A Flag is Born

Kurt Weills Beitrag zur Vorbereitung der Staatsgründung Israels. Eine Notiz zum siebzigsten Jahrestag des Staates der Juden in Palästina…

Von Thomas Ziegner
Erschienen auf: Brouillon, Magazin der Unterhaltung und des Wissens, 19.04.2018

War es möglich, den von der Vernichtungsmaschinerie des deutschen Faschismus bedrohten Juden energischer zu helfen, als es den westlichen Demokratien möglich schien? Die Gruppe um Hillel Kook, alias Peter Bergson, versuchte es in den USA. Er gewann unter anderen die Hearst-Zeitungsgruppe, Eleanor Roosevelt, Lion Feuchtwanger und Groucho Marx für die Sache. Und er gewann den zuvor eher apolitischen Schriftsteller und Drehbuchautor Ben Hecht. Zusammen mit ihm schrieb Kurt Weill “We Will Never Die – Niemals werden wir sterben”, das ein öffentliches Bewusstsein über den Massenmord an der europäischen Judenheit herstellte.

Nach dem militärischen Sieg über Nazi-Deutschland, als das Ausmaß der Verbrechen allmählich sichtbar wurde – und auch heute noch, nach über siebzig Jahren, werden neue Details entdeckt – sollte den schwerst traumatisierten Überlebenden der Lager, die als “Displaced Persons” notdürftig in einer oftmals feindselig gesinnten Umgebung versorgt wurden, ein sicherer Platz, eine Heimat in Palästina geboten werden. Mit Waffengewalt notfalls wollte die auch von vielen Zionisten beargwöhnte Gruppe um Bergson dies durchsetzen – gegen die britische Mandatsmacht und auch gegen die Araber.

Kurt Weill, 1932, (c) Bundesarchiv, Bild 146-2005-0119 / CC-BY-SA 3.0

Wieder arbeitete Ben Hecht mit Kurt Weill zusammen: “A Flag Is Born” entstand 1946, ein explizit politisches Stück, um Geld für Schiffe – zum Transport der Überlebenden nach Palästina – und Waffen – um sie dort zu beschützen – zu sammeln. Hecht und Weill arbeiteten ohne Honorar. Die Schauspieler gaben sich mit dem von der Gewerkschaft geforderten Minimum zufrieden. Es waren die Stars Celia Adler und Paul Muni, in den Rollen geschwächter Überlebender aus dem Vernichtungslager Treblinka (im von Nazideutschland besetzten Osten) und, als zorniger junger Mann, ebenfalls ein Lager-Überlebender, der junge Marlon Brando.

An den Show-Business-Aktivitäten zur Unterstützung der Rüstungsanstrengungen der USA gegen den mit der Welteroberung drohenden deutschen Faschismus – der mit Japan verbündet war – hatte sich Kurt Weill schon beteiligt, beispielsweise mit dem Song “Buddy on the Nightshift”, den Anne Sophie von Otter so wunderbar gesungen hat. Über sein vom Alten Testament bis zur Nazi-Gegenwart reichendes “Eternal Road”-Oratorium mit dem Text von Franz Werfel in der Regie von Max Reinhardt haben wir ausführlich geschrieben. “We Will Never Die” und “A Flag Is Born” gehören zum US-amerikanischen Oeuvre Weills. Wer behauptet, er sei in den USA gänzlich unpolitisch geworden, irrt sich nicht nur: Er blamiert sich.

Quellen:
http://cojs.org/a_flag_is_born-_the_american_jewish_historical_society/
Wikipedia-USA über “A Flag Is Born”