nazizeit der Ort des organisierten Terrors. Viele politische Häftlinge wurden dort schwer misshandelt, einige ermordet. An den Wänden des großen Kellers dieses Gefängnisses fanden sich zahllose, mehrsprachige Inschriften, in denen Verzweifelte und Misshandelte ein letztes Zeugnis ihrer Qual hinterließen. Einige Kölner wussten gerüchteweise über die grausame Geschichte dieses Gebäudes – welches von der Kölner Stadtverwaltung als Archiv verwendet wurde.

Sammy Maedge und Kurt Holl machen immer wieder mit spektakulären Aktionen auf diese verschwiegene Vergangenheit aufmerksam. 1979: Kurt lässt sich gemeinsam mit einem Fotografen heimlich für eine Nacht in das Verwaltungsgebäude einschließen. Er räumt die Kellerwände und die davor gestapelten Akten weg, und der befreundete  Fotograf dokumentiert die unzähligen Inschriften. Noch in der gleichen Nacht ruft Kurt das verdutzte Bundeskanzleramt an und erklärt, warum diese Aktion politisch notwendig sei. Willy Brandt wird informiert und veranlasst die SPD-dominierte konservativ-traditionalistische Kölner Stadtspitze, dass der Keller erhalten bleibt. Hieraus entsteht ein Jahrzehnt später das heutige Kölner NS-Museum EL-DE Haus. Es hat zahlreiche Preise für sein Wirken erhalten. Tausende von Schulklassen, aber auch Touristen aus der ganzen Welt wie auch ehemalige Zwangsarbeiter und israelische „Jeckes“ haben es seitdem  besucht. Und doch, dies sei angedeutet, war seine Entstehung auch mit dem SPD-Korruptionssumpf der 1980er Jahre verbunden. Dass diese Kölner Geschichte nicht für ewig verleugnet, zerstört worden ist einzig Kurt Holls und Sammy Maedges Verdienst.

Ralph Giordano

1986: Ich gehe mit einer Freundin in die Volkshochschule, der Saal ist völlig überfüllt, über 500 Menschen haben sich versammelt. Die Kölner Tagespresse veröffentlicht seit Wochen fürchterliche, hetzerische Beiträge über raubende „Zigeunerbanden“ in Köln, die Atmosphäre in der Stadt ist aufgeheizt. Die Roma und Sinti, sehr viele von ihnen Überlebende der Shoah, leben im wohlhabenden Köln in Elendssiedlungen in Köln-Butzweiler, waten täglich durch den Schlamm. Ihre Hausungen liegen ausgerechnet auf dem Grundstück früherer Zwangsarbeiterfabriken.

Auch viel politische „Prominenz“ und Polizeivertreter sind im überfüllten Saal anwesend. Der Kölner Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano betritt das Podium. Und legt los, in einer selbst für ihn ungewohnten Vehemenz und Deutlichkeit: Er habe sich umfassend informiert, eine Initiative um Kurt Holl habe ihm zahlreiche historische Dokumente überlassen, ruft Ralph Giordano in den übervollen Saal. Es sei ein ungeheuerlicher, ihn zutiefst empörender Skandal, wie die Kölner Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Justiz noch heute mit den ehemaligen Verfolgten der Nazis, mit den deutschen Sinti und Roma umgingen. Und der scharfzüngig-kämpferische Shoah-Überlebende Ralph Giordano attackiert die gesamte SPD-Stadtspitze, die Presse und die Kölner Polizei scharf für ihren unmenschlich-zynischen Umgang mit Sinti und Roma. Für ihre Geschichtsblindheit. Für ihre Unmenschlichkeit und Kaltherzigkeit. Anschließend liefert sich Kurt ein heftiges Wortduell mit dem Polizeipräsidenten. Kurt ist der Sieger, das spüren wohl die Meisten im Saal. Das Schweigen ist durchbrochen, nachdrücklich, unumkehrbar, die Kriminalisierungsstrategie hat verloren.

