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„Sei immer stolz ein Jude zu sein!“

Der österreichische Journalist und Überlebende Karl Pfeifer wird 90…

Von Roland Kaufhold

Es gibt wohl keine Schmähung, die Karl Pfeifer erspart geblieben ist: Er sei ein „stinkender Jude“, ein „Kommunist“, ein „Provokateur“ und selbstredend ein „Menschenhetzer“. Er selbst hat hierüber nur gelächelt. Für ihn waren solche antisemitischen Beleidigungen vor allem Selbstentblößungen der Angreifer. Der Kampf gegen Antisemitismus, gegen ungerechtfertigte Kritik an Israel, wurde zu seiner Lebensaufgabe. Und dies, als Jude, ausgerechnet in Österreich…

1928 in Baden bei Wien geboren und in einer jüdischen Familie aufgewachsen flieht Karl Pfeifer 1938 nach Budapest und Anfang 1943 mit einem Kindertransport weiter nach Palästina. 1951 kehrt er „dennoch“ nach Europa zurück. Als Motiv für seine höchst merkwürdige Entscheidung benennt er in Diskussionen gerne seinen niedrigen Blutdruck: Er brauche morgens nur eine österreichische Tageszeitung zu lesen: „Nirgends auf der Welt kann ich mich täglich so aufregen wie in Österreich!“

1934 in Baden

Kindheit bei Wien

Karl Pfeifer wächst in Baden als Kind einer jüdischen Familie auf. Umgang hat er nahezu nur mit jüdischen Freunden. Sein 15 Jahre älterer Bruder Erwin geht bereits 1935 nach Palästina. 1937, zu seinem neunten Geburtstag, erhält er von diesem eine Postkarte mit der Aufforderung: „Sei immer stolz, ein Jude zu sein.“ Die gewalttätigen Umstände sorgten dafür, dass dies für den gottlosen Juden bald zu einem Lebensmotto wird.

1938 wird Karl erstmals, so erinnert er sich in seiner Autobiografie Einmal Palästina und zurück (2013), mit dem „noch gemütlichen Antisemitismus“ konfrontiert: Da er am Religionsunterricht in der Schule nicht teilnehmen darf wird er von seinen Mitschülern als Gottesmörder beschimpft. Seine Neigung zum Widerspruch, zur Nichtzugehörigkeit, macht sich bereits früh bemerkbar: „Es gibt keinen Gott“ sagt er wenig später seinem Vater. Der ist wenig erfreut. 1938 überfallen ihn Hitlerjungen mit „Saujud, sag Heil Hitler“ auf der Straße. Karl verweigert die Unterwerfung unter das antisemitische Gebot, und er braucht nicht mehr zur Schule zu gehen. Seine Eltern schützen ihn.

Flucht nach Ungarn

Im Juli 1938 gelingt der Familie die Flucht nach Budapest, seine Eltern sind an ungarische Pässe gekommen. Ungarn blieb ein innerer Bezugspunkt für ihn, bis heute. In kürzester Zeit lernt er in einem Internat die Sprache, besucht ein jüdisches Gymnasium. Aber auch dort erlebt er sogleich wieder den zunehmend brutaler werdenden Antisemitismus, erlebt die gegen Juden gerichteten neuen ungarischen Gesetze: „In mir reifte der Entschluss“, so erinnert er sich, „auch kein Ungar sein zu wollen“. Als er in der Schule vor nackter Panik nicht mehr zu sprechen vermag findet er bei einem Pfarrer Rettung: „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir sind keine Deutschen“, nimmt ihm dieser die Angst. 1940 findet er Zugang zur kleinen linkszionistischen Jugendgruppe Schomer Hazair: „Wir sind keine Ungarn und es gibt auch keinen Gott“ ist deren linke Überzeugung. Nun fühlt Karl sich endlich zugehörig. 14-jährig verlässt er die Schule, besucht stattdessen in Budapest eine Werkstatt. Bereits Ende 1942 erzählt er, nach der Lektüre linkszionistischer Zeitschriften, seinem geschockten Onkel, dass Juden in Polen in Gasöfen verbrannt werden. Anfang 1943, seine Mutter ist bereits zwei Jahre zuvor verstorben, die erzwungene Trennung von seinem Vater: Zusammen mit fünfzig jüdischen Jugendlichen gelingt ihm am 5.1.1943 mit einem „falschen“ Pass mit den Kindertransporten die Flucht nach Palästina

Die abenteuerliche Reise führt durch Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Beirut. Am 19.1.1943 landen die Jugendlichen in Haifa, kommen zuerst für einige Tage in Quarantäne und werden von Briten befragt. Er ahnt, dass es eine Trennung für immer ist. Sein Vater sollte nicht überleben, wie 36 weitere Familienangehörige.

