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Die koschere Volksküche in Frankfurt/Main 1947–1949

Jeden Tag eine warme Mahlzeit gemäß der religiösen Speisevorschriften…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen auf: talmud-thora.de

„Dinstik, dem 14tn Oktober, iz in Frankfurt forgekumen di fajerleche Derefnung fun a koszere Kich“, schrieb die Jidisze Cajtung im Oktober 1947. Zu dieser Zeit existierten in der Mainmetropole zwei jüdische Gemeinden. Neben der wiedergegründeten „Jüdischen Gemeinde Frankfurt“, in der sich mehrheitlich die deutschen Juden versammelten, bestand mit dem „Jüdischen Komitee Frankfurt“ auch ein Zusammenschluss von zumeist osteuropäischen Juden in der Stadt. Dabei handelte es sich um sogenannte Displaced Persons (DPs), Überlebende der Shoa, die nicht mehr im DP-Camp Zeilsheim untergebracht werden konnten und auf Emigrationsmöglichkeiten nach Erez Israel oder Übersee warteten. Aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten und religiösen Traditionen blieben sich die beiden Gruppen eher fremd, was dazu führte, dass sowohl die „Gemeinde“ als auch das „Komitee“ eigene Synagogen nutzten.

Auch der Einrichtung einer Volksküche, in der Mahlzeiten nach den Gesetzen der Kaschrut angeboten wurden, ging eine lange Diskussion zwischen den beiden rivalisierenden Gruppierungen voraus. Wer sollte dort essen, die Küche finanzieren, die Einrichtung leiten? Letztlich einigte man sich auf eine gemeinsame Kommission; die Finanzierung sollte mit „freiwilligen Spenden“ erfolgen, wobei der Hauptsponsor, die jüdisch-amerikanische Hilfsorganisation Vaad Hatzala, allein 20.000 Mark monatlich übernahm.

An der feierlichen Eröffnung der jüdischen Kantine, die in der Theobald-Christ-Straße 5–7 untergebracht war, nahmen hochrangige Vertreter der Gemeinde, des Komitees, des Vaad Hatzala, der Jewish Agency, des Joints und der US-Militärverwaltung teil. Die Feier fand im großen Saal der „Philanthropin“ statt, der ehemaligen, schon im 19. Jahrhundert gegründeten, Schule der israelitischen Kultusgemeinde Frankfurt. Nachdem Komitee-Rabbiner Dr. Thorn ein Grußwort gesprochen hatte, ergriff Rabbiner Nathan Baruch, der Direktor des Vaad Hatzala in Deutschland, das Wort. Für seine Ausführungen und das finanzielle Engagement erhielt er großen Beifall. Als nächster Redner wandte sich US-General Thomas L. Harrold an das Auditorium: „In aufrichtiger Freundschaft verbunden“, so berichtete der Journalist der Jidisze Cajtung, „versprach der General, dass die US-Armee den Überlebenden der Shoa hilfreich zur Seite stehe, bis sie in das Land ihres Wunsches, Erez Israel, immigrieren können.“ Weitere Redner von verschiedenen jüdischen Organisationen folgten, wobei der Abgesandte der Jewish Agency mit einer Ansprache in vorzüglichem Iwrit die Anwesenden begeisterte. Zum Abschluss trat ein Kinderchor auf, der zur Freude aller jiddische und hebräische Lieder vortrug. Bei Speis und Trank an festlichen gedeckten Tischen klang der Abend aus.

Strahlende Gesichter nach der Eröffnung der Koscheren Küche. Repro: nurinst-archiv (Vaad Hatzala)

Von nun an versorgte die Jüdische Volksküche bis zu 450 Personen täglich mit koscheren Mahlzeiten zum Preis von einer Mark und fünfzig Pfennig. „Besonders ältere Personen“, so ist einem Protokoll der „Küchenkommission“ zu entnehmen, solle man allerdings „jeden Tag ein Essen ohne Markenabgabe und Bezahlung geben – die Vermögenden sollen nach Können bezahlen“. Doch nicht nur Frankfurter Juden wurden verköstigt, auch durchreisende DPs, die sich von Frankfurt aus auf den Weg in eine neue Heimat machten, erhielten eine warme Mahlzeit gemäß der religiösen Speisevorschriften.

Die Koschere Küche entwickelte sich für einige Jahre zu einem kleinen jüdischen Zentrum in Frankfurt. Nachdem der Vaad Hatzala die finanzielle Unterstützung im Oktober 1949 einstellte, wurde die Einrichtung alsbald aufgelöst.

Bild oben: Lunch mit Rabbiner Nathan Baruch (2. v. l.) und dem US-Advisor on Jewish Affairs Louis E. Levinthal (4. v. l.) in der Koscheren Küche des Vaad Hatzala. Repro: nurinst-archiv (Vaad Hatzala)

Quellen

Archive
American Jewish Joint Distribution Committee Archives, New York, AR 45/54 Germany
YIVO Institute for Jewish Research, New York, Jewish Displaced Persons Periodicals (Jidisze Cajtung)
Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, Heidelberg, Bestand B 1/13 (Gemeinde Frankfurt)

Literatur
Alon Tauber, Zwischen Kontinuität und Neuanfang. Die Enstehung der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Frankfurt am Main 1945-1949, Wiesbaden 2008
Jim G. Tobias, Zeilsheim – Eine jüdische Stadt in Frankfurt, Nürnberg 2011