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Ausbildungsstätte, NS-Sammellager und Nachkriegshachschara

1893 gründete der hannoveranisch-jüdische Bankier und Hobbygärtner Moritz Simon die Gartenbauschule Ahlem, in der jüdische Jugendliche eine handwerkliche Ausbildung, insbesondere als Gärtner, absolvieren konnten. Über Jahrzehnte wurden dort Hunderte von Mädchen und Jungen fachgerecht auf ihren Eintritt ins Berufsleben vorbereitet…

Lange Zeit war die Geschichte der Gartenbauschule Ahlem weitgehend vergessen, obwohl sich die Einrichtung bis in die 1930er Jahre eines hohen Ansehens erfreute. Ihr guter Ruf ging weit über die Region hinaus und bot ab 1933 als Hachschara zahlreichen Jungen und Mädchen die Möglichkeit, sich auf eine Zukunft in Erez Israel vorzubereiten. „Die gesamte deutsche Judenheit hat begreifen gelernt, was Ahlem ihr bedeutet. Hunderte jüdischer Menschen – Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Frauen, Väter und Mütter – kommen suchend, bittend, flehend, ja sogar fordernd zu uns“, ist im Jahresbericht 1933 der Gartenbauschule nachzulesen. Sie alle wollten so schnell wie möglich raus aus Hitler-Deutschland und das rettende Ufer von Palästina erreichen. Zeigten sich die Nationalsozialisten in den ersten Jahren mit den Umschulungsmaßnahmen und der damit verbundenen Auswanderung der jüdischen Jugendlichen noch einverstanden, so änderte sich diese „wohlwollende“ Haltung der NS-Machthaber im Laufe der Zeit dramatisch; der Ausbildungsbetrieb in Ahlem wurde immer mehr eingeschränkt. Mit dem Auswanderungsverbot und den ersten Deportationen im Jahr 1941 erfolgte die Einstellung des Unterrichts und 1942 die endgültige Räumung und Schließung der Schule.

Ahlem wurde nun zur Sammelstelle für die Deportationen der Juden aus der Region Hannover und zum Zwangsarbeiterlager umfunktioniert. Ab 1943 übernahm die Gestapo die Gartenbauschule und richtete dort ein Gefängnis ein, in dem sogar Hinrichtungen durchgeführt wurden.

Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus beschlagnahmten die Alliierten den Gebäudekomplex Ahlem. Bei Shoa-Überlebenden aus der Region und aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen war die Gartenbauschule als ehemalige jüdische Einrichtung bekannt. Sie baten die Militärbehörde um Überlassung des Geländes, um dort einen Trainingskibbuz zu gründen. Ahlem verwandelte sich nun in den Kibbuz „Zur Befreiung“ und die jungen Männer und Frauen konnten sich auf ihr späteres Leben im noch zu gründenden jüdischen Staat vorbereiten. Die ersten Palästinasiedler machten sich bereits im Frühjahr 1947 auf die illegale Reise nach Erez Israel. Sie wurden jedoch von den britischen Behörden – zu dieser Zeit noch Mandatsmacht in Palästina – abgefangen und auf der Insel Zypern interniert. Erst die nächste Gruppe erhielt die nötigen Zertifikate zur legalen Einwanderung. Von Celle aus ging es Anfang 1948 mit dem Zug nach Marseille und von dort mit dem Schiff nach Palästina. Ziel war ein Kibbuz im Norden des Landes.

Nur kurz nach der Proklamation des Staates Israel im Mai 1948 schloss der Kibbuz „Zur Befreiung“ endgültig seine Pforten. Das letzte Kapitel in der Geschichte der jüdischen Gartenbauschule Ahlem war geschrieben worden. Seit 1987 befindet sich auf dem Gelände die Mahn- und Gedenkstätte Ahlem, die an die ermordeten Juden aus der Region Hannover erinnert.

Die erste wissenschaftliche Publikation von Hans-Dieter Schmid über die wechselvolle Geschichte der Gartenbauschule erschien bereits 2008; seine nun vorgelegte umfassend überarbeitete Ausgabe enthält neue Forschungsergebnisse zur Einrichtung vor und während der NS-Zeit und präsentiert bislang unbekannte Informationen über den Schulgründer Moritz Simon. Das Ergebnis einer jahrelangen intensiven Forschungsarbeit kann sich sehen lassen. Eine eindrucksvolle und wichtige Dokumentation. – (jgt)

Hans-Dieter Schmid, Ahlem: Die Geschichte einer jüdischen Gartenbauschule, Bremen 2017, 427 Seiten, € 24,90, Bestellen?

Bild oben: Nach der Arbeit: Schüler der Gartenbauschule Ahlem (Mitte 1930er Jahre), Repro: aus dem besprochenen Band