Amaro Kher – eine Schule für Romakinder

Das radikalste, wirkungsträchtigste Engagement hat Kurt Holl jedoch für Sinti und Roma entfaltet. Über 30 Jahre lang setzt er sich, anfangs im heftigen Widerstand gegen die örtliche Polizei, eine Kölner Tageszeitung und große Teile der Kölner Politik, für die Interessen von Sinti und Roma, gegen deren bis heute anhaltende Diskriminierung zur Wehr. Er organisiert Ausstellungen, Lesungen, Begegnungen, Beratungen. 1999 endlich wird, vor allem dank seines Engagements, die Amaro Kher Schule für Sinti- und Romakinder am zentral gelegenen Venloer Wall eröffnet. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erscheint persönlich, als Ausdruck seines Respekts für diese schwierige und von steten Rückschlägen gekennzeichnete Arbeit.[xix]

„Das antiziganistische und das antisemitische Vorurteil“

Auch hierbei gelingt es Kurt, immer wieder einflussreiche Mitstreiter – häufig Frauen – zu finden, die scheinbar gar nicht zu diesem ewig jung erscheinenden Rebellen passen: Zu nennen sind insbesondere Hedwig Neven DuMont – Ehefrau des kürzlich verstorbenen Kölner Medienzars – , sowie die engagierte Kölner SPD-Politikerin Elfi Scho-Antwerpes. Der Historiker Kurt Holl macht sich keinerlei Illusionen über die Langlebigkeit und Hartnäckigkeit von Vorurteilen und Rassismen. In einem Interview mit der linken Wochenzeitung Jungle World aus dem Jahr 2000 betont er:

„Das antiziganistische wie das antisemitische Vorurteil hat in der Geschichte eine Entwicklung durchlaufen. Früher hieß es, Zigeuner würden Kinder klauen. So etwas wird heute nicht mehr unterstellt. Aber wir sind zu interessanten Ergebnissen gekommen, als wir das Stereotyp des Ostjuden in der Weimarer Republik untersuchten. Dabei stellten wir fest, dass fast alle Eigenschaften, die man damals den Ostjuden zuschrieb, heute ausschließlich den Roma und Sinti zugeschrieben werden: Dass sie sich im Wesentlichen durch Kleinkriminalität ernähren würden, dass sie es mit der Hygiene nicht so genau nähmen, dass sie eine Seuchengefahr darstellten, dass sie Wohnviertel unbewohnbar machen würden, und dergleichen mehr. Dieses Stereotyp des Ostjuden existierte in den Köpfen der Menschen weiter und hat sich wieder materialisiert in der Erscheinung der osteuropäischen Roma-Flüchtlinge. Ich habe selbst erlebt, dass Sinti, die hinter einer Schule campierten, mit dem Argument der Seuchengefahr für deutsche Kinder vertrieben wurden.“[xx]

Der Chronist der Revolution

1988: Die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Kölner Kirchen und zahlreiche Kölner Gruppierungen veranstalten den 50. Jahrestag der Gedenkfeiern zu den deutschen Nazi-Pogromen. Verstreute Erinnerungen an diese Veranstaltung habe ich noch. Feierlich-staatstragende Reden städtischer und kirchlicher Honoratioren, besinnliche Musik. Man fühlt sich wohl, fühlt sich unter Seinesgleichen. Und befriedigt zugleich sein Gewissen. Man gehört nachweislich zu den „Guten“. Eine schöne Veranstaltung. Aber auch durchaus nicht wenige Roma sind gekommen, die keineswegs in die feierliche Atmosphäre zu passen scheinen. Irgendwann ergreift Kurt Holl ungefragt das Mikrophon, kümmert sich nicht um den festgefügten Ablaufplan, erinnert an das weitestgehend aus dem nationalen, dem kollektive Erinnern eliminierte Schicksal der Sinti und Roma. Ein betagter Vertreter der Kölnischen Gesellschaft ist besorgt, entsetzt, bittet um die Wahrung der Dignität. Kurt lässt sich hierdurch nicht abhalten. Er durchbricht bewusst das institutionalisierte, sich selbst genügende „Erinnern“. Ein „Erinnern“, das die Geschichte abschließt. Von Vielen wird diese Szene als ein „Skandal“ verstanden. Das Unbewusste, das Tabuisierte meldet sich zu Wort. Die Kette des deutschen Verschweigens wird brüchig. Von alleine stellt sich dies gewiss nicht ein.

