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Die „Untergangster des Abendlandes“ als Einbrecher in den Diskurs

Die ‚Identitären‘, die sich selber gerne als ‚Bewegung‘ darstellen, sind die neue Verpackung einer „gewaltbereite[n], neofaschistische[n] Gruppe“. Mit ihrer Medien-Strategie, die stark an Greenpeace erinnert, gelang es ihnen immer wieder mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Viel wurde deswegen bereits über sie geschrieben. Tiefer gehende Analysen sind bisher aber eher selten geblieben. Ende 2017 ist mit dem Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ ein Buch erschienen, was sich mit der „Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘, so der Untertitel, wissenschaftlich auseinandersetzt…

Von Lucius Teidelbaum

Mitsamt der beiden Vorworte und einer weiteren Einführung weist der Band 18 Abschnitte auf. Davon widmen sich 14 Kapitel den unterschiedlichen Aspekten im Auftreten und der Ideologie der ‚Identitären‘. Sie stellen den Hauptteil der über 400 Seiten des Buches.

Alexander Winkler analysiert die ‚Identitären‘ als „modernisierte Form des Rechtsextremismus in Österreich“. Unter anderem erläutert der Autor die Verschiebung vom biologistischen zum kulturalisierten Rassismus: „Martin Heidegger statt NS? Kultur statt ‚Rasse‘? Durch die Besetzung historisch unbelasteter und anschlussfähiger Begriffe wie ‚Identität‘ und ‚Vielfalt‘ wird eine Ideologie propagiert, die nicht mehr biologistisch, sondern in erster Linie kulturalistisch begründet wird und vorgeblich nicht mehr die Vernichtung des ‚Anderen‘, sondern ein getrenntes Nebeneinander anstrebt.“ (Seite 26)

Kultur wird in diesem Zusammenhang von Rechten als der dominante prägende Einfluss von Menschen wahr genommen. Andere Faktoren wie Geschlecht, Klasse oder individuelle Neigungen werden dagegen von ihnen konsequent ignoriert. Dabei warnt der Autor generell vor Naturalisierung von Kultur, die es auch auf linker Seite gibt: „(Linker) Multikulturalismus und (rechter) Ethnopluralismus sind bei genauerem Hinschauen bloß verschiedene Formen eines Kulturalismus, welcher das Individuum auf seine Kultur reduziert. Mit ‚Kultur‘ wird einer Masse von Menschen ein unveränderlicher gemeinsamer Charakter unterstellt, dem sich die_der Einzelne nicht entziehen kann.“ (Seite 61-62) Winkler verweist darauf, dass die ‚Identitären‘ nicht aus den Nichts kamen, sondern das sich ihre Kader in Österreich stark aus den völkischen Korporationen rekrutierten. Diese waren schon immer der Rekrutierungspool auch für einen außerparlamentarischen Rechtsextremismus. Er erläutert: „Burschenschaften stellen in Österreich eine Scharnierfunktion zwischen dem legalen Rechtsextremismus im Parlament, also der FPÖ, und den Rechtsextremismus und Neonazismus der Straße dar.“ (Seite 53-54)

Judith Goetz betrachtet die „Selbstinszenierungen“ der ‚Identitären‘ und ihre „Rezeption durch österreichische Medien“, die den Rechten anfangs noch voll auf den Leim gingen und deren Selbstdarstellungen bis hin zu ihren Bildern unkritisch übernahmen. So konnte eine kleine Gruppe ein enormes mediales Echo verursachen und die ‚Identitären‘ erschienen einflussreicher und größer als sie es in Wahrheit waren. Anhand eines Gleichnis erklärt die Autorin dem Leser/der Leserin noch einmal die Strategie der ‚Metapolitik‘, wie sie auch von den ‚Identitären‘ verfolgt wird: „Der exekutive, legislative und judikative Bereich der Politik wird dabei als „Hardware“ und ‚Metapolitik‘ im Sinne von „Kultur, Sprache, Ideen, Parolen und Moral“ als die dazugehörige Software verstanden.“ (Seite 104)

Ziel der ‚Identitären‘ ist es besonders, den Diskurs zu beeinflussen und letztlich zu bestimmen. Das geschieht u.a. durch die (Neu-)Besetzung von Begriffen. Im Buch wird im Zusammenhang mit der Sprache der ‚Identitären‘ auch daran erinnert, dass der von ihnen neu geprägte Begriff „Remigration“ ursprünglich eine Vokabel für die Rückkehr von vor dem Nationalsozialismus geflohenen Emigrant*innen in das befreite Europa war.

Weitere Kapitel widmen sich der „Konservativen Revolution“, welche besonders den ‚Identitären‘ in Deutschland als Ideen-Fundus dient, und der „Rhetorik der Angst am Beispiel der ‚Identitären’“.

Micha Brumlik veranschaulicht in seinem Kapitel „Das alte Denken der neuen Rechten“, die mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft argumentieren. Florian Ruttner setzt sich sich mit der Genealogie der ‚Identitären‘ und deren Versuche, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, kritisch auseinander. Zwar beziehen sich die ‚Identitären‘ nicht direkt auf den Nationalsozialismus, dafür aber auf den italienischen Faschismus und die Konservative Revolution, also zwei konkurrenzfaschistische Strömungen zum NS. Deswegen können die ‚Identitären‘ allgemein als rechtsextrem und spezifisch als neofaschistisch eingeordnet werden. Ines Aftenberger weist ergänzend dazu nach, dass der Neorassismus der ‚Identitären‘ viel Altbekanntes in sich trägt.

