„Aufklärer, lieber Karl, sei Dein Ehrentitel“

Der für sein Engagement und seine Zivilcourage bekannte Journalist, Autor und Zeitzeuge Karl Pfeifer feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag. Die Aktion gegen den Antisemitismus feierte am 27. September im Wiener DÖW, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, den Jubilar mit Familie und Freunden. Wir dokumentieren im Folgenden die Laudationes von Gerhard Oberschlick und Doron Rabinovici…

Karl Pfeifer mit Andreas Peham vom DÖW
Kammerschauspielerin Elisabeth Orth sprach ein paar sehr persönliche Sätze zur Einführung

 

Laudation von Gerhard Oberschlick

„Lieber Karl, zuerst will ich gratulieren – ja, Dir auch, eigentlich aber uns, dass wir Dich haben und so lange haben. Ganz besonders gratuliere ich Deiner Frau, dass sie Deinen doch schon reiferen und reichlich unstet verbrachten Jahren das verdiente Glück eines auch im Privaten festen Bodens beschert und dabei auch ihr eigenes Glück gefunden hat.

„Glück“ – Das Stichwort meiner Laudatio. Die seine hielt Karl Öllinger eindrucksvoll als Lobrede auf Deine Verdienste um die Republik, deren Goldenes Ehrenkreuz man Dir verliehen hat. Doron hat uns soeben, nicht minder eindrucksvoll und so schön angemessen literarisch Deinen Ruhm vors geistige Auge gestellt. Nach Lob- und Ruhm- nun meine Preisrede: ich will Dich preisen, genauer: glücklich will ich Dich preisen und vorweg das Grundmuster preisgeben, das sich im Rückblick auf Dein Leben aufgedrängt hat:

Ein indischer Autor namens Vikas Swarup hat ein entzückendes Märchen geschrieben, „Rupien! Rupien!“ – es wirde unter dem Titel „Slumdog Millionär“ vor 10 Jahren sehr erfolgreich verfilmt. Der Plot: Ein 18Jähriger aus den Slums möchte die Freundin aus seiner Kindheit finden, die er vor Jahren aus den Augen verloren hatte, weil ein gewalttätiger Zuhälter sie eingezog. Es gelingt ihm, an einer landesweit im Fernsehen übertragenen Quiz-Sendung teilzunehmen und bis einschließlich der vorletzten Frage wie mühelos richtige Antwort zu geben. Für den Veranstalter ist die Sache klar: Es musste Betrug im Spiel gewesen sein. – Im folterähnlichen Polizeiverhör kann der Jüngling aber für jede dieser Quizfragen episodisch erzählen, wie er die Antwort, ganz ohne Schule, auf seiner verschlungenen Lebensbahn gleichsam zufällig erfahren hatte. Ich verlasse den Slumdog, der auch die letzte Frage richtig beantworten kann und doch nicht reich wird, weil der Veranstalter den Preis von 100 Mio Rupien – etwa 340.000 Euro – gar nicht bezahlen kann. Aber er hat das Mädchen gefunden und damit sein wahres Ziel am Ende glücklich erreicht.

Das Ziel Deines Lebens war, darf man rückblickend sagen: Journalismus, von Anbeginn. Das wusstest Du nicht im Voraus, das konntest Du unterwegs, im Lebenslauf verheddert, gar nicht wissen, sondern für Dich hast Du es erst entdeckt, als Du das Metier zum ersten Male ausgeübt hattest: Arbeitslos und Mitbegründer einer Gruppe von Amnesty, brachtest Du aus purer Nettigkeit einer ungarischen Bekannten Medikamente, die sie brauchte. Damals bekamst Du Einblick in die ungarischen Verhältnisse, die Armut, Verletzung von Menschenrechten und den verbreiteten Wunsch, die sowjetische Besatzung loszuwerden. – Die Befähigung, solche Informationen in Ungarn zu empfangen, verdanktest Du der glückhaften Slumdog-Episode, dass Du als 10-Jähriger, mit den Eltern geflüchtet, für 4 Jahre nach Ungarn kamst, was Deiner linguistischen Begabung offenbar genügt hatte, die Landessprache ausreichend zu erlernen.

