Gerechter unter den Völkern und Chronist von Gräueltaten

„Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ von Tadeusz Pankiewicz ist wieder erschienen…

Von Dieter Ferdinand

Wer von der Krakauer Stadtmitte nach Süden fährt oder läuft, betritt das jüdische Viertel Kazimierz. Dort spielt sich heute wieder buntes jüdisches Leben ab. Zu erleben sind Musik, Theater, ein aktives jüdisches Kulturzentrum, sieben ehemalige Synagogen mit verschiedenen kulturellen Schwerpunkten. In zwei von ihnen werden heute noch Gottesdienste gehalten. Die älteste frühere Synagoge ist an einem schönen Platz zu finden und beherbergt ein informatives historisches Museum.

Geht man weiter über die Visla (Weichsel), gelangt man in den Stadtteil Podgórce. Hier errichteten die Nazis 1941 ein jüdisches Ghetto. Mitten im Ghetto befand sich am „Friedensplatz“ die Apotheke „Pod Orlem“ („Zum Adler“). Ihr Besitzer, der Pharmakologe Tadeusz Pankiewicz, hatte sie 1933 von seinem Vater übernommen. Als einziger nicht jüdischer Pole erhielt er von den Nazis eine Sondergenehmigung, die Apotheke weiter zu betreiben und dort auch zu wohnen. Einen Passierschein erhielten die drei polnischen Krankenschwestern, die außerhalb des Ghettos wohnten.

Die erste perfide Tat der Nazis bestand darin, dass sie Krakauer Juden zwangen, die Ghettomauer im Stil jüdischer Grabdenkmäler zu errichten. Auch der in Krakau geborene Augsburger Ehrenbürger und Zeitzeuge Mietek Pemper (1920 – 2011) lebte im Ghetto und berichtete darüber in einem Kapitel seines Buches „Der rettende Weg“, jetziger Titel: „Wie es zu Schindlers Liste kam“. Pankiewicz wurde – wie er schreibt – Zeuge „der furchtbaren Verbrechen und der ständigen Verletzungen der Menschenwürde durch die Besatzer. Das Ghetto umfasste etwa 320 Häuser mit ca. 16.000 Einwohnern.“ (S. 27) Später wurde es nach Deportationen und Ermordungen immer kleiner und enger gezogen.

Erhaltene Teile der Ghettomauer im Stil jüdischer Grabdenkmäler, Foto: Dieter Ferdinand

Im Ghetto entwickelte sich ein vielfältiges Leben mit einer Jüdischen Zeitung, einem Kinderheim, Krankenhäusern, Altenheimen, jüdischer Post, einer Badeanstalt und einem Tanzcafé. Im Haus der Apotheke fand ein geheimer allgemeiner und Judaistik-Unterricht statt, wertvolle Thorarollen wurden versteckt, es gab viele Gesprächskreise. Die Mitarbeiterinnen brachten die Untergrundpresse mit, gehört wurde Radio BBC.

Durch das Fenster seiner Apotheke, den Blicken der SS-Männer verborgen, sieht Tadeusz Pankiewicz das brutale Vorgehen gegen jüdische Menschen. Sie müssen ihre Häuser verlassen, sie werden auf dem „Friedensplatz“ zusammengetrieben und misshandelt. Wer nicht bis zehn Uhr angekommen ist, wird erschossen. Der Apotheker erlebt alptraumhafte Szenen. Alte Menschen werden verspottet, gequält und ermordet, die ersten Kinder im Heim erschossen. Später werden die Kinder von ihren Eltern getrennt und die Eltern zur Deportation geführt. Die Kinder halten sich am Stacheldraht fest: „Mama, Papa, geht nicht weg, lasst mich nicht hier, nehmt mich mit.“ (S. 212) Die meisten werden erschossen, manche aber auch versteckt. Durch verschiedene Mittel gelang es Pankiewicz, die Menschen aufzurichten und viele zu retten. Die Apotheke wurde zum Anlaufpunkt und zum Zentrum des helfenden Wirkens. Das führte auch dazu, dass die Todgeweihten aufrecht gingen: „Ich habe kein Betteln gehört, ich habe kein Weinen gesehen. Dem Tod wurde ruhig ins Auge gesehen, mit Resignation, aber auch mit Stolz. Die Deutschen schafften es nicht, ihre Opfer in Angst oder um Mitleid wimmern zu sehen.“ (S. 220) „Das Schweigen der Opfer versetzte sie (die Deutschen) in Raserei.“ (S. 158). Im März 1943 wurden die wenigen noch Lebenden in das KZ in Plaszów südlich von Krakau, nach Auschwitz und Treblinka deportiert. „Der letzte Akt der Vernichtung der Reste des Ghettos vollzog sich in der Nacht vom 14.auf den 15. Dezember 1943.“ (S. 283)