1938 vor der Abreise

1943: Palästina – eine Begegnung mit Josef Friedjung

Der 15-jährige Karl trifft in Palästina einige male seinen Bruder, erkennt ihn anfangs jedoch kaum weder. Mit sieben hatte er ihn das letzte Mal gesehen. Die fünf mit eingewanderten Freunde bleiben für Jahre seine enge Bezugsgruppe im linkszionistischen Kibbuz Maabarot. Seelisch sind sie für ihn Geschwister, bis heute. Es gelingt Karl rasch, sich erneut eine Sprache, diesmal das schwere Hebräisch, anzueignen. Der wissensdurstige Jugendliche erlernt die Landwirtschaft. Er ist begeistert: Endlich ein eigenes Land! Endlich ein selbstbestimmtes Leben unter Juden!

Häufig hält Karl sich in der Bibliothek auf, erlebt die politischen Diskussionen in seinem sehr linken Kibbuz: Ihnen wird erklärt, dass Stalin in allen Fragen recht habe, sich jedoch in der jüdischen Frage irre. Die Jugendlichen werden vom ehemaligen Wiener Psychoanalytiker Josef Friedjung (1871-1946), der seit 1934 für die Jewish Agency als sozialpsychologisch-medizinischer Berater mit eingewanderten Jugendlichen arbeitet, betreut, um mit der neuen Lebensrealität im armen Palästina, ohne Eltern, besser zurecht zu kommen. Josef Friedjung, dies sei hier ausführlicher dargestellt, gehörte, neben Max Eitingon, Moshe Wulff, Dorian-Isidor Feigenbaum, Shmuel Golan, David Eder und Arthur Ruppin zu den Pionieren der Psychoanalyse in Palästina und Israel, wie Eran Rolnik in seiner großartigen Studie „Freud in Israel“ nachgezeichnet hat.

Die palästinensische Psychoanalytikerin Margarete Brandt bemerkte 1941 in einem Bericht zu den „deutschen“ Prägungen der Psychoanalyse in Palästina: „Das Jerusalemer Psychoanalytische Institut ist ein direkter Abkömmling und, wie es sich ergeben hat, der Nachfolger des Berliner Instituts (…) Dieses Stück Berliner Institut, das hierher mitgekommen ist (…) bedeutet, dass auch ein guter Teil vom alten Geist mitgekommen ist, die Liebe und Verehrung für Freud.“ (ebd.) Der linke, früh zionistisch geprägte Siegfried Bernfeld hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts grundlegende Texte zu Psychoanalyse und Zionismus veröffentlicht. Mehrere seiner Schüler und Kollegen emigrierten in den 1930er Jahren in das damalige Palästina, engagierten sich in der Kibbuzbewegung und bauten die Israelische Psychoanalytische Vereinigung auf. Bernfelds Wirken als Zionist ist hingegen im deutschsprachigen Raum weitgehend in Vergessenheit geraten.

Kommen wir zu Karl Pfeifer zurück: In den ersten Tagen in Haifa lernt Karl auch die außergewöhnlich mutige jüdisch-ungarische Widerständlerin Chana Szenes kennen: Sie trägt eine britische Uniform und befragt die Jugendlichen über das Leben der Juden in Ungarn. Er erfährt erst nach ihrem Tod, wer sie war: Die 1921 geborene Chana – sie schreibt auch Gedichte, von denen einige posthum vertont wurden – war 1939 nach Palästina emigriert. Im März 1944 springt sie mit anderen jüdischen Frauen und Männern hinter der deutschen Front mit einem Fallschirm ab, um Juden zu retten. Am 7.11.1944 wird sie in Ungarn hingerichtet. Chana verweigert das Tragen einer Augenbinde. Sie möchte ihren Mördern in die Augen blicken. In der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Monheim wurde soeben eine Straße nach ihr benannt. 1950 werden Chanas sterblichen Überreste nach Jerusalem verbracht und auf dem Militärfriedhof Har Herzl bestattet.[i]

Karl hört von der Besetzung Ungarns im März 1944, ahnt das Schicksal seiner Familie. Er erlebt, wie der Jerusalemer Mufti Ami Al-Husseini mit den Nazis – am 28.11.1941 kommt es zu dem „legendären“ Treffen Husseinis mit Adolf Hitler in der Reichskanzlei – kollaboriert. 

