Per „Rosinenbomber“ in den Westen

Im Sommer 1948 wurden tausende jüdische Displaced Persons mit der legendären Luftbrücke aus Berlin nach Westdeutschland evakuiert…

Von Jim G. Tobias

Das «Jüdische Gemeindeblatt» schrieb am 11. August 1948: «Wenn die viermotorigen amerikanischen Transportmaschinen fast ohne Unterbrechung landen, um sofort ihre schweren Lasten, Mehl, Kohle und anderes abzusetzen», sind «Helfer jüdischer Organisationen sowie amerikanisches Militärpersonal in Tempelhof zur Stelle. Rasch wird das Innere der Transportmaschinen in einen menschenwürdigen Zustand versetzt, die Sitze heruntergezogen und festgeschraubt. Die Passagiere, in Gruppen von etwa 35, bestimmten Flugzeugen zugeteilt», so berichtete die Zeitung weiter, «besteigen in mustergültiger Ordnung, einer nach dem anderen das Flugzeug – ruhig, ernst, erwartungsvoll. Für die meisten ist es der erste Flug!»

Legendäre Luftbrücke

Am 24. Juni 1948 hatte die Sowjetunion sämtliche Zufahrten auf dem Wasser-, Schienen- und Landweg nach Berlin abgeriegelt sowie die Gas- und Stromversorgung drastisch gekürzt. Die Berlin-Blockade leitete den Kalten Krieg zwischen West und Ost ein. Doch noch bevor Bürgermeister Ernst Reuter mit einem eindringlichen Appell um Hilfe bat: «Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft», hatten die West-
alliierten auf das Vorgehen der Sowjetunion reagiert. Da die von den vier Siegermächten ausgehandelten Luftkorridore weiterhin offen blieben, errichteten sie zur Versorgung der Berliner Bevölkerung umgehend eine Luftbrücke. Hunderte von Militärflugzeugen flogen lebenswichtige Güter und Nahrung ein. Im Minutenabstand landeten die «Rosinenbomber» auf den in den Westsektoren gelegenen Flughäfen Tempelhof, Gatow und Tegel. Das ehrgeizige, einzigartige und ohne Vorausplanung durchgeführte Unternehmen war von Erfolg gekrönt: Im Mai 1949 hob die sowjetische Militärregierung die Blockade auf.

Kriegsgegner als Freunde

Die Versorgung durch die «Rosinenbomber» war der Garant für die Westanbindung der aufgeteilten Stadt. Berlin wurde zum Vorposten der Freiheit gegen die kommunistische Bedrohung. Insbesondere das grosse Engagement der US-Amerikaner als wichtigstem Träger der Luftbrücke führte massgeblich dazu, dass Deutsche die vorherigen Kriegsgegner nun als Freunde betrachteten. Ein «Hindernis für die Versöhnung im Kalten Krieg» stellten nach Ansicht von Samuel Gringauz jedoch die Überlebenden der Schoah dar. Sie warteten zu Tausenden in den Westsektoren von Berlin und hofften auf eine Weiterreise nach Palästina oder Übersee. Sie befanden sich «immer noch im Krieg mit dem Volk, aus dem die Besatzungspolitik der Alliierten einen Verbündeten machen will», so der Präsident des «Zentralkomitees der befreiten Juden». Neben den auf der politischen Ebene bestehenden Kontroversen verursachten die jüdischen Displaced Persons (DPs) auch beträchtliche Kosten. Ihre Versorgung mit Wohnraum, Kleidung und Nahrung führte regelmässig zu Spannungen mit der Berliner Verwaltung, die auf Anweisung der Alliierten entsprechende Gelder bereitstellen und diverse Leistungen zu erbringen hatte.

Wie die Historikerin Angelika Königseder herausgefunden hat, gab es daher schon im Sommer 1947 Überlegungen, die jüdischen Auffanglager in den Berliner Westzonen aufzulösen und die Bewohner nach Westdeutschland, vornehmlich in die US-Zone, zu bringen. Zunächst plädierte auch der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay aus praktischen Erwägungen für diese Umsiedlung. Doch nach der Verhängung der Blockade änderte er seine Meinung: Der General befürchtete nun, dass die Sowjets die Evakuierung der jüdischen DPs als Einknicken und somit als ersten Schritt hin zur Aufgabe der amerikanischen Präsenz in Berlin ansehen würden. Obwohl er diesen Eindruck auf jeden Fall vermeiden wollte, entschied er sich letztlich doch anders: Um die Anzahl der zu versorgenden Menschen in Berlin zu reduzieren, ordnete Clay die Umsiedlung der DPs an, jedoch sollte keiner dazu gezwungen werden.