Das heiße Bündel ungarischer Informationen, nächster Glücksfall: trugst Du zu „Hasi“ Georg Hoffman-Ostenhof in die Redaktion der AZ – oder hieß sie noch „Arbeiter=Zeitung“ – mit dem Dich eine Kaffeehaus-Bekanntschaft, vielleicht -Freundschaft verband. Zudem kannte er Dich vermutlich als Schreiber von Leserbriefen mit Hand und Fuß, denn Leserbriefe waren die Vorübungen für Deinen, noch immer nicht als Berufsziel angestrebten Journalismus, und nicht umsonst war man in den Redaktionen darüber uneins, wer der bessere Leserbriefschreiber war, Viktor Matejka oder Du. Dein Glück diesmal: Hasi fand höchst interessant, was Du ihm mitzuteilen hattest, und wollte dieses Wissen fairer Weise – nicht jeder in der Branche war stets so fair – nicht enteignen und für sich nützen, sondern forderte Dich auf, die Geschichte selbst zu schreiben.

Der erfolgreiche Kampf mit Schreibmaschine und Papier, nicht wenig davon landet im Papierkorb, brachte den ersten ausgewachsenen Artikel sowie unversehens ein schönes – für den Arbeitslosen schönes Geld. Da hattest Du wohl den Beruf, dem Du bestimmt warst, endlich doch für Dich entdeckt, mit 51 anno ´79. Schon Anfang des folgenden Jahres erschien das große, sorgsam moderierte Round-Table-Gespräch von Budapest mit den Oppositionellen Hegedüs, Földvari und Zsille im FORVM, worauf Du dessen damaligen Blattmacher Michael Siegert den Zugang zu Deinen dissidenten Kreisen in Ungarn selbstlos eröffnet hast. Eifersüchtig gehütet hätten andere so ein Monopol auf wertvolle Kontakte. Eine weitere Freundlichkeit: die später zur Folge hatte, dass Siegert wegen seiner daraus ersprossenen Osteuropa-Artikel dem FORVM vom „profil“ für dessen Außenpolitik weg-engagiert worden ist und ich seine redaktionelle Funktion zu übernehmen hatte.

Was braucht es zum guten Journalisten mehr als: Wissbegier und Mitteilungsbedürfnis, zwei hervorstechende Eigenschaften Deiner reichen Begabung; wissen alle, die Dich nur etwas kennen. Die Leserbriefe waren Hohe Schule, Einwände in prägnanten Glossen für knappe Räume abzufassen, eine Fertigkeit, die Dir auch später – allemal ist Druckraum knapp – gut zupass kam. Wir wollen ja eine profunde Ausbildung nicht gering schätzen, so mit Studium der Publizistik, Lehrredaktion und Volontariaten in den großen Blättern: Die wahren Umstände und was tatsächlich der Fall ist, lässt sich ja gemäß den Einzelfällen allemal recherchieren. Hilfreich ist etwas Lebenserfahrung doch, auch und gerade beim Recherchieren. Von Günther Anders lautet eine Strophe:

„Wer uns in Fahrt bringt, macht uns erfahren,
wer uns ins Weite stößt, uns weit.
Nun danken wir alles den fahrenden Jahren,
und nichts der Kinderzeit.“

