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„Israel ist nicht perfekt, aber eine Erfolgsgeschichte“

Als der jüdische Staat am 14. Mai 1948 gegründet wurde, kämpfte der Österreicher Karl Pfeifer als Elitesoldat. Ein Gespräch über Israel-Kritik, Überlebenskämpfe und Trumps Aufkündigung des Atomdeals mit Iran…

Interview von Thomas Jordan
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung v. 13. Mai 2018

Der Journalist Karl Pfeifer ist 1943 vor den Nazis nach Palästina geflohen. Als 20-Jähriger kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg in einer Eliteeinheit für die Errichtung des Staates Israel. 2013 hat er das Buch „Einmal Palästina und zurück: Ein jüdischer Lebensweg“ veröffentlicht. Der heute 89-Jährige lebt in Wien.

Vorbemerkung von Karl Pfeifer:
Die vielen hasserfüllten Postings unter dem Interview mit mir (auf der Seite der SZ) zeigen, wie notwendig ein jüdischer Staat ist und natürlich auch, dass es für die vermeintlichen Verteidiger der palästinensischen Sache einfacher ist, Israel zu schmähen, als die Gewalt gegen Kippa tragenden Männer in Deutschland zu stoppen. Ich bezweifle, ob die Redaktion der SZ.de unter einem Artikel über die Türkei zum Beispiel den Kommentar „Kindermörder Türkei“ u.ä.m. stehen lassen würde.

SZ: Herr Pfeifer, wie haben Sie den 14. Mai 1948 erlebt?

Karl Pfeifer: Ich war im Negev, im südlichen Teil des heutigen Israels. Ich war Soldat im zweiten Regiment des Palmach, einer israelischen Eliteeinheit. Wir waren 800 Soldaten und Soldatinnen und bald darauf umzingelt von Ägyptern. Am 14. Mai hielt unser Regimentskommandeur eine kurze Ansprache, die Fahne wurde gehisst, und das war’s dann. Am nächsten Tag haben die Ägypter Flugblätter auf Hebräisch abgeworfen und uns aufgefordert, uns zu ergeben. Nach kurzer Zeit haben sie uns dann bombardiert. Ein paar Monate später waren wir nur noch 122, die unverletzt und am Leben waren.

Schon am Tag der Staatsgründung stand ein Krieg Israels mit den arabischen Nachbarn unmittelbar bevor.

Es gab schon vorher einen Bürgerkrieg: Am 29. November 1947 hatte die UN-Generalversammlung den Teilungsbeschluss gefasst. Am Morgen danach wurden sechs jüdische Passagiere in einem Bus ermordet. Das war der Beginn des Bürgerkrieges zwischen Arabern und Juden. Er hat bis zum 15. Mai 1948 gedauert, als dann die Ägypter, Iraker, Syrer, Libanesen, Jordanier die jüdischen Ortschaften angegriffen haben.

Haben Sie von der Staatsgründung durch David Ben-Gurion, dem späteren israelischen Ministerpräsidenten, etwas mitbekommen?

Nein, wir waren schon im Kriegszustand. Um die Verbindung mit dem Norden, mit Tel Aviv zu halten, mussten wir durch arabische Dörfer. Schon ab April konnten wir da nicht mehr durchfahren, wir waren wie abgeschnitten.

Wie kamen Sie zu der jüdischen Eliteeinheit Palmach?

Ich bin 1943 mit einer Jugendgruppe aus Ungarn mit dem Zug nach Palästina gekommen. Wir lebten in einem Kibbuz, einer Kollektivsiedlung auf dem Land, wo wir den halben Tag gelernt und den anderen halben Tag in der Landwirtschaft gearbeitet haben. 1946, ich war 18 Jahre alt, hat man uns vor die Wahl gestellt, was wir machen wollen: An die libanesische Grenze in einen Kibbuz zu gehen, in dem nur junge Leute sind. Oder in dem Kibbuz, in dem wir erzogen wurden, zu bleiben. Meine Jugendgruppe hat aber demokratisch etwas Drittes beschlossen: Nämlich ins illegale Militär zu Palmach zu gehen.

Wofür haben Sie beim Palmach gekämpft?

Wir wollten einen jüdischen Staat, der allen Juden offen steht und Schutz bietet. Sie müssen sich vorstellen: In Polen, der Slowakei und in Ungarn gab es auch nach 1945 noch Pogrome. Ungefähr 200 000 bis 300 000 überlebende Juden flüchteten in den Westen. Sie wollten nach Palästina, doch die Briten haben das nicht gestattet. Und andere Länder waren nicht bereit, Juden aufzunehmen.

Welche Ideen gab es damals, wie ein solcher jüdischer Staat aussehen könnte?

In dem linkssozialistischen Kibbuz, aus dem ich kam, dachte man, es könnte einen gemeinsamen Staat mit den Arabern geben. Aber das war ein einseitiger Wunsch, weil die andere Seite wollte nicht in Frieden mit uns leben. Der Sekretär der Arabischen Liga, Azzam Pacha, lehnte im September 1947 das Angebot ab, dass die Juden bei der Entwicklung der arabischen Staaten helfen könnten. Er sagte: „Für uns gibt es nur einen Test, den Test der Stärke. Auf alle Fälle wird das Problem voraussichtlich nur durch die Stärke der Waffen gelöst.“

Auf der jüdischen Seite gab es eine Gesellschaft, die demokratische Institutionen hatte. Es gab Parteien, es gab Wahlen, schon unter den Briten. Es gab eigene Schulen. Es war eine Gesellschaft, die so organisiert war, dass mit der Staatsgründung bereits alles vorhanden war, beginnend mit dem Militär. Auf der arabischen Seite gab es eine halbfeudale Gesellschaft. Das passte einfach nicht zusammen.