1988: 600 Jahre Universität zu Köln

Runde Jahrestage sind häufig Anlass für Rückblicke und Selbstheroisierungen. Die sogenannte „68er Bewegung“, der Kurt Holl altersmäßig – immerhin war er 1968 bereits 30 – „gerade noch“ so, aber mentalitätsmäßig wirklich angehört, bildet da keine Ausnahme. 1988, anlässlich des 600.ten Jahrestages der Kölner Universität, erscheint ein u.a. von Olaf Hensel[xxi] herausgegebener Band, betitelt mit „Nachhilfe zur Erinnerung“, in dem sich ein Interview mit Kurt Holl sowie drei weiteren Vertretern der damaligen Kölner Studentenbewegung findet. Kurt versteht sich seinerzeit, wie Dieter Asselhoven, als Vertreter des antiautoritär-aktivistischen Flügels der Studentenbewegung. Seine eigene Position kennzeichnet Kurt in diesem Band im Rückblick so: „Lass uns doch darüber einigen: Wir erzählen jeder aus unserer persönlichen Perspektive, tun aber so, als hätten wir eine Theorie über die ganze Geschichte. Also, dann sollten wir ehrlich sein. (…) Ich hatte mit Arbeitern überhaupt nichts zu tun. … Wir sollten lieber über unsere eigenen Politisierungsprozesse sprechen, die ja völlig idiotisch liefen … also vom subjektiven Faktor, sagt man ja heute. Ich hatte damals ja schon mein Examen und sollte eigentlich in die Schule gehen. Und für mich stellte sich das so dar, dass ich übergangslos rein sollte in ein System, so wie das eben von mir erwartet wurde und wo ich dann die Rolle der Leute, der Lehrer, die mich erzogen oder manipuliert hatten, übernehmen sollte. Das war für mich eine derartige Horrorvorstellung, dass es für mich wie eine Erlösung war, als mir jetzt die Studentenbewegung auch die Chance gab, mich da erst mal wieder rauszuziehen und mir für Jahre Luft gab, was anderes zu machen – mich auch der Verantwortung zu entziehen, sicher.“

Kurt, dies sei nachgetragen, bekam 1971 einen Sohn, Hannes, dem die Identität seines Vaters jedoch zwei Jahrzehnte lang verschwiegen wird, was mir als durchaus unnett und unwahrhaftig erscheint und traumatische Anteile hat. 1996, da ist Kurt 58, bekommt er einen weiteren Sohn, Benjamin. In Kurts letzten Lebensjahren lebt er  gemeinsam mit Benjamin in seiner Wohnung am Friesenwall in einer richtigen „Männer-WG“.

1998: „1968 am Rhein. Satisfaction und Ruhender Verkehr“

1998 dann das nächste „Jubiläum“: Gemeinsam mit Claudia Glunz gibt Kurt den erinnernden und dokumentierenden Band 1968 am Rhein. Satisfaction und Ruhender Verkehr heraus. Die Kölner Geschichte der APO wird hierin von zahlreichen ihrer Vertreter nacherzählt. Hieran liegt dem inzwischen 60-jährigen – der zu diesem Zeitpunkt einen dreijährigen Sohn – Benjamin – hat, um den er sich intensiv kümmert – viel. Eine politische und narrative Fleißarbeit.[xxii] Weitere Projekte, wie etwa eine städtische Ausstellung über die Kunst der Roma, 2009, folgen.

Kölns „alternativer“ Ehrenbürger

2011 ereilt Kurt Holl eine durchaus außergewöhnliche, aber gerade deshalb sehr passende Ehrung: Er, der radikale Aktivist und Rebell, dieser aufrichtige Mensch, wird –  gemeinsam mit Hedwig Neven DuMont – von einem breiten, „alternativen“ Bündnis von politisch-kultureller Prominenz (von denen sich viele bei der endlosen Diskussion zum Bau eines Jüdischen Museum in Köln abscheulich verhalten haben) für sein Engagement zum Kölner Ehrenbürger ernannt. Sechs Jahre zuvor hatte er bereits den – symbolischen – Rheinlandtaler des Landschaftsverbandes erhalten. Ausgezeichnet wird Kurt vor allem für sein Engagement im Rahmen des Rom e.V.

Nun ist Kurt gegangen, genau ein Jahr nach Ralph Giordano. Kurt Holl war ein außergewöhnlicher, ein mutiger Mensch mit einem nicht enden wollenden Engagement und einem warmen Herzen. Sein Leben war eine einzige, ungebrochene, nicht zeitgemäße Ermutigung.

Ein außergewöhnlicher, unbequem, manchmal nervender Mensch, der in Köln viele Spuren hinterlassen hat. Man möchte nicht glauben, dass es solche Menschen gegeben hat.

Foto: privat

[i] Dieses Zitat bildet den Abschluss des Gespräches von Blaschke & Olaf Hensel mit Kurt Holl (und drei weiteren Kölner „68ern“): Blaschke & Hensel: „Der aufrechte Gang geht zuweilen durch Glastüren“, in: Blaschke/Hensel/Liebermann & Lindweiler (Hg.) (1988): Nachhilfe zur Erinnerung. 600 Jahre Universität zu Köln, Köln, S. 219-233. Siehe auch Uri Degania (2015): Interview mit Olaf Hensel: Aber die Verpflichtung bleibt bestehen. „…Für mich persönlich war das Thema PLO mit dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft erledigt“, in haGalil, 28.3.2015, Internet: http://www.hagalil.com/2015/03/hensel/

[ii] In: Kurt Holl (2018): Ein unbequemer Kölner bis zum Schluss: Kurt Holl. Autobiografisches Portrait eines 68ers. Köln: Edition Fredebold, S. 91.