Die letzte Zeile ist natürlich eine Übertreibung – die Realität bis zur Kenntlichkeit zu übertreiben, gehörte zu seinen Methoden – und außerdem berücksichtigt sie nicht, dass auch die Kinderzeit bereits in die fahrenden Jahre gefallen sein könnte, wie wenigstens teilweise bei Dir, wo die fahrenden Jahre dann bis ins 51. Jahr: 1979, gedauert haben, worauf sich nochmals 3 Jahre Prekariat als Freelancer  anschlossen, bis Du endlich als anerkannt bestallter Journalist 1982 die Redaktion der „Gemeinde“ übernehmen solltest. Nebenbei übrigens, eine hübsche Parallele, wie ich finde: Im selben Jahr ´82 ist es mir zugefallen, das FORVM zu redigieren, und als ich es Ende 1995 einstellen musste, bist wie aus Sympathie auch Du nach 13 Jahren in den heiligen Ruhestand getreten – im zarten Alter von 67. Eine Ruh´ gibst Du allerdings weiterhin keine, zum Glück: Schreibst in mehreren Blättern des Aus- und Inlands, die „Illustrierte Neue Welt“ von Joanna Nittenberg ist nur ein Beispiel; hältst im internationalen Raum Vorträge, referierst als Zeitzeuge in Schulen, betreibst historische Volksaufklärung im Facebook und verbreitest per Mail Lesenswertes aus Deiner täglichen Zeitungslektüre.

Aber zurück zu den rund 40 fahrenden Jahren mit Jobs an etwa 25 oder 26 Arbeitsstellen in mindestens 8 Ländern – Ungarn, Israel, die Schweiz und Liechtenstein, Neuseeland, USA und Belgien und wieder Österreich, das wie ein 9. Land erst wieder neu zu entdecken und zu erobern war. Mit den angesammelten Erfahrungen in unterschiedlichsten Berufsfeldern und den wenigstens 5 unterwegs erworbenen Sprachen – Ungarisch, Hebräisch, Italienisch, Französisch, Englisch – und einer neuerlich zu erwerbenden Perfektion im heimatlichen Deutsch hast Du die sichere Gewissheit mitgebracht: Nur was man weiß, was also alle Welt wissen und nötigenfalls überprüfen kann, ist geeignet, als gesichertes Wissen mitgeteilt zu werden, nicht was man glaubt oder glauben möchte.

Mir ein Rätsel, wie an sich vernünftige Menschen in „Glauben“ verfallen, es sei denn, wo der Mitteilung anderer geglaubt werden kann, weil sie im Prinzip überprüfbares Wissen enthält. Dieses Glauben geht auf die Glaubwürdigkeit der Person und umfasst jedenfalls keine angeblich offenbarten Inhalte einer Religion, deren Botschaften wohl durchaus auch respektabel, weil akzeptabel sein mögen, aber als unüberprüfbar offenbarte nicht wie Tatsachen kolportiert werden können. Das siehst Du, lieber Karl, weil der journalistischen Wahrheit verbunden, offenbar ebenso, nur hast Du, obwohl deklarierter Atheist, ein höheres Maß freundlichen Gewährenlassens. Erst wo die Grenzen von Gleichberechtigung und überhaupt Menschenrechten in religiotischer Verkennung der nötigen Regeln des Zusammenlebens überschritten werden, wo eine antiquarisch dogmatische „Orthodoxie“ den säkularen Staat beeinträchtigen, gar gefährden möchte, hast Du von allem Antisemitismus die notwendige Kritik an kritikwürdigen Aspekten jüdischen Lebens positiv abgegrenzt und gemeinsam mit Theodor Much eine publizistische Warntafel aufgestellt – in Gestalt eines Buches mit dem Titel „Bruderzwist im Hause Israel“ und dem sprechenden Untertitel „Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung“.

Damit ist zum 2. Mal mein letztes Stichwort gefallen: Dass Aufklärung der gemeinsame Nenner, Ziel und Zweck von Heranwachsen, Erziehung und Lernen, Wissenschaft und Journalismus sei, dürfte als Gemeinplatz gelten. Sie ist auch das Prinzip jeder Wissensvermittlung, jeder Information, Erläuterung und Erklärung. Widerstand gegen Obskurantismus und positiv einziges Mittel der Orientierung.

Aufklärer, lieber Karl, sei Dein Ehrentitel, ehrlich erworben in einem bis hier rundum geglückten, glücklichen Leben.