Welche Stimmung herrschte in Israel nach der Staatsgründung 1948?

Viele, so wie ich auch, hatten ihre Familien im Holocaust verloren. Deshalb war das vorherrschende Gefühl: Wir Juden werden nicht mehr abgeschlachtet. Wir wussten aber auch: Wenn unsere Gegner siegen, haben wir keine Zukunft. Das war ein Überlebenskampf.

Haben Sie 1948 darüber nachgedacht, wie sich der Staat Israel in den folgenden Jahren entwickeln wird?

In so einer Situation denkt man nicht so weit. Man fragt sich: Werde ich den nächsten Tag überleben? Ich war aber sicher, dass der Staat das überstehen wird. Ich habe gewusst, dass da ein enormes menschliches Potenzial ist an Intelligenz, an Schaffenskraft. Dabei ist das Land an Ressourcen ja sehr arm.

Es gab seit der Gründung Israels vor 70 Jahren kein Jahrzehnt ohne einen Krieg. Ist die Gewalt in Israel immer mehr zum Alltag geworden?

Das würde ich so nicht sagen. Der Alltag der meisten Leute wird nicht davon bestimmt. Natürlich gab es nach 2000 die Intifada und den ständigen Terror. Aber Israel ist dem Herr geworden. Auch wenn man dafür einen Sicherheitszaun bauen musste. Viele jammern darüber, genau wie über die Siedlungen in den besetzten Gebieten. Wer spricht denn über die türkischen Siedlungen im besetzten Nordzypern? Kein Mensch.

Sie finden das ungerecht.

Natürlich ist das ungerecht. Diese Beschuldigungen, Israel mache mit den Palästinensern, was die Nazis mit den Juden gemacht haben, sind antisemitisch. Und dann regen sich die Leute über Israel auf, wo die drittgrößte Kraft in der Knesset die arabische Liste ist. Dass dieser Staat nicht perfekt ist, wissen wir. Aber auch Deutschland und Österreich sind nicht perfekt. Warum erwartet man von Israel, dass es ein perfektes Land ist?

Am 14. Mai soll die neue US-Botschaft in Jerusalem eröffnet werden. Damit geht auch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die Amerikaner einher. Freuen Sie sich darüber oder befürchten Sie, dass es zu Konflikten kommt?

Das ist eine Anerkennung der realen Situation, denn Jerusalem ist die Hauptstadt Israels, dort sind die meisten Ministerien und die Knesset, das Parlament. Wahrscheinlich werden andere Staaten dem Beispiel der USA folgen. Es ist ja nichts Neues, dass es im Nahen Osten Spannungen gibt. Es gibt Auseinandersetzungen im Irak, in Jemen, in Libyen und den permanenten Krieg in Syrien. Das sind ja ernsthafte Probleme. Ob da eine Botschaft ein paar Kilometer weiter östlich von Tel Aviv verlegt wird, wer regt sich denn wirklich darüber auf? Ein paar religiöse und nationalistische Fanatiker. Und die Botschaft wird ja nicht in Ost-Jerusalem sein, wo viele Araber wohnen, sondern in West-Jerusalem.

US-Präsident Donald Trump hat entschieden, dass die USA aus dem Iran-Atomabkommen aussteigen werden. Heizt das den Konflikt weiter an?

Das wissen wir noch nicht. Man hat auch gesagt, als Trump über Nordkorea gesprochen hat, das sei Kriegshetze. Aber jetzt sehen wir, dass die zwei koreanischen Spitzenpolitiker zusammengekommen sind.

In der vergangenen Woche wurden von Syrien Raketen auf die Golanhöhen abgefeuert, Israel hat daraufhin iranische Militärziele in Syrien angegriffen. Ist die Kriegsgefahr in der Region dadurch noch einmal gestiegen?

Nein, denn diesen Krieg gibt es ja schon. In und aus Syrien sind ja schon Millionen geflüchtet. Die Amerikaner haben nichts getan und die Kurden im Stich gelassen. In Libanon hat die Hisbollah, eine Terrororganisation, jetzt mit ihren Verbündeten die Mehrheit im Parlament. Und in Gaza graben Leute Tunnel, um Terror gegen Israel zu machen. Daran hat sich nichts geändert.

Können Sie Palästinenser verstehen, die auch einen eigenen Staat wollen?

Ja, diesen Wunsch kann ich gut verstehen. Aber was hat denn die palästinensische Führung getan, als es möglich war, einen Staat zu haben? Es gab Verhandlungen mit Jitzchak Rabin, mit Ehud Barak, da war man bereit, weitgehende Kompromisse zu schließen. Aber im letzten Moment haben die Palästinenserführer „Nein“ gesagt.

70 Jahre Staat Israel – ist das aus Ihrer Sicht eine Erfolgsgeschichte?

Ja. Ich sage, das Glas ist drei Viertel voll, und ein Viertel leer. Heute lebt die Hälfte aller Juden in Israel. Wenn die UN heute für den Human Development Report eine Umfrage macht, dann ist Israel unter den ersten 20 Ländern. Zur Erfolgsgeschichte gehört für mich auch, dass sich das Land gegen mörderische Nachbarn gewehrt hat. Und dass sich eine ehemals tote Sprache – Hebräisch, die Sprache der Bibel – wieder etabliert hat. Und dass es dort großartige Kultur gibt, Oper, fantastische Musik und Schriftsteller wie David Grossman und Amos Oz. Wie gesagt, Israel ist nicht perfekt, aber eine Erfolgsgeschichte.

Bild oben: Karl Pfeifer im Palmach Museum Tel Aviv, (c) haGalil