Wem gehört Auschwitz?

Imke Hansen schildert die frühen Jahre der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau…

Von Karl-Josef Müller

„Der Zivilisationsbruch der Shoa war nur denkbar und möglich durch die Virulenz des Gerüchtes über die Juden. Weder begann noch endete der Antisemitismus mit dem Holocaust, er hatte in Auschwitz seinen verbrecherischen Höhepunkt.“ In seinem Artikel „Bleiben Antisemiten straflos?“ (FAZ vom 4.Januar 2018) bezeichnet Volker Beck Auschwitz wie selbstverständlich als Symbol für die Vernichtung der Menschen, welche die nationalsozialistische Ideologie als Juden definiert hatten.

Imke Hansen skizziert in ihrer detailreichen Untersuchung „Nie wieder Auschwitz“ eine völlig andere Perspektive auf den Ort, der wie kein anderer für den antisemitisch motivierten Vernichtungswillen des Nationalsozialismus steht.

Eine wichtige Rolle in der Gründungsphase des Museums Auschwitz spielte der Verband der ehemaligen Politischen Häftlinge. Die Ziele seiner Mitglieder standen dem Verständnis von Auschwitz, wie Volker Beck es in seinem aktuellen Artikel zu erkennen gibt, diametral gegenüber: „Der Verband vertrat also gezielt die Interessen der ehemaligen polnischen Politischen Häftlinge, die er gleichzeitig durch den institutionsinternen Diskurs über Auschwitz-Birkenau als Gruppe stärker konsolidierte. Er setzte sich in den ersten Nachkriegsjahren für eine an traditionelle katholische und nationalistische Narrative anknüpfende Repräsentation der Lagergeschichte ein, die auch dem allgemeinen Zeitempfinden in Polen entsprach.“

In ihrer Rezension der Untersuchung von Imke Hansen macht Kathrin Kiefer darauf aufmerksam, dass heutigen Besuchern des Museums diese Frühgeschichte verborgen bleibt: „Dass in den ersten Ausstellungen des Staatlichen Museums Auschwitz explizit jüdische Schicksale kaum eine Rolle spielten, erfährt man hingegen nicht. (…) Aus heutiger Perspektive bemerkenswert ist dabei, dass das explizit jüdische Schicksal in den Konzepten der Anfangszeit nur marginal dargestellt wurde. Institutionen wie das Zentralkomitee der Juden oder die Zentrale Jüdische Historische Kommission versuchten zwar, für eine Wahrnehmung der drastischen Behandlung von Juden zu sensibilisieren, hatten damit allerdings kaum Erfolg, da tief verwurzelte Denkweisen einen über die Kriegszeit hinausgehenden Antisemitismus im katholischen Polen bewirkten.

Faktenreich schildert Imke Hansen das Ringen um den Symbolgehalt des Vernichtungslagers Auschwitz. Den einen galt es als Symbol des verfolgten katholischen polnischen Volkes, in der stalinistischen Phase (1950 bis 1953) den Kommunisten als Zeichen für den wahren Charakter des Kapitalismus.

Im Vorwort schildert die Autorin ihre eigenen Beweggründe für ihre umfangreichen Recherchearbeiten. „Als ich 1997 nach Krakau zog, war der Konflikt um die ‚Kreuze von Auschwitz‘ in vollem Gange.“ Die Welt nannte damals „ultrakatholische Gruppen“ als Auslöser des Konfliktes um die Deutungshoheit von Auschwitz-Birkenau: „Der eigentliche Hintergrund des absurden Kreuzkampfes ist ein erbittertes Ringen ultranationaler Kräfte um Einfluß in der katholischen Kirche und der polnischen Regierungspolitik. Unter dem Vorwand der Verteidigung christlicher Symbolik soll eine europäische Öffnung der Kirche und die Disziplinierung antisemitischer Tendenzen unter den Anhängern des ultrakatholischen Radiosenders ‚Radio Maryja‘ verhindert werden.“

