- haGalil - http://www.hagalil.com -

Aus Ernst wird Spaß

Zum politischen Hintergrund der Gruppe Oulipo…

Von Olaf Kistenmacher

Eine 60-jährige Japanerin befriedigt sich selbst. Das Haustier ist im selben Zimmer. Die Katze beobachtet das menschliche Treiben: „ihr Blick drückt leicht düstere Gleichgültigkeit aus“.  Über 60 solcher Masturbationsphantasien hat der US-amerikanische Schriftsteller Harry Mathews Anfang der 1980er Jahre in Die Lust an sich zusammengetragen. Es sind kleine Texte über die sexuelle Selbstbefriedigung, keine Anregungen für sie. Manche von Mathews’ Gedankenspielen sind lustig, andere ernst, traurig oder tragisch. Mathews, der in den 1950er Jahren mit der feministischen Künstlerin Niki de Saint Phalle verheiratet war und in Frankreich lebte, haftet das Image des Playboys in der Gruppe Oulipo an, die 1960 von dem Poeten Raymond Queneau und dem Mathematiker François Le Lionnais gegründet wurde.

Oulipo ist das Akronym von L’Ouvroir de Littérature Potentielle. Die Gruppe ist ein elitärer Zirkel, in den man nur aufgenommen wird, nachdem ein anderes Mitglied einen vorgeschlagen hat. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehören Italo Calvino, Georges Perec und Oskar Pastior. Wie Mathews in seinem autofiktionalen Roman Mein Leben als CIA schreibt, erforschen die Oulipoten die unendlichen Möglichkeiten, die „die Mathematik der Literatur eröffnen kann“. Die – mehrheitlich männlichen – Literaten legen sich beim Schreiben selbsterfundene Spielregeln auf, um so neue, „potentielle“ Formen des Schreibens zu entwickeln. Bereits 13 Jahre vor der Oulipo-Gründung hatte Raymond Queneau mit seinem Buch Stilübungen gezeigt, auf wie viele verschiedene Weisen sich die banale Begebenheit erzählen lässt, dass ein junger Mann mit einem auffälligen Hut im Nahverkehrsbus einen Streit anfängt und der Erzähler ihn kurz darauf noch einmal sieht. Angefangen hat Queneau mit den Exercices de style 1942 im von Nazi-Deutschland besetzten Paris; Auszüge veröffentlichte er noch während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance nahestehenden Zeitungen. Wie die Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel im Nachwort betonen, war das Spiel mit stilistischen Vorgaben „ein Akt der Befreiung, der Souveränität“, denn es zeigt, was man unter den Nationalsozialisten vergessen konnte: „Regeln sind willkürlich und überwindbar.“

Nach 1945 nutzte auch die Konkrete Poesie, die nach dem Aufschrei wegen des Gomringer-Gedichts neue Aufmerksamkeit erfuhr, die sprachlichen Formen selbst als Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Der Unterschied zwischen der Konkreten Poesie in Deutschland und Oulipo ist aber offensichtlich: Eugen Gomringer oder Ernst Jandl schrieben und schreiben auf Deutsch, der Sprache des Nationalsozialismus. Oulipo hingegen entstand in Frankreich. Die Grundidee von Oulipo ist zudem eine unpersönliche. An die Stelle des kreativen Subjekts, das mühsam nach dem gelungenen Ausdruck seiner Inspiration sucht, setzen die Mitglieder von Oulipo auf das literarische Experiment, das letztlich jeder – heutzutage sogar künstliche Intelligenz – durchführen kann.

Ähnliche Experimente wie Queneau faszinierten Anfang der 1960er Jahre auch einen linksradikalen Autor in Italien wie Nanni Balestrini. Sein Roman Tristano konnte erst im 21. Jahrhundert dank neuester Drucktechniken korrekt erscheinen: in 2000 verschiedenen Versionen. Aus den kurzen Absätzen, aus denen Balestrinis Roman besteht, ließen sich theoretisch, so wurde errechnet, insgesamt 109 Billionen unterschiedliche Variationen kombinieren.

Wie die neue Reihe Oulipo & Co. des Diaphanes Verlags zeigt, gab es in Frankreich schon im beginnenden 20. Jahrhundert Vorbilder für diese experimentelle Literatur. Félix Fénéon verfasste für die Zeitung Matin kleine, dreizeilige Agenturmeldungen mit tragischem Ausgang, Gewaltverbrechen, die oft im Milieu der Ausgebeuteten und Entrechteten spielen. Der pointierte Tonfall steht im Widerspruch zu den dargestellten brutalen Verbrechen. Manche Meldungen zeugen auch von Gegenwehr gegen die herrschende Ordnung: So hat eine 18-Jährige aus Joinville „mit zwei Kugeln in den Bauch Monsieur Lestenaux für sein Geschwätz bestraft“ (es wird sich wohl um mehr als aufdringliche Worte gehandelt haben). Auch explizit politische Kriminalfälle sind dabei: „Der sechzigjährige Gallot aus Saint-Ouen wurde festgenommen, als er sich anschickte, Soldaten seinen Antimilitarismus nahezubringen.“

Fénéon, der 1944 starb, hätte kein Mitglied von Oulipo gewesen sein können. Viele der nun wiederveröffentlichten Texte stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Doch der Herausgeber der Reihe Oulipo & Co., Jürgen Ritte, sieht in ihm einen ungewollten Vorläufer. Fénéon war Anarchist, sein Witz anarchisch. Bis zu seinem Lebensende blieb trotz aller Unterschiede zwischen anarchistischer und parteikommunistischer Linker sein Blick auf das Russland nach der Oktoberrevolution gerichtet; als passionierter Kunsthändler rang er mit der Idee, Moskau eine beachtliche Bildersammlung zu vermachen.

