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Royale Premiere

Prinz William reist nach Jordanien, Israel sowie die palästinensischen Gebiete. Damit ist er das erste Mitglied der königlichen Familie, das in offizieller Mission dem jüdischen Staat einen Besuch abstattet – angesichts der Rolle, die Großbritannien in der Region einmal gespielt hat, sicherlich ein historisches Ereignis…

Von Ralf Balke

„Es gibt keine politische Botschaft, schließlich ist der Herzog keine politische Figur!“ Mit diesen Worten versuchte am vergangenen Donnerstag David Quarrey, seines Zeichens britischer Botschafter in Israel, die Bedeutung des Besuchs von Prinz William, Herzog von Cambridge, ein Stück weit herunterzuspielen. „Er wird sich ein wenig das Land anschauen, einige Leute treffen, um einen Eindruck von der Region zu gewinnen und zu schauen, was hier so los ist – zum Beispiel die enormen Erfolge im Bereich Hightech und ein bißchen Kultur“, so der Diplomat weiter. Aber vor allem gehe es darum, „die hervorragende Zusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und Israel zu würdigen.“ Er erklärte, dass diese insbesondere in den Bereichen Handel, Wissenschaft und Technologieaustausch noch nie so gut gewesen sei wie heute. Auf diese Weise wollte Botschafter Quarrey auch einige Wellen glätten, die durch Äußerungen aus dem königlichen Palast im Vorfeld der Reise von Prinz William in die Region verursacht wurden. Denn dort hatte man den Ölberg und Ostjerusalem als „besetztes palästinensisches Gebiet“ bezeichnet, was wiederum manchen israelischen Politiker, allen voran Jerusalem-Minister Ze’ev Elkin, der neuerdings Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters der Stadt hat, auf die Barrikaden brachte. „Das vereinte Jerusalem ist seit 3.000 Jahren die Hauptstadt Israels und kein Programmablauf kann dies ändern“, schrieb er unter anderem auf Facebook. „Ich erwarte, dass die Mitarbeiter des Prinzen diese Verzerrung der Wirklichkeit korrigieren.“

Zwar betonte der königliche Palast im Vorfeld mehrfach, dass der Besuch des Royals in Jordanien, Israel sowie in den palästinensischen Autonomiegebieten keinerlei politischen Charakter habe. Doch alle Beteiligten vor Ort sorgen bereits seit Wochen dafür, dass dies ein frommer Wunsch bleibt. So ließ die palästinensische Politikerin Hanan Ashrawi kürzlich verlauten, dass sie sich sehr auf die royale Visite freuen würde. „So kann sich der Prinz dann selbst ein Bild über die palästinensische Realität unter der israelischen Besatzung machen“, erklärte sie. Trotz all dieser Geplänkel schreibt das britische Königshaus mit dieser Reise, die vom 24. Juni bis 28. Juni andauern soll, Geschichte. Denn Prinz William ist das erste Mitglied der königlichen Familie, dass in offizieller Mission nach Israel kommt. Zwar war sein Großvater, der mittlerweile 96-jährige Prinz Philip, schon einmal 1994 anläßlich der Ehrung seiner Mutter durch die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem 1994 vor Ort – Prinzessin Alice von Battenberg (1885-1969) hatte während des Zweiten Weltkrieges eine jüdische Familie in Athen in ihrem Palast versteckt. Doch war dieser Besuch ebenso wie die Teilnahme von Prinz Charles an der Beerdigung von Shimon Peres vor zwei Jahren keine richtige Staatsvisite. Auch reist Prinz William, der hinter seinem Vater die Nummer Zwei in der Anwärterschaft auf den britischen Thron ist, ohne Gattin Kate, die gerade zum dritten Mal Mutter geworden ist und deshalb unabkömmlich, sondern nur mit einer rund 40-köpfigen Entourage aus Beratern und Presseleuten.

Was für ein politischer Eiertanz das Ganze sein kann, das belegen ebenfalls die Zuständigkeiten: So betreut die britische Botschaft in Tel Aviv alle Stationen Reise an der Mittelmeerküste sowie im Westen Jerusalems. Für die Route und Begegnungen in Ostjerusalem sowie den Autonomiegebieten dagegen übernimmt das Generalkonsulat seiner Majestät in Jerusalem die Organisation. Dort ist auch ein Besuch der Altstadt geplant. „Dann wird Seine Königliche Hoheit die kurze Wegstrecke zur Maria-Magdalena-Kirche auf dem Ölberg zurücklegen, wo er das Grab seiner Urgroßmutter, Prinzessin Alice aufsucht.“ Prinz Philips Mutter wurde 1988 aus der königlichen Gruft der St. George’s Chapel von Windsor Castle dorthin überführt – so wie es ihr ursprünglicher Wille war. Abgemacht ist ebenfalls eine Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ob er zudem die Kotel besuchen wird, ist noch nicht endgültig geklärt. Wenn es aber geschähe, wäre auch das eine Premiere für ein Mitglied der königlichen Familie. Angehörige der diplomatischen Vertretung hätten zwar in dieser Angelegenheit vorgefühlt. „Aber ich bin nicht wirklich scharf darauf“, betonte Klagemauer-Rabbiner Shmuel Rabinovitch lapidar. „Als religiöser Jude glaube ich sowieso nicht, dass wir die Anerkennung anderer brauchen, um zu wissen, dass die Kotel uns gehört.“ Was gleichfalls bereits in trockenen Tüchern ist, sind die geplanten Treffen mit Staatspräsident Reuven Rivlin und Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sowie mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in Ramallah.