Im März 1946 schließt sich der knapp 18-jährige Karl der Palmach an, am 15.6.1946 leistet er mit seinen Kameraden den Eid, „dem jüdischen Volk treu zu dienen“. 13 Monate später wird Karl zu einem Pfadfinderkurs verpflichtet. Er erlebt, wie bereits vor der Staatsgründung Israels jüdische Autobusse von Arabern überfallen werden, innerhalb einer Woche werden 37 Juden getötet.

Als Soldat der Palmach im Unabhängigkeitskrieg

Im 1948er Unabhängigkeitskrieg, drei Jahre nach dem Ende der deutschen Shoah, kämpft Karl Pfeifer im Negev in der Elitetruppe der Palmach, er ist an lebensgefährlichen Operationen beteiligt. Keine 24 Stunden nach der international anerkannten Staatsgründung wird Israel von fünf arabischen Staaten angegriffen: „Gleich nach der Unabhängigkeitserklärung musste Israel erkennen, dass die Vereinten Nationen machtlos waren“, kommentiert Karl Pfeifer in seiner Autobiografie. Seine Erinnerungen an sein Engagement im 1948-Unabhängigkeitskrieg beim Palmach hat Karl Pfeifer nicht nur in seiner Autobiografie, sondern im Juni 2010 auch in Jungle World aufgezeichnet. Eine längere Passage aus diesem zeithistorischen Dokument sei wiedergegeben:  

„Am Abend des 14. Mai, als der Staat Israel ausgerufen wurde, rief man unser Regiment zu einem Fahnenappell. Wir standen mit unseren Waffen in Reih und Glied, und der Regimentskommandant hielt eine kurze Rede anlässlich der Staatsgründung. Dann wurde die Fahne mit dem Davidstern gehisst, und der Kommandant gab uns, den versammelten 800 Soldaten, den Befehl, sofort schlafen zu gehen, weil man uns in der Nacht schon wieder wecken würde. Und tatsächlich, um 2 Uhr wurden wir geweckt. Ich wurde zu den zwei einzigen leichten Kanonen, die wir hatten, eingeteilt.
Noch vor Sonnenaufgang griffen wir das Dorf Brer an. Als ich ein paar Stunden nach der Eroberung ins Dorf kam, erhielten wir den Befehl, die Hütten zu durchsuchen. Es waren nur wenige Frauen im Dorf geblieben. Sie wurden angewiesen, ein paar Kilometer weiter, in den Gaza-Streifen zu gehen. Auch wenn damals Araber Ortschaften verlassen mussten, war es keine flächendeckende oder gar strategisch geplante »ethnische Säuberung«. Man muss bedenken, dass dies erst nach der arabischen Aggression geschah, und zwar in einem Kampfgebiet. Immerhin blieben 150 000 Araber auf israelischem Gebiet, also eine große Minderheit, wenn man bedenkt, dass damals lediglich 650 000 Juden im Land lebten. In den von Arabern verwalteten Gebieten durfte jedoch kein einziger Jude verbleiben, auch nicht in der Altstadt von Jerusalem. Der Krieg hatte sofort nach der Unabhängigkeitserklärung mit dem Abwurf ägyptischer Flugblätter in hebräischer Sprache und mit der Bombardierung unseres Lagers und des Kibbuz Nir Am begonnen. Es gab Tote, und einem Palmachnik musste das Bein amputiert werden. Bis zum ersten Waffenstillstand schliefen wir in den Gräben. Nach dem Fall von Yad Mordechai war der Negev vom Norden des Landes abgeschnitten. Als ich Mitte August mit einer alten Dakota aus dem belagerten Negev ausgeflogen wurde, beschoss uns die ägyptische Flak. Um Mitternacht landete das Flugzeug in Tel Nof. Mir schlug bei der Ankunft ein intensiver Geruch von Orangenblüten entgegen. Wir, die wir keine Ausweise, keine richtigen Uniformen hatten, kamen in einen Saal, wo uns gutes Essen sowie Ausweise und Uniformen erwarteten. Ich erhielt zwei Wochen Urlaub, und schon am nächsten Tag fuhr ich wieder in den Kibbuz Schaar Haamakim.“ 