Gerhard Oberschlick, 27.9.2018

 

Für Karl Pfeifer – Zum Neunzigsten von Doron Rabinovici

Wenn hierzulande die Lüge wieder zur einzigen Wahrheit erklärt wird und das Totschweigen beredter ist denn je, dann ist da immer einer, der sicher nicht still halten kann, der schon auf dem Sprung liegt, der – wie im Wienerischen es heißt – sich seinen Karl macht, auf alle Untertänigkeit und Eintracht zu pfeifen, denn der Pfeiferkarl lässt sich nicht eingemeinden, nicht hier und auch nicht anderswo. Karl Pfeifer ist ein gebürtiger Badener und überall der geborene Außenseiter, der gar nicht vorhat, willfährig und still sich einzureihen oder gar unterzuordnen.

Er ist mit seinen neunzig Jahren ein gebranntes Kind. In seinen Knochen steckt ihm all das, was den Seinen widerfuhr und dem er gerade noch entkam. Ich sehe ihn nicht selten, wie er aufsteht, wenn gegen Juden oder Israel gehetzt wird, wie er dann seine Stimme erhebt, ein Beben vor jedem Satz und in allen seinen Worten, doch ich kann nicht anders, als dann in ihm auch jenen Zehnjährigen zu entdecken, der er war im Frühjahr achtunddreißig, als er von einem Tag zum anderen ein Verfolgter, ein Vogelfreier war, ein Judenbub, dem die Uniformierten, die Hitlerjungen, älter als er, auflauerten und einer von denen drückte ihm die Kehle zu und hieß ihm, dem – wie er schrie – Saujuden, ein „Heil Hitler“ zu rufen. Aber Karl war bereits damals einer, der sich nicht gerne beugen wollte, sondern eher sterben mochte, als nachzugeben, und er verweigerte die Parole, sagte nichts, bis ihm zum Glück eine Nachbarin zu Hilfe eilte.

Karl Pfeifer sollte nie seine Kindheit ganz vollenden dürfen, weshalb es für ihn nirgends wieder jene Geborgenheit geben würde, die einen Menschen unbekümmert, weil umsorgt sein lässt und heimisch auch nur an irgendeinem Ort in dieser Welt.

Die Familie musste – beraubt und entrechtet – aus jenem Österreich fliehen, das nun zu einem Teil des nazistischen Reiches geworden war. Bloß über Umwege, über die Schweiz, Italien und Kroatien konnten sie Ungarn erreichen, aus dem die Eltern ursprünglich stammten und wo die meisten Verwandten noch lebten. Budapest war damals bereits nicht daran interessiert, Flüchtlinge aufzunehmen, selbst Juden nicht, die in Ungarn geboren waren und – wie Karls Vater – noch in der ungarischen Armee gedient haben. Antisemitische Gesetze waren hier auch schon in Kraft.

Erwin, Karls älterer Bruder, war bereits Jahre vor dem sogenannten Anschluss als überzeugter Zionist nach Palästina gegangen. Von dort aus hatte er Karl geschrieben: „Sei immer stolz, ein Jude zu sein!“ Karl war, so sagt er, nicht unbedingt gar so stolz darauf, ein Jude zu sein, doch auf keinen Fall sah er irgendeinen Grund dafür, sich so wie viele andere in seiner Umgebung dafür zu schämen. Zugleich war er, der Zehnjährige, zum Ärger seines Vaters zu einem eigensinnigen Schluss gekommen, denn eines Tages erklärte er mit eben jener Entschiedenheit, die ihn bis heute auszeichnet, es gebe keinen Gott. Die Ohrfeige, die er darauf erhielt, änderte nichts an seiner Überzeugung. Ja, so wie ich ihn kenne, glaube ich gar, dass sie ihn in seinem Entschluss, ein Atheist zu sein, bloß festigte. Zugleich wurde er, ob nun gläubig oder nicht, in Budapest genauso wie in Baden bei Wien von allen als Jude angesehen, wobei von Ansehen in diesem Zusammenhang wohl nicht die Rede sein konnte, sondern vor allem von einem Schimpf und einem Makel.