Die deutsche Öffentlichkeit zeigte sich 1997 erstaunt über diesen Streit. Imke Hansen belegt mit ihrer Dissertation, wie weit die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit von Auschwitz zurückreicht. Sie begann quasi mit der Befreiung der noch lebenden Lagerinsassen durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Dennoch bleiben Fragen offen. In der Gründungsphase der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau wurde der Widerstandswille der Lagerinsassen von verschiedenen Seiten in den Mittelpunkt gerückt. Das polnische Volk, so die Botschaft, hat auch im Lager und unter widrigsten Bedingungen Widerstand geleistet. Die Lagerinsassen waren eher Kämpfer als Opfer – eine Schilderung, bei der die Wehrlosesten kaum eine Rolle spielen konnten, nämlich jüdische Frauen und Kinder, die unmittelbar nach der Ankunft im Lager ermordet wurden, weil sie nicht als Arbeitskräfte ausgebeutet werden konnten. Als Widerstandskämpfer galten in erster Linie männliche, politisch organisierte Lagerinsassen. Das kommunistische polnische Regime war nur in Ausnahmen bereit, dem nationalen Widerstand Platz einzuräumen:  „Dass die antikommunistischen Widerstandsgruppen teilweise auch für ihren Antisemitismus und für ihre Gewalt gegen Juden bekannt waren, blieb unerwähnt – ein Zeichen dafür, dass das heroische Bild des Widerstandes nicht beschmutzt werden sollte.“  

Eine solche antikommunistischen Widerstandsgruppe bildete die Heimatarmee (Armia Krajowa, AK). Die Formulierung der Autorin, diese sei „ teilweise auch für ihren Antisemitismus und für ihre Gewalt gegen Juden bekannt“ gewesen, verweist auf die zentrale Frage nach dem Antisemitismus in Polen vor, während und nach dem Krieg. In ihrer Zusammenfassung blendet Imke Hansen unserer Ansicht nach die von ihr zunächst gezeigten Konflikte um das Gedenken in Auschwitz-Birkenau weitgehend aus zugunsten einer versöhnlichen Deutung: „Insgesamt waren die Repräsentationen von Auschwitz-Birkenau in der unmittelbaren Nachkriegszeit von Offenheit, Pluralität und relativ konfliktfreier Koexistenz, ja sogar Integration divergierender Konzepte und Narrative geprägt. Nationalistische und kommunistische, säkulare und religiöse, an Leiden, Aufopferung, Kampf und Heldentum orientierte Interpretationen der Lagergeschichte wurden kombiniert, Gemeinsamkeiten betont und Unterschiede ausgeblendet. (…) Das Bedürfnis nach einer positiven Interpretation von Auschwitz-Birkenau war offenbar auf allen Seiten so groß, dass es die zentrale Basis für Kompromisse und und Integrationen verschiedener Repräsentationen und Geschichtsbilder darstellte.“

Eventuelle antisemitische Ursachen dafür, dass die besondere Rolle des Lagers als Menetekel für die Vernichtung des jüdischen Volkes im untersuchten Zeitraum zwischen 1945 und 1955 kaum eine Rolle spielte, werden in der Zusammenfassung nicht genannt.

Ein Rückblick auf den dreiteiligen Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“ belegt, dass die Frage nach dem polnischen Antisemitismus in Deutschland weiterhin unbeantwortet ist und immer wieder zu hitzigen Kontroversen führt.

„Hierzulande wurde das ZDF-Weltkriegsdrama ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ vor allem positiv aufgenommen. In Polen hingegen wird Kritik laut: Die Schilderung von Antisemitismus unter polnischen Widerstandskämpfern habe ‚nichts mit der historischen Wahrheit gemeinsam‘, schrieb der Leiter des polnischen Senders TVP ans ZDF. Er ist mit seinem Unmut nicht allein.

