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„Wir beide, die Republik und ich, sind einen weiten Weg gegangen“

Heute wurde dem Journalisten und Autor Karl Pfeifer das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Karl Pfeifer gehört fast seit Anbeginn zu den Autoren von haGalil, wir schätzen seine Expertise, seine Scharfzüngigkeit und seine kompromisslosen Analysen seit vielen Jahren und freuen uns sehr mit ihm für diese so verdiente Auszeichnung…

Im folgenden dokumentieren wir die Dankesrede und die Laudatio des ehemaligen Nationalrats-Abgeordneten Karl Öllinger.

Karl Pfeifer mit seiner Frau Dagmar

„Sehr geehrter Herr Präsident der jüdischen Gemeinde Wien, Oskar Deutsch,
sehr geehrter Herr Sektionschef,
lieber Herr Öllinger,
liebe Frau Lunacek,
Mischpacha jekara, liebe Familie und Freunde,
Sehr geehrte Damen und Herren

Wir beide, die Republik und ich sind einen weiten Weg gegangen. Ich kam 1951 in ein dunkles Land. Als ich sechs Jahre nach der Befreiung als 23 jähriger hierher zurückkehrte konnte ich es kaum glauben. Ich war laut österreichischem Gesetz kein Heimkehrer, denn ich hatte weder in der Wehrmacht noch in der Waffen-SS gedient.

Befragt, wie ich mich hier fühle, antwortete ich aufrichtig, „für meinen Geschmack sind die Nazi viel zu laut“. Mehr hatte ich nicht gebraucht, ich wurde als Kommunist, der ich nicht war, ins Asyl der Stadt Wien in die Meldemannstraße geschickt.

Jahrzehnte später, als spätberufener Journalist, der mit 51 Jahren seinen ersten Artikel über Ungarn publizierte, schwärmte ich nicht für „die lustigste Baracke des sozialistischen Lagers“, sondern befasste mich schon damals mit Menschenrechtsproblemen. Die Volksrepublik Ungarn, wies mich vier Mal aus. Nur der tatkräftigen Hilfe der österreichischen Diplomatie konnte ich verdanken, dass man mich immer wieder einreisen ließ.

Anfang 1983 warnte mich der Chef der Presseabteilung des ungarischen Außenministeriums: „Sie dürfen nicht den Antisemitismus aus Wien importieren. Wir haben nach 1945 dieses Problem ein für alle Mal gelöst.“

Eine immer wiederkehrende Illusion, wenn man ein Thema tabuisiert, dann verschwindet das gesellschaftliche Problem. Nach der Wende sollte sich herausstellen, dass der Antisemitismus aus Ungarn nicht verschwunden war.

Nachdem ich 1982 Redakteur der offiziellen Zeitschrift der jüdischen Gemeinde wurde, musste ich mich mit diesem – leider weit verbreiteten – Antisemitismus im In- und Ausland auseinandersetzen.

Allerdings hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich 1995 – nach einer Kritik des freiheitlichen Jahrbuches – vor Gericht beweisen musste, dass die Juden 1933 Deutschland nicht mit Krieg bedroht hatten. Das Oberlandesgericht (OLG) bestätigte meine Kritik, dass in diesem Jahrbuch „Nazitöne“ und „Nazidiktion“ enthalten waren.

2000 erhob die Staatsanwaltschaft Klage gegen den Autor wegen Verstoß gegen das NS-Verbotsgestz und dieser nahm sich das Leben. Drei Wochen später wurde ich in der von Andreas Mölzer herausgegebenen „Zur Zeit“ beschuldigt, für den Selbstmord verantwortlich zu sein.

Diesmal klagte ich und verlor beide Prozesse im Wiener OLG. Ich musste zum Europäischen Menschenrechtsgerichthof gehen, um 2007 Recht gegen die Republik Österreich zu bekommen, deren Justiz es für richtig befunden hatte, mich moralisch für den Selbstmord eines Menschen verantwortlich zu machen.

Ohne dem Beistand meiner lieben Frau hätte ich die vielen Prozesse nicht überstanden.