Wen wundert’s, dass er hierauf bald zu einer Gruppe stieß, die gar nicht ungarisch sein wollte, sondern wacker dazu stand, jüdisch zu sein, ohne sich einem höheren Wesen zu unterwerfen. Karl Pfeifer stieß zum Haschomer Hazair, zu jener zionistisch sozialistischen Jugendbewegung, deren Mitglied Jahrzehnte später auch ich in Wien werden sollte und in die nun – wiederum viel Zeit danach – meine Tochter geht, weshalb mich mit Karl Pfeifer viel mehr verbindet, als manche hier vermuten können. Wir sind Schomerniks. Nein, wir sind nicht nur welche gewesen, sondern wir sind es letztlich teils immer noch und das gilt besonders für Karl Pfeifer, weil er ein so jugendlicher Neunzigjähriger ist. Der Haschomer Hazair ist eine Organisation, die manchen lehrte, kritisch zu bleiben – und zwar auch gegen die eigene Ideologie. Das kommt daher, dass der Schomer eben sozialistisch und zionistisch, universalistisch und nationalistisch zugleich sein will und dieser Widerspruch kann schon die Ironie schärfen, vermag einen ein wenig gegen allzu einschlägigen Fanatismus feien, weil diese Gesinnung von Anfang von der Ambivalenz lebt. Jeder Satz wird zum Gegensatz.

Vor allem aber geht es hier darum, ein so selbstbewusster Jude werden zu können, dass einer sich gar nichts mehr darauf einzubilden braucht. Der Schomer zeichnet sich durch die Erkenntnis aus, die Befreiung der Menschen könne nicht auf Kosten der Juden, das Selbstbestimmungsrecht der Juden nicht zu Lasten der Menschenrechte erkämpft werden.

Für die Teenies heute mag der Verein noch ein exterritoriales Gebiet im Alpenland sein, doch für Karl Pfeifer damals bedeutete diese Jugendbewegung viel mehr. Im Schomer waren die Jugendlichen keine Untermenschen mehr. Hier träumten sie von einer anderen und besseren Zeit, von einem eigenen Staat, von einem souveränen Dasein. Mit dem Schomer überlebte Karl, denn 1943 verließ er endlich jenes Ungarn, das für Juden zur mörderischen Falle geworden war.

Wer eine Rede für Karl Pfeifer hält, muss wohl auch die vielen erwähnen, die ihn ausmachen, kann auch Zelig Buchbinder nicht verschweigen, mit dessen Pass und Zertifikat er Palästina erreichen durfte, muss ebenso von Eli sprechen, seinem hebräischen Namen, unter dem er im Kibbuz lebte. Er kämpfte im Palmach, den Eliteeinheiten zur Verteidigung jüdischer Siedlungen und danach im Unabhängigkeitskrieg als Soldat der neuen Nation. Karl riskierte für den Judenstaat sein Leben und wurde verwundet.

Er war nach dem Armeedienst nicht bereit, einer Partei beizutreten, um eine Arbeitsstelle zu bekommen. Er wäre – so meint er heute – vielleicht der Arbeiterpartei beigetreten, wenn ihn jemand davon überzeugt hätte, doch auf keinen Fall wollte er ein Parteisoldat werden, bloß um sich so berufliche Vorteile zu verschaffen. Diesem Prinzip sollte er auch später in Österreich treu bleiben.

Karl eckte an. Er verzichtete nie auf seine eigene Meinung. Er blieb widerborstig, ja, er wurde so zu einem Störfaktor, zu einem Querkopf, der seine Stimme erhebt, wenn der politische Ungeist wieder um sich greift.

Sein Schicksal brachte ihn – eher ungeplant und auf recht abenteuerliche Weise – über die Schweiz und Frankreich zurück nach Österreich. Er hatte gar nicht vorgehabt, Israel hinter sich zu lassen. Als er in Wien gefragt wurde, was er von der neuen Zweiten Republik halte, erklärte er offen, die Nazis hätten hier noch viel zu sagen. Wegen solcher Antworten wurde er bald als Kommunist denunziert. Als er daraufhin aufgefordert wurde, sich der Kommunistischen Partei anzuschließen, sagte er dem lokalen Parteisekretär, er könne nicht beitreten, denn er glaube an keinen Gott. Aber dann sei er doch hier ganz richtig, meinte der Funktionär, denn alle Genossen seien schließlich Atheisten. Aber Karl antwortete, das glaube er nicht, denn an den Wänden da würden überall Bilder von Stalin hängen, als wäre er ein Heiliger oder ein Papst. Das war das Ende dieses kleinen Gastauftritts von Karl Pfeifer bei der KP.