Nach seinem Militärdienst ist Karl innerlich orientierungslos, aber zugleich neugierig auf die Welt: „Zurück in den Kibbuz wollte und konnte ich auf keinen Fall. Für die Landwirtschaft war ich vollkommen ungeeignet.“ Der Autodidakt geht nach Haifa. Er hält sich viel in Bibliotheken auf, arbeitet auf Schiffen. Er hat Hunger, muss gelegentlich Lebensmittel stehlen, um zu überleben.

1951 Rückkehr nach Österreich: „Ich glaube nicht, dass in Österreich ein Jude leben und seine Menschenwürde wahren kann!“

1951 kehrt der 23-Jährige nach Europa zurück, ein schier unglaublicher Entschluss für einen linken Juden. Sogar der Konsul in Frankreich – „und der war ganz gewiss kein Antisemit!“ – rät ihm mit Nachdruck davon ab. Als Jude sei er in Österreich nicht erwünscht. Karl Pfeifer, eigensinnig wird man ihn nennen können, wischt alle Bedenken beiseite und steigt dennoch in den Zug gen Europa: „Ich war neugierig auf das, was mich in Europa erwarten würde.“ Und: „Im Kibbuz erzogen, im Krieg dem Tod entgangen, hatte ich das Gefühl, es könnte nur besser und interessanter werden. Ich war entschlossen, einen Beruf und noch weitere Sprachen zu lernen.“

Der vielseitig begabte Autodidakt und Lebenskünstler kehrt in das Land der Täter zurück. In das Land, das den größten Teil seiner Familie und seines Volkes vorsätzlich und systematisch ermordet hat. In Österreich wartet man wirklich nicht auf ihn. Er, der jüdische, sich seiner Biografie bewusste Rückkehrer, verkörpert für das „Land der unschuldigen Opfer“ die Schuld. Wenn er nicht wäre hätte man endlich Ruhe, im Land der Haiders und Mölzers.

„Das war der größte Fehler meines Lebens…“ erzählt er seinen teils mehr ein halbes Jahrhundert jüngeren Zuhören immer wieder – „aber andererseits…“ Und dann kommt die Geschichte mit dem niedrigen Blutdruck und der täglichen Lektüre von österreichischen Tageszeitungen. Gern erzählt er seinem deutschsprachigen Publikum bei seinen Lesungen auch: „Ich glaube bis heute nicht, dass in Österreich ein Jude leben kann und seine Menschenwürde wahren kann. Das ist ein Widerspruch!“

„Ich habe einen Blödsinn nach dem anderen gemacht“ 

Nach seiner Rückkehr nach Europa macht Karl in Wien erst einmal allen klar, dass er unbeugsam bleibt: Er geht zum Büro der seinerzeit noch winzigen, nur an Emigration denkenden Jüdischen Gemeinde Wiens. Dort sitzt man auf den sprichwörtlichen „gepackten Koffern“. Der Rückkehrer aus dem idealisierten jungen Israel wird nach seinen Eindrücken von Wien gefragt: „Für meinen Geschmack sind die Nazis hier zu laut“, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Seitdem gilt er bei den Wiener Juden als Kommunist. Ein paar Wochen später geht der linke Zionist zum Büro der Kommunistischen Partei, um sich als Mitglied einzuschreiben. Dort fliegt er aber gleich wieder raus, als er fragt, ob Stalin wie der Papst für Katholiken unfehlbar sei oder aber doch nur ein Mensch, also nicht frei von Irrtümern sei. „Ich war ein Rebell. Ich war immer das Gegenteil von staatstragend. War ständig in der Opposition, weil ich mich mit niemandem identifizieren konnte“, betont er. Seine Motive sind ihm nicht ganz unvertraut.

