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„Öffnet die Tore von Erez Israel!“

München im Januar 1946: Kongress fordert einen jüdischen Staat…

Von Jim G. Tobias

„Das jüdische Volk begründete Palästina, Palästina hat das jüdische Volk hervorgebracht; es gibt kein anderes Volk in der Welt, das Palästina erschuf.“ Mit diesen deutlichen Worten leitete David Ben Gurion Ende Januar 1946 seinen viel beachteten Auftritt im Münchner Rathaus ein. Vom 27. bis zum 29. Januar tagte dort das „Zentralkomitee der befreiten Juden in der US-Zone“. Rund 200 Delegierte aus den jüdischen Displaced Persons (DP) Camps hatten sich in dem repräsentativen Bürgerhaus versammelt und forderten vehement die Einrichtung eines jüdischen Staates auf historischem Gebiet in Palästina.

Diese außergewöhnliche Veranstaltung zog nicht nur zahlreiche Journalisten aus aller Welt an. Neben dem späteren ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion nahmen der Bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, der US Advisor on Jewish Affairs Simon H. Rifkind und zahlreiche hochgestellte Offiziere der alliierten Militärbehörden sowie Abgesandte von zionistischen Organisationen als Gäste teil.

München war zu dieser Zeit so etwas wie die Kapitale der in Deutschland gestrandeten Juden. Im Frühjahr 1946 hielten sich im Stadtgebiet über 6.000 jüdische DPs auf: in beschlagnahmten Wohnungen und Sammelunterkünften, wie etwa im Lager Freimann oder in der Funkkaserne. München entwickelte sich außerdem zur Durchgangsstation für Zehntausende von Shoa-Überlebenden auf ihrem Weg nach Erez Israel oder Übersee. Im Stadtteil Bogenhausen, hatten das Zentralkomitee sowie zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen wie etwa der Joint oder die HIAS ihre Büros. Dass die erste Vollversammlung des Zentralkomitees der befreien Juden in München stattfand, war demnach eigentlich naheliegend. Zudem erfüllte es viele Juden mit Genugtuung ihren Kongress in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ abzuhalten.

An der Stirnseite des Rathaussaales war ein großes Transparent gespannt, auf dem in hebräischer Sprache geschrieben stand: „Solange ein jüdisches Herz in der Welt schlägt, schlägt es für das Land Israel“. In seiner Eröffnungsrede griff Präsidiumspräsident Zalman Grinberg, ein Überlebender zahlreicher Todeslager, die zivilisierte Welt mit scharfen Worten an: „Wir, der letzte kleine Rest der europäischen Judenheit, wir klagen Europa an, dieses Europa, welchem wir den Glauben an einen Gott, welchem wir Dichter, Schriftsteller, Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren, Nobelpreisträger, Entdecker und Erfinder geschenkt haben.“ Doch er beschuldigte die westlichen Demokratien nicht nur, die NS-Mörder gewährt haben zu lassen, er beklagte ebenfalls die internationale Gleichgültigkeit am Schicksal der wenigen Überlebenden: „Wir haben dies Geheimnis begriffen, wir wissen jetzt, dass der Wille, welcher jetzt nicht vorhanden ist, uns einem freien gesicherten Leben zu übergeben – der gleiche Wille war auch damals nicht vorhanden, uns dem Tode zu entreißen.“ Er schloss seine Rede, die mit tosendem Beifall und Standing Ovations bedacht wurde, mit den Worten: „Löst ein den Wechsel einer historischen Ungerechtigkeit, welche jüngst das Blut von sechs Millionen Menschen gekostet hat und gebt uns zurück Erez Israel.“

Danach sprach der bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner. Er begrüßte die „befreiten Juden in einem von der nationalsozialistischen Zwingherrschaft befreiten Bayern“ und bezeichnete die Shoa als eines „der furchtbarsten Vorkommnisse der an Grausamkeiten so reichen Geschichte der Menschheit“, um anschließend jedoch daran zu erinnern, dass auch die Deutschen gelitten hätten.

Nach dieser offensichtlichen Relativierung der NS-Verbrechen trat David Ben Gurion ans Mikrofon. Wenngleich er angesichts der großen internationalen Aufmerksamkeit seine Rede in englischer Sprache hielt, verstanden viele der anwesenden DPs, die des Englischen nicht mächtig waren, seine Worte intuitiv, wie der Journalist der „Landsberger Lager Cajtung“ berichtete. Das lag sicher nicht zuletzt an seinem Charisma, erschien Ben Gurion doch vielen Juden wie ein Prophet, wie Moses, der die Israeliten aus der Knechtschaft führt. „Sein ernstes Gesicht, seine verrunzelte Stirn, seine eingefallenen Augen, seine gesamte Haltung machen einen außergewöhnlichen Eindruck. Sein ganzes Wesen drückt aus: ,Wir beschuldigen, wir protestieren, wir mahnen, wir fordern‘“, schrieb das jiddischsprachige Blatt. „Warum lasst ihr uns Juden nicht ein Volk werden, wie alle anderen Völker?“, wird Ben Gurion zitiert. „Es muss ein Land in der Welt geben, in dem die Juden die Mehrheit haben – und dieses Land ist Erez Israel.“

Doch es dauerte noch über zwei Jahre, bis die Welt den Juden einen eigenen Staat nicht mehr verwehren konnte und Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv verkündete: „Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen.“

Ein wichtiger Meilenstein auf diesem langen und schweren Weg war sicher der erste Kongress der befreiten Juden in der US-Zone. Von München ging der nicht mehr zu überhörende Ruf in die Welt „Öffnet die Tore von Erez Israel!“ Und von diesem Wunsch war die Mehrheit der Shoa-Überlebenden beseelt, wie eine Erhebung unter den DPs aus dem Jahre 1946 belegt: Von rund 19.000 befragten Juden gaben weit über 18.000 als Emigrationsziel Palästina an. Gleichzeitig schlossen rund 1.000 davon eine Übersiedlung in ein anderes Land kategorisch aus und beantworteten die im Formblatt gestellte Frage nach „einem zweiten Auswanderungsziel“ lapidar mit „Krematorium“.

Bild oben: Zalman Grinberg (stehend) begrüßt die Delegierten und den Ehrengast David Ben Gurion (3. v. r.) zur Sitzung des Zentralkomitee der befreiten Juden im Münchner Rathaus. Repro: nurinst-archiv

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