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Auf den Spuren des völkischen Neutemplerordens

Mit seinem Buch „Im Wahn des Auserwähltseins“ legte Walther Paape im April 2015 die historische Darstellung einer radikal rassistischen Sekte vor, die von 1900 bis in die 1980er Jahre im deutschsprachigen Raum und in Ungarn existierte. Der Untertitel verrät, es geht um „Die Rassereligion des Lanz von Liebenfels, der Neutemplerorden und das Erzpriorat Staufen in Dietfurt – Eine österreichisch-deutsche Geschichte“. Das Buch ist nun 2018 in einer dritten und überarbeiteten Auflage erschienen…

Lucius Teidelbaum

Die Beschäftigung mit dem Neutemplerorden ist sowohl regionalgeschichtlich als auch ideengeschichtlich in Bezug auf den Nationalsozialismus eine sinnvolle Aufgabe. Um zu erfahren, woher der Nationalsozialismus seine Ideologie-Fragmente bezog, muss auch die braune Ursuppe unter das Historiker-Mikroskop gelegt werden. Das ist auch deswegen wichtig, weil aus verschüttet gegangenem Wissen sonst schnell Mythen empor wachsen und nicht erkannte Wurzeln können neue Triebe ausbilden. Einer dieser Wurzeln des Nationalsozialismus widmet sich der Autor nun in einer ausführlichen Betrachtung. 

Dabei geht es um Jörg Lanz (1874-1954), genannt Lanz von Liebenfels, der einen Teil der so genannten „Ariosophie“, die am esoterischen Rand der völkischen Bewegung anzusiedeln ist, mit begründete. Der Österreicher Lanz war mehrere Jahre lang, bis 1899, ein Mönch, was sich auch nachhaltig auf die Konzeption seines 1900 gegründeten Neutemplerordens auswirkte. Schon allein die lateinische Bezeichnung seines Neutemplerordens, „Ordo Novi Templi“ (ONT), verweist darauf. Jörg Lanz hatte nach seinem Mönch-Dasein reich eingeheiratet und scharte bald erste AnhängerInnen um sich. Im eigenen Verständnis war Lanz dabei ein göttlich inspirierter Universalgelehrter, aber in Wirklichkeit war er ein ziemlicher Universaldilettant. 

Bei dem Neutempler-Orden handelt es sich um einen der vielen Sterne am „weiten völkischen Firnament“ (Puschner). Der ONT war eine Rassereligion, Lanz selber predigte:„Die Rasse ist Gott, der Gott ist gereinigte Rasse“

Lanz gründete seine Religion auf der so genannten „Theozoologie“, das gleichnamige Werk aus seiner Feder erschien 1904. In ihm teilte er die Menschen in die „Blondblauen“ und die „Dunkelrassen“. Letztere entstammten nach Lanz‘ Überzeugungen der Vereinigung von Menschen und Tieren. Selbst von „Dinosaurier-Hominiden“ schreibt er. Schon zu seiner Zeit war das wissenschaftlich unhaltbar. Lanz behielt in seiner „Theozoologie“ seine christliche Prägung bei und legte die Bibel „theozoologisch“ aus.

Interessant ist das Lanz‘ Ideengebäude einen starken Frauenhass enthält. Lanz titulierte sich selbst auch als „Mannesrechtler“. Frauen waren bei ihm generell Männern untergeordnet und hatten die Funktion als „Zuchtmutter“.  

Obwohl der ONT eigentlich ein Männerbund war, konnten Frauen aber als „Familiarissen“ im Orden aufgenommen werden. 

Neben Büchern gab Lanz ab 1906 zur Verbreitung seiner Ideen ab 1906 auch das Magazin „Ostara“ heraus, von dem rund 100 Ausgaben erschienen.