Karl Pfeifer erhält eine geringe finanzielle Entschädigung, erlebt die Verleugnung der Schuld und die Zuschreibungen als Kommunist bzw. als Antikommunist, als Zionist, verschiedentlich sogar als amerikanischer oder israelischer Spion.

Es folgen zwei Jahrzehnte eines wilden, autodidaktischen Lebens: Karl Pfeifer macht eine Ausbildung als Hotelfachmann, geht 1952 nach Badgastein, arbeitet als Portier in einem Schweizer Hotel, besucht eine Hotelfachschule, die er mit Mühe besteht. Nebenbei lernt er mehrere Sprachen, vermag sich überall durchzuschlagen. Dann folgt eine Tätigkeit als Empfangschef im Wiener Hotel Astoria. 1957 kündigt der 29-Jährige seinen sicheren Posten, reist spontan quer über den Erdball bis nach Neuseeland, ruhelos suchend. Dort hält er es aber auch nur zwei Jahre aus, es folgen weitere Berufs- und Ortswechsel: Der Getriebene lebt in der Schweiz, erneut in Israel, in Italien, ab 1962 wieder in Österreich; dann als Tourist ein paar Monate in New York. 1967 treibt es den inzwischen 39-jährigen Lebenskünstler wieder zurück nach Wien. Immer wieder sucht er neue Herausforderungen, kann den erlebten Antisemitismus nicht mehr ertragen. Von 1971 bis 1973 arbeitet Karl Pfeifer als Hotelmanager in London. Für ihn eine als wunderbar erinnerte Zeit. In das Land, in dem ein linker „Antizionist“ wie Jeremy Corbyn heute recht einflussreich ist.

Als Redakteur der jüdischen Gemeindezeitung: Ein störrischer Optimist

Wo andere sich altersbedingt zurück ziehen da fängt Karl Pfeifer erst an: 1982, da ist er 54, beginnt er als Redakteur der jüdischen Gemeindezeitung. Er entdeckt sein journalistisches Talent, schreibt zunehmend mehr. Dann wird er freier Journalist für zahlreiche internationale Medien, auch für den israelischen Rundfunksender Kol Israel. Er arbeitet für den ORF, aber auch für Fernsehsender aus Israel, den Niederlande, Serbien, Frankreich, Deutschland und den USA. Auch für die taz und das Neue Deutschland verfasst er gelegentlich Beiträge.

Er schreibt kritische Beiträge sowohl über den Rechtspopulisten mit antisemitischer Stoßrichtung Jörg Haider wie auch über den linken Juden Bruno Kreisky.

Trotz aller dramatischen Rückschläge, die Pfeifer in Österreich bis heute immer wieder erleben muss, bleibt er störrisch optimistisch: Es sei nicht mehr möglich, mit Antisemitismus Wahlen zu gewinnen. Karl Pfeifer führt Jörg Haider als Beleg hierfür an, als dieser 2001 in Wien mit antisemitischer Hetze, in diesem Fall gegen den jüdischen Gemeindevorsitzenden Dr. Ariel Musikant, agitierte, indem er sagte: „Ich verstehe nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann.“ 1995 sorgt Karl Pfeifer dafür, dass Haiders berüchtigte Krumpendorfer Rede an die Öffentlichkeit gelangte. Trotz seines unverwüstlichen Optimismus: In seinen Träumen begegnen ihm immer wieder seine Eltern, sein ermordeter Vater. In seinen Träumen findet er den Frieden mit den Tätern nicht. Und doch beharrt er, auch mir gegenüber: Die österreichische Zivilgesellschaft habe unglaubliche Fortschritte gemacht. Auf sie vertraut der noch immer linke, parteiungebundene jüdische Sozialdemokrat.

Ungarn: Die unterbliebene Geschichtsaufarbeitung

Karl Pfeifer publiziert viel, auf deutsch und auf englisch, in der linken „antideutschen“ Zeitung jungle world und beim deutsch-jüdischen, in Tel Aviv produzierten Internetmagazin haGalil. Er versteht sich weiterhin als links, und er tritt in aller Entschiedenheit allen in ihren Motiven durchschaubaren Angriffen gegen den jüdisch-demokratischen Staat Israel entgegen.