Im Kapitel von Thorsten Mense geht es um den völkischen Nationalismus der ‚Identitären‘ als grundlegendes Element dieser Gruppe. Zu der Kampagne „Defend Europe!“ der ‚Identitären‘ schreibt Mense: „Selbstredend hat die Kampagne nicht das Ziel, den europäischen Gedanken gegen nationalistische Bestrebungen zu verteidigen. Ganz im Gegenteil inszenieren sich die ‚Identitären‘ hier als Schutzstaffel des christlichen Abendlandes zum Kampf gegen Migration und den Islam in Europa.“ (Seite 227-228) Der ständige Europa-Bezug der ‚Identitären‘ ist nach Mense keine Tarnung, sondern muss durch ihre ethno-nationale Brille betrachtet werden, um ihn zu verstehen: „Wie man an den ‚Identitären‘ sehen kann, widerspricht auch ein positiver Bezug auf Europa nicht dem nationalistischen Bewusstsein. Es lässt sich problemlos in die Vorstellung eines europäischen ethnisch-kulturellen Rahmens einbetten, in dem sich die Nation erst richtig frei entfalten könne“ (Seite 245)

Judith Goetz beschreibt im folgenden Kapitel „Geschlechterpolitiken, Antifeminismus und Homofeindlichkeit im Denken der Identitären“. Sie fasst zusammen, „dass sich ‚identitäre‘ Frauen*bilder entlang der Pole ‚Erhalt des Eigenen‘ (Mutter), ‚Schönheit des Eigenen‘ (sexualisiertes Objekt) bewegen, deren Synthese im ‚Kampf für das Eigene‘ (Kampfgefährtin) als Idealbild angestrebt wird.“ (Seite 267)

Heribert Schiedel schreibt unter der Überschrift „Unheimliche Verbindungen“ über „rechtsextremen Islamneid und die Ähnlichkeiten von Djihadismus und Counterjihadismus“. Dabei bezeichnet er den Jihadismus sogar als eine Variante des Rechtsextremismus und erkennt in Jihadismus und rechtsextremen Counter-Jihadismus viele Ähnlichkeiten: „Beiden Rechtseextremismen gemeinsam ist ein spezifisches Verständnis von Identität, welches diese nur als kollektive gelten lässt, absolut setzt und immer als bedroht sieht. Sie teilen auch den Vorrang der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum: Im mehrheitsgesellschaftlichen Rechtsextremismus ist es das Volk, im muslimischen die ummah, dem sich die Einzelnen voll und ganz unterzuordnen, ja dafür sich zu opfern haben.“ (Seite 300)

Elke Rajal weist in ihrem Kapitel über den „Antisemitismus bei den ‚Identitären’“ nach, dass dieser sowohl offen, als auch codiert und strukturell unter ihnen zu finden ist. Besonders die Verschwörungsmythen der ‚Identitären‘, etwa in Bezug auf den angeblichen „Großen Austausch“, sind laut Rajal stark strukturell antisemitisch geprägt. Etwa, wenn eine ominöse „Hochfinanz“ als maßgeblicher Akteur im Hintergrund ausgemacht wird.

Ute Weinmann beschreibt die Annäherungen zwischen russischen Rechten und ‚Identitären‘, aber auch was sie voneinander trennt. Im Kapitel „Sturmlieder wider die Moderne“ zeigt Jerome Trebing die Rezeption des Musikgenres Neofolk durch die ‚Identitären‘. Daran schließt sich ein Interview der Herausgeber_innen über das praktische Engagement gegen die ‚Identitären‘ mit einer Journalistin, einem Sozialarbeiter, einer Wissenschaftlerin, einem Rechtsextremismusexperten, einer Vertreterin aus der Zivilgesellschaft und einer Vertreterin einer antifaschistischen Gruppe an. Letztgenannte empfiehlt u.a. die Selbstdarstellung der ‚Identitären‘ zu durchbrechen: „Das kann zum einen antifaschistische Medienarbeit heißen, um mit eigener Dokumentation die Darstellung als starke, junge Bewegung aufzubrechen und zu zeigen, wer wirklich dahinter steht: Ein neofaschistischer, autoritär geführter Kaderverein, der seinen völkischen Rassismus in neue Begriffe kleidet.“ (Seite 411) Abgerundet wird das Ganze durch ein kurzes Gedicht von Stefanie Sargnagel über einen Aufmarsch der ‚Identitären‘ in Wien.

Die im Buch anfangs geäußerte Kritik am Begriff „Neue Rechte“ als Eigenbegriff ist nachvollziehbar, wird aber seltsamerweise auf die Begriffe „Konservative Revolution“ und „Ethnopluralismus“ nicht angewendet. Dass die beiden Vorworte und die Einleitung sich bis zur Seite 90 erstrecken, wirkt etwas lang. Alle drei Abschnitte lesen sich aber trotzdem gut. Das Buch ist in seiner Analyse sehr wissenschaftlich gehalten und alle Behauptungen werden umfangreich belegt. Dass der wissenschaftliche Teil durch ein Interview und ein Gedicht ergänzt wurden, ist dabei eine schöne Auflockerung. Der starke Österreich-Fokus schadet nicht, zumal die österreichischen ‚Identitären‘ starke Impulse auch für ihr deutsches Pendant lieferten und die Übergänge fließend sind.

Insgesamt ist der Sammelband aktuell das beste Werk zum Thema ‚Identitäre‘ im deutschsprachigen Raum. Am Thema Interessierte kommen an seiner Lektüre schwerlich vorbei.

Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexandler Winkler (Hg.): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘, Marta Press 2017, 436 S., Euro 20,00, Bestellen?