Es sind erschütternde Szenen. Viehwaggons voller Menschen, offensichtlich Juden, werden nicht geöffnet, sondern scheinbar gleichgültig ihrem Schicksal überlassen. Jemand sagt: ‚Juden ertränken wir wie Katzen.‘ Ein junger Mann, eigentlich längst als Mitstreiter akzeptiert, soll exekutiert werden, als seine jüdische Herkunft ans Licht kommt. Er überlebt nur, weil ihn ein Einzelner laufen lässt.

Während der Film selbst und die durch ihn ausgelöste Diskussion hierzulande weitgehend positiv bewertet wurden, äußerten polnische Medien in den vergangenen Tagen wiederholt Kritik an der Darstellung der Polen. Denn die eingangs genannten Filmszenen zeigen nicht das Verhalten von deutschen Protagonisten, sondern von polnischen Widerstandskämpfern. ‚Wer erklärt den Deutschen, dass AK (die polnische Heimatarmee, K.J.M.) und SS nicht dasselbe waren?‘“ (http://www.sueddeutsche.de/medien/polen-in-unsere-muetter-unsere-vaeter-vollkommen-falsches-bild-1.1634926)

Imke Hansen spricht vom Antisemitismus innerhalb der AK, ohne dessen Ausmaß präziser zu erläutern. Die Welt zitiert eine wissenschaftliche Quelle , die ein differenzierteres Bild der AK zeichnet. In dem Sammelband findet sich ein Beitrag von  Frank Golczewski mit dem Titel „Die Heimatarmee und die Juden“, dessen Fazit die Welt wie folgt zusammenfasst: „Er erzählt etwa vom ‘jüdischen Referat‘ in der AK, das den Juden zu helfen versuchte – etwas Ähnliches habe es ‚nirgendwo sonst im besetzten Europa‘ gegeben.

Von Polen, die Juden an die Besatzer ausgeliefert hatten und deswegen von den Organen des polnischen Untergrunds hingerichtet wurden. Von Geld- und Waffenlieferungen der AK zugunsten der Juden. Von mehreren Fällen, wo die polnischen Partisanen Juden aus Lagern befreiten.“ (https://www.welt.de/debatte/kommentare/article115006449/Die-Empoerung-der-Polen-ist-berechtigt.html)

Imke Hansens Ausführungen zur frühen Geschichte der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau wirft Fragen auf. Damit leistet das Buch eine wichtige Grundlage für weitere notwendige Forschungsanstrengungen, wie der Blick auf die Rezeption des Fernseh-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ zeigt.

Imke Hansen: „Nie wieder Auschwitz!“ Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945-1955, Wallstein-Verlag, Göttingen 2015, 310 Seiten, 34,90 €, Bestellen?

Rezensionen zum Buch:

http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/ghettos-im-holocaust-tausend-orte-millionen-opfer-13391574.html
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23762

Dr. Imke Hansen, geboren 1978, hat Politikwissenschaft, Geschichte und Osteuropastudien an den Universitäten Hamburg und Krakau studiert. 2004 war sie  Gastdozentin an der Fakultät für Internationale Beziehungen der Belarussischen Staatlichen. Von 2005 bis 2008 arbeitete sie als  wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Universität Hamburg.

Von 2007 bis 2009 war sie historische Gutachterin für mehrere Sozial- und Landessozialgerichte in Streitfällen nach dem Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Ghetto (ZRBG) (s. hierzu Artikel in der Zeit: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2010-06/beruf-sachverstaendige/seite-2.

Von 2008 bis 2011 war Hansen Projektmitarbeiterin im Mauthausen Survivors Research Project des Ludwig Boltzmann Instituts für Historische Sozialwissenschaft.

Im Jahr 2012 schließt sie ihre Promotion  „Nie wieder Auschwitz!“ Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945-1955“ ab, eine überarbeitete Fassung ist 2015 im Wallstein Verlag (Göttingen 2015) erschienen

Seit 2006 ist sie Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg.

Der Beitrag ist eine erweiterte Fassung der Rezension im Rezensionsforum literaturkritik.de.

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