1983 in Budapest

1979 schreibt Pfeifer seinen ersten originär journalistischen Beitrag – über Ungarn. Kritische Distanz war von Anfang an seine Grundhaltung: „Ich schwärmte nicht für „die lustigste Baracke des sozialistischen Lagers“, sondern befasste mich schon damals mit Menschenrechtsproblemen“, erinnert er sich. Er reist immer wieder nach Ungarn, merkt rasch, wie famos er zu schreiben vermag. Eigentlich hätte er den Beruf viel früher ergreifen müssen. Seine Analysen zeichnen sich durch Geschichtsbewusstsein und Insiderinformationen aus. Aber bereits 1983 hatte ihn der Chef der Presseabteilung des ungarischen Außenministeriums gewarnt: „Sie dürfen nicht den Antisemitismus aus Wien importieren. Wir haben nach 1945 dieses Problem ein für alle Mal gelöst.“ Vier mal wird Karl Pfeifer wegen seiner kritischen Beiträge des Landes verwiesen. Er verdankt es „der tatkräftigen Hilfe der österreichischen Diplomatie“, dass man ihn immer wieder nach Ungarn einreisen lässt. Einschüchtern lässt er sich grundsätzlich nie. Wirkliche Geschichtsaufarbeitung habe es in Ungarn nicht gegeben, beklagt er. Als Israels Premier Netanjahu den autokratischen ungarischen Despoten Viktor Orbán im Juli 2017 besucht erinnert Karl Pfeifer in der Jüdischen Allgemeinen (17.7.2017) an dessen öffentlich verkündete Begeisterung für „den Hitler-Verbündeten Miklós Horthy, den Anführer des „weißen Terrors“, der tausende Juden das Leben kostete, den Mitverantwortlichen am Mord an mehr als einer halben Million ungarischer Juden.“ In der regierungsnahen Zeitung Magyar Idök würden die Jobbik-Dissidenten, die weiter auf Antisemitismus setzen, umworben. „Doch Israels Außenministerium“, kritisierte Pfeifer in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine, „distanzierte sich vom eigenen Botschafter, und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird am 18. Juli Budapest besuchen. Bibis Zorn über Soros ist anscheinend stärker als seine Kritik am offensichtlichen Antisemitismus. Nur um seine rechte Koalition zusammenzuhalten, setzt Netanjahu die Beziehung zu großen jüdischen Gemeinden im Ausland aufs Spiel.“ 

Karl Pfeifers Blick auf die Entwicklung in Ungarn bleibt nüchtern: Die 450.000 Juden Ungarns wurden nach der deutschen Besatzung mit Hilfe der ungarischen Bevölkerung in kürzester Zeit deportiert. Die Mehrzahl der 80.000 Budapester Juden hätten auch nach der „Wende“ nicht daran erinnert werden wollen, dass sie Juden sind. Als 1994 eine große Synagoge in Budapest wieder neu eröffnet wird bleibt Pfeifer skeptisch: Ob sich die Synagoge „mit Betenden füllen“ werde „kann bezweifelt werden“, schreibt er in der taz

Dennoch sei die Synagogeneinweihung „ein Symbol für eine jüdische Wiedergeburt in Ungarn“. Das Erstarken der Jobbik-Partei erfüllt ihn mit Sorge. In einem taz-Interview des Jahres 2010 beklagt er, dass  die Jobbik und der völkischen Fidesz 80 Prozent der Stimmen bekommen hatten. Ungarn sei auf dem Weg in „eine völkische Demokratie.“ Mit der EU sei Ungarns Politik „nicht vereinbar“. Seitdem hat sich die Lage eher noch verschärft.

Als 2011 in Ungarn ein neues, die Freiheit einschränkendes Mediengesetz eingeführt wird ergreift Karl Pfeifer von Wien aus die Initiative: Er erstattet gegen die regierungsnahe Zeitung Magyar Hirlap Anzeige, weil in Leserkommentare in wüstester antisemitischen Beschimpfungen auf ihn losgegangen wurde.

