Sachbeschädigung an Nazi-Ruine?

Aktivisten bemalten ehemalige NS-Weihestätte am „Reichsparteitagsgelände“…

Eine Polemik

Kürzlich haben Unbekannte die Nürnberger Hitler-Tribüne auf dem „Reichsparteitagsgelände“ als Plakatwand genutzt und dort die Losungen „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder NSU“ in großen Buchstaben aufgemalt. Genau an der Stelle, wo Adolf Hitler einst sein jährliches Propagandaspektakel veranstaltete, bei dem die Massen auf das NS-System und den geplanten Krieg eingeschworen wurden.

Für die Verantwortlichen der Stadt Nürnberg, die sich selbst als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ bezeichnet, wohl ein Frevel sondergleichen. Umgehend wurde der „Servicebetrieb Öffentlicher Raum“ angewiesen, die Parolen zu entfernen. Außerdem ermitteln die Strafverfolgungsbehörden wegen Sachbeschädigung. Nichts soll die Tribüne verschandeln: Denn das marode Bauwerk soll mit rund 85 Millionen Euro grundsaniert werden, um es als „authentischen Lernort“ für zukünftige Generationen zu erhalten. Kritik an der millionenschweren Renovierung des NS-Kult-Areals entgegnet Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (seine Stadt ist mit 1,4 Milliarden verschuldet) lapidar: „Geld ist ein Totschlagargument!“

Der mit etwas Muschelkalk verputzte billige Ziegelbau des „Tausendjährigen Reichs“ zerfällt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Ein Erhalt des „Steinhaufens“ ist nur mit umfangreichen Rekonstruktionsmaßnahmen zu erzielen, wie Architekten herausgefunden haben. Namhafte Kulturschaffende und Historiker wie etwa Norbert Frei kritisieren seit Langem unmissverständlich diese Disneyfizierung: „Die architektonischen Monstrositäten der Nazizeit verdienen keine Renovierung“, weil die „Ausbesserungen angesichts der schlechten Bauqualität in weiten Teilen auf eine Rekonstruktion hinauslaufen; immerhin 80 Prozent von Fassade und Stufen gelten als marode“.

Doch die Stadt Nürnberg will den altersschwachen, in Stein gemeißelten Wahnsinn des NS-Regimes als touristischen Höhepunkt erhalten – koste es, was es wolle. Da fallen auch die paar tausend Euro für das „Abkärchern“ der beiden Parolen nicht ins Gewicht. Allerdings sollten die städtischen Arbeiter sorgsam mit dem Hochdruckreiniger umgehen; möglicherweise fällt bei mangelnder Druckregulierung die ganze Naziherrlichkeit wie ein Kartenhaus zusammen. – (jgt)

Bild oben: Nie wieder „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Noch diese Woche soll der Schriftzug entfernt werden.
Fotos: jgt-archiv

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