Tadeusz Pankiewicz schrieb 1946/47 „unter Schmerzen“ auf, was er im Ghetto erlebt hatte. Seine Erinnerungen erschienen erst 1960 vollständig in Polnisch. Er gab vielen Ermordeten ihre Namen zurück und benannte zahlreiche vor allem polnische Helfer*innen. Das gelang mit bewunderungswürdigem Einfühlungsvermögen und Empathie. Er veröffentlichte die Namen der Täter und sagte bei Kriegsverbrecherprozessen auch in Deutschland aus. 1983 wurde Tadeusz Pankiewicz mit dem israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Er hielt nach dem Krieg Kontakt mit Überlebenden in vielen Ländern, vor allem in Israel. 1993 starb er 85jährig in Krakau. Die erste Ausgabe in deutscher Sprache von 1995 erlebte er nicht mehr. Sie wurde sehr positiv besprochen.

Bei einem Bericht über eine Reise nach Krakau 2017 schilderten Menschen vom Seminar für Sprachgestaltung München, was Tadeusz Pankiewicz in der Zeit des Ghettos erlebt hatte. Der Immobilien-Fachmann Jupp Schluttenhofer aus Friedberg war davon so betroffen, dass er eine Lizenz zum Nachdruck des Buches „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ beantragte. Diese Bemühung hatte Erfolg, und mit Hilfe von Darlehensgebern wurde ein Reprint gedruckt. Schon für die erste Auflage schrieb der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, das Vorwort. Der frühere Jerusalemer Oberbürgermeister Teddy Kollek steuerte ein Geleitwort bei. Er schrieb darin: „Ich wünsche diesem großartigen Zeugnis aus dunkler Vergangenheit eine breite Leserschaft und empfehle es besonders der Aufmerksamkeit junger Menschen.“ Beide Beiträge sind im Nachdruck zu lesen, ebenso ein Ausschnitt aus Thomas Keneallys Roman „Schindlers Liste“.

In der Apotheke wurde in den 80er Jahren am heutigen Plac Bohaterów (Heldenplatz) ein Museum eingerichtet. Dort finden sich Gegenstände und Geräte einer alten Apotheke. Vor allem aber dokumentiert das Museum das Martyrium der Ghettobewohner*innen und das helfende Wirken des Apothekers.
Heute, da Leugnung des Holocaust, Antisemitismus und Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen zunehmen, ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Wachsamkeit, gegen das Vergessen und für die Gestaltung einer friedvollen Zukunft.

Tadeusz Pankiewicz, Die Apotheke im Krakauer Ghetto. Aus dem Polnischen von Manuela Freudenfeld. Mit einem Vorwort von Ignaz Bubis und einem Geleitwort von Teddy Kollek, M-Consult 2017, 288 S., Euro 25,00, Bestellen?

LESEPROBE

Bild oben: Abbildung oben: Tadeusz Pankiewicz mit seinen Mitarbeiterinnen (v. l.) Helena Krywaniuk, Aurelia Danek und Irena Droździkowska. (Foto: Historical Museum of the City of Kraków)

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