Weg aus der eingeschlossenen Stadt

«Das Hauptereignis dieses Monats war die Evakuierung der Bewohner von drei Camps (Schlachtensee, Mariendorf, Teltower Damm) aus dem amerikanischen Sektor von Berlin», notierte ein Mitarbeiter der jüdischen Hilfsorganisation Joint im Bericht für den Monat Juli 1948: «Innerhalb einer Woche brachten wir über 5000 Personen mit Militärflugzeugen in die US-Besatzungszone und verteilten sie dort auf verschiedene Camps.» Überlebende, die sich bereits für eine Emigration nach Südafrika oder Australien qualifiziert hatten, wurden ins DP-Lager Backnang (Baden-Württemberg) gebracht, Einwanderer in die USA auf verschiedene Camps in der Region um München verteilt. Wie einem weiteren Joint-Report zu entnehmen ist, «begann die Umsiedlung am Freitag, dem 23. Juli 1948, mit 127 Personen» und endete am Sonntag, dem 1. August. Mit Lastwagen wurden die DPs in den Lagern abgeholt und gegen «4.30 Uhr zum Flughafen Tempelhof gebracht. In Gruppen zu jeweils 35 Personen pro Flugzeug verliessen sie Berlin» in Richtung Frankfurt a. M. Innerhalb von nur zehn Tagen gelang es auf diesem Weg über 5500 jüdische DPs aus der eingeschlossenen Stadt auszufliegen. Nur rund 150 Menschen entschieden sich aus unterschiedlichsten Gründen in Berlin zu bleiben.

Jüdische DPs warten in Frankfurt/Main auf die Weiterfahr in die Camps, Foto: US National Archives and Records Administration (public domain)

Obwohl die Briten in ihrem Sektor keine DP-Camps eingerichtet hatten, wirkten sie tatkräftig an der Aktion «Luftbrücke» mit: Sie stellten Flugzeuge und die nötige Infrastruktur, denn der in ihrem Sektor gelegene Flughafen Gatow war unverzichtbar, um die vielen Flugbewegungen abwickeln zu können. Auch die französische Militärregierung beteiligte sich mit einigen wenigen Flugzeugen. Als im September 1948 die Bewohner des Camps Wittenau, im französischen Sektor, ebenfalls evakuiert wurden, übernahm die US-Airforce den Transport. Etwa 220 Juden wurden von Berlin-Tempelhof nach Frankfurt a. M. ausgeflogen. Von dort ging es mit der Bahn zum endgültigen Bestimmungsort Kisslegg bei Ravensburg, in der französischen Besatzungszone. Die vorgesehenen Unterkünfte, in einem früheren Lager für deutsche Kriegsgefangene, konnten die vielen Menschen jedoch nicht aufnehmen. Deshalb blieb nur ein Teil der jüdischen DPs in Kisslegg, die anderen wurden nach Biberach und Lindau weitergeleitet.

Eine Meisterleistung

Die humanitäre und logistische Meisterleistung der Alliierten, die mit über 200 000 Flügen rund zwei Millionen Tonnen lebenswichtige Güter in die eingeschlossene Stadt gebracht hatten, entwickelte sich zu einem positiv besetzten Symbol für den Sieg der westlichen Werte, das sich tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen einbrannte. Dass die leeren Maschinen auf dem Rückweg zu ihren Basen in Westdeutschland auch menschliche «Fracht» transportierten, ist hingegen in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Nächstes Jahr soll feierlich an den 70. Jahrestag der erfolgreichen Beendigung der Luftbrücke erinnert werden. Geplant ist als Höhepunkt, dass einige noch flugtüchtige «Rosinenbomber» Berlin anfliegen. Inwieweit auch an den «Airlift» in Richtung Westen gedacht wird, bei dem Tausende von Schoah-Überlebenden einen wichtigen Schritt auf dem Weg in eine neue Heimat in Übersee oder im gerade entstandenen Staat Israel machten, bleibt abzuwarten.

Der Beitrag erschien zuvor in tachles, 22. Juni 2018.

Bild oben: Landeanflug eines „Rosinenbombers“ auf den Flughafen Tempelhof, Foto: US National Archives and Records Administration / US Air Force (public domain)