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Zwischen Feuer und Eis

Zwischen Feuer und Eis

Manche sagen, die Welt wird im Feuer enden, andere, im Eis…

Nach einem Text von Adin Even-Israel (Steinsaltz)
Erschienen in:  Jüdisches, Chabad Berlin, Nr. 66, Pessach 5778

Beim Exodus aus Ägypten fanden alle Veränderungen relativ plötzlich und ohne Vorwarnung statt. Im Buch Exodus steht, es dauerte Monate. Das Volk Israel wandelte sich aus einer ethnischen Sklaven-Gruppe zur Nation! Pessach ist das Fest der Befreiung, doch wir erinnern uns bei jedem Fest an den Exodus. Sogar die Wiedererrichtung Israels zur Zeit des Zweiten Tempels war dem nicht ebenbürtig. Die Weisen lehren, nur die endgültige Erlösung übersteigt die Bedeutung des Exodus, des Prototyps für alle Nationen, an dem jede Befreiung gemessen werden muss. Die Ankunft des Messias überwältigt nicht als nationale Erlösung oder jüdische Renaissance, sondern ist der Weltgeschichte innewohnend. Vollkommene Befreiung beendet alle bisherige Geschichte. Biblische Prophezeiungen und der Talmud nennen für den Ablauf zwei Szenarien: eine revolutionäre und eine evolutionäre.

Die erste Befreiung war der Exodus, die übernatürliche Revolution. Jüdische und nicht-jüdische Quellen beschreiben dies als Schreckenstag des Herrn, Erdbeben, als Tag, der düster beginnt und wilde Kriege zwischen Kindern des Lichts und der Finsternis einschließt. Wie beim Exodus bedeutet das Revolutionäre Blut, Feuer und Rauchsäulen, die evolutionäre Alternative verheißt menschliche Entwicklung, höheres Bewusstsein: Der Herr wird vor dir gehen, der G’tt Israels wird dir folgen. Trotz enormer Unterschiede zwischen Gegenwart und Zukunft wird es uns möglich, die Schritte zu erkennen, die den Weg ebnen. Eine biblische Metapher vergleicht Erlösung und Geburt als „Vorher“ und „Nachher“ mit der langen Schwangerschaft. Den Unterschied zwischen revolutionärer und evolutionärer Erlösung fasst rätselhaft der talmudische Satz zusammen, wonach der Sohn Davids (der Messias, die endgültige Erlösung) erst kommt, wenn eine Generation vollkommen gerecht oder vollkommen schlecht ist. Gerechte brauchen Jahre, um sich auf das Ende vorzubereiten, die „schlechte“ Generation trifft keinerlei Vorbereitung. Das Revolutionäre kommt nicht „von unten“, sondern g’ttlich „von oben“, tragisch und schmerzhaft vergeht alles Bisherige. Die künftige Befreiung setzt den Exodus fort und beendet ihn. Wir wissen, es war um Mitternacht. Das Ende der Pessach-Haggada weist auf Kommendes hin, auf den zweiten Teil der Erlösung. Angesichts von Leid und Herausforderungen ist das heute tröstlich, ermutigend und eine logische Konsequenz.

Der Exodus ist das Komma im Manuskript der Weltgeschichte, die Erlösung der Schlusspunkt. Aber über die Form entscheidet die Gesamtheit unseres Handelns, ob wir die „schlechte“ oder „gerechte“ Generation sind, ob Erlösung Blut, Feuer und Rauchsäulen oder die langsame Entwicklung meint.