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Der alte Mann und das Land

Mit seinem Dokumentarfilm „Herr Israel“ zeigt der deutsche Regisseur Tom Kimmig seinen ganz persönlichen Eindruck von Israel – durch die Augen eines 99jährigen Mannes aus Deutschland, der die Staatsgründung prägend miterlebte. Im April zeigte Kimmig den Festivalerfolg in Anwesenheit von Chanan Hadar (früher Hans Hausdorf) erstmals in der Cinemathek von Tel Aviv…

Ausgehend von einer nicht alltäglichen Begegnung mit einem fast 100 Jahre alten, aus Deutschland vertriebenen Juden gibt Filmemacher Tom Kimmig Eindrücke von Funktion und Seele dieses Landes. Und von einem Mann, der dafür nicht nur seinen Namen änderte: Hans Hausdorf, geboren 1919, wuchs bis zum 16. Lebensjahr im Waisenhaus in Breslau auf. Seine Mutter kannte er nicht, sein Vater verleugnete ihn. 1938 gelang ihm mit der zionistischen Bewegung die Auswanderung – aus Hans wurde Chanan Hadar. In Israel gründete er als einziger Überlebender seiner jüdischen Verwandtschaft eine eigene Familie. Was folgt, ist ein einfaches  Leben unter besonderen Bedingungen, das eng mit dem Aufbau und dem Selbstverständnis Israels verknüpft ist. Mit einem ungewöhnlichen Beruf verteidigt er seine Existenz im neu gegründeten Staat und arbeitet 36 Jahre lang in einer Bombenfabrik.

Herr Kimmig, welche Vorstellungen von Israel hatten Sie vor „Herr Israel“ und wie haben sich diese durch die Begegnungen mit Chanan und seiner Familie verändert?

Ehrlich gesagt hatte ich gar keine Vorstellung von Israel, bis ich für den Bayerischen Rundfunk vor Ort die Produktion „24h Jerusalem“ drehte. Zuvor beschränkte sich mein Bild des Landes auf Headlines, Schlagzeilen, Nachrichtenmeldungen. Als ich jedoch Chanans Familie kennen lernte und sich die Idee des Portraits entwickelte, war ich begeistert von der Aufbruchsstimmung im Land, dem noch immer präsenten Aufbaugedanken und der Art, wie die multikulturelle Gesellschaft dort funktioniert: komplex, kompliziert, pragmatisch.

Wie haben Sie „Herr Israel“ zunächst angelegt?

Als Geschenk an die Familien Pertzov und Chadar, um ihnen ihren Großvater und seine Herkunft näher zu bringen und eine interessante Reibefläche zu erzeugen. Ich habe ihn als sehr deutsch empfunden und mich sofort mit ihm verstanden. Fast alle Israelis verbindet eine Geschichte der Entwurzelung, im Vergleich zu Europa ist der Staat ja blutjung. Das Thema „Identität“ betrifft hier also jeden.

Welche Faszination stand bei Ihnen im Vordergrund: Die für das Land oder die Person Chanan?

Das hielt sich die Waage, als spannende Wechselbeziehung. Patriotismus und Diaspora, eine neue Existenz in einem heiligen Land, Aufbau und Verteidigung waren für mich politisch und privat interessante Gegenpole. Die Begegnung mit Chanan hat meinen Blick auf Israel geschärft. Ich habe sowohl besser verstanden, für was Israel in der Welt steht, als auch gelernt, als Deutscher damit umzugehen. Chanan wurde vertrieben, seine Familie kam in Deutschland ums Leben. In meiner damaligen Situation als junger Vater, war ich nah daran, welche Energie, Leidenschaft und Überzeugung notwendig ist, eine Familie zu gründen. Dass er aus Deutschland kommend in einer Wüste Neues schaffen konnte, hat mich beeindruckt. Ihn trieb keine romantische Vorstellung von Familie, sondern die Herausforderung, vom Nullpunkt eine Versorgerrolle aufzubauen. Dass ließ mich mein eigenes Leben als Luxussituation empfinden.

Was empfanden Sie daran als „filmisch“?

Bei einem Portrait steht zunächst nicht das Optische im Vordergrund. Vielmehr holt man sich Informationen über einen Menschen und seine Erinnerungen, was der Filmemacher über die Materialauswahl und den Schnitt gestaltet. Das Thema reizte mein dokumentarisches Gespür: Wird Chanans Geschichte als Film funktionieren? Welche zusätzliche Ebene ergibt sich über das Editieren? Doch was wirklich daraus entsteht, entscheidet letztlich das Publikum. 

Um welche Themen kreisten die Gespräche zwischen Ihnen, Chanan und seiner Familie?

Parallel zu meinem Interesse war die Familie auch sehr neugierig auf mich. Wir sprachen über den Aufbau des Staates Israel, die Frage des Krieges – Chanans angeheirateter Sohn wurde Kampf-Pilot in der Armee – und die aktuelle Entwicklung des Landes vom Agrarstaat zur Hightech-Metropole. Der Aufstiegsgedanke scheint ihnen in jeder Hinsicht wichtig, was sich auch bei den Berufen der Familienmitglieder spiegelt – vom Hilfsarbeiter in zwei Generationen zur gebildeten, fortschrittlich denkenden, international ausgerichteten Mittelschicht. 

Chanans Kinder und Enkel sehen in Ihrem Film das Vermächtnis ihres „Patriarchen“. Welches Feedback haben Sie von Außenstehenden wie dem Festivalpublikum in München gehört, wo der Film Premiere feierte?

Besonders positiv fand ich die Rückmeldungen von Daniel Sponsel, dem Leiter des DOK.fest München: Er empfand meine Herangehensweise an das Thema Israel als sehr „unabhängig“. Warum ist Israel, wie es ist? Dieser Frage wollte ich nachgehen und dabei – was mir die Festivalbesucher erfreulicherweise bestätigten – die Perspektiven auf dieses vielschichtige Land ein wenig verändern.

„Herr Israel – Hans im Glück“ von Tom Kimmig lief beim DOK.fest und den 8. Jüdischen Filmtagen München und ist außerdem auf www.pantaflix.com als Stream sowie als DVD über www.tomkimmig.de erhältlich.

Herr_Israel_Trailer_en-Wix from Tom Kimmig on Vimeo.