Im Mai 2017 ist sein Pessimismus ausgeprägter denn je. In einem Gastkommentar in der Welt (18.5.2017) erinnert Karl Pfeifer an seine eigene Flucht aus Ungarn im Jahr 1943, die ihn vor Auschwitz rettete. Nun plane das ungarische Parlament erneut ein Gesetz zu „ausländisch finanzierten“ Nichtregierungsorganisationen; gemeint waren hiermit vor allem die Stiftungen des Ungarn George Soros, der auch Jude ist. Dem Juden gilt die Hetze, für die Staatsmedien sei der wohltätige Demokrat Soros „Teil einer „Weltverschwörung der internationalen Hochfinanz“. Nein, diese Wortwahl ist kein Zufall.“ Dies sei „der nächste Schlag gegen die Demokratie in Ungarn. Es ist ein noch verheerenderer“, bemerkt Pfeifer. Wer weise Premier Orbán „endlich in seine demokratischen Schranken?“ Pfeifers Resümee ist bitter: „Was seit Jahren in Ungarn passiert und sich jetzt zuspitzt, erinnert mich zunehmend an dunkelste Zeiten. Die Medien, praktisch fast alle von der Regierung kontrolliert, schüren dazu bewusst Angst vor „dem Fremden“– vor Flüchtlingen, vor Juden, vor Ausländern.“

1995: „Jüdischer Krieg gegen Deutschland vor Gericht“

1995 beginnt eine Auseinandersetzung, die dem unverwüstlich erscheinenden Publizisten schwer zusetzt. Sie dauert zwölf Jahre und endet mit einem grandiosen Triumph Pfeifers: Der 54-jährige, an einer Münster Fachhochschule Politik lehrende Österreicher Werner Pfeifenberger publiziert 1995 im Jahrbuch der FPÖ einen mehr als umstrittenen Beitrag. Hierin finden sich Sätze wie: „Der internationalistische Hasser, Kurt Tucholski meinte, den Menschen seines deutschen Gastlandes gesamthaft den Gastod wünschen zu müssen, weil sie ihm viel zu nationalistisch dachten“.

Nun legt sich Pfeifer keine taktische Zurückhaltung mehr auf: „Am Zweiten Weltkrieg sind die Juden schuld.“ Dies jedenfalls lege „in bewährter Verkehrung von Opfern und Tätern“ Pfeifenbergers Werk nahe, schreibt Karl Pfeifer im Magazin der Jüdischen Gemeinde Wiens. Mit seinem Beitrag verbreite der auch bei den Münsteraner Studenten höchst umstrittene Hochschullehrer Pfeifenberger die „Mär vom jüdischen Krieg gegen Deutschland“. Und dieser verwende eine „Nazidiktion“

Pfeifenberger klagt dagegen. In erster Instanz gewinnt Karl Pfeifer. Der Richter betont, dass es geradezu die Pflicht eines Redakteurs sei, „den Anfängen zu wehren.“ Gegen Pfeifenberger wird parallel hierzu sogar ein Strafverfahren wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ eröffnet. Fünf Jahre später stürzt Pfeifenberger in den Alpen in den Tod. Daraufhin entfaltet sich in der rechten Presseszene eine organisierte Kampagne gegen den jüdischen Journalisten Karl Pfeifer: Sie machen ihn, den jüdischen Überlebenden und Remigranten, für den Suizid des äußerst rechten Geschichtsrevisionisten verantwortlich: Ein „jüdischer Journalist“ habe eine „Menschenhatz eröffnet“, heißt es dort.

Pfeifer klagte dagegen, gewinnt 2001 in erster Instanz, 2002 verliert er. Der Journalist und Überlebende lässt sich dies nicht bieten. Fünf Jahre später, 2007, gewinnt Karl Pfeifer vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Republik Österreich. Er erhält 5000 Euro Schmerzensgeld und 10.000 Euro Aufwandsentschädigung. Ein später Triumpf, für den er einen sehr hohen Preis bezahlt hat. Auch in Israel wird die symbolträchtige historisch-politische Kontroverse mit Aufmerksamkeit verfolgt. Haaretz – Yossi Melman – titelt am 16.11.2007: EU Court: Writer Didn’t Drive ‚anti-Semitic‘ Professor to Suicide: „Pfeifer told Haaretz yesterday after his victory that „it was hard enough to stand three years in Austrian courts because I did not believe that ‚the Jews declared war in 1933 on Germany.‘ But then to see Dr. Trieb point her finger at me and accuse me of being responsible ‚only morally‘ for a man’s suicide was even harder.““

„Einmal Palästina und zurück“

2011 erscheint sein filmischen Lebensportraits Zwischen allen Stühlen (2011), das vielfach gezeigt wird. Zwei Jahre später, Karl ist nun 85, veröffentlicht der unermüdliche Karl Pfeifer den ersten Teil seiner Autobiografie, betitelt mit Einmal Palästina und zurück.