Seit 15 Jahren gehe ich in österreichische Schulen, um über meine Erfahrungen in der ersten Republik, nach dem Anschluss und nach meiner Rückkehr zu sprechen. Immer wieder erzähle ich, wie ich nach meiner Rückkehr als „nicht echter Österreicher“ ausgegrenzt wurde. Einmal z.B. sagte mir jemand „Sie san kann Österreicher nicht, Sie reden nicht wie unsereins.“ Vor einigen Jahren, im Zug am Brenner fragte ich eine Polizistin, ob sie meinen Ausweis sehen wolle, „nein“ antwortete sie, ich erkenn Sie an der Stimme, Sie sind einer von uns“.

In diesem Sinne freue ich mich, dass die Republik mir dieses Ehrenzeichen verleiht und bedanke mich herzlich.“

Karl Pfeifer – “Einmal Palästina und zurück”

 

Laudatio von Karl Öllinger

„Es ist höchste Zeit, dass Karl Pfeifer eine Auszeichnung der Republik erhält, denn bisher hat er ja noch keine Ehrung erhalten.

Die einzige Auszeichnung, die ich über google gefunden habe, ist  die Joseph Samuel Bloch-Medaille der Aktion gegen den Antisemitismus, die Pfeifer 2003 erhalten hat. Aber die Aktion gegen den Antisemitismus ist  ein privater Verein, nicht die Republik!

Eigentlich hätte er schon längst mit Orden behängt werden müssen.

 Karl Pfeifer ist ein Aufrechter, ein Mahner,  einer der  sich  zeit seines Lebens weder den Mund verbieten noch  seinen Mut nehmen hat lassen, obwohl die, die gegen ihn waren, immer die Mächtigeren waren.  Da haben wir nicht so viele, die so sind wie er und das auch durchziehen und durchstehen.

 Dafür hat er sich vieles nennen lassen müssen: „stinkender Jud“, „Kommunist“,  „Provokateur“, „amerikanischer Spion“ , „Menschenhetzer“.

Am 22. August 1928 in Baden bei Wien geboren (da steht bald einmal ein sehr runder Geburtstag an), musste Karl Pfeifer mit seinen Eltern 1938 nach Ungarn flüchten. 1943 gelang ihm die Flucht nach Palästina, lebte in einem Kibbuz und  diente ab 1946 in der Elitetruppe Palmach und dann in der israelischen Armee. 1951 dann die Rückkehr in seine Heimat, die ihn mehr als unfreundlich empfing, als „angeblichen Karl Pfeifer“ mit dem Hinweis, dass einer wie er keine Unterstützung durch den Staat zu erwarten habe, weil laut Heimkehrergesetz nur die zu befürsorgen sind, die in der Wehrmacht oder Waffen SS gedient haben.

Wie hält man so etwas aus – über Jahre, nach der Erfahrung des Holocaust, der Shoah?

Mit Optimismus?  Mit Sturheit?  Mit der Kraft durch Liebe , die einem   die Familie mitgegeben hat? Mit einer Mischung aus allem?

Vielleicht ist es  einfach nur  das Wissen, dass die Menschheit scheitern, zugrunde gehen wird, wenn sie nicht aus  ihren Brüchen, aus ihren Verbrechen, aus ihren Rückfällen in die Barbarei  lernt das Karl Pfeifer so stark gemacht hat.

Von 1982 bis 1995 war er Redakteur der Gemeinde, des offiziellen Organs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Im Jahr 1995, Ende Jänner,  also in einem Alter wo andere schon längst ihre wohlverdiente Pension genießen, kritisiert Karl Pfeifer in der „Gemeinde“  einen Beitrag, den der Politikwissenschafter und Univ.prof. Werner Pfeifenberger (damals an der FH  Münster)  im Jahrbuch für politische Erneuerung 1995 der FPÖ geschrieben hat, wegen seiner Nazi-Diktion. Die Juden hätten Deutschland 1933 den Krieg erklärt, wärmt Pfeifenberger eine alte, üble und antisemitische Verschwörungslegende neuerlich auf.