Bemerkenswert ist auf jeden Fall der Ort, an dem Prinz William in Jerusalem nächtigen wird: Ausgerechnet das King David Hotel, also jenes Gebäude, das einmal Teile der britischen Verwaltung beherbergte und 1946 von der revisionistischen Irgun in die Luft gejagt wurde, wobei mindestens 91 Menschen, darunter 28 Engländer, zu Tode kamen. Denn die Verbindungen zur Region sind nicht nur royaler Natur. Schließlich wehte über drei Jahrzehnte hinweg der Union Jack über Jerusalem. Und als Mandatsmacht hatte Großbritannien einmal über das gesamte Gebiet des heutigen Israels, der palästinensischen Autonomiegebiete sowie Jordaniens und des Iraks geherrscht. Fast alle Grenzlinien tragen eine britischen Handschrift. Aber nicht nur das. Beamte des Empires prägten mit ihren Verordnungen und Maßnahmen das Gesicht israelischer Städte bis in die Gegenwart. So geht beispielsweise der heute noch in Jerusalem benutzte Kalkstein beim Bau neuer Häuser auf eine Direktive des britischen Gouverneurs Sir Ronald Storrs aus den 1920er Jahren zurück.

Dennoch ist das Verhältnis zwischen Israel und Großbritannien nicht ganz unproblematisch. Zum einen musste sich die Weltmacht damals eingestehen, dass sie nicht in der Lage war, den Konflikt zwischen Juden und Arabern politisch und militärisch in den Griff zu kriegen. Über 800 britische Soldaten ließen in Palästina zwischen 1945 und 1948 ihr Leben. Deshalb gab man genervt das Mandat an die Vereinten Nationen zurück, die daraufhin 1947 die Teilung des Landes beschlossen. Großbritannien hatte sich im Unterschied zu Frankreich oder den Vereinigten Staaten bei dieser Abstimmung der Stimme enthalten. Auch kämpfte die von britischen Offizieren befehligte Arabische Legion im Haschemitischen Königreich Jordanien gegen die Israelis im Unabhängigkeitskrieg von 1948. Dann wiederum hatte London 1956 gemeinsam mit Frankreich den jüdischen Staat in seine Pläne zur Wiedereroberung des von Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser verstaatlichen Suez-Kanals mit einbezogen, was manche Historiker rückblickend als die wohl beste Phase der israelisch-britischen Beziehungen bezeichnen.

Und in der Gegenwart gehört Israel auf der Insel nicht unbedingt zu den beliebtesten Ländern. Laut einer Umfrage des politischen Thinktanks Chatham House hegten im Jahr 2014 35 Prozent aller Briten Aversionen gegen den jüdischen Staat. Allenfalls Nordkorea kommt auf einen noch schlechteren Wert. Das Erschreckende: Zwei Jahre zuvor waren es nur 17 Prozent. Andere Untersuchungen bestätigen das negative Image Israels in Großbritannien. Darüber hinaus ist die antisemitische Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen-Bewegung, kurz BDS, seit über zehn Jahren vor allem an britischen Universitäten auffällig aktiv. Immer wieder werden israelische Akademiker und Studenten an Hochschulen ausgeschlossen oder drangsaliert. Und mehrfach bereits drohte israelischen Militärs und Politikern wie Ex-General Doron Almog und dem früheren Außenminister Silvan Shalom, die zu Besuch nach Großbritannien kamen, Ungemach, weil sie jemand als vermeintliche „Kriegsverbrecher“ angezeigt hatte. Last but not least hatte London noch 2016 eine UN-Resolution unterstützt, die die israelische Besatzung des Westjordanlandes als eine „flagrante Verletzung“ internationalen Rechts bezeichnete.

Aber auch die Israelis sind nicht gerade die Meister der Feinfühligkeit. 2006 kam es zwischen beiden Ländern zu diplomatischen Verstimmungen, weil das Menachem Begin Heritage Center den Jahrestag des Anschlags auf das King David Hotel mit einer eigens einberufenen Konferenz, an der unter anderem auch Benjamin Netanyahu teilnahm, feiern wollte. Das wiederum führte zu einer Protestnote seitens des britischen Botschafters in Tel Aviv, der für diese Art der Würdigung eines „Terrorakts“, wie er schrieb, wenig Verständnis zeigte. Nicht zuletzt deshalb kommt der Präsenz von Prinz William in diesem historischen Hotelkomplex eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn in der Presse auf der Insel gab es zahlreiche kritische Stimmen, die fragten, warum das Mitglied der königlichen Familie den britischen Opfern aus dieser Zeit nicht in einer Zeremonie seinen Respekt bezeuge. Und so zeigt sich selbst 70 Jahre, nachdem Großbritannien sich aus Palästina verabschiedet hatte und der Staat Israel ins Leben gerufen wurde, dass ein königlicher Besuch in der Region alles Mögliche sein kann – nur nicht unpolitisch.

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