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Jüdische Orthodoxie in Niederbayern

In Pocking entstand nach dem 2. Weltkrieg ein Zentrum der Chassidim…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen auf: talmud-thora.de

„Hier in Pocking leben 500 Lubawitscher Chassidim, Strenggläubige aus tiefster Seele, die es ablehnen, die zur Verfügung gestellten Lebensmittel zu verzehren“, schreibt ein Mitarbeiter der jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation Joint im Februar 1946. Neben einer Verpflegung gemäß den jüdischen Speisegesetzen forderten die Anhänger der im späten 18. Jahrhundert von Rabbiner Schneur Salman von Ljadi gegründeten Chabad-Bewegung religiöse Bildungseinrichtungen wie Chaderim, Jeschiwot, eine koschere Küche, eine Mikwe sowie eine Synagoge. Die Männer, Frauen und Kinder hatten die Shoa in der Sowjetunion überlebt und waren mit ihrem Rabbiner Avraham Plotkin nach einer langen und gefährlichen Odyssee im Displaced Persons (DP) Camp Pocking gestrandet.

In der niederbayerischen Kleinstadt war ab Mitte der 1930er Jahre ein sogenannter Fliegerhorst der Deutschen Luftwaffe aufgebaut worden. Neben den Hangars verfügte der in der Gemarkung Waldstadt gelegene Flugplatz über 200 Holzbaracken für das Personal und die Schüler einer NS-Luftnachrichtenschule. In den letzten Kriegsmonaten bestand am Rande des Geländes eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg, in der ab März 1945 Hunderte von Häftlingen untergebracht waren. Bedingt durch die katastrophalen Verhältnisse und Mangelernährung war eine hohe Todesrate zu verzeichnen. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt. Am 2. Mai 1945 befreite die US-Armee das Lager.

Einige ehemalige Häftlinge blieben in Pocking und gründeten eine jüdische DP-Gemeinde in der Stadt, die Ende des Jahres 1945 rund 200 Mitglieder zählte. Die Mehrheit waren jedoch Shoa-Überlebende aus Osteuropa, die vor antisemitischen Verfolgungen in ihren Heimatländern in die Sicherheit der US-Zone geflüchtet waren. Ab Sommer 1945 hatte die amerikanische Militärregierung überall Auffanglager für diesen Personenkreis errichtet. Aufgrund von Nachkriegspogromen in Polen und anderen osteuropäischen Staaten erfolgte eine Massenflucht von Juden in die US-Besatzungszone. Ab Januar 1946 wurden dann auch die Baracken des ehemaligen Fliegerhorsts mit jüdischen DPs belegt.

Schon im März waren in den heruntergekommenen Holzhütten und in den wenigen Steinhäusern über 2.000 Männer, Frauen und Kinder einquartiert. Bis zum Herbst vervierfachte sich die Zahl der jüdischen DPs. Die Lebensbedingungen waren zunächst kaum erträglich – erst langsam verbesserte sich die Wohnsituation und die Versorgung mit dem Nötigsten.

Repro: nurinst-archiv, Vaad Hatzala

Trotz aller Widrigkeiten nahmen die Menschen ihr Schicksal rasch in die eigene Hand. Sie bauten eine Selbstverwaltung auf, die sich um die sozialen und kulturellen Belange der Bewohner kümmerte. Unterstützung erhielten die DPs von der internationalen Hilfsorganisation UNRRA und dem US-amerikanischen Joint. Bereits im Februar 1946 wurde etwa eine „Hebräische Volksschule“ im Lager gegründet. Fünf Lehrer unterrichteten in drei Klassen 47 Jungen und Mädchen. Da im Lager neben den Lubawitschern mit den Klausenburgern eine weitere jüdisch-orthodoxe Gemeinschaft lebte, entwickelte sich Pocking zu einem Zentrum des osteuropäischen Chassidismus. Die Klausenburger waren Gefolgsleute des vor dem Zweiten Weltkrieg in der rumänischen Stadt Klausenburg tätigen Rabbiners Jekusiel Jehuda Halberstam, der als einer der wenigen großen chassidischen Gelehrten die Shoa überlebt hatte.

Der jüdische Dichter und Wilnaer-Ghettokämpfer Schmerke Kaczerginski hielt seine Eindrücke von einem Besuch in Pocking in seinen Erinnerungen fest: „Weil es Schabbat war, musste ich das Auto vor dem Lager stoppen. Vor mir erblickte ich ein jüdisches Schtetl, wie es vor zwanzig bis dreißig Jahren existierte. Hier gab es noch Jiddischkeit, wirklich ein Stück jüdisches Leben, wie aus einem Buch entsprungen, wie in einer Fantasie.“

Der Wunsch der vielen Strenggläubigen, ihnen ein Leben nach den Vorschriften von Talmud und Thora zu ermöglichen, war jedoch zunächst mit großen Problemen verbunden. Rabbiner Alexander Rosenberg vom Joint forderte daher einen umgehenden Aufbau von koscheren Küchen, Synagogen und Mikwaot. Zudem galt es, die religiösen Bildungseinrichtungen wie Jeschiwot und Chadarim in angemessenen Gebäuden unterzubringen. Äußerst dringend war die Versorgung mit koscherer Nahrung, obwohl vereinzelt unter primitiven und unhygienischen Bedingungen Rinder geschlachtet wurden, da sich die Lieferung von Dosenfleisch aus Übersee aufgrund der weiten Wege erheblich verzögerte. Verzweifelt wandten sich die Lubawatischer daher an ihre Zentrale in New York: „Unsere Brüder beklagen sich bitter darüber, dass sie nicht genug zu essen haben, sie stehen am Rande des Verhungerns“, schrieb der Vorsitzende des Executive Committees an den Joint in New York. „Deshalb bitte ich Sie dringend, diesen Armen und Unglücklichen zu helfen und sie mit Nahrung sowie anderen lebensnotwendigen Produkten zu beliefern.

Alsbald konnten der Aufbau und die Einrichtung von koscheren Küchen realisiert werden. Für die Ausstattung und die nötigen Lebensmittel sorgten UNRRA und Joint. Der amerikanischen Hilfsorganisation gelang es sogar, koschere Seife zu organisieren. Wobei sich bald ein neues Problem ergab: Die Strenggläubigen verlangten, ihre tierischen Fettzuteilungen in pflanzliche Öle und Margarine umzutauschen. Auch diese Herausforderung konnte offensichtlich gemeistert werden. „Große Fortschritte konnten im Küchenbereich erzielt werden. Das Essen war sehr gut und wurde pünktlich serviert“, notierte eine UNRRA-Mitarbeiterin nach einem Besuch im Sommer 1946. Da sie auch über die Sauberkeit des Lagerraums für das koschere Fleisch berichtete, scheint es, dass sich die Versorgungslage ebenfalls erheblich verbessert hatte. Möglicherweise war das auf die Einrichtung von koscheren Schlachthäusern in München, Frankfurt, Nürnberg und Regensburg zurückzuführen.

Auch Synagogen entstanden, denn ab Herbst 1946 sind vier Gebetshäuser dokumentiert. Am gewöhnlichen Schabbatgottesdienst nahmen rund 2.500 Lagerbewohner teil, an den hohen Feiertagen sollen sich sogar an die 4.000 Menschen versammelt haben.

Eine erste Mikwe gab es in Pocking spätestens ab Sommer 1946. Dieses Ritualbad, das mit finanzieller Unterstützung des Joint erbaut wurde, ist für jede jüdische Gemeinschaft unabdingbar, um durch das Untertauchen in „reinem und lebendigem“ Wasser die religiöse Reinheit zu erlangen. Von den insgesamt über 8.000 registrierten DPs im Lager Pocking sollen sich nach Angaben des Religionsamts etwa 4.600 als gläubige Juden definiert haben. Jedoch nicht alle waren Anhänger der Chassidim, auch wenn sie regelmäßig den Gottesdienst besuchten oder auf koschere Ernährung bestanden. Führend innerhalb der Orthodoxie waren zweifelsohne die Lubawitscher. An ihrer Jeschiwa studierten bis zu 300 Studenten die heiligen Schriften. Die religiöse Elementarschule, der Cheder, wurde von 100 Jungen besucht. Obwohl die Lubawitscher stets auf ihre Unabhängigkeit Wert legten, nahmen sie Hilfe der religiösen Hilfsorganisation Vaad Hatzala an, einer thoratreuen Gliederung, die von kanadischen und US-amerikanischen Rabbinern 1939 zur Rettung von strenggläubigen Juden vor dem NS-Regime gegründet worden war. Nach einem Rechenschaftsbericht aus dem Sommer 1947 unterstützte Vaad Hatzala mit Geld- und Sachleistungen folgende von den Lubawitschern unterhaltene religiöse Einrichtungen: eine Jeschiwa, eine Talmud-Thora-Schule (Cheder) sowie die koschere Küche, die bis zu 200 Personen verköstigen konnte. Hinzu kam die von der religiös-zionistischen Misrachi betriebene Jawne-Schule. Diese Bildungseinrichtung war nach einer Stadt im biblischen Israel benannt, in der sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 v. d. Z. das rabbinische Judentum formierte. Im Unterschied zu den orthodoxen Chassidim wurden in dieser Schule beiden Geschlechtern die Grundlagen der jüdischen Kultur und Religion vermittelt.

Kaum Unterstützung erhielten die Anhänger des Klausenburger Rabbiners. Der charismatische Religionsführer Jekusiel Jehuda Halberstam zog nicht wenige Gläubige in seinen Bann. Er war zunächst im Camp Feldafing, anschließend in Föhrenwald tätig. In zahlreichen DP-Lagern entstanden religiöse Bildungseinrichtungen der Klausenburger-Bewegung, die im von Rabbiner Halberstam geleiteten „Central Committee of Sherarith Hapletah“ organisiert waren. Dieses Komitee war jedoch weder von der US-Militärregierung noch von der UNRRA als offizielle Hilfsorganisation anerkannt. Nach Angaben von Rabbiner Halberstam waren in Pocking eine Jeschiwa, eine Talmud-Thora-Schule sowie eine Beth-Jacob-Schule der Klausenburger tätig. Letztere stand im Gegensatz zum Cheder den Mädchen und jungen Frauen offen. Die Schulen waren 1917 in Polen gegründet worden, um den Frauen ebenfalls Zugang zu religiöser Bildung zu ermöglichen, der ihnen lange Zeit verwehrt worden war. Die Idee, Mädchen auf ihre spätere Aufgabe als fromme jüdische Hausfrauen und Mütter vorzubereiten, hatte sich innerhalb der osteuropäischen Orthodoxie erfolgreich durchgesetzt, so dass sich auch die Klausenburger Bewegung ihrer annahm.

Obwohl Rabbiner Avraham Plotkin wie auch Jekusiel Jehuda Halberstam schon 1946/47 in die USA übersiedelten, bestanden die religiösen Lehranstalten in Pocking mindestens bis Frühjahr 1948. Die Mehrheit der Lubawitscher und Klausenburger emigrierten gleichfalls in die USA. Das Camp Pocking wurde Anfang des Jahres 1949 geschlossen.

Bild oben: Rabbiner Aviezer Burstin vom Vaad Hatzala zu Besuch in Pocking (Repro: nurinst-archiv, Vaad Hatzala)

Quellen

Archive

Literatur

Einrichtung: DP-Camp Pocking