Der Parteisekretär schrie ihn an, er sei ein Provokateur, und ich muss zugeben, damit lag dieser stalinistische Fanatiker vielleicht nicht ganz falsch, denn Karl Pfeifer schreckt vor Auseinandersetzungen nie zurück. Er sucht beinah nach ihnen, als wiederhole er damit seine grimmige Lebenserfahrung seit der Kindheit, der geborene Außenseiter, der Ausgeschlossene, der Fremdkörper zu sein. Er benennt den Antisemitismus von Links und von Rechts, unter den Österreichern und unter Muslimen. Unter dem Pseudonym Peter Koroly schrieb er, der die magyarische Sprache beherrscht, über die Unterdrückung der Opposition im kommunistischen Ungarn, doch schon bald nach der Wende wies er auch auf die neuen autoritären Entwicklungen in Ungarn hin, auf die Verherrlichung von Miklos Horthy, auf die Despotie des Viktor Orbán. Auch über Nazitöne im Freiheitlichen Jahrbuch 1995 berichtete Karl Pfeifer, worauf Andreas Mölzer sich dazu verstieg, ihn als Mörder und Hetzer abzustempeln. In Österreich verlor Karl zunächst den Rechtsstreit gegen das Freiheitliche Jahrbuch, doch vor dem Europäischen Gerichtshof – nach jahrelangem Kampf – gewann er die Streitigkeit endlich. Karl Pfeifer war es auch, der im Jahr 2000 die unangenehmsten Fragen stellte, als eine Pressekonferenz zur Angelobung der schwarz-blauen Regierung im Fernsehen live gesendet wurde. Immer stemmt er sich der Hetze gegen Israel entgegen, doch zugleich schreckt er nicht davor zurück, jüdische Fundamentalisten, Ultraorthodoxe und rechtsextreme Rassisten zu kritisieren.

Karl Pfeifer ist – ich sagte es ja schon – viele in einem zugleich, doch ob Kibbuznik, Soldat, Schiffsarbeiter, Hotelfachmann oder der spät berufene Journalist – er macht mich an eine Figur denken, die Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ auftreten ließ. Der kritische Geist in diesem Stück ist der Nörgler. Vielleicht kann Karl im positiven Sinne mit dem jiddischen Wort Nudnik umschrieben werden. Er ist in Österreich wohl der jüdische Nudnik, gleichsam – um einen neuen Begriff zu kreieren – der im Alpenland unbedingt notwendige Judnik. Vor allem aber ist er ein eigensinniges Individuum, ein Original und ein Subjekt, das ja hierzulande immer schon ein suspektes war. Das ist es, was ihn so jung und jugendlich erhält  und seine Dagmar ist es, die ihn belebt, und das darf uns hoffen lassen, von ihm noch viele aufsässige Einwürfe hören und viele kritische Texte lesen zu können. Bis 120 und bis 100 wie 20. Chasak w’ematz und Masal Tov, Karl!“

Der Abend im Video:
http://forvm.contextxxi.org/fur-karl-pfeifer.html
http://forvm.contextxxi.org/lieber-karl.html
http://forvm.contextxxi.org/karl-antwortet.html

„Sei immer stolz ein Jude zu sein!“
Der österreichische Journalist und Überlebende Karl Pfeifer wird 90…

„Wir beide, die Republik und ich, sind einen weiten Weg gegangen“
Heute wurde dem Journalisten und Autor Karl Pfeifer das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Karl Pfeifer gehört fast seit Anbeginn zu den Autoren von haGalil, wir schätzen seine Expertise, seine Scharfzüngigkeit und seine kompromisslosen Analysen seit vielen Jahren und freuen uns sehr mit ihm für diese so verdiente Auszeichnung…

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