Eine politische Haltung zeigt auch das Werk von Georges Perec. Schon bevor er bei Oulipo aufgenommen wurde, hatte er mit Die Dinge. Eine Geschichte der sechziger Jahre einen marxistischen Roman geschrieben. Zu einem Oulipo-Helden wurde Perec durch den Roman La disparation, in dem der im Französischen häufigste Buchstabe E nicht vorkommt. Die Kriminalgeschichte hat zugleich einen politischen Inhalt. Zu Beginn wird von rassistischer Gewalt und Pogromen berichtet, was in der deutschen Übersetzung Anton Voyls Fortgang, die ebenfalls kein E enthält, lustiger klingt, als es ist: Ein Mob greife „Muslims aus Nordafrika an und natürlich Buchsbaums und Abrahams und was sonst noch jüdisch war“.

Perec, Kind jüdischer Eltern, die aus Polen nach Frankreich emigriert waren, hatte die Shoah überlebt, weil er als Kind bei Verwandten versteckt worden war, nachdem sein Vater im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallen war und seine Mutter nach Auschwitz deportiert wurde. In dem Traumtagebuch Die dunkle Kammer. 124 Träume bilden Alpträume von Lagern den Rahmen. Das erste Traumprotokoll, in dem es um ein Lager namens Treblinka, „Terezienbourg oder Katowicze“ geht, endet mit dem bezeichnenden Satz: „Man rettet sich (manchmal), indem man spielt…“.

Dass diese Aussage nicht nur auf Perec zutrifft, zeigen die erstmals auf Deutsch vorliegenden Aufzeichnungen Leonardo in Dora des zweiten Oulipo-Gründers neben Queneau: François Le Lionnais. Le Lionnais schildert darin seinen Überlebenskampf im KZ Mittelbau-Dora, in dem die V2-Rakete gebaut wurde. Das eigentliche Thema von Leonardo in Dora ist allerdings ein anderes: Le Lionnais erinnert sich, wie er einem Mitgefangenen Gemälde beschreibt und mit diesem interpretiert. Der andere Häftling, mit einem „herausragenden Gedächtnis“ begabt, stellte sich allein aufgrund dieser Beschreibungen die Bilder vor, die er selbst nie gesehen hatte, und konnte so über sie „kenntnisreicher sprechen […] als etliche Leute, die sie betrachtet hatten, ohne sie zu verstehen“. Le Lionnais hatte als Jugendlicher mit Schulfreunden im Louvre geübt, sich Gemälde einzuprägen.

Das war die Grundlage für ein weiteres Spiel. In Gedanken kopierte Le Lionnais einzelne Elemente aus einem Gemälde in ein anderes und ließ so Bilder in einen Dialog miteinander treten. Der spätere Oulipo-Gründer Le Lionnais war nur enttäuscht, dass das Verfahren auf Werke Paul Cézannes nicht anwendbar sei: „Dieses Werk wird geschützt von einer Potentialbarriere, die daran hindert, in es einzudringen, um dort auch nur irgendetwas zu modifizieren.“ In Perecs Novelle Ein Kunstkabinett. Geschichte eines Gemäldes findet sich die gleiche Idee literarisch umgesetzt: Ein Maler hat in seinem Gemälde ein Kunstkabinett dargestellt und darin viele Bilder anderer Kunstschaffender und sein eigenes Bild kopiert. Eine Kopie in der Kopie sozusagen, die wiederum weitere Kopien enthält, allerdings nicht ohne kleine Abweichungen vom Original. Der bildende Künstler, so schien es, hatte „ein diebisches Vergnügen“ daran, „jedesmal eine winzige Variante anzubringen“.

Man kann sich also befreien, indem man spielt. Dabei teilten die Oulipo-Mitglieder nicht dasselbe Schicksal. Queneau begann seine Stilübungen 1942 unter deutscher Besatzung, Le Lionnais war im KZ Mittelbau-Dora, Perec überlebte als Kind die Shoah. Oskar Pastior wurde 1945 als Siebenbürgener aus Rumänien in ein sowjetisches Lager verschleppt. Seine Geschichte hat Herta Müller in Atemschaukel bekannt gemacht. Andere, wie Harry Mathews, blieben von den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts weitgehend verschont. In seinem Roman Mein Leben als CIA schildert er allerdings die Situation in Frankreich nach 1968, die Demonstrationen einerseits und die Gewalt rechtsextremer Gruppen andererseits. Mathews interessierte an 68 vor allem die freie Liebe. Für den Geheimdienst war er – das muss leider hier verraten werden – auch nicht tätig.

Im Nachwort zu Queneaus Stilübungen schreiben die Übersetzer Heibert und Schmidt-Henkel, das Politische von Oulipo zeige sich unter anderem daran, dass Perecs Romane in der DDR „nur in Einzelfällen“ veröffentlicht wurden. Die spielerische Seite habe als „gefährlich“ gegolten. Doch im sozialistischen Deutschland erschienen vor 1989 mehrere Werke von Perec in eigenständigen Übersetzungen, und es gehört wiederum zum viel beschworenen freien Westen, dass hierzulande der politische Hintergrund von Oulipo lieber ignoriert wird. Für die Zukunft kann man das daran ermessen, was sich besser verkauft: Le Lionnais’ Bericht aus dem KZ Dora oder Mathews’ Die Lust an sich.

Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de

Bild oben: Portrait von Raymond Queneau, (c) Jean-Max Albert, Archives

Link-Tipp:

Liebe ohne Gender
Im Umfeld der „Werkstatt für potenzielle Literatur“ erschien 1986 Anne Garrétas Roman „Sphinx“, der seine Figuren nicht auf ein eindeutiges Geschlecht festlegen möchte. Jetzt ist der Text endlich ins Deutsche übersetzt worden.