Der ONT hatte in den Jahrzehnten seiner Existenz insgesamt geschätzte 350 bis 400 Mitglieder. Seine Wirkung reichte aber über die reine Zahl hinaus, weil viele Mitglieder der Mittel- und Oberschicht angehörten. Selbst der Schriftsteller August Strindberg soll Mitglied gewesen sein. Interessant ist der ONT heute noch für die Erforschung der Ideengeschichte des Nationalsozialismus, weil der junge Hitler ab 1908 das Lanz-Blatt „Ostara“ las. Unklar ist, wie sehr diese Lektüre den späteren ‚Führer‘ beeinflusste. Paape vermutet: „Dies konnte in dem gut Achtzehnjährigen, der sich noch in einer Entwicklungsphase befand, vorhandene Affekte und Bestandteile eines unvollständigen Weltbildes bestätigen und dieses, wenn sie ihm hierfür passend schienen, möglicherweise noch erweitern.“ (Seite 245)   

Es sind insgesamt ideologische Schnittmengen zwischen ONT und Nationalsozialismus auszumachen:

„Wer sich mit Lanz und dem Nationalsozialismus beschäftigt, fühlt sich bei Lanz rasch an bestimmte Elemente der nationalsozialistischen Ideologie erinnert.“ (Seite 235) 

Unklar ist aber, ob ein direkter Zusammenhang besteht, oder beide von denselben völkischen Quellen und Ideen inspiriert wurden.

Das Erzpriorat Staufen

Lanz gab seiner Gruppe auch eine feste Struktur und versucht feste Stützpunkte („Neutempler-Ordensland“) zu gründen. Der wichtigste war sicher das Schloss Werfenstein, was er 1907 erwarb. Auch in Ungarn, im Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik wurden Ableger gegründet.

Dazu gehörte auch das Erzpriorat Staufen in Dietfurt bei Sigmaringen in Baden-Württemberg, zeitweise deutscher Hauptsitz des ONT. Der Darstellung dieses Ablegers widmet Paape in seinem Buch viel Raum. Bereits im Vorwort schreibt Prof. Dr. Paul Münch anerkennend: „Walther Paape kommt das Verdienst zu, das Erzpriorat Staufen des Neutemplerordens, von dem  man zuvor kaum etwas wusste, gewissermaßen neu entdeckt und zum ersten Mal genauer beschrieben zu haben.“ (Seite 12)

Solche völkischen Kultorte sind regionalgeschichtlich bisher wenig erforscht worden. Im Gegensatz zu vielen Tatorten und Täterorten des Nationalsozialismus handelt es sich gewissermaßen um Prä-Täterorte. Viele dieser Orte der völkischen Bewegung sind heute vergessen oder auch schlicht nicht mehr vorhanden. Daraus ergibt sich die Besonderheit von Dietfurt: „Da fast alle Niederlassungen der Neutempler in Österreich wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört oder umgestaltet wurden, stellt die Anlage in Dietfurt einen besonderen historischen Ort dar.“ (Seite 224-225) 

Schwierig ist es bei Lanz herauszufinden, was selbstgestrickter Mythos und was Realität ist. War Lanz beispielsweise tatsächlich 1918 aktiv bei antibolschewististischen Freikorps in Ungarn? Paape versucht hier kritisch zu hinterfragen und zu werten und Lanz nicht auf den Leim zu gehen. Dafür hat er sich tief in das Thema reingekniet, in dem Buch stecken sicherlich mehrere Jahre intensiver Arbeit. Manchmal geht er fast schon etwas zu sehr in das ideologische Gebäude der Neutempler hinein.

Das Buch genügt wissenschaftlichen Ansprüchen vollauf, davon zeugen in der überarbeiteten Neuauflage über 1.000 Fußnoten. 

Walther Paape: Im Wahn des Auserwähltseins. Die Rassereligion des Lanz von Liebenfels, der Neutemplerorden und das Erzpriorat Staufen in Dietfurt – Eine österreichisch-deutsche Geschichte, Gmeiner Verlag 2018, Euro 22,00, Bestellen?