[iii] Uri Degania (2015): „Wir wehren uns. Du an Deinem Ort – ich an meinem, aber gesamtgesellschaftlich ist nichts da.“ Zum Tode von Kurt Holl, haGalil, 13.12.2015, Internet: http://www.hagalil.com/2015/12/kurt-holl/

[iv] Diese Erinnerungsaktion ist in dem YouTube-Kurzfilm „Die Spur“ dokumentiert worden: https://www.youtube.com/watch?v=jbYRr8NUzZk

[v] Uri Degania (2014): Shalom Dieter. Zum Tode von Dieter Asselhoven, haGalil, 21.4.2014, Internet: http://www.hagalil.com/2014/04/shalom-dieter/

[vi] Kunzelmann gilt gemäß den Studien von Wolfgang Kraushaar als der Verantwortliche – zumindest als der “Spiritus Rector“ (Reinecke) – des nur durch glückliche Umstände gescheiterten Mordversuches im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin: Dort, in der Fasanenstraße in Berlin, hatten ausgerechnet am 9. November 1969 Linksradikale eine Bombe deponiert. Die Bombe funktionierte nicht, der Draht war verrostet. 38 Jahre nach der Reichspogromnacht waren es nicht Nazis oder Neonazis, sondern Linksradikale mit chronisch gutem Gewissen, die die wenigen nach Deutschland zurück gekehrten – bzw. dort gebliebenen – Juden zu ermorden versuchten. Vgl. Stefan Reinecke: Das abgespaltene Attentat, taz, 1.7.2005, Internet: http://www.taz.de/!583782/ ; weiterhin: Wolfgang Kraushaar (2005): Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg; Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus (Rowohlt  2013); Götz Aly (2008): Unser Kampf. 1968. Frankfurt a.M. (Fischer). 

[vii] Claudia Glunz & Kurt Holl (Hg.) (2008): 1968 am Rhein. Satisfaction und Ruhender Verkehr, Köln: Emons Verlag.

[viii] Siehe hierzu den nachdenklich-erinnernd gehaltenen Beitrag von Renée Zucker: Länger war sie nirgendwo. Vor 40 Jahren starb Ulrike Meinhof, taz, 14.5.2016. Internet: http://www.taz.de/!5300881/

[ix] Siehe hierzu Veit Medick (2007): Antisemitismus in der RAF. Radikal antijüdisch, taz, 5.10.2007: http://www.taz.de/!5193915/; sowie: 40 Jahre nach Entebbe, haGalil, 2.2.2017: http://www.hagalil.com/2017/02/40-jahre-nach-entebbe/

[x] Siehe hierzu: Louis Peters (2011): Die Laudatio auf Kurt Holl, anlässlich der Verleihung zum „Alternativen Kölner Ehrenbürger“, KStA, 19.12.2011: https://www.ksta.de/dr–louis-peters-die-laudatio-auf-kurt-holl-12095120

[xi] Der Songtext findet sich hier: http://www.bap.de/start/musik/songtexte/titel/jr%C3%B6%C3%B6n-enn-platania

[xii] Siehe: Kurt Holl (2011): „Die Schüler waren prima“. Eine Erinnerung an Kurt Holls Referendariat, in: Materialien des Hansa-Gymnasiums. Internet: http://hansa.digionline.de/wws/bin/246136-246392-2-kurt_holl_referendar_1974.pdf

[xiii] Kölner Stadtanzeiger: Die Karriere eines Widerborstes, 28.1.2002, Internet: https://www.ksta.de/die-karriere-eines-widerborstes-14036754