Damit reist er nun herum, seine Auftritte werden nicht selten von gut organisierter Israel- und Judenhassern gestört. 2016 legt er mit seinem Buch Immer wieder Ungarn, den zweiten Teil seiner Autobiografie vor; der Berliner Politikwissenschaftler Martin Jander hat das Buch 2017 auf haGalil vorgestellt: „Während ich noch bis vor ein paar Jahren oft und gerne nach Ungarn fuhr, tue ich das heute nicht mehr“, merkt er hierin lakonisch an.

Für Österreichs Zukunft bleibt er optimistisch: Es wäre ein fataler Fehler zu glauben, antisemitisches Gedankengut wäre in Österreich mehrheitsfähig: „Ich gehe als Zeitzeuge in Schulen und erlebe das andere Österreich, das sich ehrlich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt.“

„Wir beide, die Republik und ich, sind einen weiten Weg gegangen“

Karl Pfeifer hat sich immer dagegen gewehrt, mit erhobenem Zeigefinger über seine Jugend in Baden zu sprechen: Er habe selbst in den Jahren der brutalsten Verfolgung Solidarität erlebt: Einer der Mieter seiner Eltern war Prof. Weber: Als seine Mutter sich nach dem „Anschluss“ nicht mehr wagte, auf die Straße zu gehen, weil Juden gezwungen wurden, „vaterländische Parolen“ mit Zahnbürsten und Lauge zu entfernen, erledigte war Frau Weber ihre Einkäufe. Die Webers lehnten es auch ab, ihr Haus für einen verbilligten Preis zu kaufen. Sie wollten sich nicht „am „Raubzug“ beteiligen. Also seine Mutter 1940 von Ungarn aus den verzweifelten Versuch unternimmt, eine befreundete Familie zu retten und deshalb noch einmal in das nationalsozialistische Baden reist, nimmt die Familie Weber sie auf. Solche Menschen seien ein Mahnmal, betont Pfeifer.

Am 4.7.2018 wurde Karl Pfeifer als Journalisten das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Die Laudatio hielt der ehemalige Grüne Nationalrats-Abgeordnete Karl Ölinger. „Wir beide, die Republik und ich, sind einen weiten Weg gegangen“ hat Pfeifer seine Dankesrede überschrieben.

Bei Lesungen in Schulen habe er nie Antisemitismus erlebt, betont der Lebenskünstler: „Haben Sie nie an Selbstmord gedacht?“ wird er einmal bei einer Lesung gefragt. „An Selbstmord nie, an Mord oft!“

Am 22. August feierte Karl Pfeifer, gemeinsam mit seiner Ehefrau Dagmar, seinen 90. Geburtstag.

Von Roland Kaufhold ist soeben in der Tageszeitung Neues Deutschland, 25.8.2018, das Portrait „Pfeifer gegen Pfeifenberger. Die Kämpfe eines österreichischen Journalisten und Shoah-Überlebenden“ erschienen.

Somehow in Between – The Life of the Journalist Karl Pfeifer (German w/ English Subtitles) from Daniel Binder on Vimeo.

Schriften von Karl Pfeifer

Nicht immer ganz bequem… Verlag Der Apfel, Wien 1996.

mit Theodor Much: Bruderzwist im Hause Israel: Judentum zwischen Fundamentalismus und Aufklärung. K & S, Wien 1999.

Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg. Edition Steinbauer, Wien 2013.

Immer wieder Ungarn. Autobiographische Notizen, Nationalismus und Antisemitismus in der politischen Kultur Ungarns – Texte 1979 bis 2016. Edition Critic, Berlin 2016.

Kinofilm: Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer.                                  

[i] Das Leben von Channah Szenes (1921-1944), nach ihren Tagebüchern, herausgegeben von Jizchak Loewy, Verein der Freunde des „Aufbaus“, Zürich