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Artisans of Israel – Ein anderer Blick auf Israel

Denken wir an Israel, so denken wir sofort an den Konflikt. Unser Blick auf das Land, das in diesem Jahr sein 70. Gründungsjubiläum begeht, ist eingeschränkt und verengt. Die 8,7 Millionen Menschen, unterschiedlicher religiöser Traditionen und ethnischer Herkunft, verdienen das nicht. Sie und das Land sind weit mehr als Kampf und Widerstand. Nun ist im September 2017 bei dem Stuttgarter Verlagshaus Arnold’sche Art Publishers ein Buch herausgekommen, das unseren Blickwinkel auf eindrucksvolle Weise erweitert…

Von Eva Schulz-Jander

„Artisans of Israel –Transcending Tradition“ (Kunsthandwerker in Israel – Über die Tradition Hinaus“) von Lynn Holstein ist eine Liebeserklärung an das Land und seine Menschen. Baruch Rafics brilliante Photos machen es zu einem visuellen Abenteuer. Das Buch wird eröffnet mit einem doppelseitgem Photo des Hügels Hurbat Gaaton, (Ruinen von Gaaton). Der Name Gaaton, heute ein Kibbutz, geht zurück auf biblische Zeiten. Das Photo zeigt ein zerfallenes altes Gebäude durch das ein Tor den Blick auf ein zweites verlassenes Gebäude lenkt wie auf die dahinter liegende Landschaft, bevölkert von Olivenbäumen über denen der blaue Himmel das Spiel von Licht und Schatten aufgreift. Das Tor zu einem Land, das unsere Gewissheiten ins Wanken bringt, seine Wurzeln in biblischen Zeiten hat, Fragen aufwirft und nicht nur eine Antwort bereit hält.

Lynn Holstein stellt 40 Künstler vor, erzählt deren Geschichte, erlaubt uns einen Blick in die Arbeitsprozesse, Gedanken und Gefühle, die hinter oder in den Arbeiten aufleuchten, und entwirft somit ganz nebenbei eine kleine Geschichte Israels. Gegliedert ist das Buch in fünf Arbeitsbereiche – Schmuck und Metallarbeiten, Keramik und Glass, Stoffe und Leder, Papier, und schließlich Holz und Seife. Die jeweiligen Künstler, es sind Juden, Christen, Muslime und Drusen – ein Querschnitt der Bevölkerung Israels, werden in großformatigen Portraits, bei der Arbeit im Atelier vorgestellt, jeweils begleitet von klaren, aussagekräftigen Photos ihrer Arbeiten. Der Leser oder Betrachter hat den Eindruck einen kleinen Besuch in den Ateliers zu machen, mit den Künstlern zu reden. Geredet mit ihnen hat Lynn Holstein. Sie hat sie besucht, sie nach ihrem Arbeitsethos, den Arbeitsschritten, ihrer persönlichen und beruflichen Geschichte gefragt, und teilt es uns in einfühlsamen, ja poetischen Begleittexten mit. Holsteins Sprache ist Englisch; die hebräische und arabische Textfassung, im Anhang, spiegelt respektvoll die sprachliche Wirklichkeit Israels wider. Für deutsche Leser und Leserinnen dürfte die Sprache kein ernstes Hindernis sein. Die Bilder sprechen ihre eigene Sprache, und allein das Buch, das ein kleines Kunstwerk in sich ist, in Händen zu halten, in ihm zu blättern, lohnt sich auf jeden Fall. Aber vielleicht wird es ja auch ins Deutsche übersetzt werden.

Einige Künstler aus den verschiedenen Bereichen

Shirley Bar-Amotz, Enkelin osteuropäischer Juden lebt in einem Kibbutz in der dritten Generation. Ihr Schmuck ist nicht nur Dekoration, nein ihre Arbeiten erzählen Geschichten. Da ist die Brosche in Form eines Dreiecks aus weißer Baumwolle, in der Mitte eine blaue Form, die an ein Flugzeug erinnert, die Basis, geformt aus Alufolie, aus der Serie „A Bump on the Wing“ (Ein kleiner Ruck am Flügel) Die Serie geht zurück auf die Antwort eines Luftwaffenkommandeurs auf die Frage, wie es sich anfühle, wenn man eine Bombe auf eine Stadt werfe. „Ein kleiner Ruck am Flügel“, war die Antwort. Oder die Brosche, die einen schwarzen Schwan darstellt, dessen Bewegung in einem blauen Gebilde aus Zirkon und Epoxidharz eingefroren ist; das ganze auf einem Silber-Teflon-Messing Hintergrund. Eine ganze Serie der Broschen erzählen von nicht in Israel einheimischenTieren, die dort Fremde sind, und deren Bewegungen durch Perlen, Edelsteine, oder Kristalle gefangen sind.

