Alarmierende Umfrage in Frankreich über Neigung zu Verschwörungstheorien

Islamistisch beeinflusste Jugend und nationalistisch-konservative Wähler neigen zu – teilweise konträren – Verschwörungstheorien. Insgesamt 22 Prozent der Befragten zweifeln an Schuld der Dschihadisten bei Attentaten gegen „Charlie-Hebdo“ und „Hypercacher“, bei den Jungen sind es sogar 30 Prozent. 48 Prozent der Befragten glauben an absichtlichen „Volkstausch“ durch Polit-Elite…

Von Danny Leder, Paris

Es ist wie immer bei Umfragen: sie haben ihre Fehlerquoten und nur bedingte Aussagekraft. Aber die jüngste Befragung, die vom französischen Meinungsforschungsinstitut IFOP unter einem als repräsentativ geltenden Panel von 1252 Teilnehmern durchgeführt wurde, hat in Frankreich doch eine gewisse Besorgnis ausgelöst, weil sie die Zustimmung einer beträchtlichen Minderheit zu Verschwörungstheorien und Fake-News veranschaulicht.    

Drei Jahre nach den Anschlägen vom Jannuar 2015 gegen die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie-Hebdo“ (das Mohamed-Karikaturen veröffentlich hatte) und den jüdischen Supermarkt „Hypercacher“ in Paris glauben 19 Prozent der Befragten, dass „es nicht sicher sei, dass diese Attentate nur von islamistischen Terroristen geplant und durchgeführt wurden“. Weitere drei Prozent meinen, dass es sich bei den Anschlägen um eine „Machenschaft der Geheimdienste“ gehandelt habe.

Dabei wurden damals die drei Attentäter – durchwegs bekennende Dschihadisten – von der Polizei gestellt und im Feuerwechsel getötet. Wobei zahllose Beweise für ihr islamistisches Engagement vorlagen, sämtliche dschihadistische Bewegungen die Mordanschläge begrüßten und ein ziemlich weites Spektrum von muslimischen Gläubigen sowohl in den mehrheitlich muslimischen Ländern als auch in Frankreich in die moralische Verurteilung der Attentate nicht einstimmen wollte – im afrikanischen Staat Mali, dessen Präsident an den Trauerzeremonien in Paris teilgenommen hatte, war das sogar Anlass für Angriffe des islamistischen Mobs auf christliche Kirchen.     

Internet-gläubige Jugend und Bedarf an „alternativer“ Schuldzuweisung bei Muslimen

Für Rudy Reichstadt, Mitarbeiter der Forschergruppe „Conspiracy Watch“, die die Umfrage in Auftrag gegeben hat, enthalten diese Zahlen aber auch einen tröstlichen Aspekt: die Verdrehung der Realität, die auf Internet von islamistischen und anderen Verschwörungstheoretikern betrieben wird, hat seit der ersten diesbezüglichen Umfrage von 2015 keine weiteren Anhänger gefunden. Erschreckend sei allerdings, dass bei den unter 35-Jährigen 27 Prozent und bei den 18- bis 24-Jährigen sogar 30 Prozent die Faktenlage um die Anschläge bezweifeln.

Als Ursache gilt die extreme Internet- und Social-Media-Gläubigkeit bei einem beträchtlichen Teil der jüngeren Generationen und die gleichzeitige Pauschalablehnung der herkömmlichen Medien – nur 25 Prozent aller Befragten glauben, dass die traditionellen Medien „Informationen korrekt wiedergeben“.

Seltsamerweise scheint in den Kommentaren in Frankreichs Medien zur Auswertung der Umfrage ein naheliegender Aspekt nicht auf: der hohe Prozentsatz an jungen Menschen, die die Verantwortung der Islamisten für die Anschläge in Zweifel ziehen, hängt wohl auch damit zusammen, dass bei einem Teil der Muslime alternative Schuldzuweisungen gefragt sind, und dass sich dies auch bei  Reaktionen unmittelbar nach den Anschlägen in Schulen und Siedlungen mit einem hohen muslimischen Jugend-Anteil zeigte.

Zum neu aufgeflammten, vor allem islamischen Fundamentalismus verweist auch, dass insgesamt 18 Prozent dem Satz zustimmen, dass „Gott den Menschen und die Erde vor weniger als 10.000 Jahren erschaffen hat“. Bei den 18 bis 24 Jährigen teilen 31 Prozent diese Meinung, bei den über 65 Jährigen nur 14 Prozent.

Links- und Rechtsextreme sehen US-Verschwörung bei 9/11

Bezüglich der Anschläge des 11. September 2001 in den USA glauben 35 Prozent aller Befragten, dass die US-Regierung im Voraus informiert oder gar „aktiv“ involviert war, um die anschließende Intervention in Afghanistan zu „legitimieren“. Nach politischen Sympathien aufgeteilt, überwiegen dabei in etwa gleich hohem Ausmaß Anhänger der Nationalistin Marine Le Pen (44 Prozent) und des Linksaußen-Tribuns Jean-Luc Melenchon (42 Prozent).

Es ist kaum erstaunlich, dass sich bei Verschwörungstheorien in Sachen Einwanderung in Frankreich wiederum andere politische Konstellationen überwiegen: So haben Wähler von Marine Le Pen (77 Prozent) und des im Vorjahr gescheiterten konservativen Präsidentschaftskandidaten Francois Fillon (56 Prozent) überproportional der Behauptung zugestimmt, wonach Frankreichs politischen, medialen und kulturellen Eliten „absichtlich“ die Einwanderung begünstigen würden, um „eine Auswechslung der Kulturen“ herbeizuführen. Diese radikale Anti-Migrationsthese wird aber, laut Umfrage, auch von 39 Prozent der Wähler des Linken Melenchon unterstützt.

Verdacht auf „absichtlichen Volksaustausch“

Insgesamt haben 48 Prozent der Befragten diese Behauptung bejaht. Das würde bedeuten, dass fast die Hälfte der Franzosen der Meinung sind, dass die tonangebenden Kräfte des Landes nicht bloß Einwanderer akzeptieren, sondern aus geheimnisvollen Gründen einen so genannten „Volksaustausch“ aktiv betreiben würden – eine Verschwörungstheorie, die sogar von Marine Le Pen in dieser Formulierung abgelehnt wird. Aber es ist denkbar, dass etliche Befragte eher den Aspekt der bloßen Einwanderung und deutlicheren Präsenz des Islams dabei im Auge hatten und den Verweis auf die angeblich absichtliche Haltung der Eliten nicht so wörtlich nahmen.  

Auch die Leugnung des Klimawandels à la Trump, die von insgesamt 35 Prozent der Befragten geteilt wird, ist eher ein Steckenpferd rechter und konservativer Franzosen.

Partei-übergreifend ist hingegen die überwiegende Ablehnung der von den Behörden vorgeschriebenen oder zumindest empfohlenen Impfungen: 55 Prozent glauben, dass „das Gesundheitsministerium mit der Pharma-Industrie unter einer Decke steckt, um die Schädlichkeit der Impfstoffe zu verbergen“. Dass die von Flugzeugen hinterlassenen „Chemtrails“ aus „geheim gehaltenen Gründen absichtlich verbreitet werden“ glauben 20 Prozent.

Und 35 Prozent zweifeln an der „Transparenz“ der Wahlen in Frankreich – ein weiteres Signal für eine gewisse Demokratie-Müdigkeit bei Teilen der Bevölkerung, die sich gesellschaftlich und sozial abgehängt fühlen.

Bild oben: Vor dem Hyper Cacher nach dem Anschlag im Januar 2015 [State Department photo/ Public Domain]

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