[xiv] Ein ehemaliger Kollege des Schillergymnasiums, der offenkundig zu den ausgewiesenen Gegnern Kurts gehört, hat im Selbstverlag eine umfangreiche Chronik der Schule vorgelegt. Hierin widmet er auch einige Zeilen der APO-Zeit und Kurt, indem er schreibt: „Teile der Schüler politisierten sich, z.T. auch unter dem Einfluss der nahen Universität mit ihrer unübersehbaren Vielfalt von K-Gruppen (kommunistische Gruppierungen unterschiedlichster Ausrichtung) und insbesondere des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), der damals seine Zentrale gleich nebenan in der Palanterstraße hatte; im SDS war es insbesondere Kurt Holl (später Stadtrat der „Grünen“), der damals das revolutionäre Bewusstsein in die Schülerschaft der Gymnasien – die künftigen intellektuellen Kader der Arbeitermassen – tragen wollte; ausdrücklich visierte er auch das nahegelegene Schiller-Gymnasium an – der Erfolg aber blieb aus“, in: Schmitz, E. B.: Die Geschichte des Schiller-Gymnasiums Köln 1899-2015, Köln 2015. Der Kölner Lokalhistoriker wertet Kurts Einfluss und Engagement zu hoch: Kurt gehörte niemals dem Kölner Stadtrat an…

[xv] Siehe hierzu das Kapitel „Nix wie Krieg? Verarschen kann ich mich alleine! Mein Bruch mit den Grünen“ in Kurts Autobiografie (2018).

[xvi] Filmmaterial hierzu wurde 2016 in einer WDR-Dokumentation gezeigt: https://www.youtube.com/watch?v=fwDjzoofpGU

[xvii] Siehe hierzu das Interview von Blaschke & Liebermann – „Auf der „anderen Seite der Barrikade“ – mit Ulrich Klug über die 68er-Studentenrevolte. In: Blaschke/Hensel/Liebermann & Lindweiler (1988): Nachhilfe zur Erinnerung. 600 Jahre Universität zu Köln, Köln 1988.

[xviii] Es sei daran erinnert, dass die Vorgängerorganisation dieser Gruppierung, die „Deutsche Liga für Volk und Heimat“, sie war ab 1991 im Kölner Stadtrat vertreten, 1993 ein Fahndungsplakat gegen eine illegal in Köln lebende Romafrau veröffentlichte und ein „Kopfgeld“ von 1000 Euro aussetzte; später erhöhte sie dieses auf 5000 Euro. Die ZEIT titelte am 12.3.1993: „Neue Form der Menschenjagd: Die Deutsche Liga setzt zur Ergreifung einer Roma-Frau ein Kopfgeld aus.“ Es wurden seinerzeit 3000 dieser „Fahndungsplakat“ in Köln aufgehängt und 50.000 „Steckbriefe“ von der Vorgängerorganisation von Pro Köln verteilt. Der juristischen Karriere von zwei „prominenten“ Vertretern dieser rechtsradikalen Gruppierung, der eine von ihnen arbeitet heute als Rechtsanwalt, stand dies nicht im Wege.

[xix] Flüchtlingskinder: Eine Schule für Romakinder, in: Die Zeit, 15.11.2010. Internet: http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2010-11/schule-romakinder-koeln

[xx] Interview mit Kurt Holl: „Antiziganismus findet sich rechts und links“, Jungle World Nr. 35, 23.8.2000 http://jungle-world.com/artikel/2000/34/27059.html

[xxi] Uri Degania (2015): Aber die Verpflichtung bleibt bestehen. Interview mit Olaf Hensel, haGalil 28.3.2015, Internet: http://www.hagalil.com/2015/03/hensel/

[xxii] Kurts herausragende Rolle als Akteur und Dokumentarist der „1968er-Bewegung“ (O-Ton im Film: „… Einer der Wenigen, die ihren Weg bis heute gradlinig weitergegangen sind ist der Kölner Kurt Holl“) wird auch in der 1998 ausgestrahlten Fernsehdokumentation „Die 68er – Eine Generation vor der Rente“ (Wolfgang Ettlich, DVD, 90 Min., BR, 1998) gewürdigt:  Wir sehen dort den knapp 60-jährigen Kurt, wie er seinen kleinen Sohn Benjamin hochhält und ironisch von dieser neuen, antiautoritären Erfahrung als betagter junger Familienvater erzählt; und Kurt erinnert hierin, hierbei in seiner im Kölner Friesenwall gelegenen Wohnung herumlaufend, von seinem tiefen Unbehagen gegenüber dem Lebensstil seiner Eltern sowie von dem drängenden Bedürfnis, einen Bruch mit deren Kultur zu vollziehen. Aber es war erst die Aggression, mit der die in der Nazizeit geprägte Elterngeneration auf ihre Verweigerung reagierte, wodurch sich aus dieser privaten Ablehnung binnen weniger Monate bzw. Jahre eine politische und kulturelle Revolte entfaltete (ab Min 4:20 sowie ab Min 7:56): YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=eGuuyf7ULC8

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