Shirly Bar-Amotz, Schmuckkünstlerin, Foto: Baruch Rafic

Bar-Amotzs Arbeiten, wie die vieler, der hier dargestellten Künstler, weisen eine überraschende Mischung aus Materialien auf, eine Freude am Experimentieren mit der Mischung aus traditionellen und fremden Materialien. So drückt sie im Schmuck Fragen der Identität, des bewaffneten Konflikts, oder der Nostalgie der Immigranten nach der eigenen verlorenen Welt aus. Schmuck als Spiegel einer Gesellschaft.

Da ist Rami Tareef, ein Druse, der auf dem Buchumschlag in seiner ganzen Dynamik bei der Arbeit zu sehen ist und dessen Familie seit 500 Jahren in Galiläa lebt. Tareef verbindet modernes Industrie Design mit der alten Webkunst, indem er Stahl-Tische und Stühle entwirft, sie massenproduzieren lässt und die Flächen dann mit handgewebtem Material bespannt.

Auch Initiativen, wie die Idimaj Jewelry School im Nazarth Industrie Park werden vorgestellt. In dieser Schule, eine Gründung von Stef Wertheimer, der in seinen sieben Industrieparks unermüdlich für ein friedliches Zusammenleben arbeitet, und seine Idee verfolgt, dass eine gute Ausbildung das Selbstwertgefühl stärkt, und vor Gewaltbereitschaft schützt. In dieser Schule erhalten Juden, Christen und Muslime eine kostenlose Ausbildung in Schmuckdesign und Theorie mit dem Ziel später selbständig oder in existierenden Unternehmen zu arbeiten. Ihre Arbeiten weisen den gegenseitigen Einfluss der unterschiedlichen Traditionen auf. Selbstdisziplin und die Bereitschaft miteinander zu kooperieren sind ideale Voraussetzungen für jedes Handwerk.

Tenat Auka, Keramikerin, Foto: Baruch Rafic

Keramik als Gang durch die Geschichte eines Landes, ob die Keramik der armenischen Familie Balian, die seit hundert Jahren in Jerusalem arbeiten, oder die äthiopischen schwarzen Keramik-Skulpturen von Tenat Auka, der katholischen Nonnen oder die gestickte Keramik Zenab Garbas, einer Beduinen Frau, alle erzählen von einer anderen Identität, einer anderen Tradition und ihre eigene Geschichte mit und in dem Land Israel. Handgewebte Stoffe, die die Landschaft Israels in sich tragen, handgewebte Teppiche des Lakiya Negev Web-Projektes, Arbeiten in Papier und Holz, dieses Buch stellt uns Arbeiten in allen nur denkbaren Materialien vor.

Muhamed Said Kalash, Arabesken-Künstler, Foto: Baruch Rafic

Es ist nicht so als ob diese Künstler unbekannt wären, sie haben angesehen Preise erhalten, auf internationale Ausstellungen waren ihre Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, aber es gibt noch keine gedruckte Darstellung ihrer Werke. Dieses Buch leistet dieses. Es führt uns ein in Israels Suche nach einer visuellen Identität, wie Land und Leute sich gegenseitig inspirieren und an dieser visuellen Identität weben.

In unserem digitalen Zeitalter entsteht ein neues Interesse an handgefertigten Produkten. Das Kunsthandwerk erlebt eine Renaissance. Dieses Buch ist jedem und jeder zu empfehlen, der / die sich für Kunsthandwerk, Israel, experimentelle Prozesse, interessiert. Ja es ist ein -Buch auch für diejenigen, die sich für Geschichten von Immigration und persönlichen Schicksalen interessieren, die andere Kulturen faszinieren, offen für Neues sind, schließlich für all jene, die sich über ein kunstvoll gestaltetes Buch freuen.

In einem Anhang findet man die Adressen und Kontaktdaten der vorgestellten Künstler, das könnte für Israelreisende eine interessante Information sein, um einen der Künstler zu besuchen. Eine beigefügte Landkarte zeigt, dass die Künstler sich über das ganze Land verteilen, vom Norden, nahe der libanesischen Grenze, bis weit hinunter in den Süden im Negev. Ein zusätzlicher Grund, eine Reise nach Israel zu planen.

Lynn Holstein, Artisans of Israel. Transcending Tradition, Arnold’sche Art Publishers 2017, 296 S., 279 Abb. in Farbe und Schwarz-Weiß, Englisch / Hebräisch / Arabisch, Euro 38,00, Bestellen?

LESEPROBE

Lynn Holstein schloss ihr Studium mit einem MA in Middle Eastern Studies mit Auszeichnung an der Harvard University ab. Sie spezialisierte sich auf islamische Kunst und Architektur. Im vergangenen Jahr brachte sie die Biografie des israelischen Industriellen Stef Wertheimer einer englischen Leserschaft nahe. Zur Zeit ist sie Partnerin im Modehaus Maskit, das die legendäre Ruth Dayan 1954 gründete und Sharon und Nir Tal wiedereröffneten.