„Erzähl es niemandem!“

Eine tragisch-fantastische Liebesgeschichte…

Von Roland Kaufhold

Die WDR-Journalistin Randi Crott, bekennender BVB-Fan, war in NRW durch ihre Fernseh- und Rundfunkmoderationen eine bekannte Person. 2012 veröffentlichte sie – gemeinsam mit ihrer aus Norwegen gebürtigen Mutter Lilian Crott Berthung – eine Liebesgeschichte: Die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Diese begann unter dramatischen Umständen: Der 27-jährige Hans ist als Soldat in Norwegen, als er 1941 die 19-jährige Norwegerin Lilian Crott kennenlernt. Sie verlieben sich rasch ineinander, was von Lillians Eltern und ihren Freunden nur höchst ungern gesehen wurde: Die Deutschen beginnen, ihren Vernichtungswunsch auch im strategisch wichtigen Norwegen umzusetzen. Als Lilian die Situation nicht mehr ertragen kann gesteht Hans ihr ein familiäres Geheimnis: Seine Mutter ist Jüdin, darüber dürfe sie jedoch mit niemandem sprechen, auch nicht mit ihrer Familie. Er ist zur Wehrmacht gegangen, um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entgehen. Hans hatte Angst um seine Verwandten in Deutschland – von denen einige später auch ermordet werden. „Erzähl es niemandem!“ wählten die Crotts denn auch zum Titel ihres berührenden, die verwirrende Familiengeschichte sorgfältig rekonstruierenden Buches.

Am Ende des Buches steht die Heirat von Lillian und Hans Crott im Mai 1948 in Wuppertal, nach Jahren der Trennung, der abgrundtiefen Ängste. In den Jahren der Trennung, der durchlebten deutschen Verfolgung, hatte Lillian Tagebuch geschrieben. Diese Aufzeichnungen haben die beiden kunstvoll ins Buch eingearbeitet.
Lillian Crott respektiert den Wunsch ihres jüdischen Ehemannes zum Schweigen zeitlebens, bis zu dessen Tod im Jahr 2009 – mit einer einzigen Ausnahme. Mit ihr beginnt das Buch:

„Ich bin schon fast 18, als meine Mutter mich an einem Sonntagnachmittag im Jahr 1969 ins Wohnzimmer holt. Sie sagt, sie müsse mir etwas erzählen.“ Sie zeigt ihrer Tochter einen alten Brustbeutel, einen Emailletopf und eine Armbinde mit dem Aufdruck „K. L. Terezin“: „An diesem Nachmittag erfahre ich, dass meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, Jüdin war. Dass sie einen Judenstern tragen musste und die Nationalsozialisten sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert haben. Ich erfahre, dass mein Großvater seine Stelle bei der Reichsbahn verloren hat, weil er sich nicht von seiner jüdischen Ehefrau Carola scheiden lassen wollte.“

Ihr Vater Hans ist sehr aufgebracht, als er erfährt, dass seiner Tochter Randi „das Geheimnis“ mitgeteilt worden ist. Seine Ängste, seine Traumata werden geweckt. Sie traut sich zeitlebens nicht, ihn noch einmal hierauf anzusprechen.

Mit journalistischem Geschick und feinfühlig erzählt Randi Crott über die Jahre der Verfolgung durch die Deutschen in Norwegen zehn Jahre vor ihrer eigenen Geburt. Über die innerfamiliären Tragödien, die norwegische Frauen durchleben mussten, wenn sie einen Deutschen als Freund hatten. Die außergewöhnliche Tragik ihres Vaters, des zur Wehrmacht geflohenen Juden, der zeitlebens nicht sprechen konnte und wollte, wird in eindringlicher Weise deutlich. Ein wertvolles, dramatisches Buch, das vor sechs Jahren auf deutsch und ein Jahr später auch in Norwegen erschienen ist. Zugleich ein Geschichtsbuch. Ich las es durch Zufall soeben, hatte aber früher bereits davon gehört:

„In der Hütte am Steinsasvann, also dort, wo sich meine Eltern damals kennengelernt haben, ist alles so geblieben, wie es vor siebzig Jahren war. Für mich ist alles anders geworden. Nur nicht, wenn ich die Tür zur Hütte öffne. Dann sitzen sie dort – meine 19-jährige Mutter auf der Treppe und mein junger Vater auf einem der blauen Stühle mit den gedrechselten Beinen…“ So endet diese familiäre Erinnerung.

Randi Crott & Lillian Crott Berthung (2014): Erzähl es niemandem! Die Liebesgeschichte meiner Eltern, DuMont, Köln, 288 S., TB 9,99 Euro, Bestellen?