Auch den folgenden ungeheuerlichen Satz hebt Pfeifer hervor:

Der internationalistische Hasser, Kurt Tucholski (sic!) meinte, den Menschen seines deutschen Gastlandes gesamthaft den Gastod wünschen zu müssen, weil sie ihm viel zu nationalistisch dachten“.

Tucholsky für den Gastod ? Pfeifenberger schrieb Tucholski mit I, so wie die die Nazi-Presse, allen voran der Völkische Beobachter. Das Zitat stammt aus dem Gedicht Dänische Felder. Das Gegenteil von dem, was Pfeifenberger Tucholsky unterstellte, wollte der verzweifelte Dichter erreichen: aufrütteln und warnen vor der Kriegsgefahr. Eine ungeheuerliche und bösartige Unterstellung durch Pfeifenberger!

Pfeifenberger klagt Pfeifer . Am Handelsgericht und am Landesgericht für Strafsachen. Im August 1997 scheitert Pfeifenberger beim Handelsgericht in erster Instanz.  Der Richter –auch das sei erwähnt – stellt sich ausdrücklich hinter Pfeifer und  erklärt, dass es geradezu die Pflicht  eines  Redakteurs sei, „den Anfängen zu wehren“.

Ein Monat, im September 97  später dann der Freispruch von Pfeifer am Landesgericht für Strafsachen: Pfeifers Kritik sei nicht nur „zulässig“, sondern auch „wahr“.

Im Juli 98 bestätigt das OLG den Spruch der ersten Instanz .

2000 will  die STA Wien Pfeifenberger anklagen wegen Wiederbetätigung, aber Pfeifenberger, der an seiner Uni bzw. FH schon seit Jahren große Probleme hat mit Studierenden, stirbt  in den Alpen „aus ungeklärten Umständen“, wie in der Parte geschrieben,  oder an einem Suizid, wie die Rechtsextremen sagen.

Was daraufhin beginnt, ist eine unfassbare  Hetze  auf Pfeifer. Ihm in erster Linie, aber auch einigen anderen wird  von „Zur Zeit“ vorgeworfen, eine Menschenhatz auf Pfeifenberger eröffnet  zu haben, „die in der Folge bis zum Tod des Gehetzten gehen sollte“‘(Zur Zeit) . Das Blatt spricht von “linker Jagdgesellschaft“. „Tödlicher Tugendterror“ titelt es  den Beitrag, den ein „Erwin Steinberger“ verfasst hat. Ein Pseudonym.  Ist es Mölzer selbst? „Zur Zeit“  will den Namen  nicht nennen, sich hinter dem falschen Namen verstecken, um besser hetzen und denunzieren  zu können.

Diesmal reicht es Karl Pfeifer. Er klagt Der Anwalt von “Zur Zeit“ fragt Pfeifer so: „Haben Sie sich publizistisch in einer Richtung betätigt, um die Verfolgung von Personen nach dem Verbotsgesetz zu erreichen?„. Was für ein als Frage getarnter atemberaubender  Vorwurf!

Aber Pfeifer antwortet so souverän, ja wie man es von ihm erwarten kann: „Als österreichischer Journalist trete ich dafür ein, dass alle Gesetze befolgt werden„.

Der Anwalt von „Zur Zeit“ war übrigens Johannes Hübner.

Im März 2001 gewinnt Pfeifer in erster Instanz , erhält eine Entschädigung zugesprochen, aber „Zur Zeit“ gibt nicht auf, beruft. Der „Erwin Steinberger“, den es nicht gibt, bezeichnet die Entschädigung als „Silberlinge“.

Die katholische Wochenzeitung „Die Furche“ (11.4.2001)  empört sich darüber:

Die antisemitische Impertinenz scheint kaum mehr überbietbar: Zur Zeit bringt Karl Pfeifer also mit dem Judaslohn der Passionsgeschichte in Verbindung – und beweist so einmal mehr, dass es ebenso alte wie üble Ressentiments pflegt. Unverbesserlich“.

Dann – im November 2001 – das unfassbare Urteil des OLG Wien:

Einen kritischen jüdischen Journalisten als Hetzer und Mörder zu bezeichnen sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt und stelle eine „zulässige Wertung“ dar. Außerdem müsse für den toten Professor „die Unschuldsvermutung gelten“. Die Meinung, Pfeifer sei ein mörderischer Hetzer, möge vielleicht „schockieren oder stören“, sie sei jedoch „auf ein richtiges Tatsachensubstrat“ gestützt“, so die Richterin laut „Falter“ (Nr. 48. vom  28.11.2001).

Ich zitiere noch einmal die „Furche“(6.12.2001)

Wenn solch ein Urteil Schule macht, so bedeutet es nichts weniger, als dass ein Journalist, der einen strafwürdigen Sachverhalt aufzeigt (Verharmlosung des Nationalsozialismus ist strafbar!), ungestraft beschuldigt werden kann, einen präsumptiven Angeklagten in den Tod zu treiben. Es ist empörend, dass der skizzierte Fall samt Urteil in Österreichs Medien und Gesellschaft kaum zur Kenntnis genommen oder kritisiert wurde“.

Es sind nicht viele Medien, die in dieser Causa eine klare Haltung beziehen: die „Furche“, der „Falter“, der „Standard“, die „Salzburger Nachrichten“.

Es dauert dann bis zum Jahr 2007, bis der EGMR diese furchtbare unverständliche Entscheidung des OLGR Wien wieder aufhebt:

Die für Angelegenheiten dieser Art zuständigen Europäischen Richter urteilten , dass der vorgetragene Vorwurf nicht sachlich begründet worden sei und der Schutz vor Anschuldigungen wichtiger sei als das Recht auf freie Meinungsäußerung des Zur Zeit-Autors. Der Menschenrechtsgerichtshof sprach Pfeifer daher 5.000 € Schmerzensgeld und 10.000 € Aufwandsentschädigung zu.

2008 scheitert Pfeifer dann wieder  an der österreichischen Justiz, die ihm verweigert, dass das Verfahren noch einmal neu aufgerollt wird vor einem österreichischen Gericht. Mölzer jubelt:“… wer sich weit aus dem Fenster hinauslehnt, muß sich auch ein hohes Maß an scharfer Kritik gefallen lassen“ (APA-OTS, 12.11.2008).

Genau das  hat der EGMR in seinem Urteil nicht gesagt, ja sogar klar abgelehnt, aber ein Mölzer ist eben ein Mölzer.

Zehn Jahre später dürfen wir jetzt  jubeln – endlich, denn die Republik hätte Pfeifer schon längst ehren müssen!  Für seine Sensibilität in Sachen Antisemitismus! Für seine Arbeit als Zeitzeuge an allen möglichen Schulen Österreichs – auch in Südtirol und an der österreichischen Schule in Ungarn. Für seine Arbeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, wo er – so wie viele andere – ehrenamtlich tätig ist. 

Die Ehrung für Karl Pfeifer kommt spät. Aber es ist gut und  auch anzuerkennen, dass sich Minister Drozda  sofort  und sehr klar dafür entschieden hat, für  Karl Pfeifer das Goldene Ehrenzeichen der Republik zu beantragen.

Dass er es heute erhält, wo wir eigentlich tausende Pfeifers brauchen würden, aber nur einen haben, ist vielleicht eine Hinterlist der Geschichte oder einfach nur ein Zufall, der auch als Fingerzeig interpretiert werden kann.

Nachbemerkung:  Weil man Ehrenzeichen nicht teilen kann, müsste seine Frau Dagmar, die über die Jahre hinweg zu ihrem Mann gestanden hat, ihn gestützt und gestärkt hat, auch ein solches Ehrenzeichen erhalten. Auch die Kultusgemeinde, die b ei  den langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzungen  hinter ihm gestanden ist, sei hier erwähnt.

Jetzt aber feiern wir – ich gratuliere Karl Pfeifer zum Goldenen Ehrenzeichen!“