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Kritische Theorie weitergedacht

Moishe Postone Courtesy of the University of Chigao (Photo by: Beth Rooney/ for the Chicago Chronicle)

Nachruf auf den Historiker und Soziologen Moishe Postone…

Die Linke hat zu oft das Muster vorherrschender deutscher Einstellungen, das zurückzuweisen sie angetreten war, reproduziert.
Moishe Postone, Brief an die deutsche Linke, 2005

Von Thomas Ziegner
Zuerst erschienen bei: Brouillon, Magazin der Unterhaltung und des Wissens

Er lehrte an der Universität Chicago, war einer der wenigen Lehrstuhlinhaber, die der Tradition des von Max Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung verpflichtet waren. Populäre Illusionen, wie der, es komme nur darauf an, einige “bad guys” zu entmachten und mithilfe von “good guys” für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen, widerlegte er, sich unter anderem auf die Marx’sche Werttheorie und die Unterscheidung von konkreter und abstrakter Arbeit beziehend. Den Zerfall der mit großem Elan angetretenen “Occupy”-Bewegung sagte er, wiewohl ihr nicht feindlich gesinnt, voraus.

Weder den Habermas’schen Schwenk zu einer bloßen Theorie der Kommunikation noch den kommoden “cultural turn” machte er mit. Dass einer Linken, die ihrem Begriff gerecht werden will, die Lage der Arbeiter in den sweatshops Südostasiens nicht gleichgültig sein darf, vertrat er als Selbstverständlichkeit. Mit gebotener Schärfe kritisierte er die opportunistische Haltung großer Teile der deutschen und europäischen Linken, auf Kosten Israels mit palästinensischen Gruppen zu paktieren. Angesichts der bedenklichen aktuellen Positionen der deutschen Partei “Die Linke” (die es noch nicht gab, als Postone 2005 seinen Brief an die vom Beitritt der früheren DDR-Länder zur Bundesrepublik noch benommene deutsche Linke formulierte) und der britischen Labour Party werden Postones Argumente und Mahnungen noch wertvoll sein.

Volkan Agar, Autor der “taz”, hat noch bei Postone in Chicago studiert. Er berichtet von seiner Wahrnehmung, als er das erste Mal Postones Büro betrat: “Zwischen Büchern und ausgedruckten Hausarbeiten hing ein eingerahmtes Poster, darauf ein surfender Marx und die Überschrift „Weniger Arbeit für alle!“. Eine witzige Abbildung, zugleich trifft sie Postones Interpretation von Marx auf den Punkt.”

Moishe Postone, aus den abschließenden Bemerkungen in “Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft”, Freiburg 2010:

“In ihrer hier vorgelegten Form beinhaltet die Marxsche Kritik auch einen Zugang zur Frage nach den Bedingungen von Demokratie in einer postkapitalistischen Gesellschaft, die ich an dieser Stelle allerdings nur streifen kann. Sie liefert jedenfalls die Basis für eine Analyse der gesellschaftlichen Grenzen der Demokratie in der kapitalistischen Gesellschaft, die über die traditionelle Kritik an der Kluft zwischen formaler politischer Gleichheit und konkreter sozialer Ungleichheit hinaus geht. Die traditionelle Position besagt, daß die Minimierung der riesigen Disparitäten von Reichtum und Macht, die in den kapitalistischen Distributionsverhältnissen ihren Grund haben, eine notwendige gesellschaftliche Bedingung für die Realisierung eines demokratischen politischen Systems im wirklichen Sinne sei. Im Lichte des hier Dargelegten betreffen solche Überlegungen aber nur einen Aspekt der gesellschaftlichen Grenzen für Demokratie in der kapitalistischen Gesellschaft. Was auch erfaßt werden muß sind die Beschränkungen, der die demokratische Selbstbestimmung aufgrund der abstrakten Form der Herrschaft unterliegt, eine Form, die in der den Kapitalismus konstituierenden quasi-objektiven, totalisierenden, historisch dynamischen Formen gesellschaftlicher Vermittlung angelegt ist.”

Wir trauern um einen großen Lehrer und Impulsgeber.

Bild oben: Moishe Postone, Courtesy of the University of Chicago, (Photo by: Beth Rooney/ for the Chicago Chronicle)

Nachruf der University of Chicago