Die Vorstellung des Unvorstellbaren

Zum Tod von Claude Lanzmann…

„Und ich habe mir eingebildet, dass es bei Shoah ein Davor und ein Danach gäbe. Dass der Film deutlich mache, dass es Nichtzeigbares gibt. Und dass Bilder, inszenierte Bilder, aber auch hirnlos verwendete Archivbilder die Vorstellung des Unvorstellbaren zerstören.“
Claude Lanzmann

Von Thomas Ziegner, Brouillon

Auf Fotografien des Horrors in den von Deutschen betriebenen Konzentrationslagern, Vernichtungs- und Arbeitslagern, hat er verzichtet. Claude Lanzmann hat für seine ingeniös montierte, neunstündige Dokumentation des Massenmords an den Juden Europas Kamera und Mikrophon den Überlebenden für ihre erschütternde, herzzerreißende Erinnerung an das kaum aussprechbare Leiden gewidmet. Er hat sie befragt. Er hat sie bewegt, manchmal fast genötigt, das Erlittene zu beschreiben, in Worte zu fassen. Er hat sich Zeit genommenfür die Interviews, er hat seinen Gesprächspartnern Zeit gelassen. Und im Prozess des Erinnerns, wenn Momente des Vergegenwärtigens des Grauens geschahen, legte das Verstummen, legte die Mimik beredtes Zeugnis ab. Zwölf lange Jahre hat er an „Shoah“ gearbeitet.

Mit gewissem Recht wohl hat er stets gegen die übliche filmische Beschäftigung mit der „Extermination“, der Auslöschung argumentiert. Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ galt Lanzmann fast als Frevel; jedenfalls als unerlaubte oder wenigstens ästhetisch verfehlte Methode, die Shoah zu thematisieren. Bei einem Treffen in Cannes hat er dies Spielberg in einem freundlichen Gespräch erläutert. Dieser habe ihm später Recht gegeben, sagte Lanzmann in einem Interview, das Katja Nicodemus für die ZEIT mit ihm führte. Nicodemus formuliert zugespitzt, gegen was Lanzmann vor allem polemisierte: “Die Holocaust-Doku mit Musikuntermalung und zerschnipselten Zeitzeugenanekdoten ist ein munter bespieltes Fernsehgenre.” Lanzmann antwortet lapidar: “Entsetzlich”.

Bild oben: Claude Lanzmann, 2014, (c) ActuaLittéCreative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic