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Ein Kinderdorf in Oberbayern

Von Herbst 1948 bis Herbst 1951 bot das von der International Refugee Organization (IRO) unterhaltene „Children’s Village Bad Aibling“ rund 2.300 Kindern und Jugendlichen aus über 20 Nationen eine zeitweise und sichere Unterkunft. Die meisten der Jungen und Mädchen stammten aus Osteuropa und hatten ihre Eltern verloren…

Als rassisch, religiös oder politisch Verfolgte hatten sie schreckliche Dinge erlebt oder gesehen. Viele von ihnen waren verstört, ängstlich und aggressiv wie etwa ein neunjähriges Mädchen: „Sie kam als eine wilde Kreatur, sie war gewalttätig, stahl alles, was ihr gefiel“, berichtet eine Betreuerin, „sie rannte oft aus dem Heim weg, sodass wir sie suchen mussten.“

Im Children’s Village sollten dieses Mädchen und die anderen teilweise schwer traumatisierten Kinder Geborgenheit und Zuneigung finden sowie auf ihre Zukunft in der Heimat oder in den klassischen Emigrationsländern vorbereitet werden. Durch Bildung, Erziehung, Freizeitaktivitäten sowie psychologische Behandlung sollte eine integrative, internationale, familienähnliche Lebensgemeinschaft auf Zeit entstehen. Das Kinderdorf, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Fliegerhorsts befand, verfügte über einen eigenen Kindergarten sowie eine Volks- und Berufsschule. Außer durch die IRO, die als Trägerin der Einrichtung für das leibliche, aber auch seelische Wohl ihrer Schützlinge sorgte, erhielten die Kinder von verschiedenen Wohlfahrtsorganisationen, wie etwa dem American Friends Service Committee, dem Church World Service, dem Polnischen Roten Kreuz, der Young Men’s Christian Association oder dem American Jewish Joint Distribution Committee zusätzliche materielle und organisatorische Hilfe. Im Kinderdorf erschien mit den „Village News“ eine Zeitung und mit dem „AIBI“ wurde sogar eine eigene Währung herausgegeben. Mit dem Geld konnten die Kinder in der „Village Canteen“ Süßigkeiten oder auch Spielsachen einkaufen.

Trotz gelegentlicher Kontakte zur deutschen Bevölkerung blieb das Children’s Village weitgehend isoliert und bildete eine kleine autonome Insel mitten im Land der Täter. Über ein halbes Jahrhundert lag die Geschichte dieses außergewöhnlichen Projektes im Dunklen. Erst vor wenigen Jahren hat Christian Höschler, ein junger im Landkreis Rosenheim geborener Historiker, sich auf Spurensuche gemacht und dieses vergessene und verdrängte Kapitel der Heimatgeschichte erforscht.

Nun liegt das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen vor, die den Autor in zahlreiche internationale Archive führten. In seinem quellengesättigten Buch „Home(less)“ rekonstruiert Höschler die Geschichte eines einzigartigen humanitären Projekts. Er dokumentiert ein anspruchsvolles Rehabilitationsprogramm, das inmitten des zerstörten und besetzten Deutschlands viele Kinder und Jugendliche erfolgreich ins Leben zurückführte. Wie auch das anfangs beschriebene kleine Mädchen, das sich nach nur wenigen Monaten völlig verändert hatte: „Sie war nun Teil der Gemeinschaft, hatte gelernt zu geben und zu nehmen und wurde von den anderen Kindern akzeptiert, mit denen sie ganz normal spielte und herumalberte.“

Das Taschengeld erhielten die Kinder in „AIBI“ ausgezahlt, Repro: aus dem besprochenen Band

1951 wurden das Kinderdorf geschlossen und die letzten Bewohner in ein Heim nach Feldafing verlegt. Nun übernahm die US-Armee das Gelände und baute dort mit der „Bad Aibling Station“ (BAS) eine zentrale militärische Abhörstation auf. Im Jahr 2004 wurde die BAS an die Bundesrepublik Deutschland übergeben. Die technischen Einrichtungen (Antennenkuppeln) werden weiterhin u. a. vom Bundesnachrichtendienst genutzt.

Obwohl „Home(less)“ als Dissertation geschrieben wurde, liest sich das Buch wie ein spannender Roman. Der Autor verzichtet auf eine sonst im akademischen Milieu oft gebräuchliche verschwurbelte Ausdrucksweise. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Die Publikation ist in englischer Sprache verfasst, dadurch sind womöglich einige geschichtlich Interessierte von der Lektüre ausgeschlossen. Es bleibt zu hoffen, dass Christian Höschler noch eine deutsche Ausgabe vorlegt. Beschreibt er doch ein Stück bayerischer Heimatgeschichte. – (jgt)

Christian Höschler, Home(less): The IRO Children’s Village Bad Aibling, 1948–1951, 289 Seiten, 21,99 €, epubli Verlag, Euro 21,99, Bestellen?

Bild oben: Nach langer Zeit bekamen die Kinder wieder ausreichend zu essen, Repro: aus dem besprochenen Band