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Gerschon Liebman – Der Novardoker Rebbe

Die im 19. Jahrhundert im heutigen Belarus (Weißrussland) entstandene Jeschiwa in Novardok zählte zu den bedeutenden orthodoxen Lehranstalten in Osteuropa. Sie gehörte der Mussar (hebr. Moral)-Bewegung an, einer Gemeinschaft, die sich als Gegenpol zur jüdischen Aufklärung (Haskala) positionierte und dem Chassidismus kritisch gegenüberstand…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen auf: talmud-thora.de

Der vermutlich 1910 in Bialystok geborene Gerschon Liebman (Gershon Libman) studierte an dieser Schule, um als Rabbiner tätig werden zu können. Ab 1940 lehrte er in Wilna, das zu diesem Zeitpunkt unter der Kontrolle der Sowjetunion stand, und konnte sich im einstigen „Jerusalem des Ostens“ als spiritueller Führer einen Namen machen. Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion wurde Wilna besetzt und die gesamte jüdische Bevölkerung ghettoisiert. Rabbiner Liebman gründete im Ghetto die kleine Jeschiwa Beth Joseph, an der zirka 30 Schüler die heiligen Schriften des Judentums studierten. Wie durch ein Wunder existierte die Jeschiwa bis zur Liquidation des „jüdischen Wohnbezirks“ im September 1943 – trotz mehrfacher Razzien, bei der Tausende von Juden zur Massenexekutionsstätte Ponary verschleppt und ermordet wurden. Die Nationalsozialisten verschleppten Gerschon Liebman und seine Schüler in verschiedene Konzentrationslager in Estland und Lettland; von dort aus wurde Liebman schließlich ins KZ Bergen-Belsen deportiert.

Nach der Befreiung durch britische Truppen im April 1945 und der Eröffnung des DP-Lagers Belsen in einer nahegelegenen Kaserne, kümmerte sich Gerschon Liebman und andere überlebende Rabbiner zunächst um die Bestattung der unzähligen Toten. Doch schon bald entstanden auch Chadarim, religiöse Elementarschulen für Jungen, und eine Jeschiwa. Zum Leitungsgremium dieser bereits im November 1945 eröffneten höheren Religionsschule, an der bis hundert Studenten lernten, gehörte Rabbiner Liebman.

In einem zeitgenössischen Bericht ist eine Schabbatfeier in dieser Jeschiwa wie folgt beschrieben: „An den schönen gedeckten Tischen sitzen die Studenten, in deren Gesichtern sich die Heiligkeit des Schabbats spiegelt. Rabbi Liebman spricht über Glaubensethik und anschließend ertönt, wie aus dem Nichts, eine wunderbare Melodie. Die Stimmung ist eine Mischung, wie wenn Jeschiwa-Schüler aus Polen, Litauen, Ungarn, Galizien und Rumänien zusammen feiern würden. Ein Junge aus Rumänien singt Jismechu be Malchutecha (Und sie werden sich an deinem Königreich erfreuen), ein Chassid intoniert einen fröhlichen Marsch und ein anderer stimmt Aw ha Rachamim (barmherziger Vater) an. Plötzlich tanzt der ganze Saal mit stürmischer Leidenschaft, obwohl die Studenten, die Lehrer und auch die Rabbiner mehr schlecht als recht verköstigt werden. Oft singen sie ihre Lieder, nachdem sie ein paar Kartoffeln oder eine Scheibe Brot zu sich genommen haben. ,Das macht doch nichts‘, sagt ein Student, wir sind glücklich‘.“

Rabbiner Liebman gehörte im DP-Camp Belsen dem elfköpfigen Vorstand der orthodoxen Organisation Agudas Israel an. Offensichtlich aufgrund seiner Leitungsfunktion wurde er im Jahr 1946 nach Frankfurt geschickt. Im Lager Zeilsheim, einem der größten DP-Camps in Hessen, eröffnete er die Jeschiwa „Scheerit Beth Joseph – Rabbinical Seminary Zeilsheim“. Im Sommer 1947 studierten dort 80 Bocherim Talmud und Thora. Zum Jahresende 1946 hatte ein Vertreter der Hilfsorganisation Vaad Hatzala die orthodoxen Juden in Zeilsheim besucht: „Niemand kann sich vorstellen, welch wunderbarer Geist dort herrscht, insbesondere in der Jeschiwa in Zeilsheim, wo sie bis spät in der Nacht Thora lernen“, schrieb der Abgesandte hocherfreut.

Vaad Hatzala unterstützte die Schule etwa zwei Jahre materiell und finanziell, bis sich die Studenten und ihre Lehrer zur Auswanderung entschlossen. Am 1. November 1948 teilte Rabbiner Gerschon Liebman in einem Brief mit, dass seine Jeschiwa, die aus 85 Personen bestand, bereit zur Übersiedlung nach Frankreich sei. Von hier aus sollte die Reise offensichtlich weiter in die USA gehen (Liebman war bereits im Besitz eines Visums), da die Hilfsorganisation Vaad Hatzala rigoros für die Auswanderung ihrer Schützlinge nach Nordamerika warb. Damit wollten die Strenggläubigen eine Stärkung der dortigen Orthodoxie herbeiführen.

Doch Gerschon Liebman und einige seiner Schüler blieben in Frankreich und errichteten in Armentières-en-Brie, etwa 70 Kilometer östlich von Paris, die Jeschiwa Or Josef, das europäische Zentrum der Novardok-Bewegung, die in Frankreich zeitweise bis zu 40 religiöse Einrichtungen unterhielt. Rabbiner Liebman starb 1997 in Paris, sein Leichnam wurde in Israel beigesetzt.

Quellen

Archive

American Jewish Joint Distribution Committee Archives, New York
AR 45/54 Germany

International Tracing Service, Bad Arolsen
Nachkriegszeitkartei/Hinweiskarten aus der Zentralen Namenkartei

The Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide, London
The Henriques Archive

Yeshiva University Archive, New York
Vaad Hatzalah

YIVO Institute for Jewish Research, New York
Leo W. Schwarz Papers / Displaced Persons Centers and Camps in Germany

Literatur

Esther Farbstein, Hidden in Thunder. Perspectives on Faith, Halachah and Leadership during the Holocaust, Jerusalem 2007

Rabbi Yitzchok Frankfurter, A Conversation with Rav Chaim Halpern of Armentières-en-Brie, in: Ami Magazine (New York), September 2013

Alex Grobman, Battling For Souls The: Vaad Hatzala Rescue Committee in Post-War Europe, Jersey City (NJ) 2004

Hagit Lavsky, New Beginnings: Holocaust Survivors in Bergen-Belsen and the British Zone in Germany, 1945–1950, Detroit 2002

Rachel Kostanian-Danzig, Spiritual Resistance in the Vilna Ghetto, Vilnius 2002

Internet

http://zachor.michlala.edu/, Gershon Liebman (hebr.)

Bild oben: Rabbiner Gerschon Liebman (1. Reihe, 4. von links) und seine Schüler in der Jeschiwa Zeilsheim